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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Bahn kommt
Eingestellt am 28. 02. 2003 14:58


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rasumichin
Nennt-sich-Schriftsteller
Registriert: Feb 2003

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Der 22. April war ein Tag wie aus dem Bilderbuch. Ein laues L├╝ftchen, angenehm warme Temperaturen und vor allem ein blauer Himmel von dem die Sonne auf die Erde herab strahlte. Von wechselhaftem Aprilwetter war nichts zu merken.
Torben befand sich auf dem Weg zum Bahnhof, seine Schritte waren gleichm├Ą├čig, und unfreiwillig passte sich sein Atem diesem Rhythmus an. Eine Marotte die neuerdings aufkam, genauer gesagt war sie vor einigen Monaten aufgekommen, seitdem er regelm├Ą├čig joggte. Er war guter Dinge, pfiff eine belanglose Melodie vor sich hin und genoss die Sonnenstrahlen, die durch das fr├╝hlingshafte, saftig gr├╝ne Laub der Allee drangen.
Heute stand wieder ein relativ voller Stundenplan auf dem Programm. Vor sechs Uhr abends w├╝rde er wohl nicht zur├╝ck sein. Torben studierte BWL in K├Âln. Jeden Morgen nahm er den Zug vom Bonner Hauptbahnhof; innerhalb von drei├čig Minuten brachte dieser Torben in die Domstadt. Zuerst hatte er dar├╝ber nachgedacht umzuziehen, aber die gemeinsame Wohnung mit seiner Freundin aufzugeben war er nicht bereit. Au├čerdem h├Ątte es bedeutet, dass er wahrscheinlich trotzdem jeden Tag gependelt w├Ąre, nur andersherum.
Die Poppelsdorfer Allee streckte sich wie immer ewig; heute war das egal, der Tag lud zum leben ein.

Auch Karl streckte seinen Kopf in die Sonne. Er stand vor dem Portal des Bonner Hauptbahnhofs. Hier war er oft. Karl liebte die Z├╝ge, diese gro├čen, langen, vor Kraft strotzenden Unget├╝me, die sich schwerf├Ąllig und elegant zugleich auf den Schienen bewegten.
Karl nippte an seinem Kaffee und atmete tief ein. Vorfreude und Aufregung waren dabei ihn zu ├╝bermannen. Seine Glatze gl├Ąnzte in der Sonne wie das Dach eines frischpolierten Autos. Einen Moment lang dachte er an seine gigantische Modelleisenbahn - eine M├Ąrklin HO – die sich durch seine ganze 5 Zimmerwohnung schl├Ąngelt; sein ganzer Stolz.
Auf Bauchnabelh├Âhe h├Ąngen dort die Spanplatten an feingliedrigen Ketten von der Decke herab. Es ist eine Eisenbahn, die ihresgleichen sucht, mit zahllosen Miniaturautos, Miniaturmenschen und originalgetreuen Z├╝gen, deren Fahrplan mit einem Computerprogramm exakt gesteuert wird. Im Wohnzimmer erstreckt sich die Bahn durch den halben Raum. Hier steht ein Nachbau von Lummerland inklusive Emma, Lukas und Jim. Zwei beachtliche Berge aus Pappmach├ę ragen aus der Mitte der Insel empor.

Jetzt hatte Karl aber keine Zeit mehr in den Gedanken ├╝ber seine Eisenbahn zu schwelgen, denn gleich w├╝rde die Regionalbahn nach K├Âln einfahren. Vorausgesetzt, der Zug hatte nicht wieder einmal Versp├Ątung, was durchaus nicht ungew├Âhnlich war. Angef├╝llt mit gespannter Erwartung, den Kopf w├╝rdig in die Luft gereckt, stieg Karl die Stufen zum Eingang empor - fast konnte man meinen, den „Imperial March“ spielen zu h├Âren. Die T├╝r ├Âffnete sich fast von selbst, seine Bewegungen schienen in Zeitlupe abzulaufen. Er schritt vorbei an der Bahninformation, die selten brauchbare Auskunft geben konnte, ├Âffnete die zweite T├╝r und stand auf dem Bahnsteig von Gleis 1. Nach einer wie selbstverst├Ąndlich erscheinenden Linksdrehung, stolzierte er den Bahnsteig entlang. Das kahlk├Âpfige M├Ądchen, das ihn um Geld anbettelte, ignorierte er.

Endlich war Torben am Ende der Poppelsdorfer Allee angekommen. Strammen Schrittes bog er nach links in die schattige Quantiusstrasse ein. H├Ątte er die Jeansjacke mitnehmen sollen? Irgendwie hatte er das vergessen. Jeden Morgen das gleiche Theater: F├╝nfmal auf den Wecker hauen, bis er nicht mehr nachweckt, dann das ver├Ąrgerte Gemurmel seiner Freundin, die sp├Ąter aufstehen muss, weil sie in Bonn studiert.
Bisher hatte er es immer geschafft relativ gem├╝tlich anzukommen und mittlerweile war er im neunten Semester, warum also nicht auch heute?
Torben grinste zufrieden vor sich hin, passierte den Eingang zur Fixerstube und begann auf den letzten Metern zu rennen. Bald war der Zebrastreifen erreicht und dann auch der Eingang zum Bahnhof. Er rannte durch die Unterf├╝hrung, bis ganz hinten durch, zur Rolltreppe die auf Gleis 1 f├╝hrt. Torben merkte, dass der Zug noch nicht eingefahren war und drosselte das Tempo auf „normal“.
Die Rolltreppe funktionierte nicht, daf├╝r aber der Lautsprecher auf dem Gleis, der die baldige Einfahrt des Zuges verk├╝ndete. Vor ihm auf der Treppe stand eine Frau im Bl├╝mchenkleid, das bis zu den Kniekehlen reichte. Sie trug einen Tanga-Slip, der hindurchschien. Ihr apfelf├Ârmiger Po war durch das wei├če Kleid mit den blauen Bl├╝mchen zu erahnen. Torben w├╝nschte sich, dass die Treppe niemals aufh├Âren w├╝rde, doch schon war er oben angelangt.
Schnurstracks begab er sich zur wei├čen Linie an der Bahnsteigkante. Torben hatte die Frau wieder aus den Augen verloren, stattdessen musterte er den wei├čen Strich.

Langsam n├Ąherte sich auch Karl, der bis zu diesem Zeitpunkt eher im Hintergrund gewartet hatte, dem wei├čen Strich. Seine Nasenfl├╝gel bebten und sein Atem wurde schwerer als der Zug dem Bahnhof n├Ąher kam. Die Windschutzscheibe der Lok reflektierte die Sonnenstrahlen. Karls Gesicht verriet absolute Konzentration, w├Ąhrend Torben wieder eine Melodie pfiff.
Endlich fuhr der Zug ein. Karl versetzte seinem Vordermann einen gut getimten Stoss. Die Melodie verstummte sofort. Stattdessen sachtes Knacken. Ein wenig Blut spritzte zur Seite.
Panik machte sich unter den Leuten breit. Wie aufgescheuchte H├╝hner rannten sie umher, schrieen.
Karl blieb noch einen Moment lang stehen, seine Gesichtsz├╝ge entspannten sich.
Mit einem zufriedenen, sanften L├Ącheln im Gesicht drehte er ab.



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Arno1808
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo rasumichin

und herzlich willkommen bei den Lupianern!

Ich m├Âchte Deinen Einstandstext nicht gleich mit Verbesserungsvorschl├Ągen bombardieren, sondern Dir erst einmal meinen Gesamteindruck schildern:

Der ├╝berraschende Schluss hat in mir den Gedanken aufkommen lassen, dass mich eigentlich die (vielleicht nur andeutungsweise) beschriebenen Beweggr├╝nde f├╝r die Tat von Karl mehr interessiert h├Ątten, als die Gedanken von Torben.

Karl handelt aus meiner Sicht vollkommen motivlos. Das aber gibt es nicht. Selbst ein wahlloser Mord hat irgendwo sein Motiv, und wenn es die Psyche des T├Ąters ist.
Das fehlt mir hier.
Vielleicht habe ich es auch ├╝berlesen?

Lieben Gru├č

Arno


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kaffeehausintellektuelle
Guest
Registriert: Not Yet

ja, jetzt sitz ich da und wollte eigentlich etwas zur geschichte schreiben, ├╝ber den stil und ein paar verbesserungsvorschl├Ąge, aber jetzt, wo ich sie fertig gelesen hab, bin ich nur noch verwirrt.
erst die langatmigen schilderungen von torben und karl, von eisenbahnen und sonnenstrahlen. und dann das unerwartete ende.
nein, es ist nicht so, dass ich ein problem habe mit unerwarteten enden, aber dieses ist eine spur zu unerwartet und vor allem zu unerkl├Ąrlich. ich mag es, wenn sich mir dann am ende dinge erschlie├čen, die ich am anfang nicht zuordnen konnte. wenn ich noch mal nachlesen muss, um zu verstehen. aber hier versteh ich gar nix. keine beziehung zwischen karl und torben wird angedeutet.das einzige, was die beiden verbindet, ist ein zug.
du l├Ąsst mich ein bisschen frustriert und ratlos zur├╝ck.

die k.

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rasumichin
Nennt-sich-Schriftsteller
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Hallo Arno1808 und Kaffeehausintellektuelle!

Vielen Dank erstmal, dass Ihr meine Geschichte gelesen habt. Ihr habt beide einen ├Ąhnlichen Kritikpunkt ge├Ąu├čert: Das Ende kommt zu unerwartet. Der Gedanke, den ich bei dieser Geschichte hatte, war einen ├ťberraschungseffekt zu erzielen und die Zerbrechlichkeit des Lebens zu zeigen. Zwei Menschen, die sich nicht kennen, treffen mehr oder weniger bewusst aufeinander, wobei das Treffen f├╝r einen von beiden zu einem Ungl├╝ck f├╝hrt. Das Verh├Ąngnis f├╝r Torben ist somit einzig seine Anwesenheit auf dem Bahnsteig. Es h├Ątte jeden anderen treffen k├Ânnen. Karls Beweggr├╝nde sollen dabei nicht vollkommen offengelegt werden, weil ich dadurch den ├ťberaschungseffekt gef├Ąhrdet sah. Ich hatte Sorge, es w├╝rde den Ausgang der Geschichte zu fr├╝h aufzeigen. Deshalb habe ich mich darauf beschr├Ąnkt, eine gewisse infantile Fazination Karls f├╝r Eisenbahnen darzustellen. Zugegebenerma├čen ist das sehr knapp und l├Ąsst den Leser unvorbereitet.
Die Geschichte betreibt keine Ursachenforschung und liefert keinen Aha-Effekt. Sie l├Ąsst am Ende im Idealfall einen nachdenklichen Leser zur├╝ck.
Das Leben wird als etwas zerbrechliches und auf keinen Fall selbstverst├Ąndliches beschrieben. Der Tod kann ├╝berall, in den allt├Ąglichsten Situationen, ├╝ber jeden x-beliebigen hereinbrechen und manchmal ist es nur der Zufall, der dar├╝ber entscheidet. Oder eben Karl.

Ich hoffe, dass das jetzt nicht zu konfus erkl├Ąrt ist. Liebe Gr├╝├če,
rasumichin

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Waldemar Hammel
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@ rasumichin

[Die Geschichte betreibt keine Ursachenforschung und liefert keinen Aha-Effekt. Sie l├Ąsst am Ende im Idealfall einen nachdenklichen Leser zur├╝ck.
Das Leben wird als etwas zerbrechliches und auf keinen Fall selbstverst├Ąndliches beschrieben. Der Tod kann ├╝berall, in den allt├Ąglichsten Situationen, ├╝ber jeden x-beliebigen hereinbrechen und manchmal ist es nur der Zufall, der dar├╝ber entscheidet. Oder eben Karl.]

Meine Meinung:

Die Geschichte w├╝rde eigentlich erst dort beginnen, wo Du sie beendest. Das l├Ą├čt nicht einen "nachdenklichen" sondern einen entt├Ąuschten Leser zur├╝ck, denn dieser hat aber auch gar nichts Nachdenkenswertes gelesen.

"Karl" eignet sich hier nicht als Modell zur Verdeutlichung von "Zufall", weil er ein Mensch ist, und Menschen haben Motive. Was Du schilderst ist eine Beziehungstat, deren Motive weder angedeutet noch erkl├Ąrt sind. Insofern ist der Text eher ein Stilleben, welches sich selbst gen├╝gt.

Solltest Du die Zuf├Ąlligkeit/ Beliebigkeit des Sterbens, die Banalit├Ąt des Todes schildern wollen, ist obiger Text wohl reichlich misslungen.

Es sind dennoch -in diesem Stilleben- einige Details liebevoll ausgef├╝hrt, z.B. wie sich das Licht auf der Scheibe der hereinkomenden Lok spiegelt.
Andererseits enth├Ąlt der Text auch viele Klischees, z.B.: "Leute wie aufgescheuchte H├╝hner..."

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rasumichin
Nennt-sich-Schriftsteller
Registriert: Feb 2003

Werke: 1
Kommentare: 2
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An Waldemar Hammel

quote:
Urspr├╝nglich ver├Âffentlicht von Waldemar Hammel



"Karl" eignet sich hier nicht als Modell zur Verdeutlichung von "Zufall", weil er ein Mensch ist, und Menschen haben Motive. Was Du schilderst ist eine Beziehungstat, deren Motive weder angedeutet noch erkl├Ąrt sind. Insofern ist der Text eher ein Stilleben, welches sich selbst gen├╝gt.



Bevor ich auf Deine Kritik konkret eingehe heb ich noch zwei Fragen:

Was meinst Du konkret mit Beziehungstat?

"Die Geschichte w├╝rde eigentlich erst dort beginnen, wo Du sie beendest."

Warum?

Viele Gr├╝├če,

rasumichin

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