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Leselupe.de > Humor und Satire
Die Befreiung
Eingestellt am 16. 04. 2003 00:39


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MĂ¶ĂŸner, Bernhard
Routinierter Autor
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Es gibt gute und plausible GrĂŒnde dafĂŒr, einen Krieg anzuzetteln, zum Beispiel den, eine Region damit befrieden zu wollen. Andere Kriege wurden und werden gefĂŒhrt, um eines geliebten oder gehassten Menschen habhaft zu werden.
So erkĂ€mpften sich im Altertum griechische Helden ihre literarische Unsterblichkeit, in dem sie die mĂ€chtige Stadt Troja in Schutt und Asche legten, nur weil der verliebte trojanische Prinz Paris die "Schöne Helena" aus Griechenland, welche allerdings schon gut verheiratet war, in seine Stadt entfĂŒhrt hatte. Dies war ein klassisches BubenstĂŒck, fĂŒr das er und sein Volk bitter bĂŒĂŸen mussten.
Nicht um eine schöne Maid zu umgarnen oder heimzuholen, sondern um einen hĂ€sslichen Terroristen zu fangen, ließ ein, nun auch als Feldherr bekannter, mĂ€chtiger Staatsmann die Hauptstadt eines fernen Landes, sowie unzĂ€hlige Höhlen und HĂ€user in dessen Bergregionen zusammenbomben. Seine fast allwissenden Geheimdienstler hatten dem PrĂ€sidenten offensichtlich weisgemacht, der Gesuchte wĂŒrde nach dem Bombardement auf den TrĂŒmmern seiner Unterkunft herumkriechen, um dort seine Brille, oder seine dritten ZĂ€hne zu suchen, von wo man ihn dann nur noch zusammenlesen mĂŒsste.
Allgemein ĂŒbliche KriegsablĂ€ufe kann man so beschreiben: Die Soldaten zweier Staaten mĂŒssen sich Feinde nennen und sich gegenseitig begeistert beschießen. Die schwĂ€chere Armee pflegt frĂŒher oder spĂ€ter zu kapitulieren, wonach die Regierung mit den stĂ€rkeren StreitkrĂ€ften ungestraft erklĂ€ren kann, einen gerechten Krieg gefĂŒhrt zu haben.
Die höchstens siegestrunkenen Soldaten benehmen sich dem unterlegenen Volk gegenĂŒber höchst mildtĂ€tig, beschĂŒtzen alle Frauen ritterlich, und das befreite Volk jubelt den Befreiern begeistert zu und bedankt sich bei deren Regierung ewig fĂŒr die gewĂ€hrte Hilfe.
"Das Volk ist frei, seht an, wie wohlÂŽs ihm geht!" So etwa hĂ€tte der gute alte Goethe die VerhĂ€ltnisse in einer jĂŒngst von den alliierten Truppen befreiten Stadt beschrieben.
Der Verfasser dieses Artikels erlebte die Befreiung zum GlĂŒck bereits im zarten Knabenalter von sechs Jahren.
Es war ein wunderschöner FrĂŒhlingstag, jener 20. April 1945, die Sonne strahlte aus einem wolkenlosen Himmel herunter. Es war ungewöhnlich ruhig, in den ObstgĂ€rten brummten lediglich Bienen und Hummeln um die Zweige der blĂŒhenden ObstbĂ€ume herum, und der Vormittag verging, ohne dass sich am Himmel ein einziger "Jabo" hĂ€tte sehen lassen. Die von Hermann Göhring befehligten deutschen Jagdflugzeuge ließen sich selbst an FĂŒhrers Geburtstag nicht mehr blicken, die wurden geschont fĂŒr den "Endsieg", wie Oberlehrer Karl Kraus, gleichzeitig Ortsgruppenleiter der NSDAP in unserem kleinen Dörfchen, das irgendwo hinter den sieben Bergen liegt, immer noch tapfer verkĂŒndete.
Neben dem blauĂ€ugigen Ortsgruppenleiter gab es da noch einen BauernfĂŒhrer, und natĂŒrlich auch einen BĂŒrgermeister. Die drei trugen, wenn sie ihre vaterlĂ€ndischen Pflichten versahen, eine braune Hose, ein nicht ganz so braunes Hemd, Koppel sowie schwarz gewichste und auf Hochglanz polierte Stiefel, oder ebensolche Schuhe mit Gamaschen.
Auf dem Höhepunkt der nationalen "Bewegung" verwirklichten sich die örtlichen Leiter und Mini-FĂŒhrer mit ihren mehr oder weniger strammen PGÂŽs einen grandiosen Traum: Sie planzten auf dem Platz vor dem Pfarrhaus eine "Hitlerlinde".
Unter deren Wurzeln verbuddelten sie eine Flaschenpost mit einer Liste, auf der sie sich mit ihren Namen, Titeln und ParteiĂ€mtern fĂŒr die kommenden großen Jahrhunderte verewigten.
Ich ging gerade einmal einige Wochen in die erste Klasse unserer Dorfschule, spĂ€ter nannte man so etwas verĂ€chtlich "Zwergschule", da wurde das Schulportal geschlossen, es war zu gefĂ€hrlich, dort weiter Unterricht abzuhalten. Die JaboÂŽs (Jagdbomber) zogen tĂ€glich ungehindert im Tiefflug ihre Schleifen ĂŒber unser Tal, sie verschwanden so schnell, wie sie kamen, wieder ĂŒber den nahen Rhein. Das Ausweichquartier, eine unauffĂ€llige Holzbaracke, konnte nur wenige Tage als Unterrichtsraum genutzt werden, dann wurden darin Soldaten der "Wlassow-Armee" einquartiert. Das waren so genannte "freiwillig" auf deutscher Seite kĂ€mpfende junge MĂ€nner, eine Art Fremdenlegion, die man unter russischen Kriegsgefangenen rekrutiert hatte.
Ihre Pferde und Wagen wurden zur Tarnung im Dorf bei den Bauern eingestellt. Auch unser Stall war mehrere Monate lang mit Pferden voll gestopft, die dazu gehörenden Weißrussen, wie man sie nannte, schliefen, in Wolldecken gehĂŒllt, auf dem Heuschober; unten in der Scheune und im angrenzenden Schuppen standen ihre Fuhrwerke, mit denen sie bei Nacht oft militĂ€rische GĂŒter transportieren mussten.
Selbst ein gepanzertes Fahrzeug wurde einmal zwei Tage lang bei uns untergebracht. Mein Vater lief von "Pontius bis Pilatus", um das Ding wieder vom Hof zu bringen; hĂ€tten die Jabo-Piloten das mit Tarnstoff umhĂŒllte GeschĂŒtzrohr gesehen, wĂ€re es uns und unserem Haus ĂŒbel ergangen.
Er, der zwei Jahre zuvor schwer verwundet aus Russland zurĂŒckgekommen war, hatte im hĂ€uslichen Kreis öfters vorausgesagt, dass der Krieg lĂ€ngst verloren sei. Da ich schon in diesem Alter sehr mitteilungsfreudig war, verbreitete ich die Neuigkeit bereitwillig im Dorf herum. Danach machte ich meine ersten Erfahrungen mit einem vĂ€terlichen "Maulkorb-Erlass".
Einige Tage, bevor bei uns das kĂŒrzeste aller tausendjĂ€hrigen Reiche sang- und klanglos aufhörte, zu existieren, hatten die Soldaten das Dorf eiligst verlassen.
Der "Volkssturm", bestehend aus eben konfirmierten Jungen, aus Rentnern und Kriegsinvaliden, sollte nun die Heimatfront verteidigen.
Wir, Mutter, Großmutter und ich, hatten an diesem 20. April schon vor Mittag den Luftschutz-Stollen aufgesucht, den eine Gruppe des "Arbeitsdienstes" Jahre vorher durch den LöshĂŒgel, auf dem das Pfarrhaus und die Kirche stehen, getrieben hatte. Von mir aus hĂ€tte der Krieg noch lĂ€nger dauern können! Fast alle Kinder, die ich kannte, versammelten sich tĂ€glich vor dem Stolleneingang, wir konnten hier viel interessanter spielen, als daheim! Und das Schlafen im Stollen drinn, wenn fĂŒr die Nacht Luftalarm angekĂŒndigt war, fand ich eigentlich romantisch.
Meine Eltern fanden jedenfalls, das Kriegsende stĂŒnde unmittelbar bevor. Der Vater hatte das obligatorische Hitler-Portrait im Ofenwinkel, auf dem der "FĂŒhrer" irgendwie aussah, wie das spĂ€tere TV-Ekel Alfred, bereits Tage zuvor aus dem vergoldeten Holzrahmen entfernt und durch ein schrecklich kitschiges Landschaftsbild ersetzt.
Niemand wollte mehr wissen, was im fernen Berlin passierte, jeder hatte seine eigenen Sorgen, vorab die Mitglieder der Partei!
Einige dieser, nun doch unsicher gewordenen Partei-Genossen, knĂŒpften wieder leise Kontakte an zu jener Macht, die nicht von dieser Welt sein soll: Der "Schreiner-Schorsch", KĂ€mpfer der ersten Stunde, schickte seine Tochter, die örtliche BDM-FĂŒhrerin, mit einem selbstgebauten Kleinmöbel und einigen HĂŒhnereiern hinauf ins Pfarrhaus. Sie war dort nicht die Einzige, auch die sonst wortgewaltige Alma, die Frau des bis ind die Seele braunen Huf- und Wagenschmiedes Hugo Krösel, die bis vor kurzem noch streitbare Vertreterin der nationalistisch gesinnten "Deutschen Christen", saß bereits kleinlaut im Studierzimmer beim Herrn Pfarrer, beide wollten nun ihr persönliches VerhĂ€ltnis zur Kirche wieder in Ordnung bringen. Pfarrer Lose zeigte sich großmĂŒtig, er schien sich nicht mehr an die Steine zu erinnern, welche die beiden teutschen WalkĂŒren einst von der Straße aufhoben und ihm nachwarfen, als er scheinbar achtlos und ohne Hitlergruß an der braunen Festgemeinde vorbei gehen wollte, die gerade mit großem Pathos die junge Hitlerlinde auf dem Platz vor dem Pfarrhaus eingepflanzt hatte.
Doch auch er fĂŒhlte sich nicht ganz wohl in diesen letzten Tagen des "dritten Reiches": Er, der sich lange und energisch gegen die braune Flut gestemmt hatte, war irgendwann doch, der ewigen Schikanen mĂŒde, in die Partei eingetreten und hatte von da an brav fĂŒr FĂŒhrer, Volk und
Vaterland gebetet. Nun musste er erkennen, dass auch ein Geistlicher es letztlich nie allen recht machen kann.
Der Machtwechsel vollzog sich völlig unspektakulĂ€r: Dutzende VolkssturmmĂ€nner rannten, so schnell sie konnten, an unserem Stolleneingang vorbei, sie warfen ihre Karabiner und ihre Uniformjacken ins junge Gras und flĂŒchteten ĂŒber die nahen Baumwiesen möglichst unauffĂ€llig ihren Heimatorten zu.
Nur der Ortsgruppenleiter, Herr Oberlehrer Kraus, machte an seines FĂŒhrers 56. Geburtstag noch einen letzten Gang ĂŒber die holperige Ortsstraße und meinte allen Ernstes: "Der letzte Schuss ist noch nicht gefallen!"
Irgendjemand sagte uns, wir könnten nach Hause gehen, der Krieg sei vorbei. Wir trauten uns noch nicht recht und schauten vorsichtig ĂŒber eine Böschung zur Straße hoch, da fuhr doch tatsĂ€chlich ein Jeep mit drei weißen und einem dunkelhĂ€utigen Franzosen, die ihre Trikolore gehisst hatten, unbehelligt an uns vorbei.
In der ersten Nacht nach der Befreiung herrschte noch einmal reges Leben um die inzwischen ansehnlich gewachsene Hitlerlinde herum: Der Baum, so schön er war, musste unauffĂ€llig ausgegraben und die verrĂ€terische Flaschenpost vernichtet werden. Leer und baumlos prĂ€sentierte sich am anderen Morgen der Platz, der einmal "Unter der deutschen Linde" hĂ€tte heißen sollen.
Der Ă€ußerst sparsame BĂŒrgermeister ließ sein braunes Hemd umfĂ€rben und bestimmte einige Wochen spĂ€ter, als nun kommisarisch eingesetzter BĂŒrgermeister, wer im Dorf entnazifiziert wurde, und wer nicht.
Der Ortsgruppenleiter und einige untergeordnete "Nazis" wurden eine Zeit lang interniert und mehr oder weniger umerzogen. Der Pfarrer bekam zur Strafe eine weitab gelegene Pfarrei zugeteilt, die er nun tĂ€glich mit seinem Vollgummi-bereiften alten Fahrrad aufsuchen musste. Der altgediente BĂŒrgermeister konnte Monate spĂ€ter nur mit MĂŒhe davon ĂŒberzeugt werden, dass er bis zu seiner baldigen Pensionierung höchstens noch auf dem Stuhl des Ratschreibers Platz zu nehmen habe.
Als die SchultĂŒr wieder geöffnet wurde, war ich bereits in der zweiten Klasse; alles was mir von der ersten Klasse noch in Erinnerung blieb, war das Morgenlied: "Wir haben einen FĂŒhrer."
__________________
-Bernhard MĂ¶ĂŸner-

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Michael Schmidt
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Hallo Bernhard,

teilweise ein wenig zÀh, vielleicht im Mittelteil etwas straffen, hat mir ansonsten gut gefallen.

Was ist planzen?

Bis bald,
Michael

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LuMen
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Hallo Bernhard,

fast idyllisches Kriegsende auf dem Lande, witzig und auch mit leichter Wehmut dargestellt! Ich habe das Kriegsende auch in einer Kleinstadt (in Pommern), umgeben von ganz Ă€hnlichen Nazi-RestbestĂ€nden wie Du, erlebt. Das Idyllische fehlte allerdings gĂ€nzlich, denn die Eroberer - Russen und Polen - hatten bereits grausame Spuren hinterlassen. Trotzdem gĂ€be es aus dem Abstand von heute auch einige Dinge zu berichten, die sich zumindest fĂŒr eine satirische Verpackung eignen wĂŒrden. Vielleicht mache ich demnĂ€chst auch mal einen Prosa-Versuch in dieser Richtung.

Ich wĂŒnsche Dir einen schönen Sonntag mit der angekĂŒndigten Sonne in Deinem Garten!
LuMen

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