Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5396
Themen:   90834
Momentan online:
261 Gäste und 16 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Behandlung
Eingestellt am 14. 01. 2017 18:14


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
steyrer
AutorenanwÀrter
Registriert: Jun 2009

Werke: 12
Kommentare: 107
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um steyrer eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Habe ich dir schon mal vom Ritter erzĂ€hlt? Mir fĂ€llts ein, weil ich gestern meine Religionslehrerin getroffen habe. Das ist schon fast dreißig Jahre her, aber sie begrĂŒĂŸte mich, als wĂ€re es erst unlĂ€ngst gewesen und dann kam’s: „Sie waren ja mein edler Ritter.“ Himmel, Herrgott, diese uralte Geschichte, aber das kam alles vom Lesen, denn ich habs getan, als Einziger, freiwillig: „Die Drachentöterlegende des heiligen Georg“ und andere Wunder- und Martergeschichten. Damals war ich sehr engagiert. Sie war fĂŒr mich eine echte Dame und ich wollte um sie kĂ€mpfen und um ihretwillen leiden unter all dem Bösen und Blöden in unserer Hauptschule, denn dass es bei uns so zuginge, erzĂ€hlten uns doch stĂ€ndig die Lehrer. „So ein GlĂŒck“, dachte ich, „dass wenigstens ich fĂŒr sie da bin.“ Lustig, nicht? Dabei war sie nicht einmal eine AnfĂ€ngerin, sondern eine VollblutpĂ€dagogin. Mensch, dieser Respekt, diese WertschĂ€tzung! „Meine jungen Herren, meine jungen Damen!“, und dauernd gabs Umfragen und Abstimmungen. Ich fĂŒhlte mich so unglaublich ernst genommen. Die grĂ¶ĂŸten Krawallmacher waren mir nichts, dir nichts kreuzbrav und ich war so bezaubert, dass ich einmal ihren Namen auf einen Papierstreifen geschrieben und in einem Wurstbrot gegessen habe. Und dann kam eben das mit dem Ritter: Sie hatte da so ein WĂ€gelchen, einen Fiat Uno und kam einmal zu spĂ€t. Ich erfuhr dann von einem Klassenkameraden, dass sie an einer kritischen Stelle liegen geblieben war: In einer engen Ortsdurchfahrt, direkt vor einem Rotkreuzwagen. Sie haben sie auf der Stelle beiseite geschoben und dabei gings halt etwas unritterlich zu. Vielleicht erfand er auch ein bisschen was, weil ich mich gar so aufregte. Danach kratzte ich denen deswegen 666 in den Lack. Erwischt dabei? Ja, freilich, aber fĂŒr sie ertrug ich fast alles. Ich weiß nicht, wie viel sie damals tatsĂ€chlich wusste, aber einmal sah sie mich an und sagte mit vollem Ernst: „Du bist mein edler
“, ja, exakt. Ihre Stimme klang wie eine silberne Glocke und sie verströmte den Geruch der Heiligkeit. Das war zu viel. Ich brachte kein Wort heraus und vor lauter Aufregung bekam ich Fieber. Ich war nicht mehr ganz bei mir und erzĂ€hlte daheim, dass ich der Ritter von meiner Dame Lehrerin wĂ€re. Mutter und Vater sahen sich bestĂŒrzt an und Vater sagte etwas von „Delirium“, Mutter nickte und eine halbe Stunde spĂ€ter war ich beim Arzt. Mensch, war der ĂŒbel aufgelegt: FĂŒr solche Flausen habe er keine Zeit. Nun gut, er verschrieb mir dann doch noch etwas Homöopathisches. Wie gesagt, fĂŒr sie ertrug ich fast alles, aber dass mein Edelmut nun wie eine Dummheit oder wie ein Schnupfen behandelt wurde, schockierte mich. Meine Verehrung war danach bereits gedĂ€mpft und der Rest verschwand, als sie einmal die Stimmung auflockern wollte und von einer Bergtour mit Biwak erzĂ€hlte. So was hielt ich ja sowieso schon fĂŒr undamenhaft, aber dann erwĂ€hnte sie amĂŒsiert und zugleich geschmeichelt, dass ihr am Ende der BergfĂŒhrer auf die Schulter geklopft habe: „Ja mei, du bist eine richtige Sau!“ Eines wusste ich: Eine Dame hĂ€tte dieses Monster mit Verachtung gestraft. Ich fĂŒhlte mich betrogen und beschmutzt, als hĂ€tte sie sich mit einem Drachen zusammengetan, aber ich besann mich auf meinen Anstand und behandelte sie kĂŒnftig nicht mit Verachtung, sondern mit tiefstem Mitleid. Sie bemerkte keinen Unterschied. Leicht wars nicht, denn ihr ParfĂŒm roch plötzlich entsetzlich miefig und ihre Stimme klang wie aus einem Blecheimer. „Das ist eine göttliche PrĂŒfung“, sagte ich mir. Ja, bis sie mir endlich egal war.

Ob ich ihr jetzt alles gesagt habe? Nein, wo denkst du hin? Bloß ein bisschen Smalltalk und die Geschichte ist doch wenigstens amĂŒsant – jetzt im RĂŒckblick. Oder?

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Blumenberg
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Feb 2016

Werke: 13
Kommentare: 205
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Blumenberg eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo steyrer,

ich habe dein Geschichte jetzt ein paar Mal gelesen weil mir die Idee die dahinter steht gefÀllt.

Ein Jugendlicher, ich habe mir den Protagonisten so um die 13 vorgestellt, der nach der LektĂŒre alter Geschichten seine „Dame“ findet, die es zu umschwĂ€rmen und schließlich auch zu retten gilt. Hier scheint mir die Minne als Motiv Pate gestanden zu haben. Dies auf die Moderne zu ĂŒbertragen, finde ich eine reizvolle Idee und die Wahl eines Jugendlicher halte ich fĂŒr richtig, da bei ihm die Fixierung auf so ein schwĂ€rmerisches Ideal glaubhaft wirkt.

Allerdings hĂ€tte ich Anmerkungen zu etlichen Passagen, die ich subjektiv anders gestaltet hĂ€tte. Vielleicht erweisen sie sich ja als eine Überlegung wert.

ZunĂ€chst ganz allgemein tĂ€te dem Text die etwas klarere Strukturierung durch einige AbsĂ€tze gut. Hier böten sich aus meiner Sicht beispielsweise Zeile 7 nach „engagiert“, außerdem Zeile 17 bevor die ErzĂ€hlung der Anekdote beginnt, sowie Zeile 35 nach „schockierte mich“ an.

Daneben wĂŒrde ich die Geschichte an einigen Stellen inhaltlich noch ein wenig tiefer gestalten. Hier böte sich nach der freiwilligen LektĂŒre an, dass mittelalterliche Damenbild, das den Protagonisten so fasziniert ein wenig weiter auszufĂŒhren und die typischen Charaktermerkmale einer solchen Dame zu schildern. Außerdem könntest du die ErzĂ€hlung des Klassenkameraden und das unritterliche Verhalten noch genauer ausfĂŒhren.

Nach: „ich besann mich auf meinen Anstand“ erahnt man als Leser lediglich, dass sich der Protagonist wohl in seinem Selbstbild immer noch als edler Ritter begreift, das könntest du in einer Selbstschilderung noch anschaulicher machen.

Den letzten Absatz wĂŒrde ich anders formulieren, vor allem weil mir die letzten beiden SĂ€tze unverstĂ€ndlich waren. Ein Vorschlag: "
Ob ich ihr das alles erzĂ€hlt habe? Nein, wo denkst du hin! Nur ein bisschen Smalltalk und wir haben uns verabschiedet." Den Rest wĂŒrde ich streichen.

Das sieht jetzt nach viel Kritik aus, soll es aber nicht sein, da ich den Text insgesamt schon recht ansprechend fand.

Beste GrĂŒĂŸe

Blumenberg

Bearbeiten/Löschen    


steyrer
AutorenanwÀrter
Registriert: Jun 2009

Werke: 12
Kommentare: 107
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um steyrer eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Hallo Blumenberg!

Deine VorschlĂ€ge zur Neugliederung und AusschmĂŒckung sind durchaus bedenkenswert. Ich fĂŒge vielleicht einiges an Ă€lterem Material ein, das im Laufe der Zeit weggefallen ist. Den Schluss nehme ich mir auch noch einmal grĂŒndlich vor. Allerdings könnte das Ganze dann mehr als ein paar Tage dauern.

Schöne GrĂŒĂŸe
steyrer




Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!