Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92221
Momentan online:
721 Gäste und 19 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Krimis und Thriller
Die Beichte
Eingestellt am 19. 01. 2007 09:09


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Pollux
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jan 2007

Werke: 3
Kommentare: 1
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Pollux eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Mit dem HandrĂŒcken wischte Pfarrer Kessel sich die kalten Schweißtropfen von der Stirn. Bevor er die TĂŒr zum Zimmer hinter sich zuzog, betrachtet er voller innerer Zerrissenheit den leblosen Körper der, angeschlossen an ein Gewirr von Kabeln und SchlĂ€uchen, auf dem Krankenbett lag. Er hatte einem Sterbenden die Absolution verweigert und fast so etwas wie Lust empfunden, als er dem flehentlichen Bitten des Mannes nach Vergebung mit eisernem Schweigen begegnete. Der steril wirkende Gang an dem sich die TĂŒren der Krankenzimmer in kalter Monotonie anschmiegten, verlor sich im schwachen Licht gelblich gefĂ€rbter Neonlampen. Es war vier Uhr dreissig und erst in einer Stunde wĂŒrde das Krankenhaus aus seiner Lethargie erwachen. Aus der Innentasche seines Mantels zog Kessel mit zittrigen Fingern eine blaue Zigarettenschachtel. Er lehnte sich mit geschlossenen Augen an die Wand neben Zimmer 34 und lies den ungefilterten Rauch einer Gauloises tief in seine Lungen strömen. Wenige Minuten hatten gereicht um den letzten Zipfel seines ohnehin brĂŒchigen Weltbildes entgĂŒltig zu zerstören. Kessel öffnete die Augen und sein Blick viel auf eines, jener typischen GemĂ€lde das unbeachtet die Tristes der unpersönlichen KrankenhausatmosphĂ€re verstĂ€rkte. Das Motiv, der Druck einer unbedeutenden profillosen Landschaft, verschwand hinter dem Spiegelbild seines verhĂ€rmten Gesichtes, dessen erloschene Augen sich hinter einer zu großen Brille versteckten.
Die strÀhnigen Haare waren streng nach hinten gekÀmmt und reichten bis weit in Nacken.
Mit der rechten Hand suchte Kessel unter dem abgestoßenen Priesterkragen die dĂŒnne Goldkette. Als er sie zwischen seinen Fingern spĂŒrte, fuhr er an ihren Gliedern entlang bis sie den Ring ertasteten. Niemand, außer ihm und Erika hatte ihn jemals zu Gesicht bekommen. Er verspĂŒrte kaum einen Widerstand, als er die Kette mit einem kurzen heftigen Ruck zerriß. Es war lange her, daß er die feine Schrift, die in der Innenseite des Verlobungsringes eingraviert war, betrachtet hatte. „Erika“ stand auf der einen Seite und ihr GegenĂŒber „FĂŒr immer“. FĂŒr immer hatte jedoch nur vierzehn Tage bedeutet. Dann, an einem nebligen Septembermorgen vor dreiundzwanzig Jahren, hatte ein unbekanntes Fahrzeug Erikas Fahrrad erfasst. Die Wucht des Aufpralls war so stark gewesen, daß Ihr Körper einige Meter durch die Luft geschleudert wurde und dann gegen einen Baum stieß. „Sie ist sofort tot gewesen und hat nichts gespĂŒrt“, versuchte einer der NotĂ€rzte ihn zu trösten, aber er hatte keine Linderung verspĂŒrt. Er hatte ĂŒberhaupt nichts empfunden, er war selbst wie tot. Kessel kam sich vor wie in einem Kino auf dessen Leinwand ein schlechter Film ablĂ€uft und er war lediglich ein Zuschauer. Jeden Moment lief der Abspann, dann wĂŒrde das Licht angeschaltet werden, er wĂŒrde aus dem Raum gehen und alles war wie frĂŒher. Aber der Film endete nicht und der Raum besaß keine TĂŒren durch die er ihn verlassen konnte. Die Erkenntnis und der Schmerz kamen erst Stunden spĂ€ter. Umgeben von einem dichten Schleier aus Wut, Trauer und Niedergeschlagenheit musste er mit ansehen, daß die Suche nach dem flĂŒchtigen Unfallverursacher nach und nach eingestellt wurde. Seine Geliebte wurde zu einem ungelösten Fall reduzierte und landete bei den Akten.
Das der Fahrer des unbekannten Wagens ohne jede Strafe davonkommen sollte, war fĂŒr Kessel ebenso unbegreiflich wie unannehmbar. Wochenlang fuhr er mit dem Wagen seines Vaters die Umgebung ab und kontrollierte jedes blau lackierte Auto erfolglos nach den winzigen gefundenen Lacksplittern. Es gab keine Zeugen und nach und nach gab auch er deprimiert die Suche auf. Kessel entzog sich. Seine Freunde spĂŒrten, daß er nur noch widerwillig zu ihren Einladungen kam und wenn, dann still in irgend einer Nische verschwand. Zunehmens einsamer wurde es um ihn und wenn seine Eltern nicht gewesen wĂ€ren.....
Voller Selbstzweifel suchte er nach einem Sinn und bediente sich der Möglichkeiten, die ihm angebracht erschienen. Er widmete sich dem Glauben und auf einem Exerzitienwochenende war er sicher, einen Weg gefunden zu haben. Kessel begann Theologie zu studieren besuchte spĂ€ter ein Priesterseminar und legte seine Priesterweihe ab. Als Pfarrer ĂŒbernahm er spĂ€ter eine kleine Gemeinde in der NĂ€he seiner Heimatstadt.

Am Abend war der Anruf vom Kreiskrankenhaus gekommen und Kessel war sofort losgefahren. Voller Mitleid hatte er am Bett des alten Mannes gesessen und sofort gewußt das der Tod im Zimmer als zurĂŒckhaltender Gast bereits anwesend war. Etwas Zeit verblieb, daß spĂŒrte Kessel aus Erfahrung. Die rasselnde Stimme des Kranken, die seine Gebete begleitete, wurden nach und nach schwĂ€cher. Kessel merkte, daß es zu Ende ging. Er legte mitfĂŒhlend seine Hand auf den Arm des Sterbenden. Völlig unerwartet umschlossen die schon wĂ€chsernen Finger des Mannes sein Handgelenk. Sein Oberkörper bĂ€umte sich auf und der Mund versuchte SĂ€tze zu formen. Kessel beugte sich zu ihm hinab, so daß er seine geflĂŒsterten Worte noch verstehen konnte.
FĂŒnf Minuten lang sprach der Alte stockend und wiederholt unterbrochen von HustenanfĂ€llen. Diese wenige Zeit genĂŒgte jedoch, daß Kessels Magen sich zu einem StĂŒck brennenden Eises verwandelte. Es war unfassbar, vor sich lag der Mann, der vor zwei Jahrzehnten sein Leben zerstört hatte. Der, der zu feige gewesen war die Verantwortung zu ĂŒbernehmen und fĂŒr seine Tat gerade zu stehen. Kessel fĂŒhlte sich betrogen und benutzt. Eine Minute hatte er da gesessen ohne zu einer Bewegung fĂ€hig zu sein. Dann hatte er die HĂ€nde des Mannes gespĂŒrt, die sich mit letzter Kraft an ihn klammerten und die zittrigen Worte gehört die flehentlich um Verzeihung und Erlösung baten.
Aber Kessel hatte sie angewidert abgestreift und war mit seinem Stuhl aus seiner Reichweite gerĂŒckt. UngerĂŒhrt sah er zu wie TrĂ€nen aus den Augen des Sterbenden liefen und er am ganzen Leib zitterte. Nach einem letzten AufbĂ€umen, sackte der Körper in sich zusammen. Kessel saß da und starrte auf den gefliesten Boden. Immer wieder, wie ein nicht endendes Echo klangen die Worte des Mannes in seinem Kopf nach und formten sich zu Bildern. Eines fĂŒgte sich zum Anderen.
An dem Morgen des UnglĂŒcks war er mit seinem neuen Ford zum Dienst gefahren. Es war ein nebliger Tag und er hatte sich noch nicht richtig an den Wagen gewöhnt, dessen Lenkung und Bremsen von Hydrauliksystemen unterstĂŒtzt wurden.
Dann plötzlich war Erika mit ihrem Fahrrad aus dem Dunst aufgetaucht und er hatte reflexartig gebremst. Die Bremsen des Wagen reagierten ungewohnt schnell und das Fahrzeug kam auf dem nassen Asphalt ins Rutschen. Fassungslos hatte er mit angesehen wie der Körper der jungen Frau von seinem Wagen erfaßt und von der Straße geschleudert wurde. Er war ausgestiegen und hatte als erfahrener Landarzt sofort erkannt das jede Hilfe zu spĂ€t kam. Panisch hatte er sich zurĂŒck ans Steuer gesetzt und war ohne Ziel einfach drauflosgefahren. Sein Entschluss war ihm nicht leichtgefallen, aber er glaubte, daß es fĂŒr Alle das Beste sei. Wiesbaden schien ihm weit genug und die kleine Werkstatt, die den leichten Lackschaden ausbesserte, wurde sicher nicht kontrolliert. Der Wagen war neu und die frische Farbe des Reparaturlackes war von der Originalfarbe nicht zu unterscheiden gewesen.

„Wem hĂ€tte mein GestĂ€ndnis denn geholfen!“, wiederholte Kessel leise die banale Entschuldigung. Die Halskette immer noch in der Hand ging Kessel den tristen Flur entlang, bis er an der Raucherecke ankam. Der schale Geruch alter Asche hing in der Luft und Kessel trat an das hohe Fenster heran, daß zum LĂŒften schrĂ€g gestellt war. Er schloss es und legte den Hebel des Öffnungsmechanismus um. Dann zog er es mit einem Ruck auf, kletterte entschieden auf den Rahmen und sprang.

Hinter dem Krankenhaus hatte sich eine kleine Menschenmenge versammelt. RettungssanitĂ€ter packten ihre Notfallkoffer ein und zwei Bedienstete eines Beerdigungsinstitutes trugen einen schmucklosen Zinksarg heran. Professor Stein umfaßte mit der rechten Hand immer noch fassungslos sein Kinn. „Was mag in Pfarrer Kessel wohl vorgegangen sein, daß er einen solchen Entschluß gefasst hat“.
„Es ist wohl ĂŒber seine KrĂ€fte gegangen“, entgegnete Stationsarzt Hermanns kopfschĂŒttelnd“. Stein sah ihn irritiert an. „Wußten sie es denn nicht?“, fragte Hermanns. „Was soll ich nicht gewußt haben?“ Der Stationsarzt zögerte einen Moment. „Der Mann, der heute Nacht auf 34 gestorben ist, war Kessels Vater“.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  Krimis und Thriller Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!