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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Bekenntnisse des Skinheads Berger
Eingestellt am 08. 10. 2011 13:33


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AlexT
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Ich sehe, alle wundern sich, wie ich als halber Jude ein Rechtsradikaler und Skinhead werden konnte. Nun, es gibt eine banale Wahrheit: Die Eltern spielen nicht die letzte Rolle in dem, was aus einem wird. Und meine hatten solche Charaktere, dass man es seinem schlimmsten Feind nicht wĂŒnschen kann, mit zwei solchen Leuten zu leben. Gut, es kommt vor, dass jemand einfach nicht mit einem Berg von Muskeln oder einem wahnsinnig starken Charakter geboren ist. Aber man muss doch einen gewissen Stolz haben, ein Verlangen, stĂ€rker zu werden, nicht zu kriechen, sondern zu fliegen, zumindest als Mann! Von wegen. Meine Eltern waren beide so etwas wie Menschen im Futteral, sie hatten Angst vor allem und jedem. Angst vor ErkĂ€ltung, wenn sie bei weniger als fĂŒnfzehn Grad Plus ohne einen Riesenhaufen Klamotten aus dem Haus gingen, Angst, Auto zu fahren, Angst vor jedem Konflikt, konnten noch nicht mal offensichtlicher Dreistigkeit was entgegensetzen. Und sie hatten Angst vor jeder großen Angelegenheit im Leben, zum Beispiel vor jeder großen und verantwortlichen Arbeit, waren der Meinung, dass sie das sowieso nicht packen. Das Widerlichste war, dass sie sich ihrer SchwĂ€che und Angst vor dem Leben ĂŒberhaupt nicht schĂ€mten, im Gegenteil, sie waren gerne schwach! Sie hatten irgendwie einen perversen Spaß daran, ohnmĂ€chtig und eingeschĂŒchtert zu sein, und wollten, dass ich genauso bin. Sie wollten mich vor allem schĂŒtzen, was man sich vorstellen kann, und fanden in jedem Fall einen Grund, warum ich dieses oder jenes nicht packe. Als ich sieben wurde, haben sie gesagt, dass ich noch zu klein bin, um zur Schule zu gehen, dass ich zu schwach bin und mit den Anforderungen nicht klarkommen wĂŒrde, und haben erreicht, dass ich ein weiteres Jahr in der Vorschule bleiben musste. Als ich an einem Lauf ĂŒber 1000 Meter teilnehmen wollte, haben sie das verboten, weil ich angeblich eh mitten auf der Strecke vor Erschöpfung umkippen wĂŒrde. Als ich versucht habe, ihnen irgenwas vorzusingen, habe ich kaum einen Ton von zehn getroffen, weil sie mich selbst dazu gebracht hatten, mir nix zuzutrauen. Und dann haben sie gesagt: „Du kannst nix, du hast kein Gehör“. Sie haben mir immer wehgetan und hinterher selber getröstet – sei nicht traurig, du bist ein sĂŒĂŸes Kindchen und so. Scheiß sĂŒĂŸes Kindchen... Und das hat mich in meine zweite und wirkliche Familie gefĂŒhrt, in die Nordische Bruderschaft. Als ich auf YouTube ihr Werbevideo sah, gab es etwas, was mir auf Anhieb gefiel: Die Fotos, die zeigen sollten, wie toll der weiße Mann ist, strahlten keinen Kult von SchwĂ€che und KrĂ€nklichkeit aus, sondern von VitalitĂ€t und Kraft. Ich konnte die Leute ĂŒberzeugen, dass mein Familienname an keiner jĂŒdischen, sondern einer lange vergessenen deutschen Abstammung liegt, und wurde aufgenommen. Dort entwickelten wir uns als KĂ€mpfer, trainierten in verschiedenen Sportarten und KampfkĂŒnsten, machten Krafttraining, stĂ€rkten uns körperlich auf jede Art und Weise. Und in der Freizeit fĂŒhrten wir ein vollblĂŒtiges MĂ€nnerleben, vögelten, soffen und sangen aus vollem Hals. Dort fand ich zum Glauben an die eigene Kraft. Und ich hatte dort endlich die Möglichkeit, kein „sĂŒĂŸes Kindchen“ zu sein, sondern ein starker Mann, der fĂ€hig ist, einem richtig eine rein zu hauen, und vor dem man Respekt haben sollte. Und als ich – wer hĂ€tte das gedacht? - zum AnfĂŒhrer unserer kleinen lokalen Gruppierung wurde, bemĂŒhte ich mich, unsere TĂ€tigkeit auf die zu richten, die sie wirklich verdient haben. Unter anderem auch auf meine Eltern, ja. DafĂŒr, dass sie es ĂŒberhaupt wagen, die Welt im Allgemeinen und mein Leben im Speziellen mit ihrem beschissenen Geist der SchwĂ€che voll zu stinken. Nicht dass ich sie je im Krankenhaus besucht hĂ€tte, bloß nicht. Aber wenn sie dann doch an unseren SchlĂ€gen krepiert sind, bin ich nur froh, dass noch zwei solche FĂ€ulnis verbreitenden Kotzbrocken verschwunden sind. Die ganzen scheiß Italiener, Juden und andere Kanaken gehen mir persönlich am Arsch vorbei. Wenn dein Geist in Ordnung ist, ist alles in Ordnung. Sogar fĂŒr Arschficker habe ich VerstĂ€ndnis – manche MĂ€nner zieht's nun mal zu anderen MĂ€nnern, ist natĂŒrlich schade, kann man aber nicht Ă€ndern. Pech gehabt. Aber passiven und aktiven Gehirnfick verzeihe ich nie. Davon wird mir genauso schlecht wie von Scheiße, die als Essen serviert wird. Ich hasse und vernichte jeden BefĂŒrworter des Kultes von SchwĂ€che – ja, richtig, vernichte. Das höchste GefĂŒhl ist es, mit dem BaseballschlĂ€ger einen Hieb zu versetzen, an dem man stirbt wie eine erschlagene Fliege. Es ist schwer, den SchĂ€del auf diese Weise so zu zerdeppern, dass das Gehirn wirklich gegen die Wand fliegt, aber ein gut berechneter punktgenauer Schlag fĂŒr einen sofortigen Tod ist durchaus möglich. Ja, ich bin ein Faschist. Und was mich zum Faschisten gemacht hat, ist der Ekel vor einer kranken Lebensphilosophie und die natĂŒrliche Anziehung zum gesunden arischen Geist. Und um diesen Geist in sich zu haben, muss man, wie Sie sehen, noch nicht mal unbedingt arisches Blut besitzen.

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Joneda
Festzeitungsschreiber
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abstoßend

die Negierung von konfliktscheu
ist nicht Mord,
simple , menschenverachtende Zerstörung,
wobei man auch hier nie
satt wird,
die Negierung von konfliktscheu
ist ein verantwortungsvolles Leben zu fĂŒhren,
sich nicht zu scheuen,
sich auseinanderzusetzen.

der Protagonist sucht nicht den Konflikt
um eine Auseinandersetzung zu fĂŒhren,
eine wirkliche Lösung zu finden,
der Protagonist ist genauso feige,
wie er seinen Eltern vorwirft zu sein,
wobei er dementsprechend
selber Leben zerstört,
die "angeblich" in seinem Verantwortungsbereich liegen.

furchtbare Schlußfolgerung,
wow, mich gruselt
__________________
Das Leben ist voller Wunder.

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AlexT
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Ich sage nicht, dass ich das gut finde, was der Protagonist macht. Ich zeige einen psychologischen Weg auf, was den Menschen in so jemanden verwandeln kann. Einen, den es gibt, der aber oft genug ignoriert wird. Anziehend soll diese Entwicklung auch niemand finden, im Gegenteil.

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AlexT
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Und außerdem verabscheut der Protagonist nicht Konfliktscheu, sondern SchwĂ€che im Allgemeinen. Und hungert nach dem Gegenteil davon. Leider hat er ein etwas begrenztes VerstĂ€ndnis von StĂ€rke und Kraft und darum geht das Ganze etwas schief. Aber mal ehrlich, es gibt viele junge MĂ€nner, denen es Ă€hnlich geht.

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AlexT
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Hallo Ava,

na, das freut mich doch, da hat jemand den Weg meines Protagonisten schon ziemlich gut verstanden Tja, wenn sich Wut aufstaut, tendiert sie dazu, ins Grenzenlose zu mutieren ( Traurig, aber Fakt.

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