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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Belanglosigkeit der Dinge
Eingestellt am 29. 06. 2016 06:33


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JcPosch
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jan 2016

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[...]
WĂ€hrend ich so hier liege, frage ich mich, wie lange mein letztes Bad wohl schon her ist. Aus der Anlage im Wohnzimmer schallt Musik; kaum wahrzunehmen und doch spĂŒrbar. Ich zĂŒnde mir eine kleine, mit Zigarettenpapier gedrehte TĂŒte an und stelle mein Glas auf das Keramik der Wanne. Dazu der akustische Klang einer Gitarre.
Leichter Nebel steigt vom Wasser empor und mein Kopf beginnt zu glĂŒhen. Das Blut lĂ€sst meine Ohren anschwellen, ich kann es fĂŒhlen und mein Puls – mein Puls scheint sich zu beruhigen. Ich finde mich wieder in einem fast meditativen Zustand. Ohne es bewusst in die Wege zu leiten, meinen Arm auszustrecken, die Flasche am Rand der Badewanne aufzuheben, sie zu öffnen und in einer leicht nach unten neigenden Richtung ĂŒber dem GefĂ€ĂŸ zu positionieren, schĂŒtte ich mir das Glas neu ein. Beim nĂ€chsten Inhalieren wird mir der Qualm zu heiß und ich lasse den Rest desinteressiert ins Wasser fallen und schließe die Augen. Kaum zu glauben, dass ich das nicht mehr regelmĂ€ĂŸig mache.
Der seichte Wasserdampf steigt mir ins Gesicht und lĂ€sst den Schweiß meine Stirn heruntertropfen. Ich kann diese einzelne Schweißperle spĂŒren, die sich langsam ihren einsamen Weg von meinem Haaransatz, ĂŒber meine Nase zu meinem Mund macht, nachdem sie sich durch die Stoppeln meiner unrasierten Oberlippe bahnt und ich lecke mir den salzigen Tropfen von meiner Lippe. Meine Arme werden schwer. Fallen hinab vom Rand der Wanne und prallen ohne Widerstand auf der WasseroberflĂ€che auf. Erst ist es ein Platschen, das hunderte Liter in Schwingungen versetzt. Dann folgt ein Klopfen. Zwei, vielleicht drei Mal. Immer noch ist es der unterstĂŒtzende Klang des aufgenommenen Konzertes, der mir beim leichten Wellengang dezent durch den Kopf fĂ€hrt. Nun scheine ich mich wieder ganz darauf konzentrieren zu können. Sogar das erneute Klopfen scheint mich nicht aus der Ruhe bringen zu können. Denn wĂ€hrend sich der Seegang meiner Badewanne langsam beruhigt, sinke ich immer tiefer, bis mein Kinn die Wasser OberflĂ€che berĂŒhrt und —
»Gott verdammt, ich höre doch, dass du da bist«, sagt eine Stimme in meinem Kopf, bevor auch meine Unterlippe den Wasserspiegel erreicht hat.
Klopfen. Krachen. Ein lautes, unangenehmes GerĂ€usch lĂ€sst mich meine Augen aufreißen und meinen Kopf langsam wieder empor steigen.
Jemand flucht. »Ich hasse es«, sagt die Stimme zu sich selbst, bevor sie wieder lauter spricht: »Mach endlich die TĂŒr auf.«
Mir scheint nicht ganz bewusst, ob es mein Verstand ist, der mir einen Streich spielt und doch stehe ich auf, trete aus der Wanne und reiße dabei mein Glas in die Tiefe. Es zerspringt in unzĂ€hlige Teile.
An der TĂŒr angekommen, öffne ich sie und blicke in das Gesicht meiner Nachbarin.
Sie sieht an mir herunter und fragt nĂŒchtern: »Warum liegst du immer in der Badewanne, wenn ich vorbeikomme?«
»Tue ich das?«
»BegrĂŒĂŸt du so immer deine GĂ€ste?«
»Wie?«, frage ich sie, vermutlich naiv; oder stimuliert. Benebelt von Wasserdampf und Gras.
»Nackt.«
»Wahrscheinlich nicht«, gebe ich ihr als Antwort und fĂŒge hinzu, »schĂ€tze ich.«
»Kann ich mir eine Flasche Gin von dir borgen?«
Gin. Unfassbar, dass drei mickrige Buchstaben ausreichen, um solch eine kraftvolle Substanz zu beschreiben.
»Hallo?«
»Ja«, antworte ich und bitte sie herein. Es dauert nicht lange, bis ich ihr aus Not die Flasche aus dem Badezimmer anbiete, da es so scheint, als wĂ€re diese meine Letzte. Man sieht ihr an, dass sie auf eine volle Flasche gehofft hatte, doch das scheint sie nicht davon abzuhalten, sie dankend anzunehmen. Ich bin im Begriff die TĂŒr wieder zu schließen, als sie sich noch einmal umdreht und mich davon abhĂ€lt.
»Ach«, sagt sie, »ich wollte dir noch Bescheid sagen, dass ich jemanden kennengelernt habe und – keine Ahnung, ob das was wird, aber vielleicht wĂ€re es besser, wenn wir unsere nĂ€chtlichen Übernachtungen erstmal fĂŒr unbestimmte Zeit einstellen.«
»Ist vermerkt.«
»Super. Mach dir noch einen schönen Abend.«
»Ich versuch’s«
»Bis dann.«
Dann schließt sich die TĂŒr und meine FĂŒĂŸe tragen mich wieder ins Badezimmer, machen einen kurzen Halt und heben mich schließlich sanft ĂŒber die Keramikwand ins warme Wasser. Kaum eingetaucht, beginnt mein linker Fuß schmerzhaft zu brennen – fast nicht wahrnehmbar. Ein letztes Mal blicke ich von oben herab auf das Wasser, das sich am anderen Ende in einen weinroten Ton fĂ€rbt, bevor ich meine Augen wieder schließe. Ich atme tief ein. Ich atme tief aus. Dann sinkt mein Körper erneut zu dem Punkt, an dem er zuvor schon verweilt war, doch dieses Mal vollendend. Als mein ganzer Kopf unter der OberflĂ€che versunken ist und das warme Wasser sich um meine Wangen fĂŒgt, ist auch der Klang der Snaredrum nur noch eine dumpfe Vibration.
[...]

Version vom 29. 06. 2016 06:33
Version vom 13. 07. 2016 18:27
Version vom 14. 07. 2016 04:03

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