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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Die Beobachtungen des Monsieur Lafitte
Eingestellt am 08. 07. 2006 13:53


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Fugalee Page
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»La Gioconda« besitzt wohl das berĂŒhmteste LĂ€cheln der Welt, doch wenn man im Louvre eine Weile vor ihr steht und sie betrachtet, dann scheint es fast, als lĂ€chelte sie einen nicht nur an, sondern auch ein klein wenig aus.


»Monsieur Lafitte, ich möchte Sie im Namen der Regierung in unserem schönen Lande ganz herzlich willkommen heißen.«
Als mĂŒsste er dies auch körperlich noch aufs Heftigste unterstreichen, gab der Commissario seinem leicht verduzten GegenĂŒber zwei dicke BegrĂŒĂŸungskĂŒsse auf die Wangen. Auch Lafitte war froh am Ziel seiner Reise angekommen zu sein und erwiderte die Grußbotschaft, jedoch mit deutlich weniger Emotion. Auch galt sein Interesse weniger dem schönen Land, als vielmehr einer ganz besonderen Dame.
Am 21. August 1911 hatte sich im Louvre in Paris ein dreister Raub ereignet. Leonardo da Vincis berĂŒhmtes Bild »Mona Lisa« war gestohlen worden. Wegen Reinigungs- und Instandsetzungsarbeiten war der Diebstahl erst am folgenden Tag entdeckt worden. Trotz umfangreicher Ermittlungsarbeit der Polizei, war das GemĂ€lde erst zwei Jahre nach dem Diebstahl wieder aufgetaucht. Urheber des spektakulĂ€ren Raubs war der italienische Dekorationsmaler Vincenzo Peruggia gewesen. Nach seiner Festnahme hatte er den Ermittlungsbehörden zu Protokoll gegeben, er habe lediglich aus patriotischen GrĂŒnden gehandelt, und eines der grĂ¶ĂŸten italienischen Kunstwerke wieder in die Heimat holen wollen. Nach zĂ€hen Verhandlungen sollte nun das GemĂ€lde aus den Uffizien zurĂŒck in den Louvre ĂŒberstellt werden. Doch hatte man sich wegen der enormen Bedeutung des Kunstwerks etwas einfallen lassen. Um erneuten Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, war das Bild aus den Uffizien an einen geheimen Ort gebracht worden, wo es nun, in einer ebenso geheimen Mission, in die französische Heimat verfrachtet werden sollte.
»Commissario, ich bin sehr erfreut, dass unsere beiden LĂ€nder sich ĂŒber die BesitzverhĂ€ltnisse im klaren sind. Sie können sicher sein, dass wir das GemĂ€lde mit der WertschĂ€tzung behandeln werden, welches ihm gebĂŒhrt.«
Dabei musste Lafitte allerdings an die Ă€ußerst delikate Bemerkung eines französischen KĂŒnstlers denken. Dieser hatte sich vor einiger Zeit zu einem Ă€ußerst respektlosen »Elle a chaud au cul« verleiten lassen. Doch Lafitte wĂŒrde sich hĂŒten, dies hier offiziell zu erwĂ€hnen.
»Gewiss, gewiss, Monsieur Lafitte. Unsere beiden großen Nationen werden auch in Zukunft ein freundschaftliches VerhĂ€ltnis zueinander haben, und dieses auch zu pflegen wissen.«
Lafitte wich vorsichtshalber einen Schritt zurĂŒck, da er befĂŒrchtete, dem Ausspruch des Commissario könnte ein erneuter, noch intensiverer Kontakt folgen. Der Italiener schien davon jedoch keine Kenntnis zu nehmen und setzte seine Lobeshymne fort.
»Ich muss Ihnen im Übrigen noch ein großes Kompliment aussprechen, Monsieur Lafitte. Ihre Aussprache ist fĂŒr einen AuslĂ€nder wirklich bemerkenswert. WĂŒsste ich es nicht besser, so meinte ich ein kalabresischer Landsmann stĂŒnde vor mir.«
Lafitte bedankte sich höflich, doch er wusste, dass Vorsicht geboten war. Trotz aller Freundlichkeit, galt es sein GegenĂŒber nicht zu unterschĂ€tzen. Erst wenn das GemĂ€lde wieder an seinem Platz hing, wĂŒrde er sich entspannen können und zur Ruhe kommen. Er wĂŒrde dem Commissario nicht verraten, dass er mit der MentalitĂ€t der azzurri bestens vertraut war. Auch schien ihm der Commissario ein Ă€ußerst listiges Kerlchen zu sein. Seine leicht einfĂ€ltige Art, die seinen Kontrahenten in Sicherheit wiegen sollte, konnte Lafitte nicht tĂ€uschen. FĂŒr so eine delikate Aufgabe hatten die Italiener sicher ihren besten Mann ausgewĂ€hlt, und mit einem gewissen GefĂŒhl des Stolzes, musste er sich eingestehen, dass sein Land wohl genauso gehandelt hatte.
Beide nahmen am Schreibtisch des Commissario Platz und der Italiener setzte die Unterhaltung fort.
»Monsieur Lafitte, ich bin sehr erleichtert, dass ihnen die italienische Lebensart und Denkweise so sehr vertraut sind. Dies macht mir die Sache doch wesentlich leichter, denn ich muss Ihnen gestehen, dass die ganze Angelegenheit, nun ... wie soll ich sagen ...«, er rÀusperte sich, »... doch sehr delikat ist.«
Lafitte hatte sich demnach nicht geirrt. Er hatte doch gleich geahnt, dass hier etwas auf ihn zukommen wĂŒrde. Schließlich handelte es sich bei seiner Mission um keine harmlose Urlaubsreise. So erwartete er mit Spannung die Geschichte, die der Italiener ihm auftischen wollte.
»Monsieur Lafitte, ich möchte den Diebstahl, diesen wirklich dreisten Raub, in keinem Falle rechtfertigen und schon gar nicht gut heißen ...«, der Commissario bemĂŒhte sich ein recht betroffenes Gesicht zu machen, »... doch wie sie ja bereits wissen, lag dem Diebstahl kein finanzielles Motiv zugrunde.«
Lafitte, der dem Commissario gegenĂŒber saß und jedes Detail dessen Körpersprache mit gewohnheitsmĂ€ĂŸiger Routine analysierte, fragte sich, worauf sein italienisches Pendant hinaus wollte.
»Lieber Kollege, wir Italiener besitzen einen sehr ausgeprĂ€gten Nationalstolz. Nur so ist es ĂŒberhaupt zu erklĂ€ren, wie es zu dem vorliegenden Fall kommen konnte.«
Der Commissario wischte sich mit einem Tuch ĂŒber die Stirn. Die Art wie der Italiener um den heißen Brei herumredete, ließ Lafitte erkennen, dass die beiden GesetzeshĂŒter offensichtlich verschiedene tempi bei der Bearbeitung eines Falles bevorzugten. Eine VerschĂ€rfung des selbigen konnte dem GesprĂ€ch sicher nicht schaden. Allerdings war Lafitte darauf bedacht, den gleichen Ton anzuschlagen, da auch er sein GegenĂŒber in Sicherheit wiegen wollte.
»Lieber Kollege, ich bin darĂŒber informiert, dass Peruggia nicht aus reiner Habgier handelte, sondern das Motiv eher in patriotischem Besitzneid begrĂŒndet lag. Doch war ich gleichfalls ĂŒberzeugt, dass dieses Thema durch unsere Regierungen hinreichend geklĂ€rt sei, und schließlich Ă€ndert es auch nichts an dem Tatbestand des Diebstahls. Eigentlich bin ich nur angereist, um das GemĂ€lde wieder an seinen rechtmĂ€ĂŸigen Platz zu befördern.«
Damit hatte Lafitte das Drumherum beendet. Er verlangte nach der langen Reise endlich Klarheit, und nach der wohlverdienten Nachtruhe.
»Oh Monsieur Lafitte, non intendevo questo!« Der Commissario machte einen bestĂŒrzten Eindruck.
»Sie haben mich völlig missverstanden. SelbstverstÀndlich sollen Sie das Objekt der Begierde umgehend erhalten, und zu ihrem Schutze wird alles in meiner Macht stehende getan. Es ist nur so, dass ich nicht sicher bin, welches das Richtige ist.«
»Ripeta, per favore!« Lafitte vermutete erst nicht richtig verstanden zu haben, schließlich unterhielt er sich nicht alle Tage in italienischer Sprache. Doch seine Nachfrage bestĂ€tigte das Gehörte.
»Commissario, wie soll ich das verstehen?«
»Nun ja, es ist nicht una bella Lisa, welche wir besitzen. Es sind deren gleich zwei!«
Lafitte hielt es nun nicht mehr auf seinem Platz.
»Come dice? Sie haben zwei Mona Lisas? Ist das ihr Ernst?«
»Ich fĂŒrchte ja!« Der Commissario zuckte mit den Schultern.
Lafitte ließ sich wieder auf den Stuhl fallen und schĂŒttelte den Kopf. Er hatte sich ja alles mögliche vorgestellt, aber diese Geschichte ĂŒbertraf nun doch seine kĂŒhnsten Erwartungen. Er wollte gerade etwas erwidern, als der Commissario zu erklĂ€ren versuchte.
»Ich kann mir vorstellen, was Sie jetzt denken, aber lassen Sie mich Ihnen sagen, wie es zu diesem grande fiasco kommen konnte. Der schĂ€ndliche Dieb hatte natĂŒrlich erwartet, irgendwann entdeckt zu werden und wollte Vorsorge treffen. Sie mĂŒssen wissen, dass unser Land auch heute noch ĂŒber ganz außergewöhnliche KĂŒnstler verfĂŒgt. Leider haben nicht alle einen felsenfesten Charakter. So fand Peruggia ein ganz famoses Talent, welches den Pinselstrich des alten Meisters quasi in flagrante nachahmen konnte. Dieses zweite GemĂ€lde tauchte erst vor kurzem auf, und selbst unsere Fachleute sind sich nicht einig, bei welchem der beiden GemĂ€lde es sich um das Original oder die FĂ€lschung handelt.«
Darin bestand also der Haken an der Sache. Der Dieb hĂ€tte wohl zu einem spĂ€teren Zeitpunkt seine Replik in Umlauf gebracht, und das Original behalten. Doch so leicht ließ sich Lafitte nicht ĂŒberrumpeln. Zu lange lag er schon im Clinch mit den Tricksern und BetrĂŒgern dieser Welt. Und er hatte ja noch einen Trumpf in petto. Doch diesen wĂŒrde er erst morgen frĂŒh ausspielen.
»Wo befinden sich die GemÀlde jetzt?«, wollte Lafitte wissen.
»Hier im Keller dieses GebÀudes. Wollen Sie die Bilder gleich sehen?«
»Nein, ich bin von der Reise doch ziemlich erschöpft. Wenn Sie einverstanden sind, werde ich gleich morgen nach dem FrĂŒhstĂŒck einen Blick auf die Bilder werfen.«
Der Commissario lĂ€chelte spitzbĂŒbisch als er entgegnete: »Entschuldigen Sie meine Bedenken, aber fĂŒhlen Sie sich denn in der Lage, das RĂ€tsel um das Original und die FĂ€lschung zu lösen, nachdem nicht einmal unsere besten Spezialisten 
?«
Lafitte, der schon zur TĂŒr gegangen war, drehte sich nochmals um und blickte dem Commissario gelassen entgegen.
»Keine Sorge, mein Lieber. Ich bin nicht alleine gekommen! Ich habe jemandem dabei, der es wissen wird.«
Der Italiener sah ihm nach, und verspĂŒrte plötzlich ein leichtes Unwohlsein in der Magengegend.

Am nĂ€chsten Morgen wartete der Commissario schon sichtlich aufgeregt auf seinen auslĂ€ndischen Besuch. Kurz nach neun Uhr betraten Lafitte und eine zweite Person das BĂŒro des italienischen Beamten.
»Buon giorno, Commissario!«, begrĂŒĂŸte ein bestens gelaunter Lafitte den hinter dem Schreibtisch sitzenden. »Darf ich Ihnen Professor Lefebvre vorstellen. Er war gestern nach der Ankunft zu erschöpft gewesen und hatte gleich das Hotel aufgesucht. Der Professor ist eine KoryphĂ€e in Sachen da Vinci, und wird uns bei der Lösung des Problems sicher behilflich sein können.«
Der Commissario begrĂŒĂŸte auch den zweiten Landesgast. Der Italiener schien sich heute nicht mehr so wohl zu fĂŒhlen. Er wirkte sehr blass und tiefe AugenrĂ€nder zeichneten sich ab, die auf eine unruhige Nacht schließen ließen.
»Darf ich Sie bitten, mir in das Nebenzimmer zu folgen«, wies der Italiener auf die angrenzende TĂŒr. »Wir haben die Bilder aus den sicheren doch dunklen KellerrĂ€umen, herauf ans Tageslicht gebracht.«
Der Commissario, ein Wachmann, Lafitte und der Professor betraten das angrenzende Zimmer und sahen sich den GemĂ€lden gegenĂŒber. Obwohl nur eines davon echt sein konnte, war es ein unbeschreibliches GefĂŒhl dem Original so nahe zu sein. Der Professor schritt als erster aus der kleinen Gruppe auf die Bilder zu. Der Commissario zeigte der Wache mit einer Geste, dass dies schon in Ordnung sei.
Die Untersuchung dauerte keine zehn Minuten. Dann gab der Professor seine Expertise zum Besten.
»Ohne Zweifel ein netter Versuch, doch ganz gewiss handelt es sich bei dem rechten Bild um eine FĂ€lschung. Mich wundert nur, dass dies den italienischen Experten nicht aufgefallen ist.« Der spöttische Tonfall in der Stimme des Gelehrten war nicht zu ĂŒberhören.
FĂŒr Lafitte sahen die beiden GemĂ€lde absolut identisch aus, doch schließlich war er nicht der Fachmann. So musste er die entscheidende Frage hier und jetzt stellen:
»Professor! Sind Sie sich ihrer Sache auch ganz sicher?«
Der Professor stellte sich kurz auf die Zehenspitzen, wohl um seinen Worten die nötige GrĂ¶ĂŸe zu verleihen.
»Meine Herren, ich bin mir absolut sicher! Sehen Sie doch selbst!« Lefebvre machte eine beschwörende Geste, so als wolle er alle Anwesenden auf seinen Vortrag einstimmen.
»Wie kein anderes GemÀlde verkörpert die Mona Lisa perfekt da Vincis Konzept der Einheit von Wissenschaft und Kunst.« Er deutete mit dem Finger in Richtung seines Originals.
»Da Vinci benutzte das sogenannte â€șsfumatoâ€č, eine Verschleierung der dargestellten Konturen. Dann die Darstellung der Mona Lisa aus zwei leicht unterschiedlichen Blickwinkeln, um somit den Effekt des binokularen Sehens nachzuahmen, wodurch er die grĂ¶ĂŸtmögliche, plastische Wirkung erzielte.«
Der Professor schien entzĂŒckt und sich nun vollkommen in seinem Element befindend.
»Im allgemeinen wird angenommen, dass es sich bei dem PortrĂ€t um die Gemahlin des florentinischen Edelmannes Francesco del Giocondo handelt, weshalb das GemĂ€lde auch â€șla Giocondaâ€č genannt wird. Ich vermute jedoch, dass in der Mona Lisa letztlich gar keine wirkliche Frau dargestellt ist. Vielmehr hat da Vinci wohl versucht eine Art IdealportrĂ€t zu kreieren, in dem sich Kunst und Wissenschaft zu einer perfekten Symbiose ergĂ€nzen.«
Das Fachwissen des Professors verfehlte auch bei Lafitte seine Wirkung nicht. Die Odyssee des Bildes schien somit beendet.
Doch war dem französischen Kriminalisten auch eine Unruhe anheim gestellt. Lafitte spĂŒrte, dass hier etwas nicht stimmte. Er verfĂŒgte ĂŒber eine analytische Beobachtungsgabe. Bewusstes und unbewusstes floss unentwegt auf ihn ein.
Lafitte betrachtete die beiden GemĂ€lde, und wie schon so oft, ließ er die Puzzleteilchen dieses Falles mit Hilfe seines genialen Verstandes an die richtigen Stellen wandern.
Jedes der beiden GemĂ€lde lehnte an einer Staffelei in gleicher Höhe und Ausrichtung. Lafitte ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Manchmal musste man einen Schritt zurĂŒck tun, um das Ganze zu ĂŒberblicken. Irgendetwas störte Lafitte an dem kleinen Raum, und mit einem Mal erkannte er, was ihm sein Bewusstsein mitzuteilen versuchte. Der Raum selbst schien eine einzigartige Komposition zu sein, jedoch eine sehr linkslastige.
Der Teppich, auf dem die kleine Gruppe stand, wies ein ganz eigenartiges Muster auf. Die eingewebte Struktur ließ einen schon fast an eine optische TĂ€uschung glauben. Er war nun so ausgelegt, dass der Eindruck entstand, als wĂŒrden die Linien in geordneten Bahnen leicht nach links laufen.
Die Doppelfenster an der hinteren Wand des Zimmers. Seltsam, die rechte Fensterscheibe hatte schon lange kein Leder mehr gesehen, wÀhrend das Sonnenlicht klar durch die andere Scheibe strahlen konnte. Und gerade dieses Licht spielte nun wieder eine wesentliche Rolle bei der Betrachtung der Bilder. Obwohl beide GemÀlde in den Genuss der Morgensonne kamen erschien das linke Bild, durch den momentanen Stand der Sonne, leicht im Vorteil.
An einer Seite des Raumes stand ein Tisch, auf dem ein asiatisches ZwillingspÀrchen aus Porzellan Platz gefunden hatte. Nur seltsam, dass sich die linke Figur bester Gesundheit erfreute, wÀhrend der anderen, vermutlich wegen eines Sturzes, ein Arm fehlte.
Doch mit besonderer Finesse schien die Wand hinter den GemĂ€lden arrangiert. Hier hatte der Commissario selbst ein Bild aufgehĂ€ngt. Eine eher unbedeutende Komposition, auf der sich eine italienische Landschaft abzeichnete. Das Bild hing nicht mittig an der Wand, eher im rechten Drittel. Doch das Entscheidende war, dass es leicht schief hing. Nicht sehr, nur ein klein wenig. Doch man nahm es zur Kenntnis. So entstand an jener Wandseite, vor dem die rechte Mona Lisa positioniert war, eine gewisse Disharmonie, die sich einem unweigerlich aufdrĂ€ngte und auf das rechte GemĂ€lde ĂŒbertrug.
Alle diese Beobachtungen waren rein nebensĂ€chlich, wenn man sich auf die beiden GemĂ€lde konzentrierte. Ein Mann wie der Professor, wĂŒrde sie demnach nur nebenbei wahrnehmen, aber sie dennoch unterbewusst in seine Entscheidung einfließen lassen.
Lafitte ĂŒberlegte weiter. Die meisten Menschen schrieben mit »rechts« und auch der Mensch als Ganzes tendierte in diese Richtung. Doch gerade Lefebvre war LinkshĂ€nder! So schien die linke Seite etwas ganz NatĂŒrliches fĂŒr ihn zu sein. Sicher hatte der Italiener nach seiner gestrigen Bemerkung ĂŒberprĂŒft, wer sich noch im Hotel eingeschrieben hatte. Wahrscheinlich hatte er die ganze Nacht damit zugebracht, alles ĂŒber den Professor und seine Eigenarten herauszufinden. Schließlich verfĂŒgte der Commissario ĂŒber die besten Kontakte. Vermutlich war ihm dann auch diese kleine Eigenart nebst der Arroganz des Gelehrten zugetragen worden. So schien es Dank des Professors und mit Hilfe dieses Zimmers gelungen, die angereiste Truppe mit »links« zu ĂŒberlisten.
Lafitte hatte den Commissario demnach nicht unterschĂ€tzt. Nein, weit mehr noch. Dem Italiener war selbst ein Meisterwerk gelungen. Nie und nimmer wĂŒrde Lefebvre von seiner Meinung abweichen. Verletzter Stolz wĂŒrde es nicht zulassen, sich einzugestehen, von miesen Tricks ĂŒberlistet und fehlgeleitet worden zu sein. Der Professor wĂŒrde weiterhin dem linken GemĂ€lde den Vorzug geben, denn Lafittes Beobachtungen könnten schließlich alle durch Zufall begrĂŒndet sein. Nein, nur der Commissario und Lafitte selbst, wĂŒrden die Wahrheit und die HintergrĂŒnde dieser gemeinen Intrige kennen.
Es musste etwas geschehen. Lafitte kombinierte blitzschnell. Da kam ihm ein abenteuerlicher Gedanke. Wo sich doch beide Bilder wie ein Ei dem anderen glichen. Bestand nicht gerade in diesem Umstand die Chance zur Lösung des Problems? Was, wenn es keine Vergleichsmöglichkeit mehr gĂ€be? Letztendlich brauchte Frankreich ein Original, ganz gleich, wie »originell« dieses auch sein mochte. Und so erkannte Lafitte schließlich, was zu tun war.

»Va bene! Commissario, wir haben das RÀtsel wohl gelöst, und werden das GemÀlde heute noch verladen. Wir hoffen auf den Geleitschutz, den Sie uns freundlicher Weise zusagten.«
In das Gesicht des Commissario schien wieder Farbe zu kommen, und er wirkte nun deutlich lebhafter.
»SelbstverstÀndlich, liebe Freunde. Die Wachen werden Ihnen bis zur Landesgrenze den höchstmöglichen Schutz gewÀhren.«
»Dann bleibt eigentlich nur noch eines zu tun«, sprach Lafitte und ging entschlossenen Schrittes auf die angebliche FĂ€lschung zu. Mit einem Messer, das er unbemerkt geöffnet hatte, versetzte er der vermeintlichen Kopie mehrere TodesstĂ¶ĂŸe.
Der Professor hatte sich instinktiv vor »sein« Original gestellt, da er befĂŒrchtete, Lafitte sei wahnsinnig geworden und wolle auch dieses zerstören. Der Commissario blickte mit Entsetzen und weit geöffnetem Mund auf das zerstörte Bild und hielt sich am Wachmann fest, der seinerseits nicht wusste, wie er reagieren sollte.
»Was, was ... haben sie getan?«, Àchzte der Commissario.
Doch Lafitte reagierte völlig gelassen.
»Nun, ich denke, dies war auch im Sinne der italienischen Regierung«, sprach Lafitte mit einer Seelenruhe, als sei ĂŒberhaupt nichts geschehen. »Die beiden Bilder sahen sich dermaßen Ă€hnlich, da schien es das Beste, die FĂ€lschung zu zerstören. Es hĂ€tte sonst womöglich weitere kriminelle Subjekte auf den Plan gerufen und diese dazu verleitet, die FĂ€lschung doch als echten da Vinci in Umlauf zu bringen. Sind Sie da nicht auch meiner Meinung, lieber Kollege?«
Ein spitzbĂŒbisches Grinsen huschte ĂŒber das Gesicht das Franzosen. In diesem Moment erkannte der Italiener, dass der Flic, was die GemĂ€lde betraf, zu einem ganz persönlichen Urteil gelangt war. Mit einem leidenden Gesichtsausdruck, der noch Reste von blankem Entsetzen widerspiegelte, blickte er auf das zerstörte Bild und entgegnete schließlich völlig kraftlos, mit gesenktem Haupt »Ja ... Sie haben wohl Recht!«


Wenig spÀter war das GemÀlde sicher verladen.
»Arrivederci!« Lafitte verabschiedete sich vom Commissario mit einem krÀftigen HÀndedruck und nahm ihm das Versprechen eines Gegenbesuchs ab.
»Wenn erst das Original wieder da hÀngt, wo es hingehört, sollten wir eine Flasche des besten Weines öffnen.«
Der Commissario lĂ€chelte gequĂ€lt und blickte alsbald dem kleinen Konvoi nach, der sich auf den langen Weg nach Paris machte. Dann begab er sich zurĂŒck in das GebĂ€ude, verschloss die TĂŒre und stieg hinab in den Keller. Dabei wischte er sich mit einem Tuch den Puder aus dem Gesicht. Auch die Schminke und die aufgemalten AugenrĂ€nder waren plötzlich wie durch ein Wunder verschwunden. Die Schauspielerei im Laientheater seines Vetters Luigi hatte wieder einmal gute Dienste geleistet. Auf dem Weg in den Keller dachte der Commissario an seinen französischen Kollegen. Er fragte sich noch immer, weshalb sich Lafitte so merkwĂŒrdig verhalten hatte. Weshalb hatte der Franzose dem Zimmer so viel Beachtung geschenkt? Erst hatte der Commissario ja befĂŒrchtet, Lafitte sei ihm auf die Schliche gekommen. Doch irgendwie hatte sich der Flic durch seine Schlauheit dann selbst ein Bein gestellt.
In einer unscheinbaren Kammer angekommen, nahm der kleine Italiener den Schleier von einem GemĂ€lde und blickte in das wohl berĂŒhmteste LĂ€cheln der Welt.
Peruggia hatte den FĂ€lscher zwar angewiesen nur una copia anzufertigen. Doch hatte das LĂ€cheln der Schönen den KĂŒnstler offenbar auf wundersame Weise inspiriert und so zu Höchstleistungen angetrieben. So hatte der FĂ€lscher beschlossen, die Dame gleich im Terzo um sich zu scharen.
»Scusi«, dachte sich der Commissario, als er das Original betrachtete, welches die KellerrÀume nie verlassen hatte. Wir Italiener haben nun einmal einen besonders ausgeprÀgten Nationalstolz. Was hatte der französische Kollege noch gleich gesagt? »Wenn das GemÀlde wieder da hÀngt, wo es hingehört«, wollte er eine Flasche des besten Weines mit ihm köpfen.
Nun, diesen Wunsch wollte er dem Franzosen auf keinen Fall abschlagen. Er entkorkte eine Flasche Rotwein, prostete symbolisch dem ĂŒberlisteten Flic zu, und sprach mit feierlicher Stimme:
»Und den besseren Wein haben wir auch, Basta!«

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MichaelKuss
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Ein bisschen langatmig, aber in guter Kenntnis der feinen französisch-italienischen AnimositĂ€ten (besser gesagt: "nationalen Kabbeleien") geschrieben. Wer noch nie im Louvre war und auch wenig ĂŒber subtile italienisch-französische Feinheiten weiß, könnte seine Schwierigkeiten mit dem Text haben. Ich wĂŒrde ein paar mehr AbsĂ€tze hinein bringen, wegen der Lesbarkeit. Gerne hĂ€tte ich dir eine Neun gegeben, aber es fehlt mir fĂŒr einen Krimi die Spannung und der ĂŒberraschende Moment (die SchlitzĂ€ugigkeit ist fast voraussehbar und kein Spannungsmoment); dafĂŒr ist die Story historisch und vom Witz her eine Neun wert, meint
Michael

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Fugalee Page
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Hallo Michael,

es freut mich, dass die Geschichte auf dich wie beabsichtigt gewirkt hat.
Auf reine Spannung war sie auch nicht ausgelegt. Ich glaube, der Leser merkt recht schnell, worauf die Sache hinauslĂ€uft. Es sollte einfach ein vergnĂŒgliches Kopf-Duell zweier Beamten sein. Und die Frage steht im Raum: Wer zieht am Ende den KĂŒrzeren?
Mir gefiel der Gedanke, dass sich zu guter Letzt einer der beiden selbst ĂŒberlistete. Auch im wirklichen Leben soll es ja hin und wieder vorkommen, dass sich ein besonders „intelligenter“ Mensch selbst ein Bein stellt.

Ein Blick auf meine Geschichtenliste zeigt mir, dass ich dich auch mit anderen Storys unterhalten konnte. Das freut mich. Der Einfachheit halber: Hier nun fĂŒr alle deine Bewertungen ein dickes „Merci“.
Weshalb du gerade bei „Monsieur Lafitte“ deine Visitenkarte hinterlassen hast, ist mir nach einem Blick auf deine Website auch klar geworden.
Auch du scheinst das Nachbarland ins Herz geschlossen zu haben. Ebenfalls ein Lob fĂŒr „Frankreichkontakte.de“. Ich hab zwar zur Zeit nicht vor auszuwandern, aber fĂŒr jemanden, der sich mit diesem Gedanken trĂ€gt oder wirtschaftliche Kontakte aufbauen will, tut sich hier ja ein ganzes FĂŒllhorn voll nĂŒtzlicher Tipps und Anregungen auf. Na ja, wer weiß, sollte sich eines Tages meine Traumfrau als Französin entpuppen, hĂ€tte ich keine Probleme meinem Herz zu folgen und die Zelte hier abzubrechen. So hab ich mir die Seite vorsichtshalber mal abgespeichert.

Ach, eines noch: Die Mona Lisa im Louvre ist tatsÀchlich ein FÀlschung. Das Original gelangte auf Umwegen in meinen Besitz. Aber ich möchte dich bitten, das niemandem zu verraten.

À bientît
Monsieur Page

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Der Autor
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Hi Fugalee Page,

ich fand die Idee sehr schön, vor allem, dass sich hier nicht um einen Mord, sondern ausnahmsweise um ein außergewöhnliches Opfer handelt. Das mit dem Katz-und-Maus-Spiel, den du mit eingearbeitet hast, war auch nicht schlecht, jedoch hĂ€ttest du in diesem Spiel etwas Spannung einbauen können, etwas prickelndes, das uns neugierig macht weiter zu lesen.
Vielleicht verstehst du ja was ich meine.
Außerdem ist mir da noch eine LĂŒcke aufgefallen.
Wenn dieser Franzose mĂŒde war wegen der langen Reise, wieso bleibt er nicht zunĂ€chst im Hotel, wie der Professor es getan hat, statt zum Comissario zu gehen. Das GemĂ€lde hĂ€tte er ja so oder so nicht ohne den Gutachten des Da Vinci Gelehrten mitnehmen können, oder dich?
Falls ja, dann frage ich mich, wieso der Prof,Lebvre oder wie auch immer ĂŒberhaot mit nach Italien gekommen ist?
Im großen und ganzen ist diese Geschichte jedoch gelungen
(Also zerbricht fir nicht also sehr den Kopf darĂŒber ;-)
Ich gebe dir dafĂŒr 8 Punkte.
__________________
FĂŒr meine Leser,
Yasin

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MichaelKuss
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Hallo Monsieur Page

Ein GlĂŒck das du die richtige Mona Lisa bei dir im Keller hast. Denn dieses LĂ€cheln muss man sich in aller Ruhe (und ungestört von lispelnden Japanern) stundenlang anschauen, um es auch nur annĂ€hernd in die NĂ€he des Verstehens bringen zu können. Es ist eines der faszinierendsten, eines der hinterhĂ€ltigsten, wohl das unergrĂŒndlichste LĂ€cheln einer Frau. Wenn wir immer so leichthin sagen "Verstehe einer die Frauen! Sie sind von einer unergrĂŒndlichen Vielseitigkeit und WidersprĂŒchlichkeit!" dann trifft das wohl am deutlichsten beim LĂ€cheln der Mona Lisa zu. Leonardo hatte eben nicht nur etwas von Technik verstanden, meint
Michael Kuss

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Fugalee Page
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Hallo ihr beiden,

na da wird’s aber Zeit fĂŒr eine schnelle Antwort.
Hi Yasin,

freut mich, wenn ich dich unterhalten konnte und danke fĂŒr die Bewertung.
Die Sache mit der Spannung hatte Michael ja auch schon angesprochen. Weiß nicht, wie ich das Ă€ndern könnte. Die Spannung sollte halt darin bestehen, dass der Leser wissen wollte, wer am Ende die Nase vorn hat.

quote:
Wenn dieser Franzose mĂŒde war wegen der langen Reise, wieso bleibt er nicht zunĂ€chst im Hotel, wie der Professor es getan hat, statt zum Commissario zu gehen. Das GemĂ€lde hĂ€tte er ja so oder so nicht ohne den Gutachten des Da Vinci Gelehrten mitnehmen können, oder dich?
Falls ja, dann frage ich mich, wieso der Prof. Lefebvre oder wie auch immer ĂŒberhaupt mit nach Italien gekommen ist?
Das war in meiner Phantasie ganz einfach so:
Nachdem der Franzose den Ă€lteren Gelehrten im Hotel abgeliefert hatte, wollte er vorab schon mal die Lage peilen. Er ahnte wohl schon, dass sein italienisches Pendant irgendwas im Schilde fĂŒhrte.
quote:
Im großen und ganzen ist diese Geschichte jedoch gelungen
(Also zerbricht dir nicht allzu sehr den Kopf darĂŒber ;-)
Nein, den Kopf zerbrochen hab ich mir beim Schreiben. Jetzt ist es einfach nur interessant zu sehen, wie sie auf andere wirkt, um somit einen Blick in eure Phantasiewelt zu werfen.

und

@MichaelKuss
Da kann ich dir nur zustimmen. Dieses GemĂ€lde hat schon etwas. Desto lĂ€nger man sich ihr „sanftes“ LĂ€cheln betrachtet, desto schelmischer wirkt es auf einen.
Ich bewahre das Original jedoch nicht im Keller auf. MajestĂ€t fordert nicht nur ungeteilte Aufmerksamkeit, ihr ist auch nach natĂŒrlichem Licht. So hĂ€ngt sie still, aber alles andere als brav, in meiner bescheidenen Wohnstube. Manchmal ist das beste Versteck das offensichtliche.

Salam Yasin
À bientît Michael

F. P.

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