Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5553
Themen:   95286
Momentan online:
497 Gäste und 5 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Bestimmung der Kastanie
Eingestellt am 23. 08. 2012 11:30


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
raineru
???
Registriert: May 2012

Werke: 16
Kommentare: 65
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um raineru eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil



Wie eine idyllische Oase der Stille lag der kleine Biergarten mit seinen m├Ąchtigen, alten Kastanienb├Ąumen in den h├Ąsslichen H├Ąuserschluchten der Gro├čstadt. Es war Ende Oktober. Die welken Bl├Ątter hatten die Herbstst├╝rme fortgerissen. Die Kastanien waren alle, braun und gl├Ąnzend, aus ihren gelbgr├╝nen Stachelh├╝llen, auf den Kiesboden gefallen. Ihr Schicksal war es, in Plastikt├╝ten gesammelt und von Kinderh├Ąnden in Streichholzm├Ąnnchen oder Igelchen verwandelt zu werden. Alle hatten den gro├čen Augenblick des Fallens schon hinter sich, bis auf eine. Hoch oben hing sie einsam an ihrem ├ästchen ├╝ber einem, von den Kellnern stehen gelassenen, angerosteten Blechtisch. Sch├Ân und besonders gro├č war sie.
Heute sollte IHR Tag sein.

Ein herrlicher klarer, frischer Herbstnachmittag. Doch es regte sich kein L├╝ftchen das hilfreich h├Ątte sein k├Ânnen. Sie wusste auch, dass die wundersch├Âne Zeit ihrer Reife umsonst war.
Ohne Bestimmung.
Ohne Sinn.
Niemals w├╝rde aus ihr, ein gro├čer, pr├Ąchtiger Baum der im Mai mit seiner Bl├╝tenf├╝lle die Poeten inspiriert. Gut... wenn es der Sinn ihrer Existenz war, ein Streichholz-Igelchen zu werden. Na ja...Doch selbst daf├╝r war die Zeit im Jahr zu weit fortgeschritten. Unten, zwischen den zusammengeklappten Holzst├╝hlen, waren keine Kinder mehr, die nach Kastanien suchten.

Jetzt war da pl├Âtzlich ein Mann mit Hut und schwarzem Mantel. Etwas stimmte nicht mit ihm. Geduckt und ├Ąngstlich suchend, schlich er in Richtung des alten Blechtisches. Er schien sehr nerv├Âs zu sein. Er zitterte. Und da zitterte und h├╝pfte noch etwas. Ein kleiner roter Lichtpunkt, der immer wieder auf seiner verschwitzten Stirn auftauchte, dann wieder verschwand.

Harry Paulson hatte Angst. Todesangst. Am n├Ąchsten Morgen sollte er als Kronzeuge, gegen einen der ganz gro├čen Bosse des Syndikats aussagen. Der Beamte in Zivil, der ihn besch├╝tzen sollte, war pl├Âtzlich wie vom Erdboden verschluckt. Exakt in dem Augenblick, als er das Foto, das Hauptbeweisst├╝ck, das mit dem Picknick, aus dem Schlie├čfach geholt hatte. Harry wusste, dass sie hinter ihm her waren. Er wusste auch, dass er sehr schnell, sehr tot sein w├╝rde, wenn sie ihn schnappten. F├╝r ihn gab es im Augenblick verdammt viel Bestimmung und Sinn des Daseins. Morgen gegen diesen Verbrecher aussagen.
Das war es, was er wollte.
Das war es, was er tun w├╝rde.

ÔÇ×Hast du ihn endlich?ÔÇť, fragte der glatzk├Âpfige Schl├Ągertyp im eleganten Anzug, ohne die Kippe aus dem Mund zu nehmen.
ÔÇ×Ja, verdammt!ÔÇť.
Der Mann mit dem Gewehr dr├╝ckte das Auge erneut auf das Zielfernrohr.
ÔÇ×Diese beschissenen Zweige. Da ist zu viel Kleinkram im Weg. Wenn er wenigstens stillhalten w├╝rdeÔÇť.
ÔÇ×Du hast einen Schuss. Einen einzigen... Herr Superscharfsch├╝tzeÔÇť.
Glatzeman dr├╝ckte mit Daumen und Zeigefinger das Gr├╝bchen an seinem Kinn zusammen.
ÔÇ×Wenn du das hier wieder vermasselst, hast du das letzte Mal warm geschissen. Du wei├čt wie der Chef denktÔÇť.
ÔÇ×Halt einfach die Fresse O.K.?ÔÇť.
Der Lasersuchpunkt tanzte einen Augenblick auf Harry┬┤s Stirn.
Die Fingerspitze am Abzug bewegte sich langsam, z├Âgernd nach hinten. Harry ahnte nicht, dass sich der Tod ├╝ber seinen Augenbrauen ein Pl├Ątzchen suchte.

Hoch ├╝ber dem Blechtisch, genau auf dem ├ästchen, an dem unsere Kastanie auf ihre Erl├Âsung wartete, suchte sich in diesem Moment, ein Sperlingsp├Ąrchen ein Pl├Ątzchen, ...um flatternd zu streiten.
Der gro├če Augenblick war gekommen. Das ├ästchen wackelte. Die Frucht l├Âste sich und fiel, schwebte fast erhaben, ja genussvoll und doch sehr schnell, ihrer Bestimmung entgegen.

Harry┬┤s Nerven lagen blank. Mit zusammengekniffenen Augen suchte er in den Fenstern ringsum nach irgendetwas Verd├Ąchtigem. Es war still. Nur weit oben, das ferne Geschrei der Spatzen. Ruckartig ging der Finger am Abzug nach hinten. Fast lautlos, schallged├Ąmpft flutschte das Geschoss mit einem "Plopp" aus der M├╝ndung des Gewehrlaufs.

Der Knall, mit dem die Kastanie auf den blechernen Biergartentisch aufgekracht war, lie├č Harry zusammenzucken und instinktiv den Kopf einziehen. Das Geschoss zischte ihm am Ohr vorbei, bohrte sich in einen der St├╝hle.










Version vom 23. 08. 2012 11:30
Version vom 23. 08. 2012 11:57
Version vom 23. 08. 2012 12:12
Version vom 23. 08. 2012 18:46

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


2 ausgeblendete Kommentare sind nur f├╝r Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Werbung