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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Die Beute
Eingestellt am 14. 05. 2003 08:56


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Silke_Honert
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2003

Werke: 8
Kommentare: 1
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Gelassen beobachtete Sergej Sukov die Frau, von der er nur wusste, dass sie Joan Davies hie├č und dass sie diesen Nachmittag allein in ihrem Penthouse verbringen w├╝rde. H├╝bsch, die Kleine, dachte er und nahm durch das Fernglas ihre Br├╝ste, die nur von zwei winzigen, roten Stoffteilen bedeckt waren, genauer unter die Lupe. Wirklich nicht schlecht, fand er, genau wie der Rest. Ein attraktives, sorgf├Ąltig gepflegtes Gesicht, perfekt frisiertes Haar und Beine bis zum Hals. War vermutlich um einiges j├╝nger als sie aussah, wie es sich f├╝r die Frau eines reichen Gesch├Ąftsmannes geh├Ârte. Wahrscheinlich hatte ein Sch├Ânheitschirurg an der einen oder anderen Stelle nachgeholfen und dabei verdammt gute Arbeit geleistet.
   Sukov verfolgte, wie sie mit ihren schlanken Fingern an einem vor K├Ąlte beschlagenen Glas mit einer goldgelben Fl├╝ssigkeit spielte und fragte sich nicht zum ersten Mal, weshalb solche Frauen st├Ąndig zentimeterlange Fingern├Ągel haben mussten. Dabei strich er sich gedankenverloren ├╝ber einen verkrusteten Kratzer ├╝ber dem linken Auge und dachte kurz an die unangenehme Episode in Washington vor drei Tagen. Dann griff er zur Waffe. Sein Puls beschleunigte sich genauso wenig wie sein Atem und der Schwei├č, der ihm ├╝ber das Gesicht lief, war einzig der br├╝tenden Mittsommerhitze zuzuschreiben, die seit Tagen ├╝ber Houston lag. Wenn dieser Job erledigt war, wartete ein Ticket nach London auf ihn. Er liebte den englischen Regen.
   Das Zielfernrohr des Gewehrs lie├č Joan ganz nahe erscheinen. Sukov konnte sogar ein Muttermal erkennen, dass herzf├Ârmig auf ihrer linken Brust sa├č. Wie passend, dachte er und spielte kurz mit dem Gedanken, die Kugel dort zu platzieren. Dann riss er sich jedoch zusammen und nahm ihre Stirn ins Visier. Dunkle Ponyfransen tanzten in der kaum wahrnehmbaren Brise. Er dr├╝ckte ab.

ÔÇ×Deshalb fliege ich so gern mit Air FranceÔÇť, sagte der Passagier neben ihm augenzwinkernd und wies mit einem Grinsen auf die attraktive Flugbegleiterin, die gerade ├╝berpr├╝fte, ob das Gep├Ąck ordnungsgem├Ą├č verstaut war, ÔÇ×Die haben die h├╝bschesten Stewardessen!ÔÇť
   ÔÇ×HmÔÇŽja, stimmtÔÇť, erwiderte Sukov und hoffte, der junge Bursche w├╝rde nicht versuchen, ihn in ein Gespr├Ąch zu verwickeln. Er hasste dieses v├Âllig sinnfreie Gerede zwischen zwei Fremden, die sich eigentlich nichts zu sagen hatten.
   ÔÇ×Ist die Kleine nicht eine Wucht? Kommen Sie, Kumpel, ich hab┬┤ doch gesehen, dass Sie sie die ganze Zeit anstarren!ÔÇť
   Sukov seufzte ver├Ąrgert. Das schien heute nicht sein Gl├╝ckstag zu sein. Er hatte der Stewardess tats├Ąchlich auf den zugegebenerma├čen fantastischen Hintern geschaut, allerdings ├╝berhaupt keine Lust, sich dar├╝ber mit seinem Nachbarn zu unterhalten.
   ÔÇ×Wenn Sie es sagenÔÇť, erwiderte er gleichg├╝ltig und schloss die Augen in der Hoffnung, der Andere w├╝rde ihn in Ruhe lassen.
   ÔÇ×Ich bin ├╝brigens Roger O┬┤MalleyÔÇť, versuchte der junge Mann jedoch die einseitige Unterhaltung fortzusetzen.
   Oh, Mann, wie er solche Leute liebte. Er nahm den anderen Mann genauer unter die Lupe und sch├Ątzte ihn auf Mitte zwanzig. Jedenfalls deutlich j├╝nger, als er selbst. Nicht gerade billiger Anzug, Yuppie-Auftreten und ein sommersprossiges, offenes Gesicht. Blonde Haare. Er entschied sich, ausnahmsweise nicht unh├Âflich zu sein.
   ÔÇ×Michael LinleyÔÇť, nannte er dem Anderen den Namen, auf den derzeit sein Pass lautete, ÔÇ×H├Âren Sie, ich bin ziemlich m├╝de und habe keine rechte Lust auf eine Unterhaltung. Nehmen Sie┬┤s mir nicht ├╝bel.ÔÇť
   O┬┤Malley grinste verst├Ąndnisvoll. ÔÇ×Kein Problem, ich bin nur ein wenig nerv├Âs, weil ich so ungern fliege. Ich wollte sie nicht nerven!ÔÇť
   Sukov erwiderte h├Âflich O┬┤Malleys L├Ącheln und verga├č den Mann einfach.
   Das ├Ąnderte sich schlagartig, als er ihn auf Flug 245 von Paris nach London wieder zusehen glaubte. Er selbst hatte seine Gr├╝nde, den Umweg ├╝ber Paris zu nehmen, doch er bezweifelte, dass das vielen anderen auch so ging. Und doch war er sich sicher, dass der blonde Schopf des Passagiers drei Reihen vor ihm, O┬┤Malley geh├Ârte. In seinem Metier glaubte man nicht an Zuf├Ąlle und er ├╝berlegte, ob er in Schwierigkeiten sein k├Ânnte. Er bekam keine Gelegenheit, das Gesicht des Fremden zu erkennen, denn beim Aussteigen, war der Mann lange vor ihm verschwunden.
   Heathrow war laut und schmutzig wie immer und es dauerte fast eine Stunde, bis Sukov sein Gep├Ąck in Empfang genommen und sich zu den Taxis vorgearbeitet hatte. Auf dem Weg in die Innenstadt war er sich erneut sicher, O┬┤Malley zu sehen. In einer dunklen Limousine hinter ihm. Doch kaum hatte er den Wagen entdeckt, bog dieser auch schon ab. Er f├╝hlte sich zunehmend unbehaglich. Sein Instinkt sagte ihm, dass er verfolgt wurde und er fluchte innerlich, dass er sich nicht auf ein Gespr├Ąch mit dem Fremden eingelassen hatte.
   Im Hilton glaubte ihn der Empfangschef zu erkennen. Doch bevor dieser ihn mit dem Namen ansprechen konnte, den er beim letzten Mal benutzt hatte, sagte Sukov: ÔÇ×Pierre Valmont, ich habe von heute auf morgen reserviert, Monsieur.ÔÇť
   Der Portier schaute ihn kurz verwirrt an, aber der franz├Âsische Akzent, den er sich gerade zu gelegt hatte, ├╝berzeugte den Mann und er h├Ąndigte ihm mit professionellem L├Ącheln die Zugangskarte f├╝r Suite 214 aus.
   Sukov liebte die h├Âhlenartigen Suiten des Hiltons. Dieses Mal nahm er sich jedoch nicht die Zeit, seine Ankunft zu genie├čen. Er zog sich rasch um und hatte sich mittels grauer Per├╝cke und dunklem Schnurrbart sowie etwas Watte, die er sich in die Backentaschen geschoben hatte, bald in den distinguiert wirkenden Richard Freemont verwandelt, dessen Pass er zusammen mit einem B├╝ndel Banknoten in die Innentasche seines Trenchcoats steckte, bevor er das Zimmer verlie├č. Scheinbar ziellos bewegte er sich durch die belebte Eingangshalle des Hotels, lie├č sich in einen der bequemen Ledersessel in der Lounge nieder und griff nach der Tageszeitung. Nach f├╝nf Minuten sah er ihn. O┬┤Malley ÔÇô oder wie auch immer der Bursche hie├č, stand an den Empfangstresen gelehnt und hielt offenbar einen kleinen Plausch mit dem Portier, jedoch ohne das Geschehen um sich herum aus den Augen zu lassen. Belustigt sah er, dass O┬┤Malley ebenfalls versucht hatte, sich zu verkleiden, wenn auch mit einem geradezu lachhaftem Ergebnis. Die schwarze Per├╝cke passte nicht zu der blassen, sommersprossigen Haut und der Hut sah aus, als stamme er von der Heilsarmee. Sukov hatte jetzt keinen Zweifel mehr daran, dass man den Burschen auf ihn angesetzt hatte, um ihn auszuschalten. L├Ącherlich! Als ob dieser Junge, der noch gr├╝n hinter den Ohren war, es mit ihm aufnehmen konnte. Er unterdr├╝ckte sein Grinsen und verlie├č gelassen das Hotel.
   An der Central Station genehmigte er sich eine gro├če Portion Fish ┬┤n Chips bevor er sich langsam zu den Gep├Ąckschlie├čf├Ąchern bewegte und die Umgebung sondierte. Nach einer halben Stunde war er sicher, dass alles so war, wie es sein wollte. Er tastete nach dem Schl├╝ssel in seiner Manteltasche und trat vor das Fach Nr. 188. Die schwarze Ledertasche darin war ziemlich schwer. In ihr befand sich ein Pr├Ązisionsgewehr, Kleidung f├╝r mehrere Tage, vier Reisep├Ąsse und andere Ausweispapiere sowie f├╝nftausend kanadische Dollar. Sukov freute sich auf Vancouver. Das Wetter um diese Zeit war fast so wie in England.
   Die U-Bahn brachte ihn in knapp zwanzig Minuten an sein Ziel. Noch in der Station wechselte er die Kleidung und verwandelte sich in einen Bauarbeiter. Niemand beachtete ihn, als er die Baustelle betrat auf der ein neues Einkaufszentrum auf seine Fertigstellung wartete. Nachdem es seit Tagen beinahe ununterbrochen geregnet hatte, war kaum jemand zu sehen. Ein Wachmann kam ihm entgegen und sah ihn leicht befremdet an, als er das Treppenhaus betrat, doch wenn ├╝berhaupt, w├╝rde er sich sp├Ąter nur an einen dicken, rothaarigen Bauarbeiter mit Pausbacken erinnern. Im vierten Stock bezog Sukov an einem der noch glaslosen Fenster auf der Nordseite des Geb├Ąudes Stellung und wartete. Das Warten machte einen gro├čen Teil seines Gesch├Ąftes aus, aber er hatte keine Probleme damit.
   Nach etwa einer Stunde war es soweit. Wilbur Cortland betrat das Appartment im B├╝rogeb├Ąude auf der anderen Seite. Durch das Zielfernrohr verfolgte Sukov, wie der enorm beleibte Mann mit seinen so genannten Gesch├Ąftsfreunden eine Flasche Dom Perignon k├Âpfte. Au├čer Cortland erkannte er noch zwei andere Gr├Â├čen des Londoner B├Ârsenparketts. Doch nur Cortland war das Ziel. Seine Finger kr├╝mmten sich um den Abzug. Da veranlasste ihn irgendetwas hinab auf die Stra├če zu blicken und er fluchte. Roger O┬┤Malley stand auf der anderen Stra├čenseite und blickte zu ihm hinauf. Unwillk├╝rlich wich er zur├╝ck, obwohl er wusste, dass der Andere ihn unm├Âglich sehen konnte. Was zum Teufel tat der Bursche hier? Er konnte ihn unm├Âglich verfolgt haben, woher hatte er also gewusst, wo er hin musste? Es gab nur eine Antwort auf diese Frage. Man hatte ihn verraten. Er war nicht nach London geschickt worden, um Wilbur Cortland umzubringen, sondern weil er selbst ausgeschaltet werden sollte. Durch das Zielfernrohr verfolgte Sukov, wie O┬┤Malley das B├╝rogeb├Ąude betrat. Zehn unendlich lange Minuten war der Mann nicht mehr zu sehen, dann nahm Sukov wahr, dass sich die Gardine in einem der B├╝ros unterhalb Cortlands Appartements bewegte. Tats├Ąchlich, da war O┬┤Malley und suchte ihn ├╝ber das Zielfernrohr seines Gewehrs. Sukov verbarg sich geschickt hinter der undurchsichtigen Plastikfolie vor dem Fenster, so dass nur der Lauf seiner Waffe darunter hervor sah. An den Bewegungen von O┬┤Malleys Gewehr erkannte er, dass sein Gegner ihn noch nicht entdeckt hatte. Und das w├╝rde er auch nicht, dachte Sukov grimmig und nahm das blasse Gesicht seines Feindes ins Visier. Der tauchte pl├Âtzlich hinter seiner Waffe auf und hielt ihm grinsend den Mittelfinger seiner rechten Hand entgegen. Fassungslos hob Sukov den Kopf und fragte sich, ob der Junge v├Âllig durchgeknallt war. Er sah wieder durch das Zielfernrohr und wurde pl├Âtzlich durch ein Ger├Ąusch hinter sich abgelenkt. Jemand stand hinter ihm. Er bewegte sich nicht und starrte stattdessen durch das Zielfernrohr auf das leere Fenster im gegen├╝ber liegenden Geb├Ąude, wo kurz zuvor noch O┬┤Malley gestanden hatte,
   Sukov wurde klar, dass er einen eklatanten Fehler gemacht hatte. Untersch├Ątze nie Deinen Gegner, das war eine der wichtigsten Lektionen, die er je gelernt hatte. Doch genau das hatte er getan. Er hatte tats├Ąchlich angenommen, dass man einen unerfahrenen Jungen auf ihn angesetzt hatte und sich noch ├╝ber dieses l├Ącherliche Vorhaben am├╝siert. Dabei war O┬┤Malley nicht der Killer sondern lediglich ein Ablenkungsman├Âver. Ein ziemlich plumpes noch dazu. Doch nichtsdestotrotz erfolgreich, denn irgendjemand stand hinter ihm und zielte mit einer Waffe auf ihn, die ihm wahrscheinlich den Kopf wegrei├čen w├╝rde.
   Sukov seufzte. Nun ja, wer konnte schon von sich behaupten fehlerfrei zu sein. Noch w├Ąhrend er sich herumwarf, um auf seinen Feind zu schie├čen, wurde ihm klar, dass er keine Chance hatte. Er verfehlte seinen Gegner um einen halben Meter, w├Ąhrend dessen Kugel ein Loch von der Gr├Â├če einer Untertasse in Sukovs Brust riss und ihn r├╝ckw├Ąrts aus dem Fenster bef├Ârderte.

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Marcus Richter
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Jan 2003

Werke: 73
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Hi Silke,
du hast einen guten Stil drauf. Dein Profikiller kommt sehr sachlich und ruhig r├╝ber ÔÇô so wie es sein soll. Auch l├Ąsst du offen, wer ihn umbringen will und warum. Es ist ja f├╝r ihn selbst nicht einmal wichtig. Da kommen mir solche Begriffe wie Prinzipien und Gesch├Ąftsbedingungen in den Sinn. Eigentlich gibt es an der Geschichte nichts auszusetzen. Sie geht gerade durch, sehr gut geschrieben. Vielleicht kann ich mal dr├╝ber nachdenken, wie man sie noch verfeinern k├Ânnte?
Der junge Mann kommt noch etwas blass r├╝ber. Ich w├╝rde versuchen, ihm mehr Gesicht zu geben. Entweder k├Ânntest du das Gespr├Ąch zwischen beiden ausdehnen oder einen Wechsel zwischen Sicht des Killers und des jungen Mannes herstellen. Nat├╝rlich muss er undurchsichtig bleiben. Wie gesagt, es ist f├╝r die K├╝rze eine gute Kurzgeschichte, aber ich w├╝rde an deiner Stelle mehr draus machen wollen, sie ein wenig aus dem Klischee herausheben.

Ansonsten finde ich die Geschichte sehr gelungen.
Sch├Âne Gr├╝sse,
Marcus

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"Ein Wort aufs Papier und wir haben das Drama."
Durs Gr├╝nbein

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