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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Blume
Eingestellt am 21. 01. 2018 14:34


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anbas
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Die Blume

"Riech mal!", sagte Mia und hielt mir eine Blume vor die Nase.
"Das ist doch nur eine Plastikblume!", brummte ich und schob ihre Hand beiseite. Dann sammelte ich die Zeitungen auf, die wild verstreut um das Sofa herumlagen, und packte sie ordentlich in den Zeitungsst├Ąnder. Seit etwa zwei Stunden war ich damit besch├Ąftigt, die Wohnung zu putzen und aufzur├Ąumen. Wenn Claudia nachher von ihrer Gesch├Ąftsreise zur├╝ckkam, sollte unser Heim wieder in einem top Zustand sein. Die Spurenbeseitigung der kleinen und gr├Â├čeren Pannen aus den letzten Tagen dauerte deutlich l├Ąnger als ich erwartet hatte. Nun kam ich zunehmend unter Zeitdruck. Insgesamt hatte ich es mir leichter vorgestellt, Job und Haushalt unter einen Hut zu bringen.

"Na und? Sie duftet trotzdem! Hier, riech doch auch mal!"
Wieder hielt sie mir die Blume entgegen, und sah mich erwartungsvoll an.
"Ach, h├Âr doch auf mit dem Unsinn! Ich habe f├╝r sowas jetzt echt keinen Nerv. Das Ding ist aus Plastik und kann gar nicht duften, klar? Und jetzt lass mich hier weitermachen. Hast du inzwischen dein Zimmer aufger├Ąumt?"
Gereizt ging ich zum Fenster, um ein wenig zu l├╝ften. Der Gestank von den verbrannten Koteletts, die ich gestern Abend zustande gebracht hatte, lag immer noch in der Wohnung ÔÇô das Spiel der Nationalmannschaft war einfach zu spannend gewesen. Mia hatte sich dann ├╝ber den anschlie├čenden Besuch bei McDonalds sehr gefreut. Diese Begeisterung h├Ątten meine Koteletts bei ihr nie ausgel├Âst. Claudia w├╝rde es sicherlich nicht gefallen, wenn sie erfuhr, wo wir gestern Abend zum Essen waren ÔÇô und sie w├╝rde es erfahren, denn Mia war als Geheimnistr├Ągerin absolut ungeeignet.

Wir wohnten im f├╝nften Stock eines Mietshauses. F├╝r einen Moment blieb ich am ge├Âffneten Fenster stehen und blickte nach drau├čen. Dort zogen dichte Regenwolken ├╝ber die tristen D├Ącher der Siedlung. Die Stra├če war wie leergefegt. Nur ab und zu sah ich unten auf dem B├╝rgersteig einen Schirm entlanghuschen. Der Regen musste gerade erst aufgeh├Ârt haben, es tropfte noch ├╝berall von den D├Ąchern und B├Ąumen, und in den Rinnsteinen sammelte sich das Wasser, um dann irgendwo in irgendeinem Siel zu verschwinden. Zur├╝ck blieben matt gl├Ąnzende Fl├Ąchen aus Gehplatten und Asphalt. Es war eine graue, tr├╝be Welt, auf die ich da hinunterschaute.

Die Gegend hatte sich in den letzten Jahren sehr ver├Ąndert. Ich hatte hier schon als Kind gelebt. Mir fiel ein, wie ich damals an solchen Regentagen drau├čen herumgetollt habe. Nass und verdreckt kam ich abends nach Hause. Mutters Strafpredigten lie├č ich schuldbewusst ├╝ber mich ergehen. Und oft lag ich nach solchen Eskapaden ein paar Tage sp├Ąter mit einer Erk├Ąltung im Bett.
Doch wo waren jetzt die Kinder, die im Matsch spielten? Kinder, die Staud├Ąmme bauten oder mit kleinen Booten die Sieben Weltmeere f├╝r sich eroberten ÔÇô eben so, wie wir es fr├╝her getan hatten. Unsere Phantasie kannte keine Grenzen: Einzelne Pf├╝tzen verbanden wir durch Kan├Ąle, auf neu angelegten Inseln bauten wir Burgen, und Staud├Ąmme wurden errichtet oder wieder eingerissen. Wir waren die Weltenbummler, Piraten und Baumeister. Wie gro├č war immer das Gemaule, wenn wir ins Haus gerufen wurden. Mit den Gedanken bei unseren Bauwerken lie├čen wir wieder einmal die vorwurfsvollen Worte unserer M├╝tter ├╝ber uns ergehen. Mit neuen Pl├Ąnen f├╝r den n├Ąchsten Tag gingen wir zu Bett. Mit der Hoffnung, dass m├Âglichst alles noch so war, wie wir es verlassen hatten, eilten wir am n├Ąchsten Tag wieder zu unseren Pf├╝tzen. Schnell waren die Ermahnungen vergessen, dass wir diesmal mehr aufpassen und uns nicht wieder so einsauen sollten.
Doch Staud├Ąmme, Br├╝cken, Kan├Ąle und Inseln verschwanden mit dem Bau der Siedlung. Stattdessen gab es Rutschen, Schaukeln und Kletterger├╝ste aus Eisen, sowie Sandk├Ąsten, in denen sich keine Pf├╝tzen bilden konnten. Wir dachten uns neue Spiele aus: Das Kletterger├╝st, die Rutsche und die Schaukel wurden zu Raumschiffen, Flugzeugen, Rennwagen, U-Booten oder Felsw├Ąnden. In den Sandkisten bauten wir Burgen, H├Âhlen oder Stra├čen f├╝r kleine Autos. Wir erfanden viele Spiele ÔÇô nur die Pf├╝tzen gab es nicht mehr. Immer h├Ąufiger warteten wir nach einem Regenguss bis es drau├čen wieder trocken war. Dann erst trafen wir uns zum Spielen. Und irgendwann blieb der Spielplatz an Regentagen leer und verlassen.
Auch jetzt waren unten keine Kinder zu sehen. Doch auch an sch├Ânen Sonnentagen wurde der Spielplatz kaum genutzt. Verbeulte Cola-Dosen, zerrissene Chipt├╝ten und leere Zigarettenschachteln lagen verstreut in der Sandkiste umher. Von der Rutsche und dem Kletterger├╝st war schon l├Ąngst die Farbe abgebl├Ąttert, und unter der Schaukel, die so furchtbar quietschte, hatte sich eine tiefe Mulde gebildet, in der sich nun etwas Wasser gesammelt hatte ÔÇô es war die einzige Pf├╝tze weit und breit.

Wie lange ich wohl hinausgeschaut hatte? Unten auf der Stra├če gingen die Laternen an. Langsam drehte ich mich wieder um. Mia stand immer noch mit ihrer Blume da. Sie sah mich mit leuchtenden Augen an und sagte fast schon flehend: "Bitte Papa, riech mal! Ich hab' sie doch extra f├╝r dich gepfl├╝ckt! Sie duftet wirklich sch├Ân! Siehst du!" Dann schnupperte sie an diesem Plastikteil und l├Ąchelte verz├╝ckt. Wieder hielt sie mir die Blume hin. Nach kurzem Z├Âgern nahm ich sie und schnupperte ebenfalls an ihr.
"Hmm, danke! Du hast recht, sie duftet, wirklich sehr sch├Ân!"

__________________
Wenn der Weg das Ziel ist, kann man nicht falsch abbiegen. (anbas)

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Maribu
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Die Blume

Hallo Andreas,

ein nachdenklich stimmender, gut gelungener Text!

Ja, fr├╝her war nicht alles besser, aber anders!
Die Kinder werden heute zusehr in Watte gepackt; werden zur Schule kutschiert und wenn es regnet, kann man nass werden und sich eventuell eine Erk├Ąltung holen. Dann bietet es sich doch an, in der Wohnung zu bleiben und auf dem iPhone herumzuspielen, das strengt auch den Geist nicht so an!

Die Mia hat ja noch Phantasie, sp├╝rt den Duft der Plastikblume.
Wie sch├Ân, dass der Papa darauf eingeht!

Beste Gr├╝├če
Maribu

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DocSchneider
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Hallo anbas,

gut geschriebene Geschichte, wie immer. Am Handwerklichen gibt es au├čer einer Sache - siehe sp├Ąter - nichts zu bem├Ąngeln.

Inhaltlich habe ich so meine Schwierigkeiten. Der Papa erf├╝llt voll das Klischee, mit dem Haushalt ├╝berfordert zu sein, wenn Mama mal nicht da ist. Und sie war nur ein paar Tage weg und sofort ist Chaos - bei einem Kind und einem Papa m├╝sste das schon vorher da gewesen sein.

Und nat├╝rlich hat er die Schnitzel anbrennen lassen, weil er Fu├čball gucken musste. Und nat├╝rlich ging es deshalb zu McDoof. Den im Text verwendeten Namen musst Du ├╝brigens ├Ąndern, da Klarnamen von Firmen unter das Werbeverbot fallen.

Auch seine Gedanken zum Thema "Fr├╝her war alles besser" sind schon tausendmal gesagt und aufgeschrieben. Das finde ich zu langweilig.

Jetzt kommt die Plastikblume ins Spiel. Ein geschickter Schachzug, denn das stimmt nachdenklich: Das Kind h├Ąlt sie ja wirklich f├╝r eine echte duftende Blume.

Papa geht darauf ein.

Alles gut?

Nein! F├╝r mich w├Ąre es plausibler gewesen, Papa h├Ątte die Chance genutzt und gesagt: Mia, das ist keine echte Blume. Komm mit, wir gehen hinaus in den Regen. F├╝hlen die Tropfen, lassen uns nassmachen und suchen eine 'richtige' Blume. Und dann schnupperst Du mal dran und merkst, wie sie wirklich duftet ...


So w├Ąre es mich passender gewesen.


Viele Gr├╝├če,

DS


__________________
Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals erm├╝dendem Lesen. (Virgina Woolf)

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steyrer
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Blume und Pf├╝tze

Ich nehme an, es soll eine melancholisch-nostalgische Geschichte mit vers├Âhnlichem Ende werden? In diesem Falle st├Ârt mich die Antwort: Ich hab' sie doch extra f├╝r dich gepfl├╝ckt!

Begr├╝ndung: Das Kind gibt schon im zweiten Absatz zu, dass die Blume nur aus Plastik ist: Na und? Sie duftet trotzdem! Dass (auch duftende) Plastikblumen nicht auf der Wiese wachsen, wissen auch kleine M├Ądchen. Wo hat sie die Blume also ÔÇ×gepfl├╝cktÔÇť? Aus einer Vase vielleicht?

Interessant finde ich die Gegen├╝berstellung der Ger├╝che: Der eingebildete Duft der Plastikblume und der Gestank der zwar echten, aber verbrannten Koteletts.

Abschlie├čend: Am Spielplatz steht wieder eine Pf├╝tze und die Plastikblume duftet. Diesen Schluss halte ich f├╝r absolut ausreichend. Ein Happy End w├╝rde angeklebt aussehen.

Sch├Âne Gr├╝├če
steyrer

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anbas
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Hallo in die Runde,

zur Zeit komme ich nicht dazu, ausf├╝hrlich auf Eure Kommentare einzugehen. Ich nehme es mir fast t├Ąglich vor, aber irgendwie klappt es dann doch nicht. Aber vielleicht wird es ja heute Abend was ... .

Daher jetzt erstmal nur dieses kurze "Lebenszeichen" verbunden mit meinem herzlichen Dank f├╝r Eure R├╝ckmeldungen und Wertungen.


Liebe Gr├╝├če

Andreas
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anbas
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Nun aber ...


Hallo Maribu,

ich freue mich, dass Dir diese Geschichte gef├Ąllt und danke Dir auch f├╝r Deine weitergehenden Gedanken.



Hallo Doc,

vielen Dank f├╝r die Auseinandersetzung mit dem Text. ├ťber das

quote:
gut geschriebene Geschichte, wie immer
freue ich mich nat├╝rlich besonders .

Aber auch f├╝r die ├╝brigen Anmerkungen bin ich Dir dankbar - sie sind noch lange nicht ad acta gelegt. Daher m├Âchte ich mein gleich hin und wieder kommendes "Aber" unter Vorbehalt sehen, da ich noch im Denkprozess bin.

Zum Klischee - ja, ist vielleicht etwas zu viel des Guten. Grunds├Ątzlich aber empfinde ich es zeitweilig auch schon als zu gewollt, wenn "krampfhaft" versucht wird, mit jedem Klischee zu brechen oder jedes zu umschiffen. Mal sehen, hier kann ich mir schon vorstellen, dass ich ein paar Stellen ├Ąndere.

Zum Klarnamen - werde ich bei Gelegenheit ├Ąndern, aber z├Ąhneknirschend. Ich finde nicht, dass die Nennung eines Klarnamens auch gleich versteckte Werbung ist. Es gibt so viele Geschichten, in denen inzwischen Product- und Firmennamen genannt werden, weil sie einfach zum allt├Ąglichen Leben dazugeh├Âren ... aber wenn's denn sein muss .

Fr├╝her war alles besser - man kann die Geschichte so lesen. Mir geht es eher um - wie Maribu es formuliert - fr├╝her war vieles anders. Und da sollten melancholische R├╝ckblicke durchaus "gestattet" sein.

Dein Vorschlag zum Ende - das w├Ąre f├╝r mich eine zu gro├če Kehrtwende f├╝r eine solch kleine Episode. Der Vater geht auf das Spiel der Tochter ein. Das reicht (mir) v├Âllig aus.



Hallo steyrer,

auch Dir danke ich f├╝rs Feedback.

Ich sehe keinen Widerspruch darin, dass das Kind wei├č, dass es sich um eine Platikblume handelt und sp├Ąter sagt, dass es sie extra f├╝r den Papa gefl├╝ckt hat. Kinder backen auch Kuchen aus Sand und tun so, als w├╝rden sie ihn essen, bleiben also im Spiel, obwohl sie wissen, dass sie das Zeug nicht in den Mund nehmen sollten.

Was das Ende betrifft, so m├Âchte ich es wirklich so lassen, wie es ist. Es deutet ein kleines Happy End an, l├Ąsst aber offen, wie es dann weiter geht (danach w├Ąre sogar noch Platz f├╝r die Idee von Doc Schneider ).


Also, noch mal vielen Dank. Ich werde an dieser Geschichte dran bleiben. Sie ist schon recht "betagt" - ich habe sie vor etwa drei├čig Jahren geschrieben, zwischendurch ein paar Mal ├╝berarbeitet, und jetzt bin ich noch einmal gr├╝ndlich dr├╝bergegangen. Nach so einer langen "Bauphase" will ich irgendwann auch mal zum Abschluss kommen .


Liebe Gr├╝├če an Euch alle

Andreas
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