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Leselupe.de > Kindergeschichten
Die Blumen der Salzprinzessin
Eingestellt am 09. 12. 2008 18:52


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Christoph
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Oct 2006

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Dieses moderne Märchen ist für Kinder gedacht, die schon fast Jugendliche sind.
Nach der Empfehlung des LL-Lektors und nach ersten "Live-Tests", wĂĽrde ich das Lesealter auf "ab 8 Jahre" herabsetzen.

Die Blumen der Salzprinzessin

1. Im Höhlenreich der Salzigen

„Natrio!“ Die riesige Höhle dröhnte von der Lautstärke der kräftigen Stimme.
„Natrio! Antworte, wenn ich dich rufe!“ Der Ton in der Stimme des uralten Steinsalzpatriarchen wurde ärgerlich.
„Ich habe dich gehört, Chloridio“, kam es leise aus einer Nische. „Ich komme gleich!“
„Sofort! Jetzt sofort!“, dröhnte es so laut, dass man Angst haben musste, die zarten Salzsäulen könnten zerbersten.
Vorsichtig und leise bewegte sich Natrio zu der kleinen Anhöhe in der Salzhöhle, auf der seit tausenden von Jahren der Patriarch – Chloridio – seinen Platz hatte.
Chloridio hieß eigentlich „Chloridio der XIV“ und war, wie seine dreizehn Vorgänger, der unbestrittene Herrscher der Steinsalzhöhle.
„Was habe ich erfahren müssen, Natrio?“ Die Kristallaugen funkelten im Dämmerlicht. „Du warst auf dem Weg zu den Menschen? Unserer größten Gefahr und den schlimmsten Feinden, solange es uns ´Salzige´ gibt?“
„Ich wollte ja nur..... Ich meine ....“ Natrio war so eingeschüchtert, dass er nur stammeln konnte.
„Schweig!“, herrschte der Kristallkoloss den kleinen Salzkerl an. „Du hast alles verraten, was uns heilig ist! Seit unsere salzige Welt dem großen Urwasser entstiegen ist, hat es keinen solchen Verrat mehr gegeben. Wir Salzige haben noch nie Kontakt mit anderen Völkern gehabt. Und das ist unser heiliges Gesetz!“
Natrio zitterte am ganzen Körper. Es war die Wucht der Stimme und wahrscheinlich auch ein wenig Angst. Das Zittern ließ feine Salzkörner von seiner Haut auf den Boden rieseln.
„Aber ich wollte doch nur wissen....“, setzte er zu seiner Rechtfertigung an. „Die Menschen sind so nah im Berg. Ich wollte doch nur wissen ...“
„Das reicht!“ Chloridio unterbrach ihn grob. „Ich habe dein Geständnis gehört! Und hier ist das Urteil: Wähle! Drei Tage unter dem Wasserfall am Ende der Welt oder Verbannung für immer! Eine Berufung ist nicht möglich! Wähle! Jetzt!“
Natrio erstarrte zuerst, dann ging ein Zittern und Schütteln durch den ganzen Körper, das seine zarten Steinsalzknochen und Organe zu zerreißen drohte.
Der Wasserfall am Ende der Welt! Ein grausameres Urteil war kaum denkbar.
Drei Tage unter dem Wasserfall! Das konnte vielleicht ein Salziger aushalten, der größer und schwerer war als er. Vor allem aber durfte das Salz nicht so rein sein wie seines. Wenn genug Lehm und Ton mit im Körper war, bestand eine Chance, nicht vollständig aufgelöst zu werden. Und selbst wenn man das überstand, dauerte es mindestens tausend Jahre, bis man wieder zu einem richtigen Salzigen geworden war.
Die Alternative: Verbannung!
Er wusste nichts von den anderen Welten. Gut. Es gab immer GerĂĽchte, die er aber nicht glauben konnte.
Da war die Rede von einer Welt ohne Decke. Eine Welt, in der plötzlich Wasser herab fallen konnte. Man stelle sich vor: tödliches Wasser! Und was für fürchterliche Wesen da leben sollen: Menschen! Der Schrecken aller Salzigen. Schon seine Mutter hatte ihm als Kind immer gesagt: „Sei brav. Sonst fangen dich die Menschen, zermahlen dich und fressen dich auf dem Frühstücksei!“
Da war die Rede von einer Welt, die ganz aus Wasser bestand. Salzigem Wasser! Salzig von all den abertausenden unglücklichen Neugierigen, die das Wasser aufgelöst und mit sich genommen hatte.
„Natrio! Deine Entscheidung!“ Die Stimme von Chloridio machte klar, dass es keinen Aufschub gab.
Der Wasserfall: der sichere Tod – die Verbannung: tödliche Gefahren – aber eine Chance. Vielleicht gab es ja andere Welten der Salzigen, in denen nicht so grausame Regeln herrschten.
„Die Verbannung!“ Natrios Stimme war erstaunlich fest. „Ich gehe. Aber ich werde wiederkommen. Und ich werde eine Welt errichten, in der alle Salzigen gleich sind, alle Salzigen denken und tun dürfen, was sie wollen. Eine Welt, in der jeder Salzige dem anderen hilft. Ich komme wieder, Chloridio, und dein Reich wird zu Ende sein!“

Natrio wusste selber nicht, was ĂĽber ihn gekommen war. Es mussten die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit gewesen sein, die ihn zu dieser Freiheitsrede gebracht hatten.
Chloridio war fĂĽr einige Sekunden wie vor den Kopf geschlagen. Das hatte in der langen Geschichte der Salzigen noch keiner gewagt! Und jetzt ausgerechnet: dieser kleine Natrio wagte es, ihn herauszufordern!
Nach einigen langen Sekunden des Schweigens brach der Patriarch in lautes, dröhnendes Lachen aus. Es brach sich vielfach an den Salzkristallen der Höhle, wurde von den Wänden und Decken zurückgeworfen und klang wie das höhnische Gelächter hunderter Salzpatriarchen.
„Ein Witz! Ein Witz! Der lächerliche Natrio hat einen Witz gemacht. Ein schlechter Witz! Wahrlich ein ganz unsalziger, dummer und super schlechter Witz!“
Chloridio schnappte vor lauter Lachen nach Luft.
„Natrio hat einen Witz gemacht. Natrio wird in die Geschichte eingehen. Der witzigste Salzige aller Zeiten.“ Er wurde ernst:
„Genug. Genug gelacht. Wache! Schafft ihn mir aus den Augen!“ Er machte eine Geste mit seinem klobigen Salzarm, so wie es seiner Meinung nach Herrscher machen. Er hatte sich schon lange nicht mehr bewegt und so gaben die Gelenke ein lautes Quietschen und Knirschen von sich, das die gesamte Höhle erfüllte.
Zwei kräftige Gestalten lösten sich aus der Wand der Nische, in der Chloridio saß. Ohne jedes Wort packten sie Natrio rechts und links und schleppten ihn mit sich.
Quer durch die schwach beleuchte Höhle zu einem Spalt in der Wand. Dahinter lag der dunkle, verbotene Gang. Alle Salzigen wussten, dass hinter diesem Gang die verbotene Welt lag. Eine Welt, über die es keinerlei genaue Information gab und über die es deshalb so viele Gerüchte und Lügengeschichten erzählt wurden.
Diese Geschichten hatten immer irgendwie mit den Menschen zu tun.
„Am Ende des Ganges ist ein großes Becken mit kochendem Wasser. Darin schwimmen gelbe Kugeln, denen die Menschen den teuflischen, erschreckenden und abscheulichen Namen ´Kartoffel´ gegeben haben. Diese ´Kartoffeln´ haben eine unersättliche Gier nach Salz. Wehe dem Salzigen, der in ihre Nähe kommt!“
Oder:
„Am Ende des Ganges ist das Ende der Welt. Wer einen Schritt weiter geht, fällt in das ´Nichts`. Unten im ´Nichts´ ist die große Ewigkeitsmaschine. Wer da hinein fällt, wird in abermillionen kleine Körner zerrieben, in Tüten gefüllt und landet auf den Tischen der Menschen.
Da wird er auf jedes Essen gestreut und die Folter dauert ewig, bis endlich das letzte Korn verbraucht ist. Dann erst kann der arme Salzige seine Ruhe finden!“
Natrio kannte diese Geschichten, aber er konnte das alles nicht glauben.
So grausam konnte keine Welt sein!
Er hatte sich oft zu dem Felsspalt am verbotenen Gang geschlichen und auf die verschiedenen fremdartigen Geräusche gehört, die von dort zu ihm drangen. Einige klangen bedrohlich und schienen die Geschichten zu bestätigen. Andere hingegen klangen wie Lachen, Musik, freundliche Gespräche: Ganz anders als es erzählt wurde.

Am Eingang zum verbotenen Gang angekommen, gaben ihm die Wachen einen kräftigen Stoß. Natrio rutschte einige Meter in die Dunkelheit. Er drehte sich um und schaute zurück. Die Wachen versperrten den Eingang mit ihren breiten Rücken. Bei deren sprichwörtlicher Geduld und Sturheit, konnte es Hunderte von Jahren dauern, bis der Weg in seine Heimat wieder frei war.
Aber einen Weg gab es: nach vorn.
Natrio nahm seinen ganzen Mut zusammen. Durch den heftigen Stoß der Wachen war er nicht verletzt, auch wenn er jedes Salzkristall in seinem Körper spüren konnte.
Auf zu neuen Welten!
Zügig ging er durch den ersten Teil des Ganges, den er schon von seinem heimlichen Besuch her kannte. Die Geräusche vom anderen Ende wurden lauter und er glaubte ein schwaches Licht sehen zu können. Was er hörte, klang freundlich. Vorsichtig ging er in den Teil des Tunnels, den er noch nicht kannte. Nach einer endlos langen Strecke knickte der Weg plötzlich scharf nach rechts ab.
Natrio blieb stehen. Das Licht war jetzt so hell, dass seine an Dunkelheit gewohnten Augen einige Zeit brauchten, bis er wieder etwas sehen konnte. Jetzt konnte er den Felsspalt, einige Meter vor sich, erkennen. Dahinter war ein kräftiges Licht, wie er es noch nie gesehen hatte.
An die Wand des Ganges gedrĂĽckt arbeitete er sich weiter nach vorn.

Was war das? Hinter ihm – war da nicht jemand? Er zuckte zusammen und drehte seinen Kopf.
Eine Figur, schwarz und irgendwie körperlos, folgte ihm. Sie schien an seinen Füßen zu hängen. Natrio blieb abrupt stehen. Die unheimliche Figur blieb ebenfalls regungslos. Vorsichtig schlich er einen Meter nach vorn.
Die dunkle Gestalt war ihm geräuschlos gefolgt.
Natrio probierte etwas anderes: er wedelte mit den Armen und stieĂź einen grollenden, tiefen Warnlaut aus. Das hatte bisher noch jeden vertrieben! Aber nicht diese Gestalt!
Was immer er auch tat, das stumme, dunkle, körperlose Wesen tat schweigend das Gleiche. Panik stieg in Natrio auf. Er wusste nicht, ob sein Verfolger gute oder schlechte Absichten hatte. Was wollte diese Gestalt von ihm und wieso tauchte sie erst hier – im Licht des Felsentors auf?
Er rannte zurĂĽck hinter den Tunnelknick in die Dunkelheit. Nach einigen Sekunden wurde er ruhiger und wagte es, sich umzusehen. Nichts! Hier schien ihn niemand zu verfolgen.
Natrio wagte ein Experiment. Er schlich um die Tunnelecke in den Lichtschein: da war der Verfolger wieder. Er ging zurĂĽck in die Dunkelheit: der Verfolger war verschwunden.
Heftig atmend hielt er an, um einen Moment nachzudenken: der unheimliche Verfolger existierte nur im Lichtschein des Felsentors. Er zeigte keine feindlichen Absichten. Vermutlich war es ein Zauber des Reiches hinter dem Felsentor, um Eindringlinge wie ihn zu erschrecken und vom Weitergehen abzuhalten.
Er hatte keine Wahl. Er konnte nur nach vorn, wenn er nicht vom Wasserfall am Ende der Welt aufgelöst werden wollte.
Mit allem Mut der Verzweiflung, der ihm zur VerfĂĽgung stand, ging er auf das Licht des Felsentors zu. Den Verfolger beachtete er nicht mehr.
Das Tor war so eng, dass er sich ganz klein machen musste, um hindurch zu passen. Dennoch rieb er sich an dem harten Gestein einige Salzkristalle von seiner Oberfläche ab.
Natrio achtete nicht weiter auf diese AbschĂĽrfungen. Auf der anderen Seite drĂĽckte er sich mit dem RĂĽcken an die Wand. So konnte er, fĂĽr andere fast unsichtbar, seine Umgebung studieren.

Diese Welt unterschied sich nicht sehr von der Welt der Salzigen, aus der er gekommen war.
Er war in einer großen Höhle mit Gestein und Salzkristallen. Allerdings: Das helle Licht, das von einer Reihe leuchtender Kugeln an der Höhlendecke ausging, gab es zu Hause nicht. Er wusste auch nicht, wozu es gut sein sollte. Das musste etwas mit den Menschen zu tun haben, die er hier gehört hatte. Vielleicht waren Menschen ja nicht so hoch entwickelt wie die Salzigen und konnten im sanften Dämmerlicht der Höhlen nicht sehen. Stolz, ein Salziger zu sein, kam in ihm auf.
Er schaute sich genauer um: Hier war doch vieles anders, als er es kannte. Es gab Dinge, die er noch nie gesehen hatte. Gegenstände aus Eisen! Er kannte eisenhaltiges Gestein aus seiner Kinderzeit. Es hatte ihm immer Spaß gemacht, zu sehen, wie Eisensteine sich, wenn sie mit Salz und der Höhlenluft in Berührung kamen, in kürzester Zeit – also in etwa zehn bis zwanzig Jahren – erst rotbraun verfärbten, Löcher bekamen und sich dann völlig auflösten.
Das Eisen, das er hier sah, war rein und massiv. Nur die rotbraun verfärbte Oberfläche zeigte, dass auch hier die Zersetzung begonnen hatte. Aber bei solchen Mengen von reinem Eisen reichte die Lebensdauer eines Salzigen nicht, um die endgültige Auflösung zu erleben. Das mussten Dinge der Menschen sein, Geräte, deren Bedeutung er nicht verstand.
Vor allem gab es aber eine Art Weg aus Eisen. Dieser Weg bestand aus zwei Strängen dieses Metalls, die immer im gleichen Abstand voneinander lagen. Das wurde durch andere, flache Eisenteile erreicht, die quer dazu lagen. Auf diesen Teilen waren die langen Stränge befestigt. Auf den Eisensträngen standen seltsame Gebilde, die alle gleich aussahen und miteinander verbunden waren. Diese Gebilde hatten unten vier runde Scheiben und oben so etwas wie eine Schüssel. Natrio hatte keine Idee, wozu sie dienen sollten.
Und dann der Eisenweg: Er begann an einer Wand aus reinem Salz und verschwand am anderen Ende der Höhle in einer Röhre, deren Länge Natrio nicht erraten konnte.
Niemand war zu sehen.
Natrio wagte sich ein Stück aus seinem Versteck und näherte sich den Gebilden auf dem Eisenweg. Die meisten der Metallschüsseln waren leer, aber einige waren auch bis zur Hälfte mit Salzsteinen gefüllt. Das erinnerte ihn an sein Bett im Reich der Salzigen.
Natrio spürte plötzlich, wie müde er war. Salzige müssen nicht viel schlafen. Aber wenn sie einmal im Monat schlafen, kann fast nichts sie wecken. Schlafen! All die furchtbaren Erlebnisse und neuen Erfahrungen der letzten Tage und Stunden verarbeiten!
Er suchte sich eine EisenschĂĽssel aus, die mit feinen, weichen Salzsteinen halb voll war.
„Nur ein Stündchen Ruhe“, sagte er zu sich selber. Aber kaum hatte er das gesagt, war er auch schon tief und fest eingeschlafen.

Das erste, was Natrio wieder wahrnahm, war eine Art Beben. Beben kannte er und sie beunruhigten ihn nicht weiter. Meistens endeten sie nach ein paar Sekunden und in der stabilen Höhlenwelt der Salzigen richteten sie normalerweise keinen Schaden an.
Aber dieses Zittern und Rumpeln wollte nicht enden.
Schlagartig wurde Natrio hellwach und versuchte sich aufzusetzen. Eine dicke Schicht Steinsalzbrocken, die auf ihm lag, machte es schwer. Endlich schaffte er es, seinen Kopf durch die salzige Bettdecke zu stecken und betrachtete mit seinen Kristallaugen die Umgebung: Er war in einer der EisenschĂĽsseln, die langsam durch den langen Gang, den er gesehen hatte, bergab rollte.
Vor und hinter ihm waren noch mehr Eisenschüsseln, alle – wie die, in der er war – mit einem Berg grober Salzbrocken beladen. Das Licht im Gang war viel schwächer als in der Höhle, in der er sich vor seinem Nickerchen befunden hatte. Die Leuchtkugeln an der Decke waren in großem Abstand befestigt und gaben nur wenig Helligkeit.
Der Zug von schwer beladenen Schüsseln rumpelte langsam die Röhre hinab. In weiter Entfernung schien der Gang zu enden. Als er näher herankam, sah er, dass es nur eine Kurve war.
Hinter der Kurve ging es nicht mehr bergab und die Kette der Eisenschüsseln wurde langsamer. Wieder ging es um eine Biegung und in einen Raum mit etwas mehr Licht. Neben dem Eisenweg war ein Abgrund und Natrio musste mit Schaudern an die Geschichten über das „Nichts“ und die „Ewigkeitsmaschine“ denken.
Der Zug war endgültig zum Stillstand gekommen und während er versuchte, seine nächsten Schritte zu planen, geschah es: mit einem lauten Ächzen und schrillem Quietschen kippten alle Eisenschüsseln auf die Seite und ihr gesamter Inhalt rutschte eine große Schräge hinunter in den Abgrund. Auch Natrio rutschte mit.
„Bitte nicht in die Mühle und eine Ewigkeit auf den Menschentischen verbringen“, flehte er inständig. Er hatte solche Angst, dass er sein eigenes Herz trotz des höllischen Lärms schlagen hören konnte.
Doch das Schicksal meinte es gnädig mit ihm. Das gesamte Salz rutschte in eine andere, größere Metallschüssel und Natrio konnte sich an deren Rand festhalten, so dass er oben auf den Salzbrocken zu liegen kam.
Bevor er an Flucht denken konnte, ging eine schwere Vibration durch den Behälter und ein übel stinkender schwarzer Qualm drang von vorn in seine Nase. Er schaute nach vorn, um die Ursache des Gestanks zu finden und erschrak fast zu Tode: vor ihm, in einem großen Käfig aus Blech und Glas, saß ein Mensch und hielt ein riesiges Rad in der Hand.
Mit einem heftigen Ruck setzte sich die BlechschĂĽssel in Bewegung, wobei sie Wolken des stinkigen Qualms ausstieĂź. Der Mensch vor ihm schien ihn nicht bemerkt zu haben und drehte an dem groĂźen Rad. Die Salzladung, mit Natrio dazwischen, wĂĽrdigte er keines Blickes.

Der Weg führte zu einem großen Felsentor und plötzlich war keine Decke mehr über ihm!
Also stimmte es doch, was erzählt wurde, es gab eine Welt ohne feste Decke.
Natrio hatte erwartet, dass ihn das in Panik versetzen würde. Aber irgendwie schien es nicht so schlimm zu sein, wie erzählt wurde. Über ihm war es dunkel und eine riesige Zahl von kleinen gelben Lichtern erzeugte ein blasses Dämmerlicht, wie er es liebte. Es war beinah wie unter der Decke in der großen Höhle der Salzigen. Allerdings konnte er nicht abschätzen, wie hoch diese Lichter waren. Und zum Glück fiel kein Wasser herunter.
Natrio beschloss, erst einmal abzuwarten.
Die Fahrt ging durch zahlreiche Kurven, ĂĽber eine tiefe Schlucht, auf deren Grund so etwas wie Wasser zu blitzen schien, und endete vor einem glitzerndem Berg aus Salz.
Die Eisenschüssel blieb stehen und der Mensch drehte sich um und schaute plötzlich zu Natrio.
„Er hat mich entdeckt“, erschrak er, aber irgendwie musste er in dem Berg von Salzbrocken verborgen geblieben sein.
Der Mensch bewegte einige Hebel und die SchĂĽssel kippte langsam auf die Seite. Die untere Wand klappte weg und alle Salzbrocken purzelten neben den Weg.
Da Natrio ganz oben gelegen hatte, rutschte er als letzter auf den Salzberg.
Der Mensch bewegte wieder einige Hebel, drehte an dem groĂźen Rad und in einer Wolke stinkendem Qualm verschwand die EisenschĂĽssel.

Plötzlich war es still.
Natrio blieb regungslos liegen und dachte an nichts. Ruhe und Stille! Hier, mitten in einem Berg aus Salz fĂĽhlte er sich geborgen.

2. In der Welt der Menschen

Während der Fahrt hatte er nicht viel auf seine Umgebung geachtet. Jetzt, wo er zur Ruhe kam, begann er, sich umzusehen.
Diese Welt war völlig anders als die, aus der er kam. Nur der Salzberg, an dem er lag, war etwas Vertrautes. Sonst gab es hier lauter Dinge, die er noch nie gesehen hatte und vor allem: Farben!
In der Welt der Salzigen gab es eigentlich nur zwei Grundfarben: weiĂź und braun.
Aus diesen zwei Tönen entstand eine riesige Palette an Mischfarben, die alle ihren eigenen Namen hatten: „Strahlweiß“, „Felsbraun“, „Dunkellehmfarben“, „Schmutzweiß“, „Klargrauweiß“, „Hellfelsbraun“, ....
Viele Familien der Salzigen hatten ihren Namen nach den Farben.
„Ich glaube, Frau Felsbraun ist ihrem Mann Dunkellehmfarben untreu gewesen. Schau dir ihren Sohn an: der sieht aus wie der Salzbote Schmutzweiß!“
Solche Geschichten hatte er häufiger gehört.
Hier sahen seine an Dunkelheit gewöhnten Augen Farben, für die er keine Namen hatte. In den alten Geschichten tauchten Farben auf wie Rot, Blau, Grün, Gelb und auch andere Namen. Aber was war was? Er beschloss, den unbekannten Farben, die er sah, jeweils einen dieser Namen zu geben.
Dann sah er etwas, was ihn an die Salzsäulen der Steinsalzhöhle erinnerte: überall in der Umgebung standen braune Säulen, die fest im Boden verankert waren und oben die verschiedensten Formen hatten: einige waren rund wie eine Kugel, andere wieder gingen in die Breite und bildeten ein Dach.
Da gab es „Säulen“, die wie ein Speer in einer langen Spitze endeten und viele teilten sich in oberen Bereich in kleinere Stecken auf, die waagrecht und schräg nach oben verliefen und an denen leichte und luftige Gebilde hingen. Mal waren die Gebilde klein und nadelförmig, mal groß und mehrfach geteilt. Eins hatten sie alle gemeinsam: sie waren in einer unbekannten Farbe. Später würde er lernen, dass diese Gebilde in der Welt der Menschen „Bäume“ genannt werden und die Farbe „Grün“ hieß.
So gut es von seinem Standpunkt aus ging, studierte Natrio seine neue Umgebung.
Hier auf dem Salzberg konnte er nicht bleiben. Die Gefahr, von Menschen entdeckt zu werden, war zu groĂź. Aber wo sollte er nur hin?
Hinter sich sah er hohe Felsen. Aber in der anderen Richtung, weit weg und viel tiefer, glitzerte eine große Fläche im Dämmerlicht der Sterne (die er als gelbe Kugeln wahrgenommen hatte). Dieses Glitzern hatte etwas Vertrautes. Es war ein silbriges Glitzern wie das der reinen Salzkristalle zu Hause. Vielleicht konnte er dort andere Salzige finden.
Er brach auf und begab sich auf den langen Abstieg zu der glitzernden Fläche. Dabei achtete er darauf, möglichst die Wege der Menschen zu meiden. Unebenen und steilen Untergrund kannte er aus der Welt der Salzigen zur Genüge und so kam er zügig voran.

Zuerst bemerkte er die Veränderung nicht. Aber war der Himmel über ihm nicht heller geworden? Die Sterne erschienen ihm blasser und weniger gelb. Trotzdem konnte er viel mehr sehen. Diese Veränderung ging immer schneller und im Osten erschien über dem Horizont ein leuchtender roter Streifen. Das heller werdende Licht tat seinen empfindlichen Augen weh.
Natrio studierte seine Umgebung. Er befand sich auf einer großen, grün bewachsenen Fläche, mit zahlreichen Bäumen. Keine Felsen oder Grotten, in denen er Schutz finden konnte. Doch: am Ende der Fläche - war da nicht etwas, das aussah wie ein künstlicher Felsen mit einem Dach?
Natrio lief so schnell er konnte. Dabei versuchte er, seine Augen mit einer Hand vor dem immer heller werdenden Licht zu schützen. Endlich erreichte er den Baum, der neben dem Steingebilde stand und mit seinen dichten Blättern das Licht etwas abhielt. Für kurze Zeit konnte er die Augen öffnen und sich orientieren.
Welch ein Glück: das Gebilde hatte eine Öffnung mit offen stehender Tür, hinter der sich eine kleine, aber dunkle Höhle zu befinden schien. Wenn da nur keine Menschen waren! Er wartete ab. Es blieb still. Kein Anzeichen von Menschen. Natrio nahm all seinen Mut zusammen und schlich sich durch den schmalen Eingang und schloss die Tür.
Es war tatsächlich eine Art Steinhöhle mit einer Decke aus einem anderen Material. Vor allem: sie war dunkel und er war alleine hier. Der Boden war mit einem losen, weichen Material bedeckt. Es roch hier ungewöhnlich, aber es war kein menschlicher Geruch. Erleichtert legte sich Natrio in die hinterste Ecke. Erst einmal in Sicherheit! Er hatte viele Schreckensgeschichten über die Welt der Menschen gehört – aber von dem schmerzhaft hellen Licht hatte niemand gesprochen. Er hoffte, dass das Licht genauso wieder verschwinden würde, wie es gekommen war. Bis dahin war er hier gefangen.

Lange lag Natrio fast regungslos und dachte ĂĽber seine Zukunft nach. Er fĂĽhlte sich einsam und verloren. Aber auch neugierig und erregt durch all die neuen EindrĂĽcke, die er gewonnen hatte.
Wenn er nur jemanden hätte, mit dem er diese Erfahrungen teilen könnte!
Hier, im Reich der Menschen, gab es keine Salzigen. Zumindest hatte er in all den Legenden zu Hause nichts dergleichen gehört. Aber viele der alten Geschichten hatten sich in der kurzen Zeit, seit er verbannt worden war, bereits als falsch erwiesen. Er ließ das Gefühl von Furcht und Verzweiflung in sich nicht stärker werden. Er war bisher mutig nach vorn gegangen. „Weiter so, Natrio“, sagte er zu sich. „Gib nicht auf, bis du alles entdeckt hast, was es zu entdecken gibt!“
Nach und nach wuchs seine Zuversicht und seine Neugier gewann die Oberhand über die Furcht: „Das, was ich bisher erlebt habe, ist mehr, als irgend ein Salziger zu Hause je berichten könnte.“

Das Licht, das durch winzige Löcher im Dach der Höhle fiel, wanderte langsam über den Boden, so dass Natrio mehrfach den Platz wechseln musste, um nicht geblendet zu werden. Er hatte den Eindruck, dass gleichzeitig die Helligkeit nachließ.
„Vielleicht kommt ja das dunkle Dach mit den milden, gelben Lichtern wieder!“
Das wäre der Moment, um sich wieder auf den Weg zu der großen Wasserfläche zu machen.
Er wurde aus seinen Gedanken gerissen.
Von außen näherten sich laute Geräusche seinem Höhlenversteck: eine menschliche Stimme erkannte er. Und da waren auch seltsame Rufe von mehreren Wesen, wie er sie noch nie gehört hatte. Sie klangen wie: „Meheheh-Meheheh“. Irgendwie fremd, aber nicht bedrohlich.
„Erst einmal abwarten!“
Einen Fluchtweg gab es nicht, denn die Geräusche kamen direkt auf den einzigen Ausgang der Höhle zu.
Natrio zog sich in die hinterste Ecke zurück und versteckte sich – so gut es ging – unter dem losen Material, das überall auf dem Boden lag.
Die TĂĽr ging auf, und das unbarmherzige Licht zwang ihn, seine empfindlichen Augen zu schlieĂźen.
Er hörte Getrampel und das Gemecker der unbekannten Wesen und die Schritte und Rufe des Menschen. Niemand schien ihn zu bemerken.
Kurz darauf wurde der Eingang geschlossen und die Schritte des Menschen entfernten sich.
Natrio wagte es, seine Augen zu öffnen. Es herrschte wieder Dämmerlicht. Jetzt konnte er die Wesen in Augenschein nehmen. Es waren vier: drei größere und ein kleineres – ein Kind? Das erste, was ihm auffiel, war: Alle hatten vier Beine und am ganzen Körper Haare in den besten Farben der Salzigen: Schmutzigweiß und Lehmbraun! Diese Erinnerung an zu Hause gab ihm einen Stich in sein heftig schlagendes Salzherz. Aber mit den Farben war auch schon jede Ähnlichkeit mit allem, was er aus der Steinsalzhöhle kannte, erschöpft.
Am auffälligsten war der keilförmige Kopf: eine lange Schnauze mit einem kleinen Bart, runde tief braune Augen, große, bewegliche, spitze Ohren und zwei gedrehte, lange Hörner, die Dekoration und Waffe in einem zu sein schienen.
„Was für seltsame Wesen in der Welt der Menschen leben“, dachte Natrio. Irgendwie schienen sie aber eher freundlich zu sein. Er zog es dennoch vor, regungs- und geräuschlos in einem Versteck zu bleiben.
Die Wesen – er hatte sie „Meckerer“ getauft – beschäftigten sich damit, einzelne Stängel aus dem Bodenbelag zu ziehen und zu fressen.
Der kleinste der vier Meckerer sonderte sich etwas von den drei großen ab und kam bedrohlich in seine Nähe. Er verhielt sich so still, dass er förmlich zu einem Salzbrocken versteinerte. Nur den heftigen Herzschlag konnte er nicht unter Kontrolle bringen. Der kleine Meckerer begann damit, die Halme, unter denen er lag, zu fressen und plötzlich spürte der die warme und raue Zunge auf seiner Haut.
Natrio erschrak und er hatte das Gefühl, sein Herzschlag müsse in der ganzen Höhle zu hören sein.
Auch der kleine Meckerer verharrte und ließ ein kräftiges und bestimmtes „Meheheh“ hören. Die drei großen Meckerer horchten auf und trotteten langsam in Richtung auf Natrios Versteck. Der kleine Meckerer scharrte mit den Hufen das lose Material neben dem verschreckten Salzigen auf Seite. Mit der Schnauze und der rauen Zunge entfernte er die Halme, mit denen er sich zugedeckt hatte. Jetzt, ohne jeglichen Schutz und für alle sichtbar, erwartete er einen Angriff oder zumindest eine aggressive Reaktion.
Nichts dergleichen geschah!
Die Meckerer gruppierten sich um ihn und begannen den salzigen AngstschweiĂź abzulecken, der sich auf seiner Haut gebildet hatte. Erst ganz vorsichtig und dann immer intensiver.
Dieses GefĂĽhl war unbeschreiblich!
In der Welt der Salzigen gab es nicht viel körperliche Nähe und Zärtlichkeit. Salzkinder, die beim Spiel oder wenn sie Angst hatten, den Schutz und die Nähe anderer Salziger suchten, wurden streng zurechtgewiesen. „Ein Salziger tut so etwas nicht!“, oder: “Wenn du so weitermachst, wirst du ganz weich und zerfällst eines Tages zu Streusalz!“.
Da lag Natrio also ohne Schutz in einer künstlichen Höhle in der Welt der Menschen und vier Meckerer leckten seine Haut ab.
Ihre Zungen waren rau, aber auch so weich und warm, dass er keinen Schmerz spĂĽrte. Das GefĂĽhl auf seiner Haut war unglaublich angenehm und gleichzeitig so erschreckend, dass es ihn innerlich fast zerriss.
Er konnte nicht mehr still liegen!
Zuerst öffnete er die Augen und sah in das tiefe braunschwarz der Augen des kleinen Meckerers. Der schien keinesfalls erschreckt. Auf jeden Fall ließ er sich beim Salz lecken nicht stören. Auch die drei Großen drehten nur ihre Köpfe zu ihm und machten weiter.
Natrio stieĂź einen tiefen Seufzer aus und setzte sich auf.
Mit einem erschrockenen Gemecker wichen alle vier zurĂĽck. Aber nur, um nach einer kurzen Pause zurĂĽck zu kommen und sich weiter mit seiner salzigen Haut zu befassen.
Das angenehme Gefühl wich langsam einem Kribbeln und Brennen, das nach und nach den ganzen Körper zu erfassen schien. Er fühlte sich, als müsse er aus seiner Haut schlüpfen und davon rennen. Aber gleichzeitig war er von diesem neuen Gefühl so fasziniert, dass er wie gefesselt sitzen blieb.
Der Widerstreit zwischen den angenehmen Empfindungen und dem zunehmend unangenehmer werdenden Kribbeln und Brennen seiner Salzhaut, zwang ihn zum Handeln.
Die Meckerer schienen beim Lecken in eine Art Trance zu geraten.
Natrio sprang mit einem tiefen, kehligen Laut auf und rannte zum Ausgang der Höhle.
Er riss die TĂĽr auf und erwartete, von dem hellen Licht geblendet zu werden.
Aber er hatte in doppelter Hinsicht Glück: die gleißend helle Kugel war verschwunden und nur ein dunkelroter Streifen gegenüber der Stelle, wo sie heute aufgetaucht war, zeugte noch von ihrer Anwesenheit. Die Meckerer waren von seiner Aktion so verblüfft, dass sie wie angewurzelt in ihrer Höhle stehen blieben und er den Eingang mit einem lauten Knall hinter sich schließen konnte.

Er rannte über die grüne Fläche in Richtung auf das glitzernde Wasser, das ihn so an die Salzkristalle zu Hause erinnert hatte. Nach und nach verfiel er in einen gleichmäßigen Trab, und das rhythmische Laufen schien ihn zu beruhigen.
Es wurde dunkel und die Sterne leuchteten blass am Himmel.
Langsam fand Natrio seine Fassung wieder. Der dunkle, offene Himmel mit den gelb glitzernden Sternen wirkte jetzt wie die sichere Heimat in der Steinsalzhöhle.
Nein, eigentlich hatte die Erinnerung an die Welt der Salzigen eine neue, kalte Note bekommen.
Der Höhlenwelt fehlte etwas, was er durch das Erlebnis mit den Meckerern erfahren hatte: Gefühle.




3. Am salzigen Wasser

Natrio lief weiter. Dabei versuchte er, jede Begegnung mit Menschen zu vermeiden. Meistens war das einfach, denn die Menschen schienen die Zeit der Dunkelheit in ihren künstlichen Höhlen zu verbringen, die er überall in der Landschaft sah. Oft leuchteten in den Höhlen die Leuchtkugeln, die er schon aus dem Salzberg kannte.
In einigem Abstand sah er Ansammlungen von Wohnhöhlen, in denen auch die Wege beleuchtet waren. Er machte stets einen großen Bogen um diese Orte.
Nicht ganz vermeiden konnte er die Wege der Menschen. Mehrfach musste er Wege mit einer glatten, harten, dunkelgrauen Oberfläche überqueren. Das waren immer Momente höchster Anspannung, denn da waren auch in der dunklen Zeit Menschen unterwegs. Nur selten zu Fuß, sondern meistens mit irgendwelchen seltsamen Geräten, mit denen sie sich viel schneller bewegen konnten. Fast alle diese Geräte hatten vorn und hinten Leuchtkugeln und machten laute, für Natrios Ohren unangenehme, Geräusche. Diese Geräte konnte er gut vermeiden, denn er konnte sie schon von weitem kommen hören und sehen. Problematischer waren die Geräte, die nur zwei Räder hatten und bei denen der Mensch mit seinen Beinen treten musste, um einen Antrieb zu erreichen. Auch diese Geräte erreichten eine ziemliche Geschwindigkeit, machten aber nur ein leises, sirrendes Geräusch. Natrio wurde beinah von einem solchen Gerät angefahren, das er weder gehört noch gesehen hatte. Wie viele dieser Geräte hatte es keine Leuchtkugeln vorn. Der Mensch auf dem Gefährt schien mindestens so erschrocken über die unerwartete Begegnung wie Natrio. Mit einem „Was ist denn DAS?“ und „Gott, oh Gott! Nie mehr so viel Schnaps trinken!“, wich er dem, wie angewurzelt stehen gebliebenen, Natrio aus. Dabei fiel er fast von seinem Gefährt. Natrio sah ihn mit starken Schlingerbewegungen in der Dunkelheit verschwinden und noch von weitem hörte er „Gott, oh Gott! Das glaubt mir keiner! Wenn ich das meinen Kegelbrüdern erzähle!“.
AuĂźer diesem Erlebnis gelang es ihm, direkte Kontakte mit Menschen zu vermeiden.

Das Wasser war weiter entfernt, als er vermutet hatte. Vor allem, da er wegen der dichter werdenden Bebauung weite Umwege in Kauf nehmen musste.
Zweimal musste Natrio Schutz vor dem gleiĂźenden Licht der riesigen leuchtenden Kugel am Himmel suchen.
Beim ersten mal rettete er sich in eine dunkle Röhre, die unter einem der glatten Fahrwege durchführte. Der Rest von Feuchtigkeit auf dem Boden ließ ihn vermuten, dass hier häufiger Wasser durch lief. Natrio suchte eine trockene Stelle, um die Zeit bis zur Dunkelheit abzuwarten. Der Wechsel zwischen Dunkelheit und gleißendem Licht fand offenbar so regelmäßig statt, dass er sich vorbereiten konnte.
Beim nächsten Mal hatte er sich rechtzeitig vor der ersten Rotfärbung des Himmels einen dunklen Platz an einer Böschung gesucht, der vollständig von dichten Sträuchern überwuchert war. Er war jetzt schon in der Nähe des großen Wassers.
Der Wind trug ungewohnte Gerüche zu Natrios Versteck. Zu seiner Freude war der Geruch von Salz sehr deutlich zu riechen. Es roch aber anders als in der Höhle.
Wenn Gerüche Farben wären, wäre der Geruch in der Höhle grau. Was er hier roch, war wie die bunte Vielfalt der Farben in der Welt der Menschen. Und doch - es war eindeutig Salz!
Bevor er in sein dunkles Versteck gekrochen war, hatte er vor sich ein Gebiet aus flachen Wasserbecken mit Wegen dazwischen gesehen. Auf einigen der Wege lagen seltsame, regelmäßig geformte Hügel aus einem weißen Material. Salz?
Er wollte das in der nächsten Dunkelphase näher untersuchen! Wenn das Salz war, bestand Hoffnung, dass es hier andere Salzige gab. Tauchte in den alten Legenden der Salzigen nicht immer das Urwasser auf, aus dem alles hervorgegangen war?
Natrio wurde von einer Unruhe erfasst, die er nur schwer im Zaum halten konnte.
Die Zeit, bis die glĂĽhende Kugel am Himmel hinter dem Horizont verschwunden war, schien so langsam vorbei zu gehen, wie noch nie zuvor in den vergangenen Tagen.
Kaum begann der Himmel sich rot zu färben, machte sich Natrio auf den Weg.
Der Himmel hatte sich in den vergangenen drei Nächten verändert. Zu den gelb leuchtenden Sternen mit ihrem milden Licht hatte sich ein weiteres Licht gesellt. Am ersten Abend war es nur ein dünner, gebogener Streifen – viel größer als die anderen Lichter. Mit jeder Nacht wuchs dieser leuchtende Streifen. Das Licht war äußerst angenehm und schmerzte nicht in seinen Augen.
„In der Welt der Menschen ist alles ständig in Bewegung und verändert sich!“ Natrio war beunruhigt. „Aber wollte ich nicht aus der Langeweile und Gleichförmigkeit des Lebens der Salzigen entkommen? Also: mach das Beste daraus!“
Das neue Himmelslicht erleichterte ihm den Weg. Schon nach einer kurzen Strecke durch den grĂĽnen Bewuchs, der hier fast ĂĽberall den Boden bedeckte, erreichte er einen Weg, der zu einem der Wasserbecken fĂĽhrte.
Natrio schlich sich vorsichtig an die Grenze zwischen Wasser und Land. Nur nicht abrutschen! Wasser ist für Salzige tödlich. Doch der Salzduft, der von diesem Wasser ausging, übte eine magische Anziehungskraft auf ihn aus.
Dieses Wasser schien dickflüssig zu sein und an den Rändern hatte das Becken einen Kragen aus reinem, feinem Salz. Die gelben Lichter des Himmels spiegelten sich in der Oberfläche, als wäre unter dem Becken ein zweiter Himmel mit Sternen.
Zentimeter fĂĽr Zentimeter arbeitete er sich an das Wasser vor. Das feine Salz knirschte unter seinen FĂĽĂźen. Als er die erste Feuchtigkeit spĂĽrte, wich er etwas zurĂĽck und hielt inne.

Natrio beugte sich vor – und in dem dunklen Spiegel der Wasserfläche konnte er sich zum ersten Mal selber sehen.
Was er sah, war jemand mit der typischen kompakten Figur eines Salzigen. Jetzt fiel ihm auf, wie ähnlich er den Menschen sah. Wie sie hatte er zwei Beine, Füße, zwei Arme mit Händen und Fingern, einen kompakten Körper und einen Kopf mit Augen, Ohren, zwei Nasenlöchern und einer Mundöffnung. Doch damit war die Ähnlichkeit schon vorbei.
Dass er viel kleiner als die Menschen war, war ihm schon aufgefallen. Selbst Chloridio, der Steinsalzpatriarch, dem er seine Verbannung verdankte, war nicht viel größer als der kleine Meckerer. Er selber war noch ein Stück kleiner.
Natrio betrachtete seinen Kopf und sein Gesicht im Wasserspiegel.
„Wie viel schöner wir Salzigen doch sind“, dachte er bei sich. Das Licht der Sterne brach sich auf den glatten Oberflächen seines Kopfes. Die kleinen, scharfen Kristallspitzen, die er da hatte, wo bei Menschen die Haare sind, zerlegten das Licht der Nacht in verschiedene Farben. Natrio sah aus, als sei er von einem Strahlenkranz umgeben.
Am auffälligsten waren seine riesigen Augen. In der milchig-weißen Färbung seiner Salzhaut glänzten sie wie geschliffene Diamanten. Am Rand kristallklar, wurden sie zur Mitte hin immer dunkler und gingen in das tiefschwarze Sechseck der Pupillen über. Er konnte sich der Faszination und Kraft seiner eigenen Augen im Spiegelbild kaum entziehen.
Die Ohren waren nur zwei kleine Öffnungen seitlich am Schädel, die einem fremden Betrachter kaum auffielen.
Die beiden Nasenlöcher und die darunter liegende Mundöffnung bildeten ein Dreieck im unteren Teil des Gesichtes.
Salzige essen und trinken nicht. Deshalb dient der Mund ausschließlich zur Verständigung. Solch ein Mund braucht keine Lippen, keine Zähne und keine Zunge oder was sich sonst bei Menschen und Meckerern alles an dieser Stelle befindet. Bei Salzigen ist die Mundöffnung ein perfektes Oval, hinter dem sich ein kurzer Schallkanal – wie bei einer Kindertrompete – befindet. Dieser Kanal verstärkt die Töne, die von einer kleinen Kristallscheibe kommen. Beim Sprechen oder Rufen versetzt ein Salziger diese Scheibe in Schwingungen.
Was Natrio sah, gefiel ihm.
„Ich glaube, ich sehe besser aus, als alle anderen Salzigen, die ich kenne.“
Kaum hatte er diesen Gedanken gefasst, schämte er sich für seine Überheblichkeit.
War er nicht immer stolz auf seine Bescheidenheit gewesen?
Die Scham lieĂź breite, dunkelgraue Streifen auf seinem Gesicht erscheinen, die erst nach einigen Augenblicken wieder verschwanden.
Das war noch ein Unterschied zwischen Menschen und Salzigen: Menschen können mit Muskeln ihr Gesicht verändern, um Ärger, Freude, Trauer, Neugier, Zuneigung, usw. auszudrücken.
Das Gesicht der Salzigen hat diese Möglichkeit nicht. Salzige drücken ihre Gefühle mit Färbungen und Mustern in ihrem Gesicht aus.
Scham zeigte sich, wie bei Natrio, mit breiten dunkelgrauen Streifen im ganzen Gesicht. Freude konnte man an zahlreichen hellgrauen Rauten im Gesicht erkennen.
War die Freude besonders groß, wechselte die Färbung dieser Rauten in schnellem Rhythmus von hell- auf dunkelgrau. Empfand ein Salziger tiefe Zuneigung zu einem anderen Salzigen (was selten vor kam), wurde die Haut um die Augen tief dunkel, so dass sich die Leuchtkraft der Kristallaugen deutlich verstärkte. Die Möglichkeiten, Gefühle zu zeigen, waren auf diese Weise nicht kleiner, als bei den Menschen.
Doch: etwas war völlig anders. Salzige können ihren Gesichtsausdruck nicht bewusst steuern. Menschen sind in der Lage, einem Bettler am Straßenrand zu erklären, sie hätten kein Geld, auch wenn sie die Taschen voll haben. Man sieht ihnen die Lüge nicht an.
Da sind Salzige anders! Natürlich können auch Salzige lügen. Aber es nützt nichts. Bei einer Lüge erscheinen sofort dunkle Streifen im Gesicht – ähnlich wie bei Scham. Die Streifen sind allerdings kleiner und dunkler. Und dagegen kann kein Salziger etwas tun. Kein Wunder, dass Lügen in der Steinsalzhöhle völlig aus der Mode gekommen sind! Allerdings auch viele Formen der Höflichkeit.
Man stelle sich vor: Natrio trifft Frau Lehmbraun und sagt höflich: “Guten Tag, Frau Lehmbraun! Sie sehen aber wieder gut aus“, und im selben Moment ist sein gesamtes Gesicht von schmalen, dunklen Streifen überzogen. Frau Lehmbraun wird nie wieder mit ihm sprechen wollen.
Klar, dass man in der Steinsalzhöhle bei Begrüßungen selten mehr hört, als: “Tag“ oder „Abend“. Schon ein „Guten Abend“ könnte verräterische Zeichen auf dem Gesicht auslösen, wenn man in Wirklichkeit denkt: „Mir ist doch egal, wie dein Abend wird!“.

Natrio riss sich von der Betrachtung seines Spiegelbildes los und wandte seine Aufmerksamkeit wieder der ungewohnten Umgebung zu. Das Wasser interessierte ihn. Obwohl es nicht ungefährlich war, steckte er einen seiner drei Finger der linken Hand in die Flüssigkeit. Er erwartete das schmerzhafte Kribbeln, das jeder Salzige beim Kontakt mit Wasser spürt. Nichts geschah!
Mutig steckte er die ganze Hand in das Wasserbecken. Kein Kribbeln, kein Schmerz!
Nach kurzer Zeit zog er die Hand wieder zurück und ließ sie an der Luft trocken werden. Auf seiner Haut hatte sich ein feiner Salzfilm gebildet. Winzige, zarte Kristalle mit einem betörenden Duft. Ein Duft, wie er ihn überall hier, in der Nähe des Wassers, wahrgenommen hatte.

Bis zum nächsten der weißen Berge, die er gesehen hatte, waren es nur wenige Schritte.
Wie Natrio schon vermutet hatte, bestanden diese Berge aus Salz. Den gleichen, feinen Salzkristallen, die den weißen „Kragen“ zwischen dem Wasser des Beckens und dem Land bildeten. Was für ein ungewöhnlicher Anblick! Natrio hatte schon viele Salzberge gesehen. Meistens bestanden sie aus groben, völlig unterschiedlich großen, kantigen Brocken. Die Farbe der Brocken war nur selten weiß. Die Vermischung mit dem Lehm und Gestein der Umgebung gab ihnen die grau-braune Färbung, die so typisch für die Steinsalzhöhle und die Haut vieler Salziger war.
Das Salz hier hatte eine einheitliche Farbe. Fast WeiĂź mit einem Stich ins Hellgrau.
Natrio konnte nirgends größere Salzbrocken oder eine Vorrichtung zum Zermahlen sehen. Das Salz musste hier natürlich gewachsen sein!
Er versuchte, einen Eingang in den Berg zu finden. Wenn es hier andere Salzige gab, dann mussten sie hier leben. Und wie gerne würde er mit jemandem sprechen, der so ähnlich war wie er. Solange er auch suchte, er fand keinen Eingang.
Natrio begann zu rufen. Erst leise und zaghaft und dann mit aller Kraft, die seine Kristallscheibe her gab.
Es gab keine Antwort.
Nur einige Kristalle rieselten als Folge seiner Anstrengungen vom Salzberg herunter.

Niedergeschlagen und tief enttäuscht schlich er sich an die Stelle zurück, wo er sein Spiegelbild gesehen hatte. Er setzte sich und begann leise zu schluchzen.


4. Die Salzprinzessin

Natrio war so tief in seinen Schmerz und seine Enttäuschung versunken, dass er es zuerst nicht hörte. Wie durch ein dickes Polster drang das Geräusch erst nach und nach in sein Bewusstsein.
„Hallo!“
und nach einer Pause noch einmal: „Hallo!“.
Natrio, der sicher war, alleine zu sein, achtete nicht weiter darauf. Aber da war es wieder: „Hallo!“.
Eine leise und sanfte Stimme, schwebend und irgendwie unwirklich, wie aus weiter Ferne. „Hallo!“ .
Er schreckte aus seinen Träumen und sah sich um. Hier war niemand!
Aber da war es wieder: „Hallo!“, und: „Hier bin ich!“.Die Stimme kam aus der Richtung des salzigen Wassers und schien nahe zu sein.
Er antwortete mit einem zaghaften: “Hallo! Wer ruft da?“
„Welch ein Glück! Du kannst mich hören!“ Die Worte schwebten wie ein zarter Nebel über dem dunklen Wasser.
„Wo bist du?“, fragte Natrio zurück, weil er immer noch niemanden sehen konnte.
„Hier, vor dir.“ kam es zurück.
„Ich sehe dich nicht.“
„Oh, entschuldige“, sagte die Stimme. Sie schien jetzt direkt aus dem salzigen Wasser zu kommen, „ich habe vergessen, dass ihr Landbewohner uns nicht erkennen könnt. Warte einen Moment!“
Einige Augenblicke geschah nichts. Die Oberfläche des Salzwasserbeckens lag still und ruhig wie zuvor. Nur das Licht der Sterne war in seinem schwarzen Spiegel zu sehen.
Doch! Da! War da nicht direkt vor ihm eine Bewegung? Die Wasseroberfläche wölbte sich leicht. Fast wie ein Tuch, das etwas abdeckt. Er schaute genau hin.
Da war jemand. Halb im Wasser, halb aus dem Wasser. So transparent, dass er das Wesen kaum beschreiben konnte.
Nach und nach wurden die Konturen klarer, auch wenn das Wesen durchsichtig blieb.
Er erkannte einen schlanken Körper, in dem ein blass-rosarotes Herz pulsierte, lange Arme, die in feingliedrigen Händen mit drei Fingern endeten. Das Gesicht war ein perfektes Oval. Der Mund hatte blasse, bewegliche Lippen und da, wo er seine Nasenöffnung hatte, war nur eine kleine, tropfenförmige Wölbung.
Die Augen, kleiner als seine, leuchteten in allen Farben des Regenbogens.
„Ich sehe etwas. Hast du mich gerufen?“.
„Ich habe deine Trauer gespürt und deine Tränen gesehen.“
Beim Sprechen kräuselte die Wasserfläche sich leicht.
„Ja, aber, ... Also, ...., Was? ... Nein, wer bist du?“, stammelte Natrio ziemlich verwirrt.
„Ich bin Prinzessin Salina.“ Sie schwieg einen Moment. „Nenn´ mich bitte einfach Lina. Das machen alle!“, fuhr sie mit ihrer zarten Stimme fort, die fast wie ein entfernter Gesang klang.
Und nach einer Pause, in der Natrio keinen Ton heraus brachte: „Und wer bist du? So jemanden wie dich habe ich noch nie gesehen.“
„Also: ich heiße Natrio und bin ein Salziger aus der Steinsalzhöhle in den Bergen.“
„Ein Salziger? Steinsalzhöhle? Da möchte ich mehr wissen!“ Salinas Stimme wurde kräftiger und bestimmter und klang auch ein wenig ungeduldig. „ Erzähle doch bitte, Natrio! Gibt es noch mehr Salzige? Wie kommst du hier an die Salinen? Bitte erzähle doch!“
Seit Tagen hatte er mit niemandem gesprochen. Und obwohl seine Gesprächspartnerin das seltsamste Wesen war, das er je kennen gelernt hatte, brach es aus ihm heraus, als wäre ein Damm gebrochen.
Natrio begann seine ganze Geschichte zu erzählen: Das langweilige Leben im Reich der Salzigen, seine Neugier auf die Welt der Menschen. Über den grausamen Chloridio den XIV. und die ungerechte Verbannung. Über die Legenden von der Ewigkeitsmaschine und vom Wasserfall am Ende der Welt.
Salina hörte still zu. Nur als er von den Legenden über das Urwasser sprach, änderte sich ihre Augenfarbe in ein kräftiges Blau.
Er sprach weiter über seine abenteuerliche Reise, die Begegnung mit den Meckerern – was ein leichtes Kichern bei Lina auslöste – und über das Glück, jemanden gefunden zu haben, mit dem er sprechen konnte.
„Jetzt bin ich hier und rede ohne Pause mit dir, ohne zu wissen, ob dich das alles überhaupt interessiert.“ Blasse, breite Streifen von Scham erschienen auf Natrios Gesicht.
„Du brauchst dich nicht zu genieren!“. Offenbar konnte Lina die Zeichen auf Natrios Gesicht deuten. „Du weißt gar nicht, wie sehr mich das interessiert! Lass mich von mir und dem Leben in den Salinen erzählen. Dann wirst du verstehen!“
Natrio war erleichtert und setzte sich auf, um besser zuhören zu können.
„Also“, begann Lina ihre Geschichte, „ich bin auch eine `Salzige´ - zumindest hat sich unser Volk früher so genannt! Heute gibt es verschiedene Völker von uns. An fast allen Küsten. Wir hier sind die `Salinas`. Aber auf der anderen Seite des großen, salzigen Wassers nennen sich unsere Verwandten ´Seasalties´. Wieder weiter – in einem noch größeren salzigen Wasser – leben an einigen Vulkaninseln Verwandte, die schwarz sind! Stell dir vor: schwarzes Salz! Sie haben den seltsamen Namen Hulasalzige.“
Natrio schaute genau in das Wasser, ob er irgendwo verräterische Lügenstreifen erkennen konnte. Nichts! Entweder hatten die Salinas eine andere Zeichensprache oder Lina sagte die Wahrheit. Schwarze Salzige! Unglaublich!
„Die Geschichte vom Urwasser, die man dir erzählt hat, ist wahr!“, fuhr Lina fort.
Für Natrio klang Linas Stimme wie die schönste Musik aus einer anderen Welt. Er lauschte ihr, gebannt und verzückt.
„Es gab eine Zeit, in der die ganze Welt von Wasser bedeckt war. Von salzigem Wasser. Lange bevor es Menschen gab. Nur an einigen, wenigen Stellen ragten die größten Berge über das Wasser. Da, wo sich an der Grenze zwischen Wasser und Land kleine Seen bildeten, gab es die ersten Salzigen. Die Sonne, wie wir die große Leuchtkugel am Himmel nennen, spielte dabei eine entscheidende Rolle. Also ganz genau kann ich das auch nicht erklären. Aber irgendwie machte – und macht noch immer – die Sonne, dass das Wasser in den kleinen Seen immer salziger wird. Eine Umgebung, die wir zum Leben brauchen.“
„Aber wir Salzigen leben in einem Berg. Ohne Wasser und ohne Sonne. Wie kann das dann sein?“, fragte Natrio ungläubig. Er schaute noch einmal genau. Es waren noch immer keine Lügenstreifen in Linas Gesicht zu sehen und auch die Farbe ihrer Augen hatte sich nicht verändert.
„Darüber gibt es bei uns Geschichten, die jedes Kind kennt. Ich weiß nicht, ob sie wahr sind. Aber, so wie die Geschichten über das Urwasser bei euch einen wahren Kern haben, dürfte einiges davon stimmen. Anderes wieder ist wahrscheinlich dazu gedichtet.
Auf jeden Fall erzählt man bei uns von Klori, einem Salzigen, der vor Urzeiten an dieser Küste gelebt haben soll.“
„Klori?“, unterbrach Natrio ihre Erzählung, „Das klingt fast wie Chloridio I., der als der Urvater unseres Volkes gilt! Das kann doch kein Zufall sein!“
„Vermutlich nicht!“, antwortete Lina. „Bevor ich dir von Klori erzähle, musst Du noch etwas über unser Leben wissen. Wir leben von und mit der Veränderung. So wie jetzt sieht es hier nicht immer aus. In einer Zeit, die wir ein Jahr nennen, gibt es ganz verschiedene Lebensbedingungen. Jetzt, am Ende des Sommers – die Zeit, in der die Sonne lange scheint und fast kein Wasser vom Himmel fällt – ist das Leben in den Salinen am schönsten. Das Wasser ist so salzig, dass alle unsere Lebensgeister wach sind. Wir können für einige Zeit eine Gestalt annehmen, die auch die Landbewohner erkennen können. Aber das machen wir nur in ganz besonderen Fällen, so wie jetzt!“
Natrio fühlte sich geschmeichelt und räusperte sich verlegen.
„Danach kommt dann die Zeit, in denen fast kein Wasser da ist und wir uns in den Untergrund zurückziehen müssen. Dann kommt wieder die Zeit, in der das Meer sein salziges Wasser in unsere Heimat spült. Dann können wir aus dem feuchten Untergrund in die Becken zurückzukehren. Dann gibt es Zeiten, in denen so viel unsalziges Wasser vom Himmel fällt, dass wir fast keine Körper mehr haben und nur aus dem Gefühl salziger Zusammengehörigkeit bestehen.“
„Aber habt ihr da nicht furchtbare Angst?“ Natrio war mit Sicherheit einer der neugierigsten Salzigen in der Steinsalzhöhle und seit Jahren hatte keiner aus seinem Volk so viel Veränderung wie er erlebt. Doch was er da hörte, machte ihm Angst. Angst um seine neue Freundschaft. Angst, er könnte letztendlich auch aufgelöst werden und nur aus Gedanken bestehen. Dunkle und helle Wellen liefen über Natrios Gesicht. Ein Zeichen für beginnende Panik.
Lina sah, was in Natrio vorging. „Du musst dich nicht fürchten.“ Die Musik in ihrer Stimme wirkte beruhigend. „So unangenehm einige dieser Zeiten auch sind: sie sind nur vorübergehend. Irgendwann jedes Jahr lebe ich wieder in der dickflüssigen Saline und kann, wie jetzt, eine feste Form annehmen und mit Landbewohnern reden.“
Also richtig „fest“ konnte Natrio Linas Erscheinung nicht finden. Da hatte er doch ganz andere Vorstellungen. Aber er war dankbar, dass er sein Gegenüber überhaupt irgendwie sehen konnte.
„Also, normal finde ich das nicht!“, war seine - etwas dümmliche - Entgegnung.
„Ach, Natrio!“ Lina klang, als würde sie mit einem unwissenden Kind sprechen.
„Was heißt schon normal? Für mich ist es nicht normal, ein Leben in einer dunklen Höhle zu verbringen und nicht zu wissen, was draußen vor sich geht! Welch ein Glück für mich, dass du nicht `normal´ bist. Du bist ja anders als deine Verwandten!“ Natrio schwieg einen Moment. „Du wolltest mir doch von Klori erzählen!“
„Ja, Klori! Klori mochte keine Veränderungen. Die Legende erzählt, dass er eines Tages, nach der Trockenheit, mit einigen Vertrauten im Untergrund blieb. Er hatte einfach die ständigen Veränderungen satt. Kurz danach – als die anderen Salzigen schon wieder im salzigen Meerwasser waren – gab es ein großes Erdbeben. Alle wurden durch das Beben in das Meer gespült und fanden später ein neues Becken, in dem sie leben konnten. Klori und seine Freunde aber verschwanden mit dem Beckengrund in einer tiefen Felsspalte, die sich durch die Katastrophe geöffnet hatte. Seit dieser Zeit hat niemand mehr etwas von ihm gehört. Die Geschichte von Klori kennen alle bei uns. Die Eltern erzählen sie zur Warnung, wenn ihre Kinder keine Lust haben, die nächste Veränderung mitzumachen.“
„Ja, das klingt wie unser Chloridio!“ Natrio dachte schweigend nach. „Ich glaube allerdings, ich könnte auch nicht mit solchen Veränderungen leben.
Wir `Stein´salzigen sind offensichtlich anders.“
Lina wollte das nicht gelten lassen. „Wie willst du das denn wissen? Wir stammen doch offensichtlich aus dem selben Urwasser! Du musst es einfach probieren!“
„Das Wasser bringt mich um! Ich kann eure Verwandlungen nicht mitmachen.“
„Man weiß es nur, wenn man es versucht hat!“, entgegnete Lina.
„Und dann ist es zu spät!“ kam Natrios Antwort, wie aus der Pistole geschossen.
„Nicht so viel Angst!“, lockte sie. „Versuch´ doch einmal das Wasser hier. Es enthält so viel Salz – das kann dir nicht schaden!“
Natrio schwieg.
„Und ich dachte, du wärst mutiger als die anderen“, stachelte sie ihn an.
Natrio schwieg noch immer. Er aufgewühlt und beleidigt. Auf seinem Gesicht liefen unregelmäßige Streifen und Punkte auf und ab. Nein, er war kein Feigling! Hatte er das nicht bisher zur Genüge bewiesen? Und jetzt, hier am Ziel seiner Reise, zweifelte das einzige Wesen, mit dem er sich verständigen konnte, an seinem Mut. Aber er wollte auch leben. Wasser war tödlich. Das hatte er immer wieder gelernt. Auf der anderen Seite hatte das salzige Wasser hier, seiner Hand nicht geschadet. Wie viel konnte er riskieren?
„Entschuldige, Natrio. Natürlich bist du kein Feigling. Ich würde mich nur riesig freuen, wenn wir hier zusammen sein könnten. Ich möchte noch so viel über dich erfahren!“ Linas Stimme hatte wieder den beruhigenden Sing-Sang angenommen.
Natrio antwortete immer noch nicht, aber die Streifen und Punkte auf seinem Gesicht wurden blasser.
„Ich glaube, ich kann Dich verstehen. Ich kann ja auch nicht auf dem Land überleben. Wie kann ich da von dir verlangen, dein Leben zu riskieren?“
Natrio fasste all seinen Mut zusammen und traf eine Entscheidung.
„Warte! Ich komme zu dir.“
„Nein! Warte! Komm nicht! Ich möchte dich nicht in Gefahr bringen. NATRIO!!“
Aber Natrio hatte sich entschieden. Zu Hause erwartete ihn der Tod unter dem Wasserfall. In der Welt der Menschen konnte er nicht leben. Hier war das einzige Wesen, dass sich für ihn interessierte und nach dessen Nähe er sich sehnte.
Mit langsamem, aber sicheren Schritt, ging er in das dickflĂĽssige, dunkle Wasser.
Es war so, wie bei seiner Hand: statt eines stechenden Schmerzes spürte er nur die Kühle an seinen Füßen. Der Boden fiel leicht ab und nach mehreren Schritten reichte das Wasser bis an seinen Hals. Er hielt kurz inne. Wie aus weiter Ferne hörte er die Rufe von Lina, die in hohen Tönen versuchte, ihn an seinem Vorhaben zu hindern.
Natrio schloss die großen Kristallaugen und machte die letzten zwei Schritte, die ihn ganz unter Wasser brachten. Noch immer kein Schmerz, aber ein Gefühl von Leichtigkeit, wie er es noch nie gespürt hatte. Und diese Stille! Nach Tagen in der lauten Welt der Menschen war diese Stille ein Wohltat. Er verharrte regungslos und nahm all diese neuen Eindrücke in sich auf, bis eine leichte Berührung – zart wie ein Windhauch – ihn in die Wirklichkeit zurück brachte.
„Natrio! Natrio! Bitte sag doch etwas!“ Er hörte Lina an seinem rechten Ohr. Hier in der Saline klang es, als wäre das ganze Wasser mit Wellen ihrer Stimme durchzogen. Jetzt wagte er es, seine Augen zu öffnen. Lina schwamm – oder genauer gesagt – schwebte um ihn herum und streifte dabei mit ihren Händen sein Gesicht. Seine empfindlichen Augen ertrugen das salzige Wasser fast ohne zu schmerzen. Wie anders sah hier alles aus. Die Sterne über ihm erschienen unwirklich und schwangen leicht mit den Wellen, die durch sein Eindringen in diese Welt entstanden waren. Und da war Lina: ihre Erscheinung hatte ihn schon von Land aus beeindruckt. Hier, in ihrem eigenen Element, war sie so schön, dass ihm die Worte fehlten, sie zu beschreiben: durchscheinend im Licht des Sterne und des Mondes, die schlanke, fließende Gestalt, ihr blass rosa schlagendes Herz und die tiefe Leuchtkraft ihrer Augen.
„Bitte Natrio! Bitte sag etwas! Ich mache mir solche Sorgen!“
Natrio war so gebannt von diesem Anblick, dass er nur einen tiefen Seufzer und ein halblaut dahin gehauchtes „Wie schön. Wie unglaublich schön!“, heraus brachte. Lina, die glaubte er meine die Welt der Salinas, antwortete: „Wenn du das hier schon schön findest, solltest du erst einmal mein Zuhause sehen!“. Sie schwebte ein Stück von ihm weg und machte ihm ein Zeichen, zu folgen. Dann drehte sie wieder um und glitt zu ihm zurück. „Wie geht es dir denn, Natrio? Hast Du Schmerzen oder hältst du es noch etwas aus?“ „Nein ich habe keine Schmerzen. Nur ein leichtes Kribbeln im Gesicht. Aber es geht schon.“ Lina sah die tief dunkle Färbung um seine Augen, konnte sie aber nicht deuten. „Komm mit mir. Ich will dir zeigen, wo ich lebe und dich den anderen meiner Familie vorstellen!“
Lina schwebte wieder ein StĂĽck voraus. Natrio wollte einen Schritt nach vorne gehen, aber hier im Salzwasser schien er kein Gewicht zu haben, so dass er hoch schwebte und erst zwei Meter weiter, wieder auf dem Grund landete.
So waren es nur einige Schritte für ihn, bis er auf der gegenüber liegenden Seite des Beckens angekommen war. Hier waren mehrere Grotten unterhalb der Wasseroberfläche. Lina schwebte, mit kaum wahrnehmbarer Bewegung, in die mittlere und machte Natrio ein Zeichen, ihr zu folgen. Vorsichtig folgte er ihr.
Die Grotten waren nicht sehr tief, aber hinter den Eingängen miteinander verbunden.
„Prinzessin Lina! Da bist du endlich. Wir haben uns Sorgen gemacht!“
Natrio konnte den Urheber dieser Worte nicht sehen. Lina hielt inne und sprach in Richtung der Stelle, von der die Stimme gekommen war. „Ach Prinz Salli! Du weißt doch, mich bringt so schnell nichts um. Im Gegensatz zu dir, bin ich gut durch trainiert“
„Sag mal, Prinzessin, wen hast du denn da mitgebracht? So jemanden habe ich ja noch nie gesehen.“, sagte die Stimme des unsichtbaren Prinzen Salli. Sie klang neugierig und freundlich.
„Das ist Natrio.“, entgegnete Lina. „Er kann euch nicht sehen. Also strengt euch etwas an und zeigt euch unserem Gast!“
Nach und nach bildeten sich aus dem Salzwasser die Strukturen von drei weiteren Salinas. Alle durchscheinend wie seine Freundin, aber keiner erschien ihm auch nur annähernd so schön. Lina gegenüber, das musste Prinz Salli sein: kleiner und rundlicher als sie, mit einer leichten Grünfärbung. Ein Stückchen hinter ihm war ein großer, runder – vermutlich schon älterer – Salina, mit einem auffallenden Goldton.
Neben ihm schwamm ein kleinerer Salina, etwa halb so groĂź wie Lina. Er hatte alle Farben des Regenbogens und schien noch sehr jung zu sein.
„Also, Natrio, darf ich vorstellen: Prinz Salli, mein Vetter, Regent Jodo, mein Vater,
und das da ist mein kleiner Bruder, Prinz Kalio. In zwei Sommern wird er so alt sein, dass er sich für eine Farbe entscheiden muss.“
Natrio war verwirrt. Prinzessin?, Regent?, Prinz? In was fĂĽr eine vornehme Familie war er hier geraten?
„Natrio ist ein Salziger aus Kloris Reich. Ein unglaublich mutiger Salziger!“. Sie schaute ihn an, und ihre Augen nahmen das tiefe, leuchtende Blau eines Sommerabends an.
Nach einer Moment völliger Stille, redeten die Vier wild durcheinander.
Natrio nutzte die Gelegenheit, sich umzusehen. Wie anders war diese Höhle, als seine Heimat! Keine scharfen Kanten. Nur sanfte Bögen, Nischen, kleine Vertiefungen mit allerlei Zierrat aus dem Meer (wie er vermutete). Durch winzige Löcher fiel Licht herein und beleuchtete hier eine wunderschöne Muschelschale und da ein rosarotes, bizarr aussehendes Stück Koralle. Hier herrschte eine Stimmung von Wärme und Gemütlichkeit, wie es sie in Chloridios Reich nie gegeben hat und nie geben würde.
Als sich die Aufregung etwas gelegt hatte, räusperte sich Natrio. „Ich erzähle euch gerne von meiner Heimat und dem traurigen Leben in der Steinsalzhöhle. Aber bitte, beantwortet erlaubt mir zuerst eine Frage: wieso seid ihr alle, Prinzen, Prinzessinnen oder Regenten? Wo sind dann eure Untertanen?“
Zu seiner Verwunderung war die Antwort ein lautes Lachen. Regent Jodo war der erste, der sich wieder fasste. „Erst einmal herzlich willkommen bei uns, Natrio. Ich will dir das gerne erklären. Früher gab es bei uns Herrscher und Untertanen. Die Herrscher wurden von den unglücklichen, die nicht in eine `edle´ Familie geboren worden waren, immer respektvoll mit `Prinz von So-und-so´ oder `Edler Regent von Dann-und-wann´ angesprochen. Viele Untertanen glaubten sogar, dass sei die natürliche Ordnung der Welt. Aber die `Edlen´ fingen an, die Untertanen schlecht zu behandeln und als Salinas `zweiter Klasse´ zu betrachten. Aber das ließen sie sich nicht lange gefallen und jagten die `Edlen´ weg. Wir freien Salinas fingen an – zuerst aus Spaß – uns mit den Titeln der `Edlen´ an zureden. Das ist dann zur Gewohnheit geworden und jetzt einfach eine Art, höflich zu sein. Bei den Menschen gibt es, glaube ich, auch so was. Die sprechen jeden Mann mit `Herr´ an, auch wenn er nichts zu sagen hat und über niemanden Herr ist. So ist es eben: andere Wasser, andere Sitten!“
Natrio staunte nicht schlecht. Aber irgendwie schien ihm das Ganze auch logisch zu sein!
„Aber bitte, Natrio, erzähle uns doch alles über dein Leben und das Leben unserer unbekannten Verwandten.“
Natrio machte es sich so bequem wie möglich und erzählte, ausführlicher als er es „Prinzessin“ Lina vorher erzählt hatte, seine Geschichte und die Geschichte der anderen Salzigen. Die vier hörten aufmerksam zu, wenn sie auch manchmal den Kopf schüttelten oder etwas riefen wie: ´Das kann doch nicht wahr sein!´.
Natrio musste seinen Bericht mehrfach unterbrechen, da das Kribbeln in seinem Gesicht auf den ganzen Körper überging und nach und nach zu einem schmerzhaften Brennen wurde.
Als er an der Stelle angekommen war, in der Chloridio die Verbannung ausspricht, unterbrach Lina ihn.
„Natrio, du solltest bei uns bleiben. Hier bist du frei. Geh nicht in das dunkle Reich dieses dummen Patriarchen zurück!“
„Nichts würde ich lieber tun! Ich kenne euch zwar erst seit ein paar Stunden, aber – glaubt mir – das waren die glücklichsten Stunden meines Lebens! Doch“, fuhr er nach einer kurzen Pause fort, „es ist nicht möglich. Ich hatte gehofft, dass das Salinenwasser mir nichts macht, aber meine Schmerzen werden immer stärker. Ich kann nicht bleiben. Ich muss zurück an Land“ Natrios Gesicht nahm eine tiefgraue Farbe an, - bei den Salzigen das Zeichen von Trauer.
„Wie gerne würde ich hier bleiben. Aber ich kann nicht. Ich kann hier nicht leben.“
„Bitte, Natrio! Dann geh an Land, bevor dir etwas zustößt! Vielleicht kannst du dir in den Salzhügeln eine Höhle bauen, die dich vor der Sonne schützt. Und nachts treffen wir uns. Vielleicht können wir dann ja auch nochmal einige Zeit zusammen in der Saline sein.“ Lina sprach leise und ihre tränenerstickte Stimme war fast nicht zu verstehen. „Das Wasser wird jeden Tag etwas salziger. Das müsste möglich sein. Bitte, Natrio, geh nicht!“
Die anderen Salinas schwiegen betroffen.
„Lina! Ich werde es versuchen. Wir sehen uns wieder!“ Natrio drehte sich um, damit die anderen seine Tränen nicht sehen konnten. Mit wenigen großen Schritten
war er am gegenüberliegenden Ufer des Beckens. Er ließ sich auf die Uferböschung fallen und wartete darauf, dass das Brennen und Schmerzen seiner Haut nachließ. Der Schmerz, tief in seinem Inneren, ließ nicht nach, sondern wurde eher noch größer.
Hier, wo er tiefe Trauer und Hoffnung erlebt hatte, schien sein Weg wieder zu enden.

5. Die Blumen der Salzprinzessin

Er wusste nicht, wie lange er regungslos am Ufer gelegen hatte. Der Nachthimmel wurde blasser und schon bald wĂĽrde die unbarmherzige Sonne auf ihn niederbrennen.
Natrio stand auf und ging mit gesenktem Kopf und langsamen Schritten auf den Salzberg zu. Er untersuchte die weißen Wände nach einer geeigneten Stelle für eine Schutzhöhle. An einer Stelle stand etwas Gebüsch und dahinter war eine kleine Grotte. Vermutlich hatte hier irgendein Wesen aus der Menschenwelt, schon einmal Schutz gefunden. Vorsichtig grub er mit seinen Händen etwas von dem Salz weg. Die Stelle war einmal feucht geworden und die Salzkristalle klebten aneinander. So konnte er die Grotte vertiefen, ohne dass ständig Salz von oben nach rieselte. Noch bevor die Sonne endgültig über dem Wasser aufgetaucht war, hatte er einen kleinen Raum geschaffen, in dem er bis zur Dunkelheit sicher war.
Natrio verbrachte den Tag in einer Art Dämmerzustand. Immer wieder erschien das Bild von Lina und den anderen vor seinem inneren Auge. Kaum begann der Himmel wieder dunkel zu werden, eilte er an das Ufer. Er brauchte nicht zu warten.
Lina und ihr Bruder Kalio waren schon da und hatten sich sichtbar gemacht. Das vielfarbige Leuchten in Linas Augen wechselte auf intensives Blau, als sie Natrio sah.
„Wie schön, Natrio! Geht es dir wieder besser?“ Ihre Stimme klang zart und zerbrechlich.
„Danke, die Schmerzen haben aufgehört. Wie schön, dich wiederzusehen“, und zu ihrem Bruder gewandt: “Hallo Kalio!“
Es folgte ein Moment, in dem niemand etwas sagen konnte.
„Also,..“
„Also,..“
Lina und Natrio sagten im selben Augenblick das gleiche, schwiegen wieder und fingen nach einigen Sekunden Pause gleichzeitig an zu lachen. Die ganze Spannung der letzten Stunden löste sich in diesem Lachen, und es dauerte Minuten, bis sie wieder zusammenhängende Worte herausbringen konnten.
Kalio war der erste, der etwas sagen konnte. „Hier, Natrio, ich habe dir etwas mitgebracht, damit es in deiner Salzwohnung gemütlicher wird!“ Er warf ihm eine große, schwarze Muschelschale auf das Ufer. Sie war auf der Außenseite mit lauter weißen Hügeln bewachsen, Mit einem Loch in der Mitte, sahen sie aus wie kleine Vulkane. Die Innenseite war glatt und glänzte silbrig in unterschiedlichen Farben. Farben, wie sie auch Kalio in seinem durchscheinendem Körper hatte. Natrio hatte noch nie ein Geschenk bekommen. Er wusste nicht was er sagen sollte. Es reichte gerade zu einem gestammelten „Danke!“.
„Ich habe dir auch etwas mitgebracht“, flötete Lina und hielt ihm etwas hin. Natrio griff in das Wasser und berührte dabei leicht Linas Hand. Die Berührung war wie ein schwacher elektrischer Schlag. Er zog den Gegenstand zu sich und sah ihn sich an.
Was er sah, war wunderschön: eine Kette, kunstvoll aus Seegras geflochten. An einem Ende war ein kleines ovales Täschchen. Natrio öffnete die Schleife, die es verschloss. Darin befand sich die schönste der Korallen aus der Grotte der Salinas. Natrio fehlten die Worte, vor allem als Lina mit leiser Stimme erzählte, dass sie seit Natrios Abschied – bis jetzt eben – daran gearbeitet hatte.
„Bitte, Natrio, leg es an. Es soll dich, was immer auch passiert, an uns erinnern!“
Natrio war beschämt, weil er kein Geschenk hatte und aufgewühlt vor Dankbarkeit.
Lina schien seine Gefühle zu ahnen. „Du braucht mir nichts zu schenken. Aber wenn du meine Kette trägst und gelegentlich an mich denkst, ist mir das Geschenk genug!“
„Wie könnte ich dich vergessen! Aber noch bin ich nicht fort. Ich habe einen sicheren Platz im Salzberg gefunden. Wir können uns jeden Tag sehen!“
„Ach Natrio! Vergiss nicht: unser Leben ist Veränderung. Es dauert nicht mehr lange, bis wir für längere Zeit in den feuchten Untergrund müssen. Dahin kannst Du uns nicht folgen.“ Lina sprach ganz leise und mit Tränen in der Stimme.
„Aber bis es so weit ist, werde ich jeden Abend hier sein!“ Natrio sprach kräftig und es lag so etwas wie Trotz in seinen Worten.
Kalio hatte sich während der Unterhaltung diskret davongeschlichen. Natrio und Lina blieben am Ufer zusammen, bis eine leichte Rotfärbung des Himmels den Sonnenaufgang ankündigte.

In den folgenden Nächten verbrachten sie die ganze Zeit zusammen. Natrio wagte es noch einmal, zu Lina in das dunkle Wasser zu steigen, musste diesen Versuch aber nach kurzer Zeit, wegen unerträglicher Schmerzen, abbrechen.
Es kam der Abend, an dem Lina auffallend wortkarg war. Natrio, der sie inzwischen besser kannte, als irgend jemanden sonst, spürte die Veränderung sofort.
„Was ist mit dir, Lina?“
„Ich bin so traurig! In zwei Nächten müssen wir aus dem Wasser in den Untergrund. Für uns ist die Zeit im salzigen Wasser vorbei. Erst in einem halben Jahr können wir wieder zurück. Wie soll ich das nur aushalten.“ Lina schluchzte leise. Nach einer Pause fand sie ihre Fassung zurück. „Aber bis dahin sollten wir jede Minute zusammen auskosten!“
Natrio konnte nicht antworten, denn die Trauer saĂź wie ein dicker KloĂź in seinem Hals. Er streckte seine Hand in die Saline und Lina ergriff seine Hand und drĂĽckte sie so fest sie konnte. FĂĽr Natrio war es wie die BerĂĽhrung eines Schmetterlings. So blieben sie wortkarg bis zum Morgen.
An diesem Tag schlief Natrio einige Stunden in seiner Höhle. Der Schmerz der bevorstehenden Trennung hatte ihn erschöpft. Als er aufwachte war es noch Tag, aber das gleißende Licht der Sonne wurde von einer dunklen Wolke verdeckt. Er schützte seine empfindlichen Kristallaugen mit den Händen und wagte einen Blick nach draußen. Was für eine Veränderung war hier passiert!

Auf dem wenigen Wasser der Saline war eine dünne, weiße Schicht und darin schwammen Kristalle, durchscheinend, zart und zerbrechlich, wie die Blüten einer tropischen Pflanze. Der Duft, der von dort zu Natrio herüber wehte, glich einem kostbaren Parfüm, einem Parfüm aus allem, war das Salz der Salinen so unvergleichlich reichhaltiger macht als der schwere Steinsalz in der Höhle der Salzigen.
Natrio ging in seinen Unterstand zurück. Die Wolke konnte das Sonnenlicht zwar dämpfen, aber es hatte immer noch genug Kraft, die Augen eines unvorsichtigen Salzigen zu verletzen.
Kaum war das Himmelslicht, mit den dramatischen Farben, die den Beginn des Herbstes ankĂĽndigten, hinter Wolken am Horizont verschwunden, eilte Natrio zum Wasserbecken.
Lina war noch nicht da, und jetzt konnte er eine der Kristallblüten aus der Nähe betrachten.
Es war eindeutig Salz. Salz, so zart und leicht, dass es auf dem Wasser schwamm. Jedes andere Salz, das er kannte, sank im Wasser sofort auf den Grund, bevor es sich nach und nach auflöste. Er berührte eine der Salzblumen. Die Kristalle, aus denen sie bestanden, waren weich und durchscheinend. Er konnte sie zwischen den Fingern zerdrücken. Schweigend betrachtete er dieses Wunder und war so versunken, dass er Linas Ankunft erst nicht bemerkte. Sie musste ihn schon eine ganze Weile beobachtet haben, bevor sie Natrio ansprach.
„Sind das nicht wunderschöne Blumen?“
„Ich habe noch nie etwas Schöneres gesehen“, antwortete Natrio, noch halb in Staunen und Verzückung versunken. „Woher kommen diese Blumen so plötzlich?“
„Das sind Salzblumen. Am Ende des Sommers, kurz bevor wir in den Untergrund müssen, sind sie plötzlich da. Nur für einige Tage und wenn kein Wasser vom Himmel fällt. Man sagt bei uns, dass in diesen Blumen die Freude und der Duft des Sommers konzentriert sind.“
Natrio hob vorsichtig eine Hand voll Kristalle von der Oberfläche. Er füllte sie behutsam in das Täschchen an seiner Halskette. „Die Freude und der Duft der Sommers“, wiederholte er. „Für mich bist du die Freude und der Duft des Sommers. Aber ich kann mir kaum ein schöneres Zeichen für dich denken, als diese Salzblumen.“ Nach einer langen Pause, in der nur das Rauschen des nahen Ozeans zu hören war: „Lina, wenn ihr für Monate in den Untergrund müsst, dann werde ich zurück in den Untergrund von Chloridios Reich gehen.“
„Natrio! Bitte nicht! Denke an das Urteil! Du bist verbannt! Denke doch an den tödlichen Wasserfall am Ende der Welt!“
„Ich werde vorsichtig sein. Solange ich hoffen kann, dich wiederzusehen.“
„Natrio. Glaube mir. Die Zeit im feuchten Untergrund ist sehr unerfreulich. Der Gedanke, dich nächsten Sommer wiederzusehen, ist eine große Hilfe, diese Zeit zu überstehen“ Ihre Stimme wurde tief und ernst. „Du musst mir versprechen, dass wir uns nächsten Sommer hier wieder treffen!“
Natrio versprach alles zu tun, um zurück kommen zu können. Auch wenn er noch keine Idee hatte, was in Chloridios Reich auf ihn zukommen würde: er war fest entschlossen.
Den Rest der Nacht saĂźen sie Hand in Hand am Rand der Wasserbeckens. Schweigend, voller Abschiedsschmerz.
Die Sterne wurden blasser und der Himmel begann, sich im Osten rot zu färben.
„Es wird Zeit.“ Linas Worte waren wie ein Stich in Natrios Herz.
„Nur noch einen letzten Moment!“
„Bitte Natrio, mach es nicht noch schwerer, als es jetzt schon ist. Ich muss fort!“
Mit diesen Worten lieĂź sie seine Hand los und glitt in eine tiefere Region des Beckens
„Lina! Bitte! Salina! Prinzessin Salina!“ Natrio war nicht sicher, ob sie ihn noch hören konnte. Und mit aller Kraft, die seine Kristallscheibe her gab: „Salina! Ich komme wieder. Ich liebe dich!“
Und aus der Ferne kam eine Antwort, die wie ein langer Flötenton über dem Wasser zu schweben schien: „Natrio! Ich liebe dich auch!“

6. Die RĂĽckkehr

Es dauerte einige Tage, bevor sich Natrio auf den RĂĽckweg machen konnte. Jeden Abend, nach Sonnenuntergang ging er an das Wasserbecken und hoffte, dass Lina sich zeigen wĂĽrde. Oder zumindest auf ein Zeichen von ihr. Und jeden Abend war weniger Wasser in der Saline. Die Salzblumen verschwanden und bis auf einige PfĂĽtzen war das ganze Becken mit feinem grau-weiĂźen Salz bedeckt. Natrio konnte sogar trockenen FuĂźes bis zu den Grotten der Salinas laufen. Hier war alles verlassen. Nichts zeugte von der Anwesenheit der vier ehemaligen Bewohner.
Schweren Herzens beschloss er, den Rückweg anzutreten. Der Weg zu der Steinsalzhöhle dauerte wesentlich länger als der Hinweg. Sein Herz hing an seiner verlorenen Liebe, die irgendwo im feuchten Untergrund auf den nächsten Sommer wartete. Zum Glück wurden die Nächte immer länger, aber gleichzeitig begann auch Wasser vom Himmel zu fallen. So war er oft mehrere Tage gezwungen, in einem dunklen und trockenen Versteck zu warten. Er vermied jede Begegnung mit den Menschen und auch und um die Meckerer, die er auf einer Wiese stehen sah, machte er einen weiten Bogen. Er hatte keine Eile. Die Zeit bis zum nächsten Sommer war lang.
Er erreichte den Steinsalzberg, der seine erste Station in der Welt „ohne Decke“ gewesen war. Wie lange war das jetzt her? Es erschien ihm wie ein ganzes Leben.
Vor ihm lag nur noch der Weg, den er in der der stinkenden EisenschĂĽssel der Menschen gefahren war, bis zu Eingang des langen Ganges.
Natrio wurde immer langsamer. Was wartete auf ihn? Die Wächter an dem Tor des verbotenen Ganges, die warteten bestimmt noch!
Er fand einen Pfad, der zu dem Ende des Eisenweges empor führte. Langsam ging er den Gang, entlang des Eisenweges, in Richtung der Steinsalzhöhle der Menschen. Dahin, wo seine abenteuerliche Reise begonnen hatte. Einmal konnte er sich nur mit Mühe vor einer Kette Eisenschüsseln in Sicherheit bringen, die laut rumpelnd an ihm vorüber rollten. Sie waren übervoll mit großen Salzbrocken beladen. Endlich erreichte er die große Salzhöhle der Menschen mit den hellen Leuchtkugeln. Er sah sich um. Hier irgendwo musste der Eingang zum verbotenen Gang sein, der ihn direkt in Chloridios Reich und in die Arme seiner Wächter führen würde.
Natrio traute seinen Augen nicht. War das die selbe Höhle, die er vor einigen Wochen verlassen hatte? Sie schien ihm wesentlich größer.
Natrio versuchte sich zu orientieren. Da, wo in seiner Erinnerung der Zugang zu Reich der Salzigen sein musste, war ein tiefe Höhle. Sie schien neu zu sein, denn die Menschen hatten noch keine Leuchtkugeln an der Decke angebracht. Der Boden war mit Salz und Gesteinsbrocken übersät und überall waren Maschinen und Werkzeuge, deren Aufgabe er nicht verstand. Nachts schienen keine Menschen hier zu sein. Er schlich sich trotzdem besonders vorsichtig an der Wand der neuen Höhle entlang, in Richtung auf seine frühere Heimat. Der Boden stieg leicht an und Natrio musste über einen Berg Geröll klettern, bis er am Ende vor einem Felsentor stand. Es war offensichtlich neu aufgebrochen, denn auch hier lagen überall Werkzeuge der Menschen.
Natrio schaute durch das Felsentor und rechnete jeden Moment damit, von Chloridios Wächtern festgenommen zu werden.
Aber alles blieb still. Er wagte den Schritt durch das Tor. Sein Herz raste.
Er sah sich um. Er stand in der groĂźen Halle der Salzigen, vor der Nische, in der der grausame Chloridio, ihn in die Verbannung geschickt hatte. Niemand war zu sehen.
Natrio ging tiefer in die Höhle. Er hatte diesen Teil noch nie ohne den Steinsalzpartiarchen auf seinem Thron gesehen. Dieser Anblick irritierte ihn zutiefst. Alles schien verlassen. Er durchquerte die Halle und schlich sich in einen der Gänge zu den Seitenhöhlen, in denen sich die verschiedenen Wohnnischen befanden. Niemand war zu sehen. Nur einige achtlos weggeworfene Gegenstände zeugten von einem fluchtartigen Aufbruch. Jetzt wagte er es, zu rufen. Das Echo seiner eigenen Stimme, blieb die einzige Antwort. Immer wieder versuchte er einen neuen Gang – stets mit dem gleichen Ergebnis. Wohin konnten nur alle verschwunden sein? Er war sich sicher, dass das Auftauchen der Menschen, diese Flucht ausgelöst hatte. Der letzte Weg, der ihm blieb, war der Weg zum „Wasserfall am Ende der Welt“. Und tatsächlich: er fand Spuren, dass hier kürzlich viele Salzige durchgekommen sein mussten.
Die Sorgen um das Schicksal seines Volkes wurden immer größer. Er hasste Chloridio. Aber dass der Patriarch sein ganzes Volk in den gemeinsamen Untergang im Wasserfall geführt hatte, konnte er dann doch nicht glauben.
Seit einiger Zeit war die Luft vom Geräusch des Wasserfalls erfüllt. Je weiter er in dem Gang voran kam, desto lauter wurde das Rauschen. Er spürte schon die Feuchtigkeit, und das Brennen auf seiner Haut begann sich bemerkbar zu machen.
Aber wo waren die Spuren der Salzigen geblieben, die er auf seinem bisherigen Weg gesehen hatte? Natrio hielt an und ging zurück, wobei er den Boden und die Wände sorgfältig beobachtete. Nach einigen Minuten fand er die Stelle, an der alle Spuren plötzlich endeten. Hier irgendwo musste ein Durchgang sein! Er untersuchte die Wände. Und tatsächlich: hier war ein verborgener, fast unsichtbarer Spalt.
Natrios Angst war der Neugier gewichen, und er quetschte sich sofort durch diesen Spalt. Wieder ein Gang, der tief in der Berg fĂĽhrte. Die Spuren waren wieder da.
Natrio begann zu laufen. Dieser Gang endete in einem weiteren Steinsalzlager mit einer kleinen Höhle. Er hielt an und horchte auf Lebenszeichen. War da nicht ein leiser Ruf? Ja da war es wieder!
„Hier bin ich!“
„Wo?“ rief Natrio laut. Offenbar gab es hier Salzige! „Wenn du da bist, zeige dich!“
Zuerst tauchte ein junger Salziger auf und blieb in einigem Abstand von Natrio stehen, dann kamen immer mehr. Zögerlich und schweigend bildeten sie einen Halbkreis vor ihm. Von Chloridio, seinen Wächtern und den anderen aus dem Umfeld des Patriarchen, war niemand dabei.
„Was ist hier passiert?“, fragte Natrio den jungen Salzigen, der sich zuerst bemerkbar gemacht hatte.
„Weißt du das nicht? Warst du nicht dabei?“ kam die Gegenfrage.
„Ich bin Natrio. Chloridio hatte mich verbannt, und ich war in der Welt der Menschen und am salzigen Wasser.“ Ein Raunen ging durch die Gruppe, aber niemand sagte was.
„Kann mir bitte jemand sagen, was vorgefallen ist. Und wo sind Chloridio und seine Leute?“
Der junge Salzige trat einen Schritt vor. „Ich bin Salzstern. Du bist Natrio? Ich habe von deiner ungerechten Verbannung gehört. Also: was ist passiert?: Eines Tages fingen die Geräusche an. Laute, kreischende Geräusche. Auch Explosionen, die die große Höhle erzittern ließen. Wir hatten alle Angst und wollten von Chloridio wissen, was zu tun ist. `Das ist nichts. Wir sind schon tausende von Jahren hier. Das geht vorbei`, war seine schroffe Antwort. Und als sich einige von uns mit dieser Antwort nicht zufrieden geben wollten, ließ es uns von seinen Wächtern in unsere Gänge zurücktreiben. Keiner durfte mehr die große Halle betreten. Die Wächter sperrten uns ein. Dann kam der Lärm immer näher und uns wurde klar, dass sich die Menschen durch den Berg gruben. In unserem Gang beschlossen wir, noch einmal bei Chloridio vorzusprechen. Zu unserem Erstaunen, waren die Wächter verschwunden. Und die große Halle war eben falls leer. Wir sagten in den anderen Gängen Bescheid und alle versammelten sich in der großen Halle und beschlossen die Flucht zu ergreifen.“
„Aber wo waren Chloridio und seine Leute?“, fragte Natrio nach.
„Wir wissen es nicht. Es ist auch nicht weiter wichtig. Hoffentlich ist er im Wasserfall gelandet oder in der Ewigkeitsmaschine zermahlen worden!“
„Du kannst dir nicht vorstellen, wie schwer es war, zu einem vernünftigen Entschluss zu kommen.“, schaltete sich eine ältere Salzige mit einer lehmbraunen Hautfarbe ein. „Alle haben nur durcheinander geredet. Wir waren es ja nicht gewohnt, selber zu entscheiden. Seit Chloridio I., hat man uns immer gesagt, was wir zu tun haben. Aber wir haben es geschafft.“
„Letztendlich war es dann doch Chloridio, der uns zu dem Ausweg verholfen hat“, nahm Salzstern seine Erzählung wieder auf. „Eigentlich war es ja der alte Schmutzbraun, der vor langen Zeiten von Chloridio ...“ Salzstern machte ein Pause und auf seinem Gesicht waren alle Zeichen des Ekels zu sehen. „Also unser über alles geliebter Patriarch...“- dicke Streifen für „Lüge“ liefen über sein Gesicht - „...hatte vor langen Zeiten Schmutzbraun zu drei Tagen unter dem Wasserfall verurteilt. Er konnte aber nach einem Tag schwer verletzt entkommen, und fand den Gang in diese Höhle. Und nur er kannte den Weg. Jetzt hat er uns alle hierhin geführt und wir hoffen, dass wir ein neues Leben aufbauen können.“
Aus der Gruppe der Salzigen kam ein allgemeines zustimmendes Gemurmel.
„Wir brauchen nur noch einen neuen Patriarchen, damit nicht alles drunter und drüber geht.“
„Ich weiß nicht, ob ihr wirklich einen neuen Patriarchen braucht. Ich habe anderes erlebt.“
Und Natrio erzählte die Geschichte seiner Verbannung und vor allem seine Erlebnisse mit den Salinas. Die Salzigen beobachteten während Natrios Bericht genau, ob sich nicht irgendwo verräterische Lügenstreifen zeigten. Und je mehr er erzählte, um so mehr ungläubiges Staunen machte sich breit. Einige Teile der Geschichte musste er mehrfach wiederholen, bis sie auch bei dem letzten angekommen waren. „Schwarze Salzige?“ oder „Salzige, die im Wasser leben?“ und auch „Sie haben ihre `Edlen´ einfach verjagt?“. Und obwohl Natrios Gesicht keine Lügenstreifen gezeigt hatte, glaubten ihm einige erst, als er das Täschchen an seiner Halskette öffnete. Die feinen Kristalle der Salzblumen mit ihrem fremdartigen und betörenden Duft, überzeugten auch die größten Zweifler.
Natrio wurde von Salzstern eingeladen, mit in seine Wohnnische zu ziehen. Er war dankbar und erfreut. Vor allem brauchte er jetzt Schlaf um das Erlebte zu verarbeiten.
In den nächsten Tagen kamen immer wieder Salzige zu ihm. Er musste einige Einzelheiten seiner Abenteuer ganz genau erzählen. Vor allem die ständigen Veränderungen im Leben der Salinas interessierten. Denen, die gerade die größte Veränderung ihres Lebens erlebt hatten und denen noch weitere bevorstanden, schien das Mut und Hoffnung zu geben.
Nach einigen Wochen kam Salzstern in Begleitung von Frau Lehmbraun und dem alten Schmutzbraun zu Natrio. Irgendwie machten sie einen ernsten Eindruck.
„Natrio, wir müssen mit dir sprechen“, begann Salzstern.
„Wie kann ich euch helfen?“, fragte Natrio zurück, der keine Idee hatte worum es ging.
Frau Lehmbraun ergriff das Wort. „Also, wir haben nachgedacht. In der Zeit, in der du dich im Schlaf von deiner Reise erholt hast, haben wir mit allen gesprochen. Niemand hier, hat so viel Erfahrung mit der Welt draußen, wie du. Und wir können nicht immer so abgeschlossen leben, wie früher. Also, ... Ich, ich meine wir alle, ...
Also kurz: wir möchten, dass du unser Anführer wirst!“
Natrio schwieg. In ihm stritten verschiedene GefĂĽhle um die Oberhand. Stolz und Freude, dass ihm so viel Vertrauen entgegengebracht wurde. Sorge, ob er dieser Verantwortung ĂĽberhaupt gewachsen sei. Und da war noch eine andere Verantwortung: sein Versprechen an Lina und die anderen Salinas, im Sommer wieder zu kommen.
Die drei warteten geduldig auf seine Antwort. Es dauerte eine ganze Weile, bis Natrio etwas sagen konnte.
„Vielen Dank. Ich weiß nicht ganz, was ich sagen soll. Ich fürchte, ich kann euer Angebot nicht annehmen.“ Er machte eine Pause und sah in die enttäuschten und irgendwie mutlosen Gesichter der drei.
Salzstern war der erste, der seine Worte wieder fand. „Aber warum, Natrio? Wir brauchen Dich. Auch die anderen hoffen auf deine Hilfe!“
„Ich helfe euch, natürlich, wo immer ich kann! Aber ich will nicht euer Anführer sein. Ihr habt doch auch ohne mich eine neue Zuflucht gefunden. Und es erscheint mir so, als wären hier alle viel freundlicher miteinander, als zu Chloridios Zeiten. Warum übernehmt ihr Drei nicht die Aufgabe zusammen? Das hat doch in der großen Krise funktioniert. Und nach einiger Zeit fragt ihr die anderen, ob sie zufrieden waren, oder ob sie jemanden anderen wollen. Ich bleibe einige Zeit hier und stehe mit Rat und Tat zur Verfügung.“
„Ob die anderen das wollen?“, fragte Salzstern, der sich mit dieser Idee anzufreunden schien.
„Fragt sie doch einfach!“, antwortete Natrio.

Auf der großen Versammlung am nächsten Tag, wurde es so beschlossen, wie Natrio vorgeschlagen hatte. Salzstern, Frau Lehmbraun und der alte Schmutzbraun sollten alle Entscheidungen für die Salzigen vorbereiten. Die große Versammlung traf aber die letzte Entscheidung.
Nach und nach normalisierte sich das Leben in der neuen Höhle. Die drei machten ihre Sache gut, auch wenn es natürlich häufiger Konflikte gab. Natrio blieb im Hintergrund und gab, wenn er gefragt wurde, Ratschläge.

Der Sommer in der Außenwelt rückte näher. Für Natrio wurde es Zeit, zu den Salinen zu gehen. Er und Salzstern waren inzwischen enge Freunde geworden. „Ich muss in den nächsten Tagen aufbrechen, Salzstern. Ich habe ein Versprechen gegeben.“
„Ach Natrio. Ich würde so gerne mit dir kommen! Aber ich kann nicht!“
„Wieso kannst du nicht? Ich wäre glücklich, wenn du mitkommen könntest. Und für dich wäre es gut, die Außenwelt zu sehen. Und die Salinas würden dir auch gefallen.
Also, warum gehen wir nicht zusammen?“
„Nur zu gerne. Aber ich habe eine Aufgabe übernommen.“
„Du bist doch nicht unersetzbar! Denke einmal nach, wer für dich einspringen könnte.
Was wäre mit dem jungen Strahlweiß? Er scheint mir schlau und begabt zu sein!“
„Ausgerechnet Strahlweiß? Der immer gegen alles war, was ich vorgeschlagen habe?“
„Genau deshalb!“, antwortete Natrio seinem Freund. „Er soll auch erfahren, wie es ist, wenn man schwere Entscheidungen fällen muss! Und schlimmstenfalls wird ihn die Versammlung wieder absetzen!“
Nach und nach gelang es Natrio, Salzstern zu ĂĽberzeugen.

Es kam der Tag des Aufbruchs.
Der Weg durch die alte Höhle der Salzigen war voller Wehmut. Aber Salzsterns Neugier und Natrios Sehnsucht nach Lina, ließen sie das ertragen.
Zweimal mussten sich die beiden Abenteurer verstecken, bis die Menschen mit ihrer Arbeit eine Pause machten. Dann kam der Moment, in dem sie aus dem Gang traten und nur noch den Himmel, die gelben Sterne und die blasse Sichel des Halbmondes ĂĽber sich hatten. Natrio nahm seinen Freund in den Arm, um ihm ĂĽber die aufkeimende Angst hinweg zu helfen.
Schließlich erreichten sie den Berg aus Salzbrocken, an dem Natrio seine erste Nacht außerhalb der Höhlen verbracht hatte. Wie damals, schimmerte weit unten das salzige Wasser im Licht der Nacht.
Natrio war so gerührt, dass er schweigend einige Minuten stehen blieb. Dann öffnete er das Täschchen an der Seegraskette und nahm einige Kristalle der Salzblüte in seine Hand.
Und mit aller Kraft, die seine Kristallscheibe her gab, rief er in Richtung auf das Wasser: „Prinzessin Salina! Lina! Ich komme, um mein Versprechen einzulösen. Lina! Ich liebe dich!“






__________________
Christoph Höver
Fuseta / Portugal
christoph.hover@iol.pt

Version vom 09. 12. 2008 18:52
Version vom 23. 01. 2009 16:20

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