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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Botschaft
Eingestellt am 05. 01. 2016 13:04


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der Kelly
Hobbydichter
Registriert: Dec 2015

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Die Botschaft


Seit Jahren lebt er in einer Botschaft. Das zwanzig Quadratmeter kleine Wohnb├╝ro, das ihm Ecuador in London zur Verf├╝gung stellt, ist beengend. Sein K├Ârper ist eingesperrt, sein Geist frei.

Er trinkt Tee und blickt zu dem kleinen Caf├ę am Ende der Stra├če. Nur zu gerne w├╝rde er dort einkehren. Die Polizei bewacht rund um die Uhr den Eingang zum Geb├Ąude. Nur ein Schritt ├╝ber die Pforte und sein Leben hing von der Willk├╝r jener M├Ąchte ab, die er blo├čstellte.

Immer st├Ąrker sp├╝rt er das unbehagliche Stechen in seiner Brust. War der Tee vergiftet? Die Tasse entgleitet ihm und zerschellt am Boden. Er bricht zusammen. Sein Kopf f├Ąllt unsanft auf seinen linken Arm. Er erblickt durch die Balkont├╝re wieder das kleine Caf├ę am Ende der Stra├če. Er liebte die Banalit├Ąt der Vorg├Ąnge die dort stattfanden. Ist es sein Schicksal hier und jetzt zu sterben? Die Medien werden sich freuen berichten zu k├Ânnen, wie der Landesverr├Ąter, der Staatsfeind und vermeintliche Vergewaltiger, elendig zugrunde ging. Einsam und doch im Rampenlicht.

Es dauert nicht lange, da ├Âffnet sich hinter ihm die T├╝r zu seiner Wohnung. Eine Frau, die laut und aufgeregt Spanisch redet, betritt den Raum. Nie lernte er diese Sprache. Er bereut, die vielleicht letzten Worte in seinem Leben nicht verstehen zu k├Ânnen. Sie r├╝ttelt an seiner Schulter und t├Ątschelt seine Wange. Er kann nichts sagen, sich nicht bewegen. Sein Blick ist starr. Ein zweiter Mann betritt den Raum und setzt in mittelm├Ą├čigem Englisch einen Notruf ab.

Hilflos liegt am Boden. Dass die Botschaft nicht ewig seine Heimat bleiben konnte, war absehbar. Dennoch hofft er auf die Einsicht der Regierungen und darauf, dass ihn die Menschen irgendwann verstehen werden. Leider vertrauen sie ihren gew├Ąhlten Vertretern teilweise blind. Sie teilen bereitwillig ihre intimsten Geheimnisse in social networks und wundern sich, wenn der Staat ihr Leben ├╝berwacht. Sie bemerken nicht, dass gro├če Konzerne sie manipulierten und immer weiter in ihre Privatsph├Ąre vordringen. Bereitwillig geben sie sich dieser Ohnmacht hin und folgen dem Herdentrieb.

Drau├čen ert├Ânen die Sirenen der Einsatzwagen. Das B├╝ro f├╝llt sich indes weiter mit Menschen. Die Neugierde ist gr├Â├čer als der Wille ihm zu helfen. Sie haben Angst. Angst davor, dass er vergiftet sein k├Ânnte. Vielleicht ist er das auch. Falls ja, so ist er dankbar daf├╝r, dass es nicht mit Polonium versucht wurde, sondern mit einem schnell wirkenden Gift.

Die Sanit├Ąter betreten den Raum und beginnen mit den notwendigen Rettungsma├čnahmen. Er steht neben seinem K├Ârper und beobachtet das rege Treiben um seine Person. Sie setzen ihm eine Sauerstoffmaske auf Mund und Nase. Angst ├╝berkommt ihn. Er geh├Ârt zu den wenigen Menschen die sogar vor den Rettungskr├Ąften Angst haben. Sind sie auch jene, f├╝r die sie sich ausgeben? Immerhin hilft ihm jetzt ein System, das ihn fallen lies, das ihn verfolgte. Er war stets bedacht die kleinen und gro├čen Vergehen der Staaten dieser Welt aufzudecken. Aber waren die Menschen auch bereit f├╝r die Wahrheit?

Auf einer Bahre liegend wird er durch die G├Ąnge getragen. Botschaftsmitarbeiter begleiten den Transport und ├Âffnen die T├╝ren. Die Pforte kommt immer n├Ąher. Die T├╝r wird ge├Âffnet. Er blickt zu seinem K├Ârper und freut sich zu sehen, wie er bald das Geb├Ąude verlassen wird. Was wird ihn wohl erwarten, falls er das ├╝berlebt? Wird er jemals Gerechtigkeit erfahren? Immerhin ist er die Symbolfigur f├╝r das Scheitern von Justiz und Rechtsstaatlichkeit. Eine Auslieferung an die USA erscheint ihm genauso wahrscheinlich, wie ein Todessto├č durch einen Geheimdienst. Wenn er die Wahl h├Ątte, so w├Ąre Letzteres die angenehmere Variante, als in einem geheimen Hochsicherheitsgef├Ąngnis, nach einigen Einheiten Waterboarding und Schlafentzug, vor sich hin zu siechen. In jedem Fall wird er zum M├Ąrtyrer f├╝r seine Gleichgesinnten und all jene Personen, die bereits berechtigte Zweifel ├╝ber manche Vorg├Ąnge in dieser Welt hegen.

Durch die offene T├╝r sieht er eine Menschenmenge. Polizisten halten die Reporter und Fernsehteams hinter Absperrungen zur├╝ck. Alle Aufmerksamkeit ist auf ihn gerichtet. Er bedauert es, keinen Blick zu dem kleinen Caf├ę erhaschen zu k├Ânnen. Die Normalit├Ąt erscheint ihm ferner den je. Polizeiautos stehen vor und hinter dem Rettungswagen. Er wird aus dem Botschaftsgeb├Ąude getragen. Oft hatte er sich diesen Moment vorgestellt und die unterschiedlichsten Varianten ausgedacht. Endlich ist es soweit, er ist au├čerhalb des gesch├╝tzten Bereichs und bereit einen neuen Abschnitt zu beginnen, sollte er das ├╝berleben.

Die T├╝r des Notarztwagens ├Âffnet sich und die Rettungsbahre mit seinem K├Ârper wird von den Sanit├Ątern fixiert. Alles geschieht sehr schnell. Er blickt noch einmal kurz zur├╝ck zu seiner Botschaft, die ihn lange Zeit sch├╝tzte. Dann steigt auch er ein. Die Heckklappe wird geschlossen. Ein Sanit├Ąter verabreicht ihm eine Spritze. Er ├Âffnet die Augen, richtet sich auf und schreit vor Schmerz. Die Sanit├Ąter dr├╝cken ihn wieder nieder.

"Wer sind sie?", fragt die Stimme hinter ihm, die zu keinem der Sanit├Ąter geh├Ârt. "Ich bin nur ein Mann mit einer Botschaft!", sagt er leise und voller Schmerzen in seiner Brust. "Das haben wir verstanden!", antwortet die Stimme.

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