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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Buntschli
Eingestellt am 23. 12. 2003 00:29


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haljam
Wird mal Schriftsteller
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Sie war trotz allem scheinheilig.

Als sie eingestellt wurde, arbeitete ich schon zwei Jahre lang in diesem Laden. Mein Chef war sehr nett, aber manchmal wohl etwas zu gutm├╝tig. Er lie├č sich oft viel zu viel von den anderen gefallen.

Diese Frau war einige Jahre ├Ąlter als ich. Ich selbst war damals Mitte zwanzig, noch immer ledig und unentwegt auf der Suche nach dem "Richtigen".

Frau Buntschli war gut zehn Jahre ├Ąlter als ich, verheiratet, schon zum dritten Male, die beiden fr├╝heren Ehen waren absolute Katastrophen, behauptete sie, da war ich schon skeptisch. Schlie├člich geh├Âren bei allem und vor allem in der Liebe immer zwei dazu. Also, von wegen "absolute Katastrophen".

Von Anfang an versuchte die Buntschli, m├Ąchtig aufzutrumpfen und sich unentwegt in den Mittelpunkt zu spielen. Unser Chef war in ihren Augen eine Niete, sie fand ihn viel zu weich und viel zu wenig autorit├Ąr. Der konnte nicht mal richtig sagen, wo es "langgehen" sollte. Wenn Sie selbst Chefin w├Ąre, ja, dann w├╝sste sie schon, was sie zu tun h├Ątte.

Ich hatte sofort so ein komisches Gef├╝hl dabei, als sie das so sagte. Aber sie streute unserem Chef unentwegt Sand in die Augen, diese Hexe. Ja, heute, nach so vielen Jahren habe ich noch immer richtig Wut auf sie.

Damals, als sie bei uns anfing, da war ich manchmal noch m├Ąchtig beeindruckt von ihr. Wie das nun mal so ist: "Neue Besen kehren gut..."

Alles sollte anders werden, alles sollte besser werden. Die Buntschli kam sich oft richtig gott├Ąhnlich vor. So, als ob sie alles besser w├╝sste, alles besser k├Ânnte und allen noch etwas vormachen k├Ânnte. Unbedingt.

Zugegeben, sie war manchmal sehr kreativ, ihr reges Denken bordete ├╝ber vor immer wieder neuen und manchmal ziemlich ausgefallenen Ideen.

Unser Chef lie├č sie anfangs auch geduldig und gro├čz├╝gig gew├Ąhren. Schlie├člich wollte er niemand von vornherein demotivieren, das war sein Credo damals.

Die Buntschli war alles in allem auch ganz t├╝chtig. Hatte blo├č ein wenig Probleme mit einer differenzierten Wahrnehmung der Dinge.

Das war oft ziemlich anstrengend. Unser Chef gab sich sehr viel M├╝he, dass irgendwie richtig einzuordnen und hinl├Ąnglich zu verstehen, hat immer lange und ausf├╝hrliche Gespr├Ąche unter vier Augen mit ihr gef├╝hrt, die Buntschli war ihm manchmal auch ganz dankbar daf├╝r, aber manchmal war das einfach nicht m├Âglich, etwas einzuordnen oder hinl├Ąnglich zu verstehen, das war dann oft so exzentrisch von der Buntschli, exzentrisch und mehr noch egozentrisch. Die sah immer nur sich. Sah sich als Nabel der Welt.

Dann kam der Punkt, von dem an sich einiges entscheidend ├Ąnderte, ganz entschieden ├Ąnderte, so wie die Modulation in einem Sonatensatz die Melodie deutlich ver├Ąndert.

Unser Chef war nicht l├Ąnger bereit, gewisse Eigenarten und vor allem Unarten der Buntschli l├Ąnger unwidersprochen hinzunehmen.

Anfangs konnte sie damit noch einigerma├čen vern├╝nftig umgehen und die vielen neuen Vorschriften akzeptieren.

Als sie aber immer deutlicher zu sp├╝ren bekam, wie ihr Grenzen gesetzt wurden und wie ihr pers├Ânlicher Handlungsspielraum im Laden deutlich eingeschr├Ąnkt wurde, da fing sie irgendwann an, innerlich durchzudrehen. Ist einfach durchgeknallt.

"F├╝r die bin ich ja doch nur noch der Fu├čabstreifer, egal, was ich fr├╝her alles f├╝r die gemacht habe. Hab mir den Arsch aufgerissen, f├╝r Nichts und wieder Nichts. Habe meine Freizeit geopfert, um Sachen zu besorgen, die nur der Firma zugute kamen. Und jetzt? Und jetzt??"

Dass sie das alles tendenziell sicherlich total falsch sah, das zu begreifen, dazu war sie einfach nicht mehr in der Lage.

Karfreitag 1998 kam sie in die Nervenklinik. Durchgedreht. Ihr Mann war v├Âllig ratlos.

Als man sie wieder entlie├č, warf sie sich zwei Tage sp├Ąter vor die S-Bahn.

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Rodolfo
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Hallo haljam

Ach, wie viele Buntschlis doch die Welt hat! Mir jedenfalls scheint, ich w├╝rde die Dame kennen, aber kein Wunder: ich bin ja auch Schweizer und der Name Buntschli t├Ânt doch irgendwie so..., nicht?
Du hast hier einen Typus Mensch genauso beschrieben, wie ich mir vorstelle, dass sie/er sich selbst versteht, sp├Ątestens ab dem Moment, wo ihr/ihm "die Fl├╝gel gestutzt" werden. Bravo.
Ein kleines Anliegen h├Ątt' ich noch: lieber haljam, bring die Dame am Schluss nicht gleich um, sie ist ja doch nicht nur unsympatisch und k├Ânnte so wieder einmal in deine Feder schl├╝pfen, was mich freuen w├╝rde (f├╝r sie und f├╝r mich). Lass sie doch einfach noch ein bisschen in der Nervenklinik schmoren.

Saluti und sch├Âne Feiertage w├╝nscht dir Rodolfo
__________________
Nur die Berge stehen ewig, nur der Fluss fliesst immer weiter...

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