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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Chance aus der Tiefkühltruhe
Eingestellt am 02. 01. 2004 15:47


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jimKaktus
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Damit hatte Claudia nicht gerechnet. Das Huhn war nach zwei Stunden Kochtopf unverändert hart. Es war sehr groß, ja, aber sonst hatte sie alles gemacht wie immer, wenn sie Ragout Fin machte. Das Wasser hatte sie weggegossen, das Huhn lag jetzt vor ihr auf dem Tisch, das Messer: drang nicht durch die Haut. Wie Gummi. Entschlossen trug sie das Huhn zum Mülleimer, trat die Pedale, der Deckel schnellte auf, das Huhn wurde ... nun ... Höchstens der Kopf hätte durch die Öffnung gepasst und der war nicht mehr dran.

Sie ging zum Fenster, öffnete es, hob das Huhn mit beiden Händen über ihren Kopf und warf es hinaus. Es sei so schön billig gewesen. Ihr Mann hatte es gestern Abend aus Polen mitgebracht, wo er öfter hinfuhr, um von da Zigaretten einzuschmuggeln. Er schmuggelte und rauchte Marlboro. Das war so das Abenteuerlichste was ein Getränkemarkt-Filialleiter tat.

Frau Hass ging mit ihrem Hund spazieren. Melchior war ein Labrador-Rüde, den sie über alles liebte. Er war zugleich ihr Sporttrainer, denn Frau Hass war alt, brauchte aber Bewegung, sagte der Arzt. Melchior brauchte auch Bewegung. Er lief ohne Leine vorneweg, Frau Hass folgte mit ihrer Gehhilfe.

Manchmal rannte Melchior ins Gebüsch, um zu schnüffeln oder eine Katze zu jagen. Dann kam er wieder heraus. Er streifte eine Weile durchs Gebüsch und es raschelte, dann kam er wieder heraus. Heute ließ sich Melchior etwas mehr Zeit.

Sie hatte ihn doch, als sie bei dem stinkenden Gully war, in dieses Gebüsch rennen sehen. Das Gebüsch konnte Melchior nicht verschluckt haben. Sie rief nach Melchior. Sie ging Melchior jetzt holen.

Den Gehweg zu verlassen bedeutete für Frau Hass ein echtes Abenteuer. Sie hängte ihre Handtasche um, die im Gepäckkörbchen der Gehhilfe lag, und griff zur Krücke, die für solche Fälle sowie zur Selbstverteidigung an der Gehhilfe befestigt war.

Zwischen zwei Büsche setzte sie ihre Krücke, ihre Beine ächzten hinterher. Da stand sie nun, einen Schritt im Gebüsch, und kippte rückwärts aus dem Gebüsch auf den Gehweg. Melchior lag von einem großen Stein erschlagen im Gebüsch. Claudia stand hinter der Gardine und wäre am liebsten auch umgefallen. Stattdessen lief sie in Hausschuhen aus der Wohnung hinunter zu Frau Hass. Frau Hass war tot.

Claudia sah das Haus an. Das Haus schwieg. Keine Leute an den Fenstern. Claudia sah die Straße an. Die Straße rauschte mit Autos. Keines hielt. Claudia sah Frau Hass an. Frau Hass war tot. Ihr Hund war auch tot. Claudia nahm ihr Huhn und flüchtete zurück ins Haus.

Sie wusch das Huhn und setzte neues Wasser auf. Und als es kochte, hievte sie das Huhn wieder in den 30 Liter Kochtopf und kochte das Huhn. Sie musste dieses Huhn weich kriegen. Sie musste dieses Huhn, diese Mordwaffe, weich kriegen. Nebenbei las sie, um sich abzulenken, in einer Illustrierten. Sie las von der Affäre des schwedischen Thronfolgers, der groß und blond war. Dann sah sie aus dem Fenster. Frau Hass lag immer noch da. Im Gebüsch schimmerte das Fell ihres Hundes. Claudia hielt es für das Unauffälligste, Polizei und Krankenwagen zu rufen.

Es klingelte. Sie sah nach dem Huhn. Der Messertest ergab: hart. Sie ging öffnen. Ein Polizist stand in der Tür. Claudia begrüßte ihn freundlich. Ihr fiel auf, dass er unter der Uniform sein Unterhemd falsch herum anhatte. Das Schildchen gehörte doch nach hinten.

Als sie den Polizisten, \"Müller der Name\", darauf hinwies, sagte der bloß, das mache nichts. Heut Abend ziehe er es sowieso wieder aus. Er bat, eintreten zu dürfen.

Claudia hatte Angst. Doch sie durfte sich nicht verdächtig machen, lächelte und trat beiseite. Er ging sofort in die Küche und dort zum Fenster. Draußen standen ein Krankenwagen und zwei Polizeiautos. Sie habe lieber in ihrer Wohnung gewartet statt unten, sagte Claudia. Es hätte ja sein können, dass sie, die Polizei, die Stelle nicht fänden, dann hätte die Polizei sie telefonisch zurückrufen können. Ob sie dem Polizist Müller helfen könne, Fragen beantworten. Polizist Müller fand das sehr freundlich. Er fragte, wo sie die Vorhänge gekauft habe.

\"Bei IKEA\", antwortete Claudia.

Polizist Müller öffnete das Fenster. Sofort füllte Straßenlärm die Küche. \"Bei IKEA!!\" rief er hinaus. Als er das Fenster geschlossen hatte und sich wieder umdrehte, entdeckte er den Kochtopf, wo das Huhn herausragte. Es sei ihm sehr peinlich. Durch den Einsatz habe er kein Mittagessen gehabt. Just wie er eine Currywurst kaufen wollte, kam der Befehl. Er habe schrecklichen Hunger und.

Das Huhn sei leider noch roh, musste Claudia zu bedauern geben.

\"Macht nichts\", fand Polizist Müller. Er esse gern rohes Fleisch. Bei der Armee damals, bei der NVA, habe man auf Übung im Wald Kaninchen gefangen und roh gegessen. Feuer machen durfte man ja nicht. "Das sieht der Feind gleich, wenn wo was raucht."

Claudia nahm das Messer zur Hand, um ihm etwas vom Huhn abzuschneiden. Fast hätte sie sich die Hand verbrannt. Das Messer drang nicht ins Fleisch.

\"Darf ich helfen?\" Polizist Müller ging an den Herd. Claudia machte Platz und sah zu, wie Polizist Müller mit beiden Händen in den Kochtopf griff. \"Ganz schöner Apparat\", meinte auch er. Das Huhn knackte widerlich. Er drückte und zog. Wasser schwappte über und verzischte auf dem Herd. Schließlich hatte er eine Keule abgerissen.

Seine Hände waren ganz rot und Claudia wollte etwas dazu sagen. Aber Polizist Müller kam ihr zuvor: \"Ach, das bisschen.\" Und biss in die Keule. Seine kleinen Zähne vermochten es. Auf einmal fasste er sich an die Kehle, röchelte, streckte die Zunge heraus und seine Augen waren ganz groß. Claudia, geistesgegenwärtig, schlug ihm kräftig auf den Rücken. Polizist Müller lief blau an. Er schien ihr etwas sagen zu wollen. Aber er brachte es nur auf ein paar abgerissene kehlige Laute.

\"Was, reden Sie. Was soll ich tun?\"

Abgerissene kehlige Laute. Er zeigte auf das Fenster.

\"Frische Luft?\"

Abgerissene kehlige Laute. Dann stieß Müller sie aus dem Weg, stürzte zum Fenster, öffnete es und wollte etwas hinausrufen. Abgerissene kehlige Laute.

Claudia verstand. Draußen war vielleicht noch der Krankenwagen. Aber es konnte doch nicht so schwer sein, das Stück Huhn aus dem Hals zu kriegen. Es durften nicht noch mehr Polizisten auf das verdächtige Huhn aufmerksam werden. Und sie hieb mit aller Kraft auf Müllers Rücken. Immer wieder. Bis er zusammenbrach.

War er ohnmächtig? Tot? Was sollte sie jetzt tun? Ihre Füße zuckten, wollten nach einer Richtung, ihre Arme in die andere. So blieb sie stehen, unfähig eine Entscheidung zu treffen. Sie beschloss, selbst ohnmächtig zu werden und fiel um. Wenn sie aufwachte, wären alle Probleme verflogen.

Ein lautes Pochen und Klingeln an der Tür weckte sie. Polizist Müller lag unverändert auf dem Küchenboden. Demütig wie ein bekennender Mörder schlich sie zur Tür.

Draußen standen zwei Männer in billigen Anzügen. Einer trug Hellgrau meliert, der andere einen braunen aus Cord. Beide hatten einen Schnurrbart.

\"Gib mirr die Gans\", forderte der Braune mit russischem Akzent.

Claudia glotzte die Männer verständnislos an. Zwei, drei Sekunden vergingen, während sie verständnislos glotzte und die Männer ungeduldig wurden, sich nervös umsahen und über sie hinweg in die Wohnung spähten.

\"Die Gans\" - es war also eine Gans. \"Die Gans\", brachte Claudia mühsam hervor, \"ist im Kochtopf.\" Die beiden Männer sahen sich an. \"Es fehlt auch schon eine Keule.\"

\"Wirr wollen die Gans ganz\", formulierte nun der in Hellgrau meliert.

\"Gebben Sie uns die Gans, und Ihnen passierrt nichts,\" ergänzte sein Cordfreund drohend und Claudias Gesicht hellte sich auf.

\"Gern. Kommen Sie doch rein.\" Die Männer waren keine Polizisten, und sie wollten diese Mordsgans mitnehmen. \"Die Küche ist da.\"

Claudia schloss gerade die Tür, als einer brüllte: \"Das ist eine Falle!\"

Sie rannte in die Küche. Dort hatten die Männer Pistolen gezogen und schossen auf den ohnmächtigen oder toten Polizist Müller, der danach definitiv tot war.

Der Hellgraue blickte aus dem Fenster. \"Sie haben uns umstellt.\" Und er schoss durch die Scheibe, die barst, nach draußen. Mindestens zehn Mal. Der Hässlichere mit den Narben stieß Claudia zu Boden und stürmte ins Wohnzimmer, wo er in alle Schränke schoss. Der Hellgraue folgte seinem Beispiel und übernahm das Schlafzimmer.

Endlich war es still. Sie kamen wieder in die Küche, wo Claudia unweit vom blutenden Müller lag und sich nicht rührte. \"Es sind sonst keine Polizisten da.\" bemerkte der eine Mann. \"Hast du welche errwischt?\"

\"Nix\", bestätigte der Hellgraue, der ein klein wenig wie der schwedische Thronfolger aussah.

\"Verriegele die Tür. Wirr gebben nicht auf. Wirr haben eine Geisel.\"

War der Grund diese immer schon schwelende Unzufriedenheit mit Wohnung, Beruf und Mann? Sie hatte Besseres verdient. Sie hätte es sich bloß nehmen müssen. Sich trauen!, statt immer höflich und freundlich zu sein und zu tun, was man von ihr erwartete. Das hätte sie tun müssen. Und das wurmte sie, wurmte sie, wann immer ihr langweilig war oder sie mit Nachbarn, Geldknappheit - kleinkarierten Problemchen eben zu kämpfen hatte.

Groß und schwer, endlich mal ein richtiger Mann, dieser Michail. Ivan, der Cordmann, bewachte die Wohnungstür und trank den guten schottischen Whisky ihres Mannes. Sie und der Hellgraue kopulierten auf der Couch im Wohnzimmer. Sie war eine Gangsterbraut. Es würde in den Untergang führen. Leben führte in den Untergang. Das war der Preis.

Schüsse. Die Schreie von Ivan im Korridor. Michail schaffte es gerade noch sich die Hose zuzumachen. Da wurde die Tür aufgestoßen und ein Mann in Schwarz schoss ihn um. Claudia hatte ihren Rock zurechtgezogen und hob, liegend, die Hände.

Sie bekam psychologische Betreuung wegen der offensichtlichen Vergewaltigung und Zeugenschutz, das volle Programm. Durch sie konnte ein wichtiger Hehler angeklagt werden. Die Gans war mit Kunststoff gehärtet worden. Innen befand sich, gut gepolstert, ein antikes Tongefäß aus der Eremitage in St. Petersburg und ein verformtes GPRS-Handy. \"Zu ihrer beider Schutz\" trennte sie sich von ihrem Mann, um allein unter anderem Namen in eine andere Stadt zu ziehen.

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Enza ost
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Registriert: Not Yet

Herzlich willkommen in der LL! Da hast Du eine witzige und spannende Geschichte geschrieben, toll! Nur den Unterschied zwischen einem Huhn und einer Gans, erkennt jede Hausfrau und die meisten anderen Menschen ebenfalls!
Der Übergang, wo die Frau von dem Russen vergewaltigt wird, holpert ein wenig, da würde ich noch etwas verändern...
Ansonsten, hat mir Spaß gemacht, sehr originell und mal was ganz anderes!

Gruß von Enza ost

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jimKaktus
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Registriert: Dec 2003

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Hi Enza,

vielen Dank fürs Feedbäck. Da hast du gleich erkannt, dass Jim keine Hausfrau ist. Aber Claudia, glaub ich, auch nicht. Wenn besagter Übergang nicht funktioniert, das kratzt mich dagegen schon...

Jim Kaktus

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Kalle
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2002

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Gelungen

ziemlich gut.
Kalle
__________________
Kalle, der, den sie "die Flamme" nennen

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jimKaktus
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hab noch mal etwas gefeilt...

j

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