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Leselupe.de > Kurzprosa
Die Cousinen
Eingestellt am 29. 10. 2007 14:43


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Daunelt
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Die Cousinen


In ihren wei├čen Kleidern werde ich sie nicht finden, der Garten ist ein einziges helles Meer aus Tulpen und Narzissen, die duftenden Fliederb├╝sche, blendend wei├č und lila, lassen kaum eine andere Farbe gelten. Ich rufe nach ihnen, aber der Ton vergeht wirkungslos in der Mittagssonne. Nur die Lerchen, unsichtbar am blauen Himmel, sind ein perlendes Echo. Es hilft nichts, ich mu├č sie suchen, das Bl├╝tenmeer durchwaten, fast bis zum Knie reicht es mir. Die Hitze flirrt, der Schwei├č l├Ą├čt das Hemd am K├Ârper kleben. Es ├Ąngstigt mich, da├č ich niemanden sehe, ein leerer Garten im strahlenden Licht, nur von Insekten und V├Âgeln bev├Âlkert. Ich irre von einem Ende zum anderen, bis dorthin, wo der Garten in das Gelb der Felder ├╝bergeht und von der Sonne bet├Ąubte Rehe tr├Ąge kauern. Verzweiflung und Mutlosigkeit steigen in mir auf und ich schluchze wie ein Kind.

Ohne meine Cousinen kann ich nicht nach Hause zur├╝ckkehren. Ob sie sich verstecken, um mir einen Streich zu spielen, ob sie aus dem Garten entflohen sind oder ein Verbrecher sie entf├╝hrte: es ist doch im Grunde dasselbe. Das unbekannte Ma├č an Zeit, da├č unserer Gemeinsamkeit gegeben ist, wird geschm├Ąlert, und ich will mit ihnen zusammen sein, es ist kein gro├čer und kein unerf├╝llbarer Wunsch. In meine Angst mischt sich Wut - nicht auf sie, auf ihre Sorglosigkeit, ihren ├ťbermut - sondern auf die gnadenlose Uhr, die selbst hier im sommerlichen Frieden des Gartens tickt. Noch mal gehe ich die ├╝berwucherten Wege ab, zwinge mich zur Ruhe. Rosenk├Ąfer wiegen sich in den Bl├╝ten, eine Eidechse huscht an den Mauerresten entlang, Libellen stehen f├╝r Augenblicke vor meinem Gesicht, drehen dann blitzartig ab. Es ist, als wollten sie mir beim Suchen helfen. Der Tag ist ein Kolo├č aus Licht, dem sich die Natur beugt. Ersch├Âpft lasse ich mich in das Gr├╝n fallen. Grauenvoll ist es, allein zu sein und verlassen von denen, die man liebt. Alles wird bedeutungslos und es bleiben nur Schmerz und Verzweiflung. Ich ├╝berlege, wie viele Tage ich treiben werde, wenn ich heruntergehe an den Flu├č und mich auf die kalte Reise zum Meer mache, wo alles einerlei wird. Es zieht mich zu den Fliederb├╝schen, Zweige voll wei├čer und lila Bl├╝ten will ich abbrechen. Etwas aus dem Garten soll mich begleiten und mit mir driften, damit ich nicht nackt bin. Hier unter den duftenden ├ästen finde ich meine Cousinen.

Da liegen sie in Gras und Farn in ihren luftigen Kleidern, friedlich schlafend. Ihre Busen heben und senken sich gleichm├Ą├čig, die sch├Ânen H├Ąnde haben sie ineinandergelegt, ├╝ber die sanften Gesichter geht ein Traum. Die Erleichterung l├Ą├čt mich zittern, eine Welle von z├Ąrtlicher Zuneigung durchstr├Âmt mich. Ich setze mich vorsichtig, um sie nicht zu wecken und betrachte still ihre Sch├Ânheit. Ein Schmetterling taumelt heran, setzt sich auf einen der halb ge├Âffneten M├╝nder. Es ist, als w├╝rde er ihren s├╝├čen Atem trinken und erheitert und gest├Ąrkt fliegt er im Sonnenlicht davon.



__________________
Die Aufgabe des Dichters ist nicht, Wege aufzuzeigen, sondern Sehns├╝chte zu wecken (Hermann Hesse)

Version vom 29. 10. 2007 14:43

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Franka
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Hallo Daunelt,

ein sehr weicher, fast anschmiegsamer Text, der beim Lesen vor meinen Augen flimmerte. Das hier ist meine Lieblingsstelle:

quote:
Ich ├╝berlege, wie viele Tage ich treiben werde, wenn ich heruntergehe an den Fluss und mich auf die kalte Reise zum Meer mache, wo alles einerlei wird. Es zieht mich zu den Fliederb├╝schen, einen Zweig voll wei├čer und lila Bl├╝ten will ich mit mir nehmen. Etwas aus dem Garten soll mich begleiten und mit mir driften, damit ich nicht nackt bin.

Ein paar kleine Anmerkungen habe ich trotzdem:
Die erste bezieht sich auf die wei├čen Kleider (muss es dort nicht hei├čen: mit oder durch ihre?)und die Blumen die du beschreibst, Tulpen gibt es wohl ganz selten in wei├č und Narzissen gibt es auch in gelb. Flieder in wei├č und in verschiedenen lila T├Ânen.
Reichen die Bl├╝ten wirklich bis zum Knie?
An einem Fliederbusch sind nicht wei├če und lila Bl├╝ten zugleich.
Das Fremdwort "exaltierter " will mir nicht zu diesem Tag passen.
Vielleicht magst du ja ├╝ber das Eine oder Andere nachdenken.

Ansonsten sehr gerne gelesen.

Lieben Gru├č
Franka

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Daunelt
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Lieber Haki, liebe Franka !

Vielen Dank f├╝r Eure freundlihen Zeilen, die mich wirklich sehr ber├╝hrt haben. So etwas tut nach einem Tag, an dem man sich mit ├Ątzenden Dingen und Widerlingen herum├Ąrgern mu├čte, echt gut. Zu Deiner Kritik, Franka: das Wort "exaltiert" nehme ich heraus, bei dem Zweig mit den wei├čen und lila Bl├╝ten h├Ątte ich nat├╝rlich von "Zweigen" sprechen m├╝ssen, wird ge├Ąndert. Ich stelle mir den - sicherlich in der Realit├Ąt nicht existierenden - Garten wei├č vor, weil es etwas von Reinheit und Unschuld an sich hat, genau so wie die beiden M├Ądchen und die Liebe des Schreibers zu ihnen. Ich habe im Vorfeld schon einige botanische Unm├Âglichkeiten entfernt und will gerne versuchen, mit ein paar Ver├Ąnderungen noch etwas mehr "die Kurve" zu kriegen.

Eine gute Nacht w├╝nscht
Daunelt
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Orangekagebo
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Hallo Daunelt,

hat mich sehr angesprochen, Dein Text. Ich sehe sie f├Ârmlich schlafen.
Den Schmetterling w├╝rde ich pers├Ânlich weglassen. Dadurch werden nur Klischees bedient, was dieser Text wirklich nicht muss.
Bin auf Deine Änderungen gespannt!

LG, Karsten

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Daunelt
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Hallo Karsten,

Danke f├╝r den Kommentar. ├änderungen habe ich schon vorgenommen, besonders was die angesprochenen "botanischen Ungereimtheiten" angeht. Der Schmetterling ist Klischee, keine Frage, aber ist der Gedanke nicht sch├Ân und stimmig ? Ich ├╝berlege noch.

Liebe Gr├╝├če

Daunelt
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Orangekagebo
Guest
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Nein, lass┬┤ ihn, Daunelt. Er passt zum Text!!!

Gern bewertet und gelesen.

LG, Karsten

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