Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92211
Momentan online:
262 Gäste und 13 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Dame, die im Meer spazierte
Eingestellt am 25. 05. 2009 21:13


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Kafkarules
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Apr 2009

Werke: 4
Kommentare: 17
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Kafkarules eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Die Dame, die im Meer spazierte

Wir hatten versucht, die Schief├Ąugigen in den Rumpf ihres Schiffes zur├╝ckzutreiben. Aber sie dr├╝ckten ihre Lippen auf das Holz der Laternenpf├Ąhle, die unweit der Anh├Âhe standen, rollten querfeldein die Uferstra├če entlang und sprangen quiekend in die H├Âhe, wenn sie am Horizont ein Schiff sahen. Als ihr Schiff von einem Kran ins Trockendock gehievt werden sollte, hatten sie pl├Âtzlich die Bordwand durchbrochen und waren kakerlakengleich auf die Erde gepurzelt. Amtsdiener waren mit Netzen anger├╝ckt, um die unerw├╝nschten Besucher davonzuschleifen und in ein provisorisch zusammengezimmertes Schiff zu verfrachten. Doch die Eindringlinge hatten aus dem Holz der Bordwand Messer geschnitzt, mit denen sie die Netze ebenso schnell durchtrennten, wie sie ├╝ber sie geworfen wurden. Fesselballons wurden mit Klebm├Ąnteln bewaffnet, die jeden auch bei der geringsten Ber├╝hrung unentrinnbar gefangennahmen. Die Ballons schossen sie mit spitzen Spuckkugeln ├╝ber dem Meer ab, viele tapfere M├Ąnner verloren ihr Leben.

Auf der Uferstra├če war kein Durchkommen mehr und manche Fracht konnte nur mit gro├čer Verz├Âgerung bef├Ârdert werden, weil die Schief├Ąugigen wohl an die hundert Mal hintereinander auf die Frachtkisten h├╝pfen konnten, um dann aus zehn Meter H├Âhe mit einem Salto auf die Erde zu springen.
Die Dame, die im Meer spazierte, war gegen Mittag wie jeden Tag unterhalb des Prisenhauses an den gro├čen Felsen vorbeigetrieben, bis ihr gelber Strohhut an der Flu├čm├╝ndung in der N├Ąhe der f├╝nfzehn Werkst├Ątten landeinw├Ąrts verschwand. Alle Schiffe hatten die Maschinen zu stoppen, so lautete die Vorschrift, die Menschen sollten sich versammeln, das Personal mu├čte die linke Hand an die M├╝tze f├╝hren, jeder Kapit├Ąn war verpflichtet, einen Juteg├╝rtel voll goldener Trompeten westw├Ąrts in einem der gro├čen Strudel zu versenken.
Die Schief├Ąugigen hatten Erdklumpen aufgetrieben, die sie zu kleinen B├Ąllen formten und zielsicher auf unser aller Herrin schleuderten. Manche mu├čten auf die Planken des Piers erbrechen, das Ausgespieene wurde schnell zusammengeschrappt und in einige Klumpen eingearbeitet. Beim Werfen f├╝hrten sie die Zehen zum Mund und brachten auf den vorstehenden R├Ąndern ihrer Hornn├Ągel einen durchdringenden, ohrenbet├Ąubenden Pfeifton zustande.

Keinem fiel es leicht, mittags nicht mehr ├╝ber die Uferstra├če promenieren zu k├Ânnen. Die ganze Stadt war in Aufruhr. ├ärzte verschrieben so viele Heilschl├Ąfe wie zu keiner Zeit unserer Geschichte.
Mittags dr├Ąngten sich Hunderte jetzt unterhalb der Anh├Âhe, wo nicht das Geringste zu sehen war, man allerdings in der N├Ąhe blieb. Viele stiegen auf ihre Balkonbr├╝stung, um von dort in Richtung Meer zu signalisieren, Menschentrauben krallten sich an Fassaden fest. Auf den D├Ąchern tanzten und sangen die Menschen, wenn die schwimmende Zither am Horizont auftauchte. L├Ąngst war uns klar, da├č die Aussichtspl├Ątze nicht ausreichten. Die Stadt war eine einzige Fehlplanung.
Was h├Ątten wir denn tun sollen? Wof├╝r ├╝berhaupt noch unsere Fracht verschicken? Zwar waren viele der Meinung, da├č wir immer noch unser Herkommen nachahmten, aber in Wirklichkeit waren die Verbindungen zum Reich der Portale l├Ąngst abgebrochen und wir hatten keine Kenntnis davon, ob es noch anderen St├Ądten gelungen war, an die Oberfl├Ąche zu gelangen. Unsere einzige Verbindung zur Au├čenwelt war die D├╝ne auf einer kleinen Insel im offenen Meer, f├╝nfzehn Stunden Bootsfahrt entfernt.
Einige schlugen vor, uns erneut den Herren anzudienen. Ihr Schlo├č, so lautete die ├ťberlieferung, ist ein rot l├Ąrmender Leuchtturm mitten im Meer, das rettende Ufer ist inwendig. Das Haus ist Teil eines unendlichen Wasserh├╝gels, ein Hohlraum geht ins Feuer des Erdinneren.
Wir erschraken, als wir erkennen mu├čten, da├č die Dame, die im Meer spazierte, nicht nur t├Ąglich mit einer immer gr├Â├čer werdenden Anzahl schwarzer Flecken wiederkehrte, sondern ihr Gesicht abschuppte. Wie oft hatte sie uns zugewunken, wie oft hatten uns s├╝├če Ges├Ąnge aus der schwimmenden Zither bet├Ârt. Schlie├člich blieb uns keine andere Wahl, als das Alarmzeichen zu geben. F├╝nfzehn Schl├Ąge der Turmuhr verrieten den Ablauf allen bisherigen Geschehens. Die Menschen rannten schreiend durch die Stra├čen, einige st├╝rzten sich spontan in die gro├čen Schlammtunnel, die seitw├Ąrts aus der Stadt herausf├╝hren und wurden nie wieder gesehen. Andere beschmierten sich mit Lehm oder stachen sich L├Âcher ins Gesicht, um eine andere Person darzustellen. Ein Gro├čteil der Bev├Âlkerung siedelte in die gro├čen Moore im Norden der Stadt um.
Wer sein Haus nicht verlie├č, konnte beobachteten, wie die Schief├Ąugigen ├╝ber die Elektroz├Ąune der Hafenanlage kletterten. Gegenseitig schoben sie sich sitzend ├╝ber die Hauptstra├čen. Nach kurzer Zeit bestiegen sie unsere Alleeb├Ąume, um von dort den in ihren Wohnzimmern zitternden Personen zuzuwinken. Einige turnten solange von Ast zu Ast, bis sie ein Fenstersims entdeckten, auf dem sie landen konnten. Die Menschen, die sich mit gro├čen Messern in s├Ąmtlichen Ecken der Zimmer bewaffnet hatten, fest im Blick, verdrehten sie augenzwinkernd ihre K├Âpfe, zogen sich selbst an den Haaren und gingen das enge Fenstersims im Handstand ab.
Als sich die Menschen nur noch schildkr├Âtenkriechend durch die Stra├čen bewegten, splitterten die Scheiben des Turmhauses. Frachtarbeiter liefen durch die Stra├čen, ihr Geschrei konnten wir erst nicht verstehen, doch dann plazierten wir Posten auf allen wichtigen D├Ąchern der Stadt. Die Silhouette am Mittag des folgenden Tages verdoppelte unsere Anstrengungen, Feldstecher wurden verteilt. Als das erste Notgeheul von den D├Ąchern gellend durch die Stra├čen trieb und fl├╝sternd an den kalten Begrenzungsh├Ąusern des Hafengel├Ąndes zerplatzte, flimmerte am Nordende der Stadt am Waldgebiet vor den gro├čen Mooren eine Scherenschnittmenge, die schnell n├Ąherkam. Die Menschenherde trieb sich selbst vor sich selbst her, keuchte Moorstaub aus, erreichte schnell die Stra├čenfluchten im Stadtzentrum, durchbrach die Elektroz├Ąune und ├╝berflutete die Uferstra├če, die die Schief├Ąugigen zu unser aller ├ťberraschung freigegeben hatten. In diesem Moment driftete die schwimmende Zither schneller als sonst an unserem Hafen und an unseren Blicken vorbei. ├ťber Lackresten und Farbspritzern t├╝rmte sich eine Leere, da├č wir sie fast k├Ârperlich sp├╝ren konnten.

Mittags treibt jetzt seit dieser Zeit nur noch der verrostete Rumpf der schwimmenden Zither trudelnd an unserem Hafen vorbei. Wenn sich der Wind hinter der aufgeschlagenen Kabinent├╝r verweht und die Wellenlocken ├╝ber das halb vom Meer ├╝berflutete Deck schlagen, ist es, als wenn das schaurige Hohllied von einst f├╝r einen Moment zu uns zur├╝ckkehrt und wir uns selbst im zerkratzten Glas der Au├čenbordwand als die Schief├Ąugigen sehen, zu denen wir geworden sind.


Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Kafkarules
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Apr 2009

Werke: 4
Kommentare: 17
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Kafkarules eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Feedback zur Geschichte

Hallo,
ja, die Geschichte hier reinzustellen, war ein Wagnis, denn es handelt sich um eine surreale Geschichte mit eigenen Symbolen und eigener Realit├Ąt, die zu entschl├╝sseln sicherlich vielen schwer f├Ąllt. Es ist ja auch nicht einfach, sich auf diesen Text einzulassen. Der Vorwurf, der dann kommen muss (und den man vermutlich auch surrealistischen Malern oder Regisseuren wie Luis Bunuel machen k├Ânnte), ist, dass es sich um eine wirre Sammlung handelt oder alles ungeordnet ist. Dann h├Ątte ich ja nur ein paar Versatzst├╝cke einfach aneinandergereiht und zusammengekleistert. Nein, das habe ich nicht! So arbeite ich auch nicht! Der Text ist ja eine Geschichte, da eine Handlung stattfindet, in deren Verlauf sich im Ort, in dem die Geschichte spielt, etwas ver├Ąndert. Und etwas gedacht habe ich mir dabei nat├╝rlich auch.
Gru├č
Kafkarules

Bearbeiten/Löschen    


Kafkarules
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Apr 2009

Werke: 4
Kommentare: 17
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Kafkarules eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Surreale Welten

Hallo bluefin,
kein Problem, wenn Du mit der Geschichte nichts anfangen kannst, vielleicht ist sie an einigen Stellen wirklich zu verr├Ątselt.
Ja, was ist eine schwimmende Zither?
Ich hatte da an Boote o.├Ą. gedacht, die im Rahmen bestimmter Rituale eingesetzt werden (z.B. bei Marienverehrungen in Italien) und f├╝r die Leute dann auch einen entsprechenden Stellenwert haben. Dadurch entsteht dann die im Text beschriebene Abh├Ąngigkeit.
Gru├č
kafkarules

p.S.: Scifi oder horror? Nein, die Geschichte geh├Ârt vielleicht eher zum Genre 'phantastische Literatur'

Bearbeiten/Löschen    


4 ausgeblendete Kommentare sind nur f├╝r Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!