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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Diebin
Eingestellt am 12. 09. 2014 21:52


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SnowMan
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Die Diebin

„Wie kommen sie darauf, dass ich etwas geklaut haben soll?“, schnauzte sie den Kaufhausdetektiv an, der sie mit festem Griff am Arm festhielt.
„Wir haben dich beobachtet, wie du etwas in die Tasche hineingestopft hast.“, antwortete er in einem schroffen Ton.
»Ich sage es ihnen nochmals. Ich habe nichts geklaut.«
Ihr Gesicht wurde Kirschrot. Kleine Schweißperlen zeichneten sich auf ihrer Stirn ab, die langsam ihre Backen hinunterliefen.
»Dann zeig mir deine Tasche.«, herrschte er sie an. Gezielt Griff er nach ihrer Umhängetasche, die lässig über ihrer Schulter baumelte.
„Finger weg. Was fällt ihnen ein.“
Sie klatsche gegen die Hand des Detektivs, der erschrocken zurückzuckte.
„Aha. Doch was zu verbergen, He?“, entgegnete er spöttisch.
Jessica verdrehte die Augen und schaute beschämt Richtung Boden.
Ihr Gesicht leuchtete jetzt wie eine rote Ampel.
„Ne. Da müssen sie mich verwechseln.“, stammelte sie.
„Das kann jeder sagen. Wir haben dich auf Band. Leugnen ist zwecklos.“
Jessica stand beschämt da. Die neugierigen Blicke der anderen Kaufhausbesucher durchbohrten sie wie Nadeln. Aus dem Augenwinkel konnte sie sehen, wie Köpfe zusammengesteckt wurden. Kinder zeigten mit dem Finger auf sie. Mütter zerrten sie beschämt beiseite. Sie konnte die Peinlichkeit förmlich riechen.
Andere gingen in schnellem Tempo vorbei und blickten beiseite. Drehten sich letztendlich aber doch um und schüttelten skeptisch die Köpfe.
Zwei staksige Brünetten, die aussahen wie zwei aufgetakelte Hühner, standen vor einem dieser vielen Schaffenster. Jessica sah, es wurden Dessous ausgestellt. Sie kicherten.
Die Schaufensterpuppen schienen sie zusätzlich anzustarren, wie Tote, deren Blick ins Leere zeigte. Wiederum andere Glotzen einfach nur. Wie Kühe auf der Weide, die auf die Schlachtung warteten.
Sie wollte es gar nicht wissen, was all die Menschen um sie herum dachten. Sollen die doch denken, was sie wollen. Sie hatte ein Problem. Und dieses musste sie lösen.
Sie wirbelte gekonnt ihr blondes Haar zurück, welches wie in einem Sommerwind flatterte. Mit geballter Faust und ausgestrecktem Mittelfinger zeigte sie diesen.
„Solche Ignoranten. Spießer hoch vierzehn. Ich könnte so kotzen!“

***


Die nervige Kaufhausmusik dudelte fröhlich vor sich hin.
Die Flut aus kaufwütigen strömte wie eine zähe Masse in die einzelnen Läden. Herbeigelockt wie Motten, die das Licht in der Dunkelheit suchen.
Die einzelnen Läden waren wie das Netz einer Spinne, die an einer Lampe bei Nacht lauert, um eine Motte zu fangen, nur mit dem Unterschied, dass die Schaufenster bunt wie Weihnachtsbäume leuchteten und die Verkäufer das Spinnentier waren.
Jessica mochte diese Konsumtempel nicht. Man kaufte Dinge, die man nicht braucht. Wie Raubtiere im Kampf um die letzten Stücke einer Beute, bei den Wühltischen. Es widerte sie an.
Leider musste an diesem Morgen eine Besorgung für ihre Mutter erledigen.
Toll, dachte sie. Jetzt stand sie neben diesem fetten Kaufhausdetektiv, der sie mit einem festen Griff von der Flucht abhielt.
Sie musterte angewidert den Detektiv.
Er hatte ein aufgedunsenes Gesicht. Sein Bauch quoll über den Gürtel wie ein Sack mit Kartoffeln. Eine Locke aus schmierigen schwarzen Haaren hing ihm über seinem linken Auge. Generell sahen seine Haare aus, als ob sie mit schwarzer Schuhwixe extra behandelt wurden. Er stank ungemein nach Schweiß und auf seinem schäbigen T-Shirt war voller Ketchupflecken. Auf dem Rücken prangte in großer deutlicher Schrift „Security“.
Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie Fettwurst, so nannte sie diesen schäbigen Detektiv, abends die Ledermaske und Peitsche aus dem Schrank holt, um ein wenig perverse Sexspiele mit seiner Frau zu veranstalten.
Viele hatten Geheimnisse.
„Du kleine perverse Sau. Macht dir wohl auch Spaß, kleine Mädchen anzukrapschen“, dachte sie.
„Lassen sie mich los, oder ich schreie.“
Sie zerrte am Griff von Fettwurst und versuchte diesen eisernen Griff loszuwerden.
Er starrte Jessica misstrauisch an; wahrscheinlich überlegte er, was sie eigentlich hier im Einkaufszentrum wollte. So eine junge Göre. Die haben nichts weiter als Unfug im Schädel.
„Hab dich mal nicht so. Erwischt ist erwischt. Hat man dir nicht beigebracht, dass man nicht klauen soll?“, fragte er sie.
„Du kommst jetzt mit.“
Er zerrte an ihrem Arm, um sie in die Richtung des Büros zu bugsieren.
Jessica versuchte erneut, sich aus dem Griff des Defektives wie eine Schlange herauszuwinden. Ihre Versuche erwiderte er mit einem noch festeren Griff.
Sie holte gekonnt aus und ihr Fuß traf hart das Schienbein des Detektivs. Er schrie auf und sein Gesicht verkrampfte sich zu einer schmerzerfüllten Maske. Das Anfängliche grinsen, eine Diebin erwischt zu haben, verschwand augenblicklich.
„AUA! Verdammtes Luder. Was sollte das.“
„Lassen sie mich los. Sie tun mir weh.“, flehte Jessica.
Ihr Arm schmerze höllisch. Die Finger wurden langsam taub und sie merkte, wie der Blutfluss in die Fingerspitzen versagte, als ob ein Wasserhahn langsam zugedreht wird.
„Nix da. Du bleibst schön bei mir.“, erwiderte er.
Jessica versuchte es auf ein neues. Sie drehte sich um ihre eigene Achse, verbog dabei den Arm gefährlich auf ihren Rücken, als ob sie ihn brechen wollte. Wand sich gekonnt darunter hindurch. Wieder nach vorn. Mit ihrem Mund biss sie dem Detektiv in den Oberarm.
Mit dieser Reaktion hatte der Detektiv nicht gerechnet. Er schrie laut auf, fluchte irgendwas Unverständliches. Die Zähne von Jessica zeichneten sich wie ein Stempel ab und es fing an, leicht zu bluten.
Jessica hatte den Griff gelöst.
Sie wollte losrennen, aber die Pranke des Detektivs erwischte sie in letzter Sekunde an der Schulter. Er war fester und energischer. Der abrupte Stopp ihres Körpers hätte sie beinahe zu Boden beförderte, aber sie konnte ihr Gleichgewicht halten.
„Halt. Du bleibst bei mir. Hasste dir wohl gedacht.“, schrie er unter Schmerzen.
Jessica fuhr erschrocken zusammen. Sie schaute in die glänzenden Augen von Fettwurst, der sich wie ein Kleinkind freute, sein Spielzeug nicht verloren zu.
„Arschloch!“, rief sie im lautstark entgegen und begegnete seinem Blick mit gleicher Freude.
Er knurrte wichtigtuerisch, wie ein Hund der seinen Knochen verteidigt, in sein Walkie-Talkie: „Jens, bitte kommen! Jens.“
Es knackte und rauschte wild, dann: „Ja Chef. Jens hier. Over.“
„Jens, komm schnell. Ich hab die Diebin erwischt. Die macht mir voll den Stress hier.“
„Ja. Bin gleich bei ihnen. Over.“
„Und gebissen hat mich das Luder auch\", war sein letzter Satz.
„Ich bin keine Luder!“, schrie Jessica und versuchte sich weiterhin krampfhaft aus der Umklammerung zu befreien. Das Ergebnis ihrer Versuche war, das der Detektiv nur noch fester zupackte.
„Aua, sie tun mir weh!“
Tränen traten in Jessicas Gesicht hervor. Das Rot in ihrem Gesicht war verschwunden. Leichenblass schaute sie Fettwurst entgegen.
Er starrt Jessica an. Seine Augen leuchteten hasserfüllt. Sie erkannte Überreste von Akne auf seiner fettigen schlaffen Haut.
„Oh. Ist unsere Diebin etwa eine Mimose? Hab dich nicht so.“, antwortete er in einem spöttischen Ton und grinste sie wie ein Breitmaulfrosch an.

Plötzlich schrie Jessica wie aus heiterem Himmel. Sie schrie so laut, wie es ihre Kehle hergab: „Hilfe. Ich werde entführt. Helfen sie mir, bitte.“
Die umherstehenden Passanten drehten sich um. Sahen Jessica mit diesem fetten Mann kämpfen, wie ein Hund, der von diesen Hundefängern mit einer Stange gefangen wurde.
„Was machen sie da.“, fragte ein ältere Herr, der plötzlich wie aus dem Nichts auftauchte. Er schob einen alten AOK-Chopper vor sich her. Der Korb seines Rollators war vollgepackt mit Tüten. Allerhand weiterer Plunder lag verstreut darin herum.
Er klapperte gefährlich und die Sauerstoffflasche, die an der Seite hängte, drohte jederzeit abzufallen. Der lange Schlauch, der in seine Nase führte, war leicht vergilbt. Der Sauerstoff strömte unablässig und er atmete röchelnd.
„Das geht sie gar nichts an“, antwortete Fettwurst.
„Doch. Sehen sie nicht, dass sie dem Mädchen wehtun?“, erwiderte der Alte schwerfällig. Er schob gekonnt seinen vollbepackten Rollator näher, als sei er eins mit ihm.
„Lassen sie mich meinen Job machen. Und überhaupt. Was mischen sie sich eigentlich ein?“, fragte Fettwurst.
Der ältere Mann schob seinen Rollator zwischen Jessica und den Detektiv. Griff nach ihrer Hand und versuchte sie zu befreien.
Fettwurst schupste den älteren Mann, der sogleich das Gleichgewicht verlor und zu Boden fiel. Scheppernd krachte sein Rollator auf den Boden. Der Inhalt seines Korbes ergoss sich klatschend. Eine Orange bahnte sich den Weg in eine undefinierte Richtung. Der Inhalt seiner Einkaufstüten ergoss sich auf den Boden und die Flasche Wein zerbrach mit einem lauten Knall und die rote Flüssigkeit schwappte wie die Brandung des Meeres um ihre Füße.
Fettwurst schaute verdattert auf das Chaos vor ihm.
Jessica nutze seine Ablenkung und riss sich los.
Sie rannte, nahm regelecht ihre Füße unter die Arme.
Einfach nur weg von dieser Fettwurst.
„HALT!, bleib stehen du Luder.“, schrie der Detektiv ihr hinterher.
Jessica verschaffte sich einen schnellen Überblick ihrer verbleibenden Fluchtmöglichkeiten. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie sich Fettwurst schnaubend wie ein Dampfross in Bewegung setzte, mit einem Ziel, sie wieder in seine Gewalt zu bekommen.
Links von Jessica war der rettende Ausgang. Dieser war aber durch die beiden Detektive nicht erreichbar.
Die Rolltreppe. Die Rettung.
Genau.
Hier hoch, die Galerie entlang und dann hinten bei der Rolltreppe runter zum Ausgang. Vielleicht doch zum dritten Stock, zur Damenabteilung und den Notausgang benutzen?
Sie musste nur diesen schwerfälligen dicken Detektiv abhängen, was eine Leichtigkeit sein sollte.
Geschickt schlug sie mit ihren flinken Beinen die Richtung zur Rolltreppe ein.

***


Ich hetzte die Rolltreppe hoch und stieß blindlings mit einer schlaksigen Brünette zusammen. Dabei schickte ich eine ihrer Einkaufstüten mit Haarfärbemittel und Tampons zu Boden.
„Hey. Pass doch auf!.“, schrie sie.
Ich blieb nicht stehen, um mich zu entschuldigen, denn ich hatte genug damit zu tun, Fettwurst zu entkommen. Die anderen Kaufhausbesucher wichen mir nun automatisch aus. Zum Glück dachte ich. Die behindern nur meine Flucht.
Oben angekommen bog ich nach links ab und ging schneller. Meine Kapuze zog ich mir über den Kopf, um mein Gesicht vor dem Glotzen und Gaffen der vorbeigehenden Konsum-Zombies zu verstecken.
Ich wich Papierkörben aus, umrundete Mütter mit ihren Kinderwägen und sprang über manche Einkaufstüte, die mir im Weg stand. Ich beschleunigte meine Schritte, nein ich joggte regelrecht. Mein Puls beschleunigte sich, die ersten Anzeichen von Panik machten sich in mir breit.
Unwillkürlich blickte ich mich ständig um, in der Hoffnung Fettwurst abgeschüttelt zu haben. Sehen konnte ich ihn hinter mir nicht. Es waren einfach zu viele Menschen.
Meine knallgrünen Chucks quietschten und patschten auf den Fliesen des Kaufhauses, als ich an den bunt beleuchteten Schaufenstern der Galerie zweiten Rolltreppe rannte.
Ich wühlte in meiner Handtasche nach meinem Handy.

***


Als ich die Situation realisierte, war sie schon weg.
Ich, Gustav Lopez, war nun seit 10 Jahren Kaufhausdetektiv. Und ja, ich hatte bis jetzt jeden überführt. Auch diesmal hatte ich wieder eine Diebin bei frischer Tat ertappt. Das macht sich gut in meiner Personalakte. Eine Gehaltserhöhung ist dringend von Nöten. Meine verdammten Hypotheken wuchsen mir langsam über den Kopf und meine Olle will ständig neue Schuhe.

Abrupt drehte ich mich um und sah, wie sie hastig die Rolltreppe hinauf hetzte.
„Verdammte Scheiße!“, rief ich laut.
Ich rieb mir mein Schienenbein, was immer noch höllisch schmerzte.
Ich muss nachher unbedingt zum Arzt und die Bisswunde untersuchen lassen.
Menschen bisse können sich böse entzünden.
Mit einem Griff nahm ich das Funkgerät in die Hand.
„Maik\", schnaubte ich in mein Walkie-Talkie.
„Maik. Verdammt melde dich.“
Wo steckt denn wieder dieser alte Saufbold von Haustechniker.
„Jo. Wat gibbet?“, meldete er sich endlich.
„Verriegele die oberen Ausgänge. Mach schnell.“
„Wieso dat denn?“, fragte er staunend.
„Mach einfach. Und frag nicht so dumm.“

Keuchend rannte ich die Stufen der Rolltreppe empor.
Leider hatte ich die Falsche genommen. Es war die, die nach unten führte. Und so musste ich unweigerlich die Stufen hinauf klettern. Die Menschenmassen standen wie eine undurchdringliche Mauer vor mir. Ich quetschte mich dazwischen hindurch. Rempelte manch einen an und erntete einen bösen Blick und fing mir manch Schimpfwort ein.
„Bleib stehen. Du Göre.“, schrie ich ihr hinterher.
Oben angekommen bog ich in ihre Richtung. Ich musste mich anstrengen, um die flinke Diebin nicht aus den Augen zu verlieren.
Oben kommt sie nicht mehr raus. Hoffentlich hat der alte Suffkopp die Türen verriegelt. Es war natürlich gefährlich, die Notausgänge elektronisch verriegeln zu lassen. Sollte jetzt ein Feuer oder eine Panik ausbrechen, war die Scheiße gewaltig am Dampfen. Aber das war mir in diesem Moment egal. Das freche Luder durfte mir nicht entkommen.
Nicht bei mir!
Schweiß rann meiner Stirn wie ein Sturzbach hinunter.
Mein Walkie-Talkie krächzte laut, welches neben mir baumelte.
„Tür ’n sind verriegelt. Chef. Over.“, schwallte Maik mit verzerrter Stimme aus dem Lautsprecher. Ich antwortete nicht, dachte nur einfach, wunderbar.
Oben konnte sie uns nicht entkommen.
Sie musste jetzt an Jens vorbei. Somit könnten wir sie erwischen.
Ich schnaube wie ein Wahlross.
Verdammt flink die Kleine, wie sie den ganzen Hindernissen ausweicht.
Ich sollte dringend mal abnehmen, dachte ich.
An einer Bank, wo zwei ältere Damen saßen und genüsslich in einem Hochglanz Werbeprospekt des Kaufhauses blätterten, setze ich mich.
Mein Puls raste wie eine Lock unter Volldampf, die eine Verspätung wettmachen musste.
Die Damen schauten mich von der Seite misstrauisch an.
„Ich bin der Kaufhausdetektiv. Keine Sorge, meine Damen.“, keuchte ich ihnen entgegen.
Stank mein Atem nach ungenutzten Zähnen?
„Ja? Das kann jeder von sich behaupten\", sagte die ältere der Zwei und nahm ihre Handtasche näher zu sich heran und rümpfte abfällig ihre Nase.
„Alte Hexe. Typisch.“, dachte ich.
Schwerfällig rappelte ich mich auf. Meine Beine waren schwer wie Blei, aber mein Herzrhythmus kam wieder in den richtigen Takt.
Langsam erhob ich mich und nahm die Verfolgung wieder auf.
Die zwei Damen beachtete ich nicht mehr. Die Diebin hatte ich leider in der Menge aus den Augen verloren. Machte aber nichts. Weit würde sie nicht kommen.
Mein Walkie-Talkie knackte und Jens meldete sich.

***


Jens lehnte sich lässig gegen Wand am Haupteingang, der zugleich, getrennt voneinander, auch der Ausgang war. Sein Walkie-Talkie hatte er fest umklammert. In der anderen Hand spielte er lässig mit dem Schlüsselbund, welchen er um den Zeigefinger drehte. Seine linker Fuß stütze er gegen die graue Wand. Die Werbetafeln zwischen ihm gaben ein groteskes Bild ab. Seine Hünenhafte gestallt strahlte Autorität aus. Nicht umsonst hatte er nach seinem Dienst als Security des Kaufhauses einen Job als Türsteher in der größten Disco der Stadt. Er war gewohnt, Leute rauszuschmeißen, sich gekonnt zu wehren oder hier im Kaufhaus Diebe dingfest zu machen. Ihm sollte man nachts lieber nicht so einfach begegnen, geschweige denn, ihn reizen.
Die elektronischen Türen öffneten und schlossen sich in einem Rhythmus wie Trommeln auf einer Galeere. Die massive Drehtüre war vollgestopft mit Kundschaft.
Rechts von ihm kam eine größere Gruppe vorbei. In beiden Händen hielten sie mehrere prall gefüllte Einkaufstaschen, wo das Logo des Kaufhauses wie eine Signallampe strahlte. Zwei andere Männer unterhielten sich lautstark über das Schnäppchen, welches sie in der Elektroabteilung ergattert hatten. Eine Frau kramte in einer ihrer Einkaufstaschen und förderte ein Parfüm zutage, was sie sogleich großzügig um sich herum verteilte. Die Luft mischte sich mit dem Geruch der anderen Besucher.
Jens kicherte, als der den Rollstuhlfahrer beobachtete, der sich durch die Massen kämpfte und immer wieder Leuten in die Hacken führ. Die Passanten drehten sich wutschnaubend um und sagten im gleichen Moment: „Oh. Entschuldigung.“
Kinder spielten zwischen den Eingangstüren, fangen. Die Lichtschranken hatten allerlei zu tun, die andauernden Impulse zu verarbeiten. Jedes Mal war ein knacken zu hören.
Jens blickte mit ernster Miene in deren Richtung. Das Spiel der Kinder verstummte augenblicklich und sie rannten heulend zu ihren Müttern, die aufgeregt in seine Richtung blickten.
Es hatte angefangen zu regnen und weitere Menschenmassen drängten in das Kaufhaus. Der warme Wind der Ventilatoren des Eingangsbereiches verströme eine angenehme Wärme.
Jens hatte Schwierigkeiten in diesen Massen den Überblick zu bewahren.
„Chef, stehe unten am Ausgang“, krächzte er in das Mikro des Handfunkgerätes.
„An mir kommt sie nicht vorbei. Over“
Schnaubend meldete sich sein Chef.
„Gut. Ich versuche sie …“, unterbrach es nach einer kurzen Pause: „… sie in deine Richtung zu treiben.“
„Alles klar. Die kommt an mir nicht vorbei. Over“, antwortete Jens.
War sein Chef aus der Puste? Fragte er sich, als plötzlich ein Kind vor im stand.
„Was machst du da?“, fragte es ihn.
„Verschwinde. Hab zu tun.“, blaffte er den kleinen Jungen an.
Dieser schaute mit großen leuchtenden Augen, in denen man Interesse erkennen konnte.
Jens stöhnte.
„Ich bin der Detektiv und fresse böse Jungen.“
Jens lachte und verzog seine Mundwinkel wie ein wütender Hund.
Die Mundwinkel des Jungen vielen nach unten. Sein Gesicht verkrampfte sich. Er fing laut an, zu heulen. Krokodilstränen flossen und er schluchzte laut.
„Was haben sie gemacht?“, fragte eine Frau im gleichen Alter wie Jens. Es musste die Mutter des Kleinen sein, denn in ihrem Gesicht spiegelte sich Zorn.
„Nichts.“, entgegnete Jens abfällig.
„Hab ihm nur gesagt, das ich kleine böse Jungs verhafte.“
Er grinste über beide Ohren hinweg.
Tröstend nahm die Mutter ihr Kind auf den Arm und verschwand in der Menge.
Jens fühlte sich super. Wieder einmal konnte er seine Macht demonstrieren.
Er beobachtete aufmerksam die Mengen an Menschen, die an ihm vorbei strömten, seine Augen offen nach Jessica.
Von seiner Position aus konnte er die beiden Rolltreppen sehen, die wie …
Plötzlich sah er sie. Jessica stand oberhalb der Rolltreppe, links von ihm.
„Chef. Sie steht an der linken Rolltreppe, neben dem Rock’n’Roll Vinyl Geschäft.“, brüllte er aufgeregt in das Walkie-Talkie.

***


Ich rannte weiter. Mein Handy hielt ich in der rechten Hand. Ich hatte versucht während des Rennens, die Nummer von Flo zu wählen. Hatte mich aber zwei mal verwählt. Am anderen Ende meldeten sich verwirrte und erboste Mitmenschen.

An der Rolltreppe, die nach unten Richtung Ausgang führte, hielt ich kurz inne und schnaufte tief durch. Dort unten erkannte ich diesen Typ. Mit dem schwarzen T-Shirt. Ein Riese von Mann. Das musste der zweite Kaufhausdetektiv sein.
Ranz? Oder war es Jens, wie ihn Fettwurst nannte.
Mist, schoss es mir durch den Kopf. Diesen Weg kann ich vergessen.
Ich erinnerte mich an die Notausgänge in der Frauenabteilung, wo es die Oberbekleidung gab.
Gezielt drehte ich mich um und rannte als wäre der Teufel persönlich hinter mir her zur dritten Rolltreppe. An der Seite öffnete sich mit einem Pling die Aufzugstüre und Frauen mit Kinderwägen versperrten mir den Zugang. Mit einem gekonnten Sprung überwand ich diesen. Das kleine Baby schaute mich verdutzt an.
Immer zwei Stufen auf einmal, ohne aus der Puste zu kommen, dafür tobte ein Wirbelsturm in meinem Kopf.
Oben angekommen bog ich nach links. Nach wenigen schritten stand ich inmitten der großen Halle. Der Gang war links und rechts gefüllt mit Dessous, Büstenhalter, Strumpfhosen. Davon standen Frauen, die angestrengt die wäre, musterten und überlegten, ob dieses Kleidungsstück ihnen passen würde. Die Männer standen gelangweilt abseits und überlegten sich bestimmt, wie sie hier schnell wieder verschwinden könnten.
Etwa zehn Meter von mir entfernt sah ich das grüne leuchtende Schild, was einen der Notausgänge anzeigte.
Ich rannte zu Tür. Zerrte wie wild am Türknauf. Nichts. Die Türe bewegte sich keinen Millimeter.
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sich eine Menschentraube an der Ausgangstüre sammelte. Auch diese schien verschlossen. Ich überlegte kurz angestrengt und entschloss mich doch den Haupteingang unten zu nehmen. Egal ob da dieser Hüne von Security stand.
Ich rannte in die Richtung, dann die Rolltreppe hinunter, als meine feuchten Sohlen auf die Fliesen trafen, rutschte ich aus. Ich schlug hart auf, neben einem marmornen Blumenkübel. Ein stechender Schmerz durchzuckte mein Körper und ich spürte wieder diesen harten Umklammerungsgriff eines Affen. Fettwurst stand breit grinsend neben mir und sagte: „Wo wollen wir denn hin, Fräulein?“

***


Jessica saß auf einem dieser Klappstühle. Solche, die benutz wurden, wenn Säle aus allen Nähten platzen und man noch weitere Gäste unterbringen musste.
Bei Pressekonferenzen wurden sie sehr gerne eingesetzt. In der letzten reihe für die zu spät kommenden Pressefutzis. Wenn eine wichtige Person vorne stand und einfache Wörter in komplizierte Sätze packte, dass sie niemand verstand. Um vom eigentlich Wichtigem abzulenken.
Sie wippte nervös mit ihrem Fuß hin und her.
Schweiß lief ihr über den Rücken. Ihre Angstausdünstungen vermischten sich mit ihrem lieblichen Parfüm, was sie trug und der abgestandenen Luft des fensterlosen Büros.
Es stank nach alten Zigaretten, dreckigem Teppich und nach kalten Pommes.
Ihr viel der Kalender auf der an der Wand hing. Es stand mehr Urlaub in roter Schrift darin, als er Wochen hatte. Der Kühlschrank in der Ecke machte ein surrendes Geräusch, so als ob er jederzeit auseinanderfällt. Im Inneren hörte Jessica Flaschen klappern und der einsame Ventilator, der oben darauf stand, versuchte krampfhaft die schwülen Schwaden im Raum zu mildern.
Einer der vielen Überwachungsmonitore flimmerte und weiße Steifen waren zu sehen, als Jens das Überwachungsvideo vor- und zurückspulte, um die Stelle zu finden, wo Jessica zu sehen war.
„Dort.“, sagt er plötzlich und hielt das Band an.
Es flackerte wild und sah aus wie ein Fernsehbild, was falsch justiert war.
„Aha. Da haben wir dich ja.“, sagte Fettwurst zu Jessica.
Wie versteinert starrte sie auf das schwarzweise Videobild. Und tatsächlich. Sie war zu sehen. Ein Mädchen. Von hinten. Lange Haare, ein schwarzer Kapuzenpulli, Minirock, Leggins und Chucks.
Jens drehte sich zu ihr hinüber. Mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht zeigte er auf das Bild.
„Bist du das etwa nicht?“, fragte er sie.
„Kann sein.“, antwortete sie spöttisch.
Jens lies das Band in Zeitlupe ablaufen. Man sah, wie Jessica etwas aus ihrer Tasche entnahm und im gleichen Moment wieder hineinsteckte.
Sie lächelte, aber ihre Augen blieben kalt und selbstbewusst.
„Das bin ich nicht. Sehen sie das nicht selber? Lassen sie mich gehen.“, flehte Jessica die beiden an.
In diesem Moment würde sie alles tun. Betteln, jammern, heulen, bereit jeden Deal einzugehen. Nur keine Bullen. Ihr Vater würde sie totschlagen.
Ihr Magen drehte sich langsam um, bei diesem Gedanken.
Sie merkte, dass sie so richtig in der scheiße steckte.
„Das würde dir so passen, Fräulein.“, sagte Gustav.
„Es ist eindeutig zu sehen, das du es bist, der etwas in die Tasche steckt.“
„Das ist der größte Mumpitz, den ich je gehört hab!“, erwiderte sie.
„Das bin nicht ich.“, sie zeigte auf den Zopf, der durch die Zeitlupe zu erkennen war.
Jens hielt das Band an und schaute verwundert auf das Videobild.
„Mhhh. Ist mir vorhin gar nicht aufgefallen.“
„Ach was. Das ist sie.“, sagte Gustav in einem ernsten Ton.
„Einen Zopf kann man auch entfernen.“, sagte er aufgeregt zu Jens.
Jens erkannte eine Unsicherheit in seiner Stimme.
Die Bürotüre sprang auf und zwei uniformierte Personen betraten den Raum.
„Na endlich sind sie da.“, rief Fettwurst ihnen entgegen.
„Hier ist sie. Die Diebin. Haben sie beim Klauen in der Parfümabteilung erwischt.“
Die beiden Polizisten richteten ihr Augenmerk Richtung Jessica.
„So. Dann zeig uns mal den Inhalt deiner Umhängetasche.“, forderte sie einer der beiden auf.
„Nö.“, erwiderte sie.
„Doch. Der Polizei musst du es zeigen. Sonst müssen wir dich mitnehmen aufs Revier. Und das gibt noch mehr ärger als den du eh schon hast.“
Die Miene des Polizisten wurde eisern und kühl.
Jessica stöhnte laut und kippte den Inhalt ihrer Tasche auf den Tisch.
Strahlend trat Gustav neben sie und blickte auf den Inhalt, der ausgebreitet vor ihm lag.
„Wo ist jetzt das Diebesgut?“, fragte der kleinere der Polizisten.
„Ja, aber …“, stotterte Gustav. „Auf dem Überwachungsband haben wir es gesehen. Wie sie das Parfüm hineinstopfte.“
Hastig durchwühlte er Jessicas Sachen. Allerhand Plunder lag ausgebreitet vor ihm. Aber keine Parfümflasche aus der Parfümerie, die noch original versiegelt sein musste. Sein Gesicht wurde plötzlich blass und wollte Luft holen, um etwas zu sagen. Er brachte keinen Wortlaut zutage.
Der jüngere der Polizisten forderte Jens auf, ihm das Band vorzuspielen.
„Ja. Sieht aus wie unsere Dame hier.“
„Sehen sie? Ich habe recht.“, entgegnete ihm Gustav.
„Moment.“, unterbrach der andere Polizist.
„Spulen sie nochmals zurück.“
Jens gehorchte brav und ließ das Band erneut in Zeitlupe ablaufen.
„Stoppen sie hier.“
Auf dem Monitor, der jetzt noch stärker flackerte, als wollte er seinen Geist aufgeben, war eine Frau mittleren Alters zu erkennen. Ihr angestrengtes Gesicht schaute besorgt auf das Baby, welches fröhlich in ihrem Tragegurt strampelte und wild mit den Ärmchen fuchtelte.
Auf einem weiteren Standbild erkannte man, das sie ein Taschentusch aus ihrer Tasche kramte und damit den Mund des Babys reinigte.
„Für mich ist der Fall klar.“, sagte der Polizist zu Jens und drehte sich zu Gustav um. Dieser stand wie angewurzelt vor dem Monitor und starrte ungläubig auf die Frau mit dem Baby. Seine Gesichtsfarbe hatte sich in ein Bleiches weiß verwandelt. Er schluckte tief und stammelte: „Stimmt. Sie haben recht.“
„Gut. Dann sehen sie auch, das ihre anfängliche Vermutung, die richtige Diebin erwischt zu haben falsch ist?“, fragte er die beiden Kaufhausdetektive. Beide schauten sich leichenblass an. Jens kratze sich verlegen am Kopf und sagte schließlich: „Ja. Da waren wir, glaub etwas zu voreilig.“
„Was?“, entführ es Gustav wie aus heiterem Himmel.
Wutentbrannt drehte er sich zu Jessica, um die lässig auf dem Klappstuhl saß. Sie grinste ihn über beide Ohren an.
„Und warum bist du dann abgehauen?“, brüllte er, in der Hoffnung, doch noch recht zu behalten und seine Diebin erwischt zu haben.
„Was hätten sie an meiner Stelle getan?“, entgegnete sie lässig und zuckte mit den Schultern.
Gustav stieß einen tiefen Seufzer aus und ließ seine Arme sinken, die auf einmal schwer wie Blei wurden.
Der ältere der Polizisten wandte sich zu Jessica.
„Für mich ist der Fall erledigt. Von unsere Seite aus kannst du gehen. Wir aber unterhalten uns jetzt noch einmal.“, sagte er zu anderen beiden, die sich immer noch gegenseitig anschauten und die Situation nicht realisieren konnten.
„Sehen sie? Hab ich ihnen doch gesagt. Ich habe nichts geklaut.“, rief sie laut lachend den Detektiven entgegen.
In aller Seelenruhe packte Jessica ihre Tasche und schlenderte aus dem Büro in Richtung Hauptausgang.
Die Besorgung für ihre Mutter hatte sie vergessen.

- ENDE -

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DocSchneider
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