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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Einladung
Eingestellt am 17. 03. 2015 12:19


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herziblatti
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Die Einladung

„Guten Morgen, Herr Dr. Zicklinger.“ Seine SekretĂ€rin war aufgestanden, auf ihn zugestöckelt. „Guten Morgen“, er hielt ihr Mantel und Schal entgegen. Musterte sie kurz. Sie sah so ĂŒppig und gesund aus. Doch wer konnte das schon so genau wissen bei diesen jungen Dingern. Die sahen ja immer so gesund und prall aus, als wĂŒrden sie im nĂ€chsten Moment irgendwo aufplatzen wie ĂŒberreife Pflaumen. „Herr Dr. Taffner will Sie sprechen. Er wartet in Ihrem BĂŒro.“ Der Taffner. Was wollte dieser Aufsteiger so frĂŒh von ihm?

FrĂ€ulein Rieschel hatte seine Gaderobe verstaut. „Um halb neun erwartet Sie Herr Direktor Bankhammer.“ Das war zu erwarten gewesen, frĂŒher oder spĂ€ter, das da was kĂ€me. Dass die, na, wie hieß sie doch gleich, dass die das nicht auf sich beruhen lassen wĂŒrde. So sind sie eben, die Anleger. Erst wollen sie unbedingt die rentabelsten Anlagen, Hinweise auf Risiko ignorieren sie, und wenn es dann abwĂ€rts geht, geht das Geschrei los. Er krĂ€uselte seine Lippen. Er hatte auf alle Möglichkeiten, rauf und runter, hingewiesen, sich das quittieren lassen – und im Fondmanagement war er nicht. Noch nicht.
Er öffnete die TĂŒr zu seinem BĂŒro. „Mir bringen Sie bitte das Übliche und fĂŒr Dr. Taffner 
?“
Der Kollege vom Kredit war mit dem RĂŒcken zum Fenster gestanden, kam jetzt auf ihn zu. „Kaffee, schwarz, zwei StĂŒck SĂŒĂŸstoff. Guten Morgen, Herr Kollege. Ich hoffe, Sie haben zehn Minuten fĂŒr mich“, ließ seine Jackettkronen im braungebrannten Gesicht blitzen.
Ja, richtig, da war doch was gewesen? Taffner, der große Sieger. Bei einer Quizshow, und nicht zu knapp abgerĂ€umt, tagelang KantinengesprĂ€ch. Im dreistelligen Tausenderbereich, und dann vier Wochen Karibik, wie der aussah. War da ein leichter Gelbstich in der BrĂ€une? Fernreisen, Hepatitis und weiß der Kuckuck, was sonst noch einschließlich Vogelgrippe und Aids, diese LĂ€nder sind doch in jeder Hinsicht schwervertrĂ€glich und virenverseucht.

Dr. Taffner kam mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. Es ließ sich wohl nicht vermeiden. Zicklinger fasste flĂŒchtig mit zwei Fingern zu, wobei ihm Howard Hughes einfiel, der seine letzten Lebensjahre völlig isoliert in einem Hotel verbracht hatte, dessen Besucher durch eine Desinfektionsschleuse gefĂŒhrt wurden, ehe er sie empfing. Soweit wĂŒrde es mit ihm nie kommen, das hatte er sich geschworen. Obwohl, wenn er reich genug wĂ€re - ? „GrĂŒĂŸ Sie, guten Morgen“, er wies auf die StĂŒhle vor seinem Schreibtisch, „was kann ich fĂŒr Sie tun?“
FrĂ€ulein Rieschel brachte das Tablett, Kaffee und seinen Powerdrink, heißes Wasser mit drei Scheiben frischem Ingwer. Er wischte sich die Finger an einem Taschentuch ab, steckte es in die linke Rocktasche, damit er sich nicht aus Versehen in diese BakterienstĂ€mme hineinschnĂ€uzte.

Achtzigtausend wollte Dr. Taffner anlegen. Er startete seinen Computer. Aktien? Festverzinsliche? Hausfond? – Hausfond. MĂŒndelsicher. Was sonst. Das macht einen ruhigen Schlaf und einen schlanken Fuß, nicht nur bei der Innenrevision. Wird gern gesehen bei der Turmspitze. Billiges Geld fĂŒr die Bank, signalisiert außerdem ZuverlĂ€ssigkeit, brauchbares Personal fĂŒr die mittlere Ebene.
Nach zehn Minuten war die Transaktion abgewickelt und der Kollege raus, so dass Dr. Zicklinger noch genug Zeit fand, alle Stellen, die Dr. Taffner angefasst haben könnte, mit DesinfektionstĂŒchern abzureiben.

Das Direktionsvorzimmer war erkĂ€ltet. Rote Nasen, Triefaugen, raue StimmbĂ€nder. Er schlĂŒpfte so weit entfernt wie möglich an der Assistentin vorbei ins Allerheiligste. "Kommen Sie, kommen Sie, Herr Kollege, und entschuldigen Sie 
“, Herr Direktor Bankhammer nieste zweimal herzhaft, wies mit der linken Hand auf die StĂŒhle vor sich, wischte sich die Nase mit rechts, „Schmittchen, zwei Kaffee“, erhob sich keinen Zentimeter, schob das SchnĂ€uztĂŒchel in die Sakkotasche und streckte ihm die Hand entgegen. Fest erwiderte Zicklinger den HĂ€ndedruck des Herrn Direktor und unterdrĂŒckte den Impuls, die Hand heimlich abzuwischen.
Er hasste Kaffee, er bekam immer Sodbrennen davon. Voller Unbehagen rutschte er unauffÀllig auf dem Stuhl hin und her, und wie immer, wenn er zum Vorstand zitiert wurde, brannten und juckten seine HÀmorrhoiden. Direktor Bankhammer watschte ihn kurz und lautstark ab, noch ehe der Kaffee vor ihnen stand.

„Weiß Gott ja“, stimmte Zicklinger den AnwĂŒrfen zu, das einzig VernĂŒnftige in der Situation. Jedes Wort der Verteidigung oder gar ein Hinweis auf die Maximierungsvorgaben seitens der Bank hĂ€tte eine VerlĂ€ngerung des RĂŒffels zur Folge gehabt. Er schluckte. „Eine leidige Sache, aber man wird Regelungen finden“, die Tasse war vor ihm abgestellt worden, „danke, drei StĂŒck Zucker und Milch bitte. Die Bank ist aus dem Schneider, alles dokumentiert, die ĂŒbliche Vorgehensweise.“

Dr. Zicklinger schlug vor, der Kundin, die sich mit seiner Hilfe grĂŒndlich verspekuliert hatte und nunmehr mit einem Vermögensrest von zehn Prozent dastand, die DepotgebĂŒhren auf ein Jahr zu erlassen, und, wenn es gar nicht anders ginge, ein Paket Hausaktien als Ausgleich anzubieten, falls sie drohte, einen Prozess anzustrengen.
„Das kostet die Bank Geld, das ist UNERWÜNSCHT. Schaun Sie, dass Sie das umgehend vom Tisch kriegen, UMGEHEND! UNERWÜNSCHT!“ Der Direktor stand abrupt auf und wandte ihm den RĂŒcken zu. Das war die Verabschiedung.

ZurĂŒck in seinem Bereich, "die nĂ€chsten zwanzig Minuten bin ich fĂŒr niemanden zu sprechen", verarztete er sich mit HĂ€morrhoidensalbe, wischte ĂŒber alle unbedeckten HautflĂ€chen mit antibakteriellen TĂŒchern, tropfte Lavendel und Myrrhe in die Duftlampe, das eine zur Beruhigung, das andere zur inneren und Ă€ußeren Reinigung, nahm seine Globuli und atmete tief in den RĂŒcken mit abwechselnd zugehaltenen Nasenlöchern. Danach fĂŒhlte er sich wieder wie ein Mensch.
Im Stehen checkte er seine Nachrichten. Eine E-Mail, Absender unbekannt, Betreff „I love you“. Sehr witzig. Wer erlaubte sich einen solchen Scherz mit ihm? Er klickte die Botschaft an – und das Unheil nahm seinen Lauf. Das Computer-Virus breitete sich aus und, nicht genug damit, dass es in den wohlgeordneten Dateien und formschönen Statistiken keine Ziffer auf der anderen ließ, bahnte es sich seinen Weg ĂŒber das Kabel in die Maus und sprang von dort direkt auf Dr. Zicklinger ĂŒber.
Er spĂŒrte einen schmerzhaften Stich in Daumen und Zeigefinger, ein ungewohnt sĂŒlziges GefĂŒhl in Brust und Oberbauch, seine Beine wurden weich und unzuverlĂ€ssig.

Als er die Augen wieder aufschlug, sah er in die Sternenaugen von FrĂ€ulein Rieschel, die, ĂŒber ihn gebeugt, viele Worte zu ihm sprach, die er nicht verstand, die ihn aber auch nicht interessierten. So nah waren sie einander noch nie gekommen. Er sah nur noch ihren Mund, die perlweißen ZĂ€hne, das rosafarbene Zahnfleisch, die unbedeckte pralle Haut von Hals und Dekollete. „I love you“, sagte er, „haben Sie heute abend Zeit? Ich möchte Sie gerne desinfizieren.“

© Heidi Merkel

__________________
Warten, was der Fluss so bringt - Fritz Popp

Version vom 17. 03. 2015 12:19
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rothsten
???
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Hallo Herziblatti,

ein wenig wundert mich das scheinbare Desinteresse an diesem Text schon. Vielleicht wird er auch einfach nur gelesen. Vielleicht meint man, einen gut gemachten Text mĂŒsse man nicht kommentieren, er stĂŒnde fĂŒr sich selbst. Vielleicht ist das der Grund, warum dagegen meine bisherigen Werke so reich kommentiert wurden.

Dein Text gewĂ€hrt uns einen ziemlich gut gemachten Einblick in die KĂ€lte der heutigen, vom Kapitalsimus geprĂ€gten Gesellschaft; hier aus der Perspektive eines Bankangestellten. Dessen berufliches Wohl hĂ€ngt daran, dass er fĂŒr die Bank Geld verdient. Nun, das muss er. Die KĂ€lte wird aber deutlich anhand des GesprĂ€chs mit seinem Vorgesetzten Bankhammer.

Übrigens Bankhammer. Nicht nur, dass Du die Materie grĂŒndlich recherchierst, Du machst Dir auch Gedanken ĂŒber die Wahl der Namen. Das ist auch einer der Unterschiede zwischen einem guten Text und einem dahingeklatschten - einer hier leider sehr verbreiteten Art.
Taffner kommt von tough, schĂ€tze ich. Rieschel und Schmittchen können auch nur so heißen, wie sie heißen. Lediglich der Zickige passt nicht ganz soo, finde ich.

Was mir am besten gefÀllt, ist die subtile Weise Deiner Veranschaulichung. Es gibt keine plakativen SÀtze oder gar Belehrungen, alles ist ganz fein in die -ausnehmend gut beobachteten- Handlungen der Figuren gesponnen. Das ist Literatur, meine Liebe!

Ich halte den Text fĂŒr eine gelungene Satire. Vielleicht sollte er dorthin verschoben werden, vielleicht gewönne er dort die Aufmerksamkeit, die er verdient. Meine hat er jedenfalls.

Kleinigkeiten, die mich "stören":

Zur besseren Lesbarkeit machte ich beim Rednerwechsel einen Absatz, z.B. hier:

quote:
Er öffnete die TĂŒr zu seinem BĂŒro. „Mir bringen Sie bitte das Übliche und fĂŒr Dr. Taffner 
?“ Der Kollege vom Kredit war mit dem RĂŒcken zum Fenster gestanden, kam jetzt auf ihn zu. (Absatz)„Kaffee, schwarz, zwei StĂŒck SĂŒĂŸstoff. Guten Morgen, Herr Kollege. Ich hoffe, Sie haben zehn Minuten fĂŒr mich“, ließ seine Jackettkronen im braungebrannten Gesicht blitzen.

"Er" ist Zicklinger. Vor allem beim GesprĂ€ch mit Taffner wĂŒnschte ich mir hin und wieder seinen Namen. Ich musste deswegen einige SĂ€tze zumindest verschleppt lesen, um zu wissen, wer spricht. Sie heben sich nĂ€mlich auch nicht besonders vom Ton ab, der eine bessere Zuordnung ermöglichte (beides Doktoren, beide mit BankgeschĂ€ften erfahren - Abwicklung 80k nach zehn Minuten-, ungefĂ€hr selben Wissens- und Erfahrungshorizont etc).

Anders hingegen bei Bankhammer, den hört man sofort: "Schmittchen, zwei Kaffee ..."

Du verstehst?

lg

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DocSchneider
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Hallo Herziblatti,

einige Anmerkungen zu Deinem Text:

Die Einladung

„Guten Morgen, Herr Dr. Zicklinger.“ Seine SekretĂ€rin war aufgestanden, kam auf ihn zugestöckelt. „Guten Morgen“, antwortete er und hielt ihr er hielt ihr Mantel und Schal entgegen. Musterte sie kurz. Sie sah so ĂŒppig und gesund aus. Doch wer konnte das schon so genau wissen bei diesen jungen Dingern. Die sahen ja immer so gesund und prall aus, als wĂŒrden sie im nĂ€chsten Moment irgendwo aufplatzen wie ĂŒberreife Pflaumen. „Herr Dr. Taffner will Sie sprechen. Er wartet in Ihrem BĂŒro.“ Der Taffner. Was wollte dieser Aufsteiger so frĂŒh von ihm?

FrĂ€ulein Rieschel hatte seine Gaderobe verstaut. „Um halb neun erwartet Sie Herr Direktor Bankhammer.“ Das war zu erwarten gewesen, frĂŒher oder spĂ€ter, dass da etwas war kam . Dass die, na, wie hieß sie doch gleich, dass die das nicht auf sich beruhen lassen wĂŒrde. So sind sie eben. Du bist hier in den Plural gewechselt. Wer ist sie? Oder wer sind sie? Erst wollen sie unbedingt die rentabelsten Anlagen, Hinweise auf Risiko Risiken ignorieren sie, und wenn es dann abwĂ€rts geht, geht das Geschrei los. Er krĂ€uselte seine Lippen. Er hatte auf alle Möglichkeiten, rauf und runter, hingewiesen, sich das quittieren lassen – und im Fondmanagement war er nicht. Noch nicht.

Er öffnete die TĂŒr zu seinem BĂŒro. „Mir bringen Sie bitte das Übliche und fĂŒr Dr. Taffner 
?“ Der Kollege vom Kredit warhatte mit dem RĂŒcken zum Fenster gestanden, kam jetzt auf ihn zu. „Kaffee, schwarz, zwei StĂŒck SĂŒĂŸstoff. Guten Morgen, Herr Kollege. Ich hoffe, Sie haben zehn Minuten fĂŒr mich“, sagte er und ließ seine Jackettkronen im braungebrannten Gesicht blitzen. Ja, richtig, da war doch etwas gewesen? Dr. Taffner, der große Sieger. Bei einer Quizshow, hatte er nicht zu knapp abgerĂ€umt, tagelang KantinengesprĂ€ch. Im dreistelligen Tausenderbereich, und dann vier Wochen Karibik, wie der aussah. War da ein leichter Gelbstich in der BrĂ€une? Fernreisen, Hepatitis und weiß der Kuckuck, was sonst noch einschließlich Vogelgrippe und Aids, diese LĂ€nder sind doch in jeder Hinsicht schwervertrĂ€glich und virenverseucht.

Dr. Taffner kam mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. Es ließ sich wohl nicht vermeiden. Zicklinger fasste flĂŒchtig mit zwei Fingern zu, wobei ihm Howard Hughes einfiel, der seine letzten Lebensjahre völlig isoliert in einem Hotel verbracht hatte, dessen Besucher durch eine Desinfektionsschleuse gefĂŒhrt wurden, ehe er sie empfing. Soweit wĂŒrde es mit ihm nie kommen, das hatte er sich geschworen. Obwohl, wenn er reich genug wĂ€re - ? „GrĂŒĂŸ Sie, guten Morgen“, er wies auf die StĂŒhle vor seinem Schreibtisch, „was kann ich fĂŒr Sie tun?“
FrĂ€ulein Rieschel brachte das Tablett, Kaffee und seinen Powerdrink, heißes Wasser mit drei Scheiben frischem Ingwer. Er wischte sich die Finger an einem Taschentuch ab, steckte es in die linke Rocktasche, damit er sich nicht aus Versehen in diese BakterienstĂ€mme hineinschnĂ€uzte.

Achtzigtausend wollte Dr. Taffner anlegen. Er startete seinen Computer. Aktien? Festverzinszliche? Hausfonds? – Hausfond. MĂŒndelsicher. Was sonst. Das macht einen ruhigen Schlaf und einen schlanken Fuß, nicht nur bei der Innenrevision. Wird gern gesehen bei der Turmspitze. Billiges Geld fĂŒr die Bank, signalisiert außerdem ZuverlĂ€ssigkeit, brauchbares Personal fĂŒr die mittlere Ebene.
Nach zehn Minuten war die Transaktion abgewickelt und der Kollege raus, so dass Dr. Zicklinger noch genug Zeit fand, alle Stellen, die Dr. Taffner angefasst haben könnte, mit DesinfektionstĂŒchern abzureiben.

Das Direktionsvorzimmer war erkĂ€ltet. Rote Nasen, Triefaugen, raue StimmbĂ€nder. Er schlĂŒpfte so weit entfernt wie möglich an der Assistentin vorbei ins Allerheiligste. "Kommen Sie, kommen Sie, Herr Kollege, und entschuldigen Sie 
“, Herr Direktor Bankhammer nieste zweimal herzhaft, wies mit der linken Hand auf die StĂŒhle vor sich, wischte sich die Nase mit rechts, „Schmittchen, zwei Kaffee“, erhob sich keinen Zentimeter, schob das SchnĂ€uztĂŒchel in die Sakkotasche und streckte ihm die Hand entgegen. Fest erwiderte Zicklinger den HĂ€ndedruck des Herrn Direktor und unterdrĂŒckte den Impuls, die Hand heimlich abzuwischen.
Er hasste Kaffee, er bekam immer Sodbrennen davon. Voller Unbehagen rutschte er unauffÀllig auf dem Stuhl hin und her, und wie immer, wenn er zum Vorstand zitiert wurde, brannten und juckten seine HÀmorrhoiden. Direktor Bankhammer watschte ihn kurz und lautstark ab, noch ehe der Kaffee vor ihnen stand.

„Weiß Gott ja“, stimmte Zicklinger den AnwĂŒrfen zu, das einzig VernĂŒnftige in der Situation. Jedes Wort der Verteidigung oder gar ein Hinweis auf die Maximierungsvorgaben seitens der Bank hĂ€tte eine VerlĂ€ngerung des RĂŒffels zur Folge gehabt. Er schluckte. „Eine leidige Sache, aber man wird Regelungen finden“, die Tasse war vor ihm abgestellt worden, „danke, drei StĂŒck Zucker und Milch bitte. Die Bank ist aus dem Schneider, alles dokumentiert, die ĂŒbliche Vorgehensweise.“

Dr. Zicklinger schlug vor, der Kundin, die sich mit seiner Hilfe grĂŒndlich verspekuliert hatte und nunmehr mit einem Vermögensrest von zehn Prozent dastand, die DepotgebĂŒhren auf ein Jahr zu erlassen, und, wenn es gar nicht anders ginge, ein Paket Hausaktien als Ausgleich anzubieten, falls sie drohte, einen Prozess anzustrengen.
„Das kostet die Bank Geld, das ist UNERWÜNSCHT. Schaun Sie, dass Sie das umgehend vom Tisch kriegen, UMGEHEND! UNERWÜNSCHT!“ Der Direktor stand abrupt auf und wandte ihm den RĂŒcken zu. Das war die Verabschiedung.

ZurĂŒck in seinem Bereich verfĂŒgte er, die nĂ€chsten zwanzig Minuten unter keinen UmstĂ€nden gestört werden zu dĂŒrfen, verarztete sich mit HĂ€morrhoidensalbe, wischte ĂŒber alle unbedeckten HautflĂ€chen mit antibakteriellen TĂŒchern, tropfte Lavendel und Myrrhe in die Duftlampe, das eine zur Beruhigung, das andere zur inneren und Ă€ußeren Reinigung, nahm seine Globuli und atmete tief in den RĂŒcken mit abwechselnd zugehaltenen Nasenlöchern. Danach fĂŒhlte er sich wieder wie ein Mensch.
Im Stehen checkte er seine Nachrichten. Eine E-Mail, Absender unbekannt, Betreff „I love you“. Sehr witzig. Wer erlaubte sich einen solchen Scherz mit ihm? Er klickte die Botschaft an – und das Unheil nahm seinen Lauf. Das Computer-Virus breitete sich aus und, nicht genug damit, dass es in den wohlgeordneten Dateien und formschönen Statistiken keine Ziffer auf der anderen ließ, bahnte es sich seinen Weg ĂŒber das Kabel in die Maus und sprang von dort direkt auf Dr. Zicklinger ĂŒber.
Er spĂŒrte einen schmerzhaften Stich in Daumen und Zeigefinger, ein ungewohnt sĂŒlziges GefĂŒhl in Brust und Oberbauch, seine Beine wurden weich und unzuverlĂ€ssig.

Als er die Augen wieder aufschlug, sah er in die Sternenaugen von FrĂ€ulein Rieschel, die, ĂŒber ihn gebeugt, viele Worte zu ihm sprach, die er nicht verstand, die ihn aber auch nicht interessierten. So nah waren sie einander noch nie gekommen. Er sah nur noch ihren Mund, die perlweißen ZĂ€hne, das rosafarbene Zahnfleisch, die unbedeckte pralle Haut von Hals und Dekollete. „I love you“, sagte er, „haben Sie heute abend Zeit? Ich möchte Sie gerne desinfizieren.“



Ich hoffe, Du kannst mit den Anmerkungen etwas anfangen. Die letzten zwei AbsÀtze gefallen mir am besten, weil sie rein satirisch gelungen sind, wÀhrend es vorher etwas altbacken zugeht. Eine komplette Satire wÀre toll!

LG Doc

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Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals ermĂŒdendem Lesen. (Virgina Woolf)

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herziblatti
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Hallo rothsten, danke fĂŒrs genaue Lesen, Kommentieren und fĂŒr die VerbesserungsvorschlĂ€ge - bereits umgesetzt.
Ich freue mich sehr ĂŒber Dein Feedback, vor allem darĂŒber, dass Dir der Text gefĂ€llt und Du auch meine Intention mitgelesen hast: Kritik an den bestehenden RĂ€derwerken, die so reibungslos funktionieren und alles zermalmen. Leicht satirische Brösel sind bei mir unvermeidlich, um die Situationen zu retten oder den Abend oder die Welt LG - herziblatti
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herziblatti
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Hallo Doc, danke fĂŒr die Korrekturen und Anmerkungen. Ich habe einiges davon ĂŒbernommen. Die VerkĂŒrzungen sind von mir bewusst so gesetzt, ich bin u.a. auch ein Fan von Wolf Haas LG - herziblatti
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