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Leselupe.de > Experimentelle Lyrik
Die Einsamkeit
Eingestellt am 02. 02. 2004 11:19


Autor
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Jarolep
???
Registriert: Dec 2003

Werke: 24
Kommentare: 59
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Der Beitrag wurde bereits unter Kurzgeschichten mit dem Namen "Der Kr├╝ppel" ver├Âffentlicht. Nach einiger ├ťberlegung nahm ich diesen aus KG heraus, m├Âchte aber trotzdem die Story noch ein Mal anbieten.

Er war ein Kr├╝ppel. Er kauerte in einer dunklen Ecke hinter den abgestellten Lasten des Alltags und verbarg sein entstelltes Gesicht. Die Menschen hasteten an ihm vorbei, zu sehr mit sich selbst besch├Ąftigt. Sie hatten ihre kleine Kummer und kleine Freuden, sie schauten besorgt auf die Uhr und eilten weiter. Er beobachtete das vorbeiziehende Leben, bis ihm dieses Schwirren des Raums und der Zeit wehtat.

Er war anders, das wusste er und hatte sich damit abgefunden. Aber diese Erkenntnis kam zu sp├Ąt. Viel zu sp├Ąt. Der Kr├╝ppel sch├╝ttelte den Kopf und sah zum Himmel. Die Wolken durchquerten verwegen die grenzenlose blaue W├╝ste. Das Licht, das vom Himmel herabfiel, blendete ihn, er wandte sich ab und richtete seinen Blick auf den Boden. Die winzige Birke durchbrach den Asphalt, gierig nach dem Leben, nichts wissend von ihrem nahen qualvollen Tod. Alles, was er sah, war stechend scharf. Der Kr├╝ppel schloss die Augen.

Vor vielen Jahren, bitteres L├Ącheln streifte sein Gesicht, als er an diese Zeit zur├╝ckdachte, vor vielen Jahren hatte er versucht, seinen Platz unter den Menschen zu finden. Aber sie sahen nicht, was er sah, und das machte ihm Angst. Damals wagte er jung und voller Hoffnung seinen ersten Schritt in diese Welt. Millionen Farben loderten vor ihm auf, Lichter und Schatten explodierten in einem h├Âllischen Feuerwerk, die gewaltigen Bilder brachen in ihn herein. Die Sch├Ânheit offenbarte sich in allen ihren Facetten, aber auch die H├Ąsslichkeit. Doch niemand au├čer ihm schien das zu bemerken.

Der Kr├╝ppel dr├╝ckte sich noch tiefer in die Ecke, die kalten W├Ąnde stie├čen ihn jedoch zur├╝ck. Er st├Âhnte auf. Er wollte sich an nichts mehr erinnern. Aber die Zeit und die Welt, die er einmal verlassen und nie wieder betreten hatte, b├Ąumte sich vor ihm zu einem grausamen Berg, umklammerte ihn und drang in seine Seele hinein.

Ihre Ger├Ąusche str├Âmten in seine Ohren. Er wusste noch, damals war es eine wundervolle Symphonie. Er konnte h├Âren, wie der Wind kam und der Regen fiel, wie der Schnee sich auf die Erde legte und wie die erste Knospe des Fr├╝hlings aufsprang. Er vernahm Lachen und Weinen, Schreien und Fl├╝stern, und konnte genau unterscheiden, ob das die Kl├Ąnge der Freude oder der Sehnsucht waren. F├╝r die anderen war es nur L├Ąrm.

Der Kr├╝ppel streckte seine Hand und ber├╝hrte das zarte B├Ąumchen auf dem Asphalt. Seine runzlige Hand zitterte und pl├Âtzlich merkte er, dass er weinte.

Alle diese Jahre versuchte er verzweifelt zu erkl├Ąren. Was? Das wusste er nicht. Er griff nach den Bildern, die er sah, und hielt sie fest, er malte und schrieb, und dr├╝ckte seine Werke den vorbeieilenden Menschen, keiner verstand, was er wollte. Mit der Zeit entglitt auch ihm der Sinn des Gesehenen und hinterlie├č nur den ziehenden Schmerz in seinem Geist.
Die Melodien stiegen in seinen Kopf, zersprangen in tausende T├Âne, und ihre Scherben schnitten in sein Geh├Âr. Er versuchte die Saiten zu ertasten, die unter dieser Musik erzitterten. Er spielte alles den Menschen vor, aber sie zuckten nur mit den Achseln. Irgendwann kam auch f├╝r ihn der Augenblick, da konnte er nur jeden einzelnen Laut dieser Musik verstehen, aber nie wieder das Ganze.

An dem Tag, an welchem er aufgab und in diese dunkle Ecke floh, stand er noch auf der Stra├če und schrie. Seine Hilflosigkeit, seine Verzweiflung, sein Leid legte er in diesen Schrei, doch niemand h├Ârte ihn. Er lauschte noch eine Weile, ob es vielleicht doch eine Antwort k├Ąme, tritt von einem Fu├č auf den anderen und ging dann. Er f├╝hlte sich alt und leer.

Der Kr├╝ppel runzelte die Stirn und versuchte sich ins Ged├Ąchtnis zu rufen, wie alt er eigentlich war und wie lange er schon in dieser Dunkelheit lebte. Bald wurde er m├╝de. Er rollte sich zusammen und wartete auf die Nacht. Jedes Mal, als er einschlief, betete er, dass ihm eines Tages der Zutritt ins Reich der Finsternis und der Stille gew├Ąhrt w├╝rde, dass er von dieser eisigen verlassenen Welt erl├Âst und begnadet w├╝rde.

Und diese Nacht kam und stie├č die Pforten in eine andere Welt auf. Pl├Âtzlich fanden die Lichter und die Schatten ihren Platz, Akkorde vereinten die T├Âne der Freude und der Sehnsucht, Bilder und Kl├Ąnge legten sich in eine Harmonie. Der Kr├╝ppel schritt durch das Tor und betrat sehend und h├Ârend und alles umfassend das Universum, das vor ihm lag.


Am n├Ąchsten Tag fand jemand ein blasses ausgehungertes Wesen, der zusammengerollt in einer Ecke lag, umschlossen von kahlen W├Ąnden und losem M├╝ll. Dieses Wesen war tot. Niemand wusste nachher, wie lange es diese Ecke bewohnte und wann es starb. Niemand kannte auch seinen Namen. Nur einer aus der Menge, die sich schnell um den gekr├╝mmten K├Ârper zusammenfand, erinnerte sich, dass ihn alle ┬┤Talent┬┤ nannten. Als er noch lebte.

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Papyrus
Guest
Registriert: Not Yet

................


Ja ja

der gute alte Steppenwolf


ein sch├Âner text

vielen dank

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Jarolep
???
Registriert: Dec 2003

Werke: 24
Kommentare: 59
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Steppenwolf?

Danke. Freut mich,dass es dir gef├Ąllt. Eine Frage - wer ist Steppenwolf?

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Minouche
Guest
Registriert: Not Yet

Hm...ja...

Hallo Jarolep !

So, nun will ich gern und kann immer noch nicht so wie ich will. Hast du mal von Gustav Meyrink "Der Golem" gelesen?
├ähnlich eindringlich beschreibst du deinen Kr├╝ppel, der sich Liebe w├╝nscht und nicht bekommt. Die Beklemmung, die Trostlosigkeit eines entstellten Daseins, das Fehlen von Liebe, es kommt r├╝ber. Du schreibst, ├Ąhnlich wie Meyrink, in bildgewaltigen Worten und l├Ą├čt ein Szenario dieser Trostlosigkeit entstehen, das fesselt. Allerdings beschrieb Meyrink noch pragmatischer, sachlicher unter Einbeziehen solcher Bilder. Habe ich das nun richtig gesagt?

Nun mag ich nichts mehr fragen, ganz ehrlich. Ich w├╝nsche mir immer noch, offene Fragen beantwortet zu bekommen. Du beschreibst in vielen Bildern deinen Kr├╝ppel, du gehst tief ins Detail. Vielleicht bin ich als Leser zu neugierig, vielleicht m├Âchte ich einfach zu viel wissen und sehe nicht einfach die Geschichte. Mag sein. Ach, Jarolep. Entschuldige bitte. Ich mag nicht zu sehr l├Âchern jetzt. Aber was f├╝r Saiten brachte er zum Klingen? Spielte er ein Instrument? Warum ist er entstellt? Was hat ihn so zugerichtet? Das w├╝rde ich sehr gern erfahren. Du schreibst sehr bildgewaltig. Ich habe bestimmt eine gro├če Phantasie und sehe diesen Menschen. Aber gern w├╝rde ich mehr erfahren ├╝ber ihn. Mann, ich hasse Kritiken, ehrlich. Ich kann so etwas ├╝berhaupt nicht. Bitte, bitte nicht pers├Ânlich nehmen! Ich horche nur hinein in deine Geschichte, weil sie mich interessiert und habe Fragen, mehr nicht.

Ich frage nur ganz vorsichtig nach, ja ? Deinen Schreibstil finde ich toll, ehrlich. Aber noch fehlt mir ein Faden, der mich leitet. Du beschreibst ein Schicksal in Bildern, aber du l├Ąsst den Leser im Ungewissen, was das f├╝r ein Schicksal ist. Du machst neugierig auf einen Menschen, der immer nebelhaft bleibt. Hm. Ich hoffe, ich konnte es ausdr├╝cken.
Ich habe Blut geleckt und will mehr wissen ├╝ber diesen Menschen, den du so intensiv beschreibst und dennoch in so imagin├Ąren Bildern. Und dann sag noch mal einer, die deutsche Sprache w├Ąre reich an Vokabeln. Mir fehlen einige... ;-)

Liebe Gr├╝├če
Minouche

P.S.: Und bitte! Nicht gleich wieder irgendwie wegl├Âschen, ich habe einen h├Âllischen Schrecken bekommen! Nun habe ich gesucht und wiedergefunden, so leicht lasse ich dich nicht aus den Klauen. ;-) Wei├čt du. Ich bin auch nur eine Meinung, und ich bin auch Neugier, mehr nicht. Wenn du meinst, es ist gut, dann gut. Ich gebe nur Anregungen, frage nur nach. Es ist nicht b├Âse gemeint, sondern nur Interesse, ganz ehrlich. Also bitte nicht gleich wegl├Âschen.
Ich habe mich ganz arg erschreckt. Denn das wollte ich doch nicht. :-)

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Minouche
Guest
Registriert: Not Yet

Idee...

Steppenwolf. Papyrus meint, glaube ich zumindest, den Steppenwolf von Hermann Hesse.

Liebe Gr├╝├če
Minouche

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Papyrus
Guest
Registriert: Not Yet

.................

Hallo


Prosaisch habe ich erfahrungen mit solchen kr├╝ppeln,

vom Steppenwolf und von Molloy
von Samuel Beckett

Minouche, Molloy wird dich sehr begeistern,
der ist echt fertig mit der welt, ein subjektiver roman
ohne viel was drumherum in der welt objektiv passierte


daher h├Ątte ich auch nicht auf diesen text geantwortet, wenn da nicht...
Minouche, der Schl├╝ssel zu diesem Text liegt im Namen des Kr├╝ppels


adios

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