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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Endlichkeit
Eingestellt am 08. 11. 2012 10:37


Autor
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Parislille
Festzeitungsschreiber
Registriert: Nov 2012

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Die Beschissenheit des Lebens liegt nicht in seiner Endlichkeit. Es sind vielmehr die Gedanken, die sich in einer unendlichen Schleife darum drehen.
In dieser Nacht tr├Ąume ich von meiner Mutter. Genau genommen tr├Ąume ich von einem Bild, an dem ich gerade arbeite. Sie sitzt dabei auf einer Bank unter meinem Lieblingsbaum im Garten meines Elternhauses. Es ist eine Trauerweide, die ihre ├äste wie langes, lichtes Haar herunterh├Ąngen und das Gesicht meiner Mutter samt knorrigen Baumstamm mehr als nur erahnen l├Ąsst. Ich habe sie gemalt, ich kenne ihr Gesicht und doch sehe ich sie mir jetzt genau an. Meine Mutter ist eine sch├Âne Frau. Im Traum ist ihre Haut jedoch so faltig, wie sie es in Wahrheit gar nicht ist. Sie w├Ąre gerne eine richtige Gro├čmutter, daher die Falten, denke ich. Sie wartet seit Jahren auf einen Enkel, f├╝r den ich als Einzelkind zust├Ąndig bin. Das sagt sie manchmal und lacht, damit ich nicht mitkriege, wie ernst es ihr damit ist. Sp├Ątestens beim Thema biologische Uhr glaube ich nicht, dass sie Witze macht.
Der Wecker klingelt. Mit geschlossenen Augen die rechte Hand hochheben, sinken lassen. Wie Nebel kriecht der Kopfschmerz an seinen Platz. Der kalte Luftzug sucht sich den Weg unter die Decke. Diese Seite des Bettes ist noch immer ein wenig warm. Ralf ist wohl eben gegangen, ohne mich geweckt zu haben. Decke runter, Drehen, Strecken, linke Hand dabei hochheben und die vordere Klappe des Weckers nach vorne ziehen. Ruhe! Unter die Decke zur├╝ckkriechen. Einen Moment noch liegen bleiben. Nur nicht wieder einschlafen! Ich will um Acht im Atelier sein. Dann ist da noch niemand und ich kann f├╝r ein paar Stunden arbeiten ohne mit Fragen gel├Âchert zu werden. Alle sagen, ich habe mich ver├Ąndert, niemand traut sich Vermutungen anzustellen. Der Kaffeegeruch sucht sich in feinen Schwaden den Weg ├╝ber den Flur direkt in meine Nase. So scheint es mir zumindest und so ├Âffne ich nun doch meine Augen und beschlie├če aufzustehen. Den Puls in meinem Kopf versuche ich zur├╝ckzudr├Ąngen. Daf├╝r starre ich eine Weile an die Decke, wo ich die wei├čen Duftkringel vermute, finde sie nicht, drehe mich auf die rechte Seite und klettere wie eine Schildkr├Âte aus dem Bett. Ohne Hausschuhe an den F├╝ssen schlappe ich im Dunkeln in die K├╝che, f├╝lle meinen Becher mit Tiramisukaffee und sehe durchs Fenster auf die Stra├če hinaus. Im Schnee vor dem Hauseingang glitzert mir eine Fu├čspur entgegen, die von dem Haus weg davonf├╝hrt und sich ein paar Meter weiter verliert. Ich beobachte sie solange, bis sie nicht mehr zu sehen ist. Schicht f├╝r Schicht bedeckt sie der Schneeflockenflaum. Tack-Tack. Ich wei├č nicht, wie lange ich da stehen bleibe. Die F├╝├če auf dem Fliesenboden, der Becher in meinen H├Ąnden. Mir ist kalt und ich ├╝berlege, wie sp├Ąt es jetzt sein mag, trete auf der Stelle, stelle den Becher ab und gehe ins Schlafzimmer, um mich fertig zu machen. Unterwegs vergesse ich diese Sache mit der Zeit. Seit die einzige Uhr in meiner Wohnung die ist, die eine Weckerfunktion hat, hat sich mein Blick auf das Thema ver├Ąndert. Es war die Idee meines Mannes, ein Trick, um sich den Dingen zu widmen, die am wichtigsten sind. Laut Ralf sind es die Abende und N├Ąchte, die wir gemeinsam verbringen. Laut Monika, meiner Freundin und Partnerin im Atelier, ist es die Kunst, f├╝r die wir leben. Meine innere Uhr sagt mir, dass es auch etwas anderes sein k├Ânnte. Ich denke an den Wunsch meiner Mutter, trete ins Badezimmer, stelle mich vor den Spiegel und beginne meine Z├Ąhne zu putzen. Zwischen den einzelnen Auf- und Ab- Bewegungen der Zahnb├╝rste atme ich den Geruch von Minze ein. Kurz hinaufsehen, das Gesicht vor sich blo├č nicht betrachten, sondern nur streifen. Ich sehe ├Ąlter aus, als ich in Wahrheit bin. Vierunddrei├čig ist doch kein Alter, um auszusehen wie eine Trauerweide. Vierunddrei├čig ist doch kein Alter, um die biologische Uhr zu h├Âren.
Tack-Tack-Tack. Ich sp├╝le mir den Mund aus, beuge mich nach vorne, um den letzten Rest der wei├čen Fl├╝ssigkeit auszuspucken und komme mir f├╝r einen Moment wie diese Trauerweide im Garten meines Elternhauses vor. An manchen windigen Tagen hatte ich fr├╝her dort drau├čen auf der Bank gesessen und dem alten Baum dabei zugesehen, wie er seine ├äste unter dem unsichtbaren Gewicht hinunter lie├č, um sich bald darauf wieder aufzurichten. So beuge auch ich mich nach vorne, denke an Ralf und meine Mutter, denke an die Fu├čspuren vor unserem Haus und daran, dass es in neun Monaten keine zweite Spur neben den Fu├čabdr├╝cken von Ralf geben wird. Kurz in den Spiegel sehen. L├Ącheln. Eine Fu├čspur, die von dem Haus wegf├╝hrt und schon bald verschwindet, sehe ich statt meinem Gesicht im Spiegel. Jetzt wieder das Gesicht. Ich gehe raus, greife zum Telefon. Sogar das Handy habe ich wie die Uhren aus meinem Leben verbahnt. Eine verr├╝ckte K├╝nstlerin, haben viele Freunde gesagt und dabei geschmunzelt. Seit meine Bilder sich gut verkaufen, kann ich mir solche Verr├╝cktheiten leisten. Seit keine Uhr mehr mein Leben bestimmt, hat die Zeit ihren Schrecken verloren. Ein zeitlich begrenzter Luxus, schmunzle auch ich jetzt. Das Telefon hat durchgew├Ąhlt. ÔÇ×Ja, schwindligÔÇť, sage ich, nicke und setze mich auf den Badewannenrand. ÔÇ×Nein, meine Familie wei├č es noch nichtÔÇť, sage ich ein paar Minuten sp├Ąter. ÔÇ×Ich wei├č und ja, ich werde es ihnen sagen. Danke, Herr Doktor!ÔÇť Auflegen, Durchatmen. Unter diesen Umst├Ąnden ist es normal. Gut. Normalit├Ąt gibt mir Sicherheit. In der zeitlosen Normalit├Ąt bin ich am gl├╝cklichsten. Ich fahre los. Unterwegs sehe ich, wie gut ich in der Zeit bin. Es ist f├╝nf nach Acht, als ich die T├╝r zur Galerie aufschlie├če und das Atelier betrete. F├╝nf nach Acht, nur f├╝nf Minuten zu sp├Ąt. Ich tausche meinen Mantel gegen einen verschmierten Arbeitskittel. Der Schwindel hat sich verst├Ąrkt. Immer wieder muss ich mich hinsetzen und durchatmen. Ich rolle einen Stuhl vor die Leinwand, an der ich seit wenigen Tagen sitze. Ich wei├č, dass ich es ihnen sagen muss. Monika hat schon gefragt, was das Bild soll. Meine Intention, es nicht zu verkaufen, hat Erstaunen bei ihr ausgel├Âst. Ich lebe davon, Bilder zu verkaufen. ÔÇ×Sie sind Ihre Familie und sie sollten wissen, was los istÔÇť, hat der Arzt gesagt. Ich rolle mit dem Stuhl n├Ąher heran. Meine Familie, l├Ąchle ich, schlie├če die Augen und sehe mich an einer Babywiege, meine Mutter daneben. Sie ist gl├╝cklich. Zum ersten Mal, seit ich erwachsen bin, ist da jemand, der ihr eine Weile nicht widersprechen wird. Ralf kommt aus der K├╝che, h├Ąlt mir ein Fl├Ąschchen entgegen. Ich versuche zu l├Ącheln, doch das Bild in meinem Kopf verwischt. Das Bild auf der Leinwand hingegen ist fast fertig. Ich nehme noch etwas Deckwei├č, r├╝hre es an, stecke einen flachen Pinsel ins ├ľl und beginne mit den Abschlussarbeiten. Verfeinerungen. Kleinigkeiten. Nichts wirklich Gro├čes und doch sind das die wichtigsten Details. Heute sind es die Fu├čspuren neben denen von Ralf, die ich hinzuf├╝ge. Der Schatten des Baumes im Schnee bekommt etwas Glanz und auf der Haut meiner Mutter verschwinden unter der Farbe ein paar dunkle Falten. Sie ist zu jung, um Gro├čmutter zu sein, denke ich. Leise erklingt die T├╝rglocke und ich h├Âre jemanden den Laden betreten. Noch bevor ich aufspringen kann, begreife ich, wer es ist und bleibe sitzen. Es ist Ralf und wir sind erst sp├Ąter verabredet. Er tritt hinter meinem R├╝cken n├Ąher und stellt sich hinter mich. ÔÇ×Sind wir das?ÔÇť, fragt er und legt seine H├Ąnde auf meine Schultern. Ich nicke. Ich wei├č, was er gleich noch fragen wird. Das Bild hei├čt Familie, das habe ich ihm erz├Ąhlt. Und das kleinere Paar der Fu├čabdr├╝cke darauf verschwindet unterwegs, obwohl es gar nicht schneit. ÔÇ×Du musst mir etwas sagen, oder?ÔÇť, fl├╝stert er. Er ahnt, dass ich weiterverh├╝tet habe, das wei├č ich. Ich habe ihn angelogen. Ich habe meine Mutter angelogen. Dabei habe ich nur meine Familie sch├╝tzen wollen. Aber wie sagt man in einem solchen Fall die Wahrheit? Wie sagt man jemandem, den man liebt, dass seine Witze nicht witzig sind und dass die biologische Uhr in Wirklichkeit keine Uhr ist? Tack-Tack. Es ist eine Bombe, die jederzeit hochgehen kann. Es h├Ârt sich nur gleich an. Das Ticken meine ich. Tats├Ąchlich aber liegen Welten dazwischen. Ich atme durch, f├╝hle den Kopfschmerz, wie er pulsierend anschwillt, versuche mich zu entspannen. Es stimmt so nicht, doch ich bilde mir ein, meine innere Uhr zu h├Âren. Es ist, als sehe ich den Minuten- und auch den Stundenzeiger zusammen nach vorne springen. Wie sagt man jemandem, dass ein geplantes Plus Eins eher ein Minus Eins werden wird? Ich lehne mich zur├╝ck und atme den letzten Augenblick ein, in dem ich allein im Kreis gelaufen bin.
Die Unendlichkeit der Erinnerung ist vielleicht das Einzige, was die Gedanken um die Endlichkeit des Lebens wettmachen wird. Irgendwann. Auch wenn ich wei├č, dass es f├╝r diesen Moment kein Trost f├╝r Ralf ist, wie es auch kein Trost f├╝r meine Mutter sein wird. Es ist so etwas wie das Deckwei├č auf meinem Bild. Das kleine Detail, das im Kampf gegen das gro├če Ganze ein Trost ist. Zumindest f├╝r mich. Auf diesem letzten Bild bin ich da, auch wenn ich nicht da bin.



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KaGeb
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Parislille,

gro├čartig! Ein sehr guter Text mit gekonnter Verdichtung, gef├╝hlvoll umgesetzt mit ├╝berzeugend beschriebenen Bildern. Gro├čes Kopfkino!


Was mir auf die Schnelle auffiel (blau = Vorschlag):

Im Traum ist ihre Haut jedoch so faltig, wie sie es in Wahrheit gar nicht ist.

die von dem Haus weg davonf├╝hrt

Seit die einzige Uhr in meiner Wohnung ein Wecker ist die ist, die eine Weckerfunktion hat, hat sich mein Blick auf das Thema ver├Ąndert.

Sogar das Handy habe ich wie die Uhren aus meinem Leben verbahnt verbannt


quote:
Seit keine Uhr mehr mein Leben bestimmt, hat die Zeit ihren Schrecken verloren. Ein zeitlich begrenzter Luxus, schmunzle auch ich jetzt.

- Gro├čartig!


Wom├Âglich w├Ąre es f├╝r den Textfluss gut, ein paar Abs├Ątze einzuf├╝gen - besonders dann, wenn sich die Handlung-der Schauplatz-Gedanke-die Rede ├Ąndert.


Freue mich auf mehr "Text" von dir :-)

LG, kageb

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