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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Ente ist zu zäh
Eingestellt am 02. 06. 2014 12:30


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relaoded
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Registriert: May 2014

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Die Ente ist zu zäh

Der Geruch meiner eigenen Fäkalien liegt in der noch verbliebenen Luft, die meine Lunge versucht in sich hinein zu saugen. Ein stechender Schmerz, der mir durch die Brust geht, wann immer meine Atemwege durch den Körper meines Nachbarn verstopft werden. Ihn zu Seite drängen kann ich nicht, denn er ist genauso gefangen und bewegungslos wie ich. So bewegungslos, wie wir alle hier, die in unseren eigenen Ausscheidungen stehen und nicht fort können. Der einzige Teil unserer fetten Körper, den wir noch kontrollieren, den wir jemals kontrollierten – unsere langen Hälse, die hektisch in die Höhe zucken, um nach der schwülen, stickenden Luft zu schnappen. Es ist vielmehr der natürliche Selbsterhaltungstrieb, sowie auch die Unfähigkeit zur Selbstvernichtung, was mich weiterhin in diesem Elend von einem Fäkaliensumpf vegetieren lässt. Es ist die instinktive Reaktion, die mich zum Atmen zwingt. Es sind die vielen Antibiotika, welche in meinem Magen verdaut werden, die mich vor der erlösenden Krankheit bewahren. Es ist so viel und doch ist es nichts anderes als Elend.
Ich spüre, dass man mich hat fühlen lassen, um Schmerz zu empfinden; dass man mich zum Atmen gedrängt hat, um von der verpesteten Luft abhängig zu sein; dass man mir Federn gab, um in dieser Hölle zu garen und nicht zum Fliegen. Fliegen können nur meine Gedanken, nur mein Geist. Was ist denn der Sinn meiner banalen Existenz? Ist es mein Leben hier eingesperrt zu ertragen und über mein Elend zu sinnieren, bis der Erlöser kommt und mich auserwählt?
Ich blicke in das entstellte Gesicht meines Nachbarn. In seinen Augen spiegelt sich das Licht, des sich schließenden Türspaltes. Er ist hier. Der Erlöser. Wer wird diesmal der glückliche Auserkorene? Er schreitet in meine Richtung und sieht sich mit seinen begierigen Glubschaugen um. Aus meinem Inneren, möglicherweise aus meiner fetten Leber, verspüre ich einen sich verbreitenden Hoffnungsschimmer. Hinaus will ich, weg von dieser übelriechenden Kloake. Ich öffne meinen gestutzten Schnabel um nach ihm zu rufen. Um seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Doch mein Nachbar macht es mir gleich. Nicht nur er, ich höre plötzlich hunderte Echos meiner Rufe. Panisch versuche ich lauter zu werden, so laut wie es mir mein verstümmelter Körper erlaubt. Ich bin nicht der einzige. Jede Seele scheint nun um Erlösung zu schreien. Einen Schritt nach dem anderen kommt er mit gerunzelter Nase und zusammengepressten, dünnen Lippen auf uns zu. Ich versuche mit dem was von meinem Schnabel übrig geblieben ist, meinen Nachbarn am Hals zu verwunden. Seine hohen Hilferufe sollen mit seinen Hoffnungen im Schlamm ersticken.
Ein Schatten breitet sich über meinen Kopf aus. Ich blicke hoch und sehe eine fünfgliedrige Klaue, die nach meinem Hals greift. Unfassbar – ich bin gerettet.

„Wie schmeckt es Ihnen?“
„Grausam! Die Ente ist zäh wie Gummi und von Geschmack kann nicht die Rede sein! Ich verlange sofort eine neue!“
„Oh, verzeihen Sie bitte. Ich werde es unverzüglich dem Chefkoch weiterleiten und Ihnen einen neuen Teller bringen.“

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