Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92194
Momentan online:
307 Gäste und 8 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Enten
Eingestellt am 03. 07. 2008 10:29


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
HS
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jul 2008

Werke: 1
Kommentare: 9
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um HS eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Die Enten


Sie sa├č in ihrem kleinen Zimmer. Sie brauchte ja nicht viel. Ein Bett, einen Schreibtisch, an dem sie auch manchmal a├č, und einen kleinen Kleiderschrank, der eigentlich immer noch zu gro├č war. Sie lebte allein mit ihrer Mutter und die k├╝mmerte sich darum, dass f├╝r alles, was n├Âtig war, gesorgt war. Sie teilten sich auch das Bad und die kleine K├╝che, von der man einen sch├Ânen Blick auf den Fluss hatte. Sie h├Ątte gern ├Âfter am Esstisch gesessen und das Flie├čen des Wassers beobachtet. Die Enten, die sich manchmal blicken lie├čen. Sie stellte sich vor, dass sie auch eine Ente sei und davon schwimmen konnteÔÇŽ
Aber ihre Mutter sa├č meistens am Esstisch.
Sie hielt die Dose mit den Tabletten in der Hand. Sie kontrollierte zum bestimmt tausendsten Mal das Haltbarkeitsdatum. Sie hatte die Dose schon seit ├╝ber einem Jahr und immer noch nicht ge├Âffnet. Sie wollte das aber noch vor dem Ablaufen der Tabletten erledigen. In dieser Hinsicht war sie sehr pflichtbewusst. Eigentlich in jeder Hinsicht. Schlie├člich war sie so von ihrer Mutter erzogen worden. Nicht unn├Âtig Geld ausgeben. Daf├╝r w├╝rde sie sorgen, auch wenn sie noch nicht wusste, wer die Tabletten nehmen w├╝rde.
Sie hatte noch zwei Monate Zeit.
Sie tr├Ąumte schon ihr ganzes Leben von sch├Ânen Kleidern, mal mit Freunden zu feiern oder einfach mal in Urlaub zu fahren. Aber sie brauchte ja nicht viel. Ihre Mutter und sie waren sich einig, dass man sich auf andere Leute, die sich Freunde nannten, nicht verlassen konnte. Und wer so viel Geld f├╝r teure Kleider ausgab, sollte sich mal die Probleme in der Welt ansehen, sagte ihre Mutter. Es gab Hunger und Krieg. Deswegen spendeten ihre Mutter und sie einen gro├čen Teil ihres Geldes. Sie brauchten ja selber nicht viel. Hauptsache, man hatte ein Dach ├╝ber dem Kopf, etwas zum Anziehen und zu Essen. Aber nat├╝rlich in Ma├čen. Alles andere war Verschwendung.
Sie schaute runter auf ihre H├Ąnde. Kurze N├Ągel. Man wollte ja nicht wie eines dieser Flittchen aussehen, die im B├╝ro arbeiten. Mit bunten N├ĄgelnÔÇŽ Ihre Haut war auch nicht mehr jung. Schlie├člich war sie schon sechsunddrei├čig. Und wem sollte sie schon gro├č gefallen wollen? Einem Mann etwa? Mit denen hatte ihre Mutter schon genug schlechte Erfahrungen gemacht. Das blieb ihr dank der F├╝rsorge ihrer Mutter erspart. Des ├ärgers waren die M├Ąnner nicht wert, sagte ihre Mutter.
Sie dachte wieder an die Enten. Einfach wegschwimmen.
Aber sie konnte ihre Mutter nicht so einfach im Stich lassen. Einfach wegrennen wie ein unverantwortliches Kind.
Aber hier bleiben? Das hielt sie nicht mehr aus. Nein. Kein kleines Zimmer mehr. Keine K├╝che, in der man wegen der eigenen Mutter nicht sitzen kann. Keine Einsamkeit mehr. Keine Schuldgef├╝hle, wenn man mal den Drang nach Leben und anderen Menschen versp├╝rte.
Aber weggehen konnte sie nicht. Ihre Mutter hatte sie gelehrt, was Schuldgef├╝hle waren. Und die w├╝rden sie einholen.
Frei sein.
Sie oder ich.
Sie drehte die Dose in ihren H├Ąnden. F├╝r wen sollte sie die schon vor so langer Zeit gekauft haben? Selbst damals im Gesch├Ąft hatte sie noch nicht gewusst, wer sie nehmen w├╝rde. Nehmen m├╝sste. Die Apothekerin hatte sie gewarnt, dass es schwere Tabletten seien und sie sie vor Kindern verstecken sollte. War sie nicht selber noch ein Kind?
Einfach wegschwimmen.
Damals in der Schule hatte sie nat├╝rlich Freunde gehabt. Nicht viele. Aber sie brauchte ja auch nicht viel. Doch nach der Schule waren ihre Freunde in eine andere Stadt gezogen, um Karriere zu machen. Oder hatten andere gefunden. Mit denen es leichter war. Denn wer will schon eine Freundin, mit der man sich nachmittags nicht treffen konnte, weil die Mutter das nicht gerne sah? Aber solche Leute, die einen nicht so akzeptierten, wie man war, brauchte man eh nicht, sagte ihre Mutter. Daf├╝r gab es ja die Familie, die zusammenhielt.
Sie oder ich.
Sie nahm die Dose und steckte sie in die Tasche ihrer weiten Jacke. Sie zog die Jacke an und ging in die K├╝che. Sie sagte ihrer Mutter, dass sie spazieren ginge. Ihre Mutter sah sie kurz an, nickte und sagte etwas. Sie h├Ârte schon lange nicht mehr hin.
Drau├čen vor der Haust├╝r sah sie r├╝ber zum Fluss. Sie ├Âffnete die kleine, m├Ąchtige Dose und nahm die Tabletten. Alle auf einmal. Sie qu├Ąlte die gro├čen Dinger ihren Hals herunter, w├╝rgte. Dennoch versp├╝rte sie Gl├╝ck und Erleichterung. Entscheidung gef├Ąllt.
Nur noch ein paar Minuten.
Sie blickte wieder zum Fluss hin├╝ber. Der Strom des Wassers w├╝rde sie weit mit sich ziehen. Sie ging zu der Stelle am Fluss, die man von der K├╝che aus sehen konnte. Sie blickte sich kurz um und sah ihre Mutter am Tisch sitzen und irgendwo hinstarren. Aber nicht zu ihr. Sie hatte sie noch nie angesehen.
Sie sprang und sp├╝rte kurz darauf das k├╝hle, freie Nass.



Version vom 03. 07. 2008 10:29

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


MarenS
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Feb 2005

Werke: 185
Kommentare: 2033
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um MarenS eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Gut erz├Ąhlt, gut nachvollziehbar. Erziehung pr├Ągt und schwimmt man sich nicht frei...
Sehr sch├Ân die immer wieder kehrende Leier: Man braucht ja nicht viel. Da wird ein guter Grundgedanke zum Zwanghaften.

Ich denke, man k├Ânnte den letzten Satz k├╝rzen: Sie sprang.

Gr├╝├če von Maren

Bearbeiten/Löschen    


Clara
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2002

Werke: 3
Kommentare: 311
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Clara eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

eine schlichte und ergreifende Geschichte - deutlich in ihrer Vorstellbarkeit.
Nicht wirklich sp├╝rend aber auch, wie sie leidet an den Schuldgef├╝hlen -

etwas ungl├╝cklich dieser Satz:
Ein Bett, einen Schreibtisch, von dem sie auch manchmal a├č

sie ass nicht vom Bett - sie sass auf dem Bett um zu essen

Dann ein grosser Logikfehler - sie konnte die Geschichte nicht schreiben, denn sprang ja wie eine ente ins Wasser, vergiftet.
Der Erz├Ąhler muss also ein anderer sein, kein ICH
und es ist nah am ICH.
__________________
Clara

Bearbeiten/Löschen    


HS
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jul 2008

Werke: 1
Kommentare: 9
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um HS eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo!

Danke f├╝r die Meinungen und Verbesserungsvorschl├Ąge! Habe jetzt zwei Kleinigkeiten ge├Ąndert:

1. "Ein Bett, einen Schreibtisch, an dem sie auch manchmal a├č, und...": Vorher war es wohl etwas missverst├Ąndlich. Sie sitzt am Schreibtisch und isst. Ich glaube nicht, dass sie der Typ ist, der auf dem Bett sitzt und isst. Das hatte ich auch nicht gemeint.

2. "Warum auch?": Diesen Satz hab ich gestrichen. Stimmt, irgendwie passt er nicht so. Danke!

Die anderen Kritikpunkte/Vorschl├Ąge fand ich nicht so sinnvoll oder gravierend. Ich denke, dass das auch Fragen von Geschmack sind... Besonders beim Schluss wollte ich eigentlich kein simples "Sie sprang" haben, sondern wirklich ihre Erleichterung und Freude andeuten, die sie empfindet, wenn sie das Wasser sp├╝rt.

Wegen dem "Logik-Fehler": Da ich ja nicht in der Ich-Form geschrieben habe, ist es (wie retep ja schon geschrieben hat) kein Logik-Fehler. Aber ich finde eigentlich, dass es auch egal w├Ąre, wenn es eine Ich-Erz├Ąhlerin w├Ąre! Gut, sie ist dann tot, aber es ist ja auch eine Kurzgeschichte, keine wahrheitsgetreue Erz├Ąhlung! Es geht nicht darum, ob etwas realistisch oder wirklich passiert sein k├Ânnte, sondern um eine fiktive Geschichte. Meiner Meinung nach ist es dann egal, ob der Protagonist, der seine Geschichte erz├Ąhlt, schon tot ist...

Naja, auf jeden Fall danke f├╝r Eure Anregungen! Hab mich sehr gefreut, ein paar Kommentare auf meine Geschichte bekommen zu haben

Viele Gr├╝├če!

Bearbeiten/Löschen    


2 ausgeblendete Kommentare sind nur f├╝r Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!