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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Die Erkenntnis
Eingestellt am 15. 08. 2000 00:00


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Rei
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Registriert: Sep 2000

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Die Erkenntnis
Heute war es soweit: wir konnten die erste Motorradtour des Jahres machen, bei der meine Freundin Saskia nicht mehr Beifahrerin meines Bruders war (mein Motorrad ist f├╝r zwei Personen einfach zu klein), sondern selbst fahren konnte. Wenn ich noch daran denke, wie lange wir auf sie eingeredet haben, damit sie sich endlich f├╝r den F├╝hrerschein anmeldet! Sie schw├Ąrmte immer so vom Motorradfahren, fuhr auch mal schwarz auf dem gro├čen Parkplatz beim Einkaufszentrum, aber sie hatte sich nie getraut, den Schein wirklich zu machen. Aber jetzt hatte sie ihn seit drei Wochen in der Tasche, doch das Wetter hatte uns immer einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Unsere Maschinen knatterten im Hof um die Wette, als sie warmliefen. In der Zwischenzeit ├╝berpr├╝fte mein Bruder die Zust├Ąnde der Ketten und R├Ąder, w├Ąhrend ich meiner Freundin den Kopfh├Ârer der Gegensprechanlage, wie man sie von den Harley-Fahrern her kennt, unter den Helm klemmte. Ihre Augen strahlten mich dabei freudig aus dem Helm heraus an. Sie war aufgeregt, da sie heute zum ersten Mal ihre eigene Maschine fahren w├╝rde, die seit etwa vier Wochen auf sie wartete. Ich wei├č noch, wie sehr sie sich dieses Motorrad gew├╝nscht hatte und werde nie ihren Gesichtsausdruck vergessen, als wir es ihr zum Geburtstag in einer gemeinsamen Aktion mit ihren Eltern, meinen Eltern und unseren s├Ąmtlichen Freunden schenkten. Und beinahe genauso sah sie mich jetzt wieder an. Das tat meiner m├Ąnnlichen Seele unheimlich gut, da eine solche Frau mich liebte. Wie oft hatte mein Bruder zu mir gesagt: „Daniel, du bist ein Gl├╝ckspilz.“ Der Kopfh├Ârer sa├č fest, das Mikrofon befestigte ich am Kinnst├╝ck des Helmes. Zuletzt steckte ich noch ein weiteres Kabel in das kleine Funkger├Ąt, an dem ein Dr├╝cker befestigt war, mit dem man die Sprechanlage aktivieren konnte. Den Dr├╝cker band ich ihr mit Klettband an den behandschuhten Zeigefinger, so da├č sie bequem mit dem Daumen dagegen dr├╝cken konnte, um die Sprechfunktion zu aktivieren. Mein Bruder und ich machten uns ebenfalls startklar, dann testeten wir die Ger├Ąte. Sie waren alle auf die gleiche Frequenz eingestellt, so da├č jeder mith├Âren bzw. sprechen konnte. Allerdings waren die Sprechkan├Ąle der anderen Funkger├Ąte gesperrt, wenn einer von uns seinen Sprechknopf dr├╝ckte. Die Ger├Ąte funktionierten, und es konnte losgehen.
Wir fuhren erst ein wenig durch die Stadt, damit meine Freundin sich an ihre neue Maschine gew├Âhnen konnte, die etwas bulliger als die Fahrschulmaschine war. Als sie damit gut klar kam, verlie├čen wir die Stadt auf einer Landstra├če. Es war eine einfache Strecke: lange Geraden und langezogene Kurven, in denen meine Freundin immer den Sprechknopf dr├╝ckte und lauthals lachte. Wie ich diese Frau liebte! Mein Herz lachte mit ihr und ich war sehr zufrieden mit meinem Leben.
Das Wetter war herrlich und hatte unz├Ąhlige andere Biker auf ihre Maschine getrieben, so da├č wir kaum aus dem Gr├╝├čen herauskamen. Wir genossen den Sonnenschein, drehten die Motoren hoch und brausten durch die Gegend. Es war einfach zu herrlich! Meine Freundin wurde langsam ├╝berm├╝tig, ├╝berholte meinen Bruder und mich und lie├č sich dann wieder zur├╝ckfallen, so da├č ich voraus, sie in der Mitte fuhr und mein Bruder das Schlu├člicht bildete. Ich gab Gas und zwang meine Maschine um die Kurven, so da├č ich die beiden bald hinter mir gelassen hatte. Der Wind trieb mir die Tr├Ąnen in die Augen, bis ich langsamer machen mu├čte, da ein Auto vor mir fuhr. Ich wurde ungeduldig, da er so langsam war, als ich etwas ├╝ber meinen Kopfh├Ârer h├Ârte. Anfangs wu├čte ich nicht, was es war. Es klang fremdartig und seltsam, bis ich endlich verstand, was die Stime sagte: „Thomas!“. Bis dann zu mir vordrang, da├č es die Stimme meiner Freundin war, war ich schon um eine weitere Kurve. Aber sie klang so anders! Rauh, r├Âchelnd, keuchend. Mir wurde hei├č und kalt. Ich schaute in den R├╝ckspiegel, aber ich konnte sie nicht sehen. Ich war schon zu weit weg von ihr. Doch bei ihrem einen Schrei blieb es nicht. Sie schrie wie von Sinnen, ich drehte fast durch vor Angst. Panisch dr├╝ckte ich meinen Sprechknopf, doch sie blockierte ihn. Bis ich auf die Idee kam, zu wenden, waren schon wieder zwei Kurven zwischen uns. Ich wendete, drehte den Gashahn bis zum Anschlg auf und fuhr auf dem Mittelstreifen wie ein Gest├Ârter, um Autos zu ├╝berholen und m├Âglichst schnell bei ihr zu sein. Inzwischen war das R├Âcheln lauter geworden, ihre Stimme undeutlich, aber ich h├Ârte meinen Bruder: „Saskia, ich nehm dir den Helm ab.“ „Nein.“ keuchte sie. „Nein, es tut mir alles weh. Thomas... sag was liebes.“ Ihre Stimme war nur noch ein Fl├╝stern. Mir liefen die Tr├Ąnen ├╝ber die Wangen vor lauter Sorge, so da├č ich gar nicht mitbekam, was sie da eigentlich sagte. Ich h├Ârte nur den Klang ihrer Stimme und war so voller Angst, da├č ihr etwas zugesto├čen sein k├Ânnte. „Ich liebe dich, Saskia.“ drang an mein Ohr. Schlagartig wurden mir die Worte bewu├čt. Auch, da├č sie die ganze Zeit nach meinem Bruder gerufen hatte, kam so langsam in meinem Hirn an. „Ich liebe dich auch, Thomas.“ fl├╝sterte sie schwach, dann h├Ârte ich noch ein leises Schnaufen. „Nein.“ kam Thomas weinerliche Stimme an mein Ohr. „Nein, Saskia!“ Ich war endlich am Unfallort angekommen. Autos standen quer, das Motorrad meiner Fraundin lag unter einem Benz eingeklemmt. Sie lag etwa f├╝nf Meter davon entfernt, umringt von neugierigen Menschen, die ihr den Platz zum Atmen nahmen.
Ich sprang vom Motorrad, lie├č es fallen, ri├č mir den Helm vom Kopf, schmi├č ihn von mir weg, schubste die Leute zur Seite und kniete mich neben Saskia. Aber ich kam zu sp├Ąt, sie war tot. Ich schlo├č ihre hellen Augen, die mich vor nicht einmal zwei Stunden noch so erwartungsvoll angestrahlt hatten. Wie ich diese Frau geliebt hatte! Aber was war mit ihr gewesen? Was mit Thomas? Ich sah meinem Bruder in die Augen, die mit Tr├Ąnen gef├╝llt waren. Und da sah ich es: er hatte diese Frau auch geliebt. Aber dieses Erkennen kam ebenso sp├Ąt wie mein Verstehen, da├č sie ihn geliebt hatte, und nicht mich.
Rei 240700

(├ťbernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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