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Leselupe.de > Horror und Psycho
Die Erlösung
Eingestellt am 05. 05. 2013 10:49


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Biillii
Festzeitungsschreiber
Registriert: Apr 2013

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Ich hasse diese kalten, düsteren Wintertage. Es stürmt und schneit. Alles geht drunter und drüber. Die Schneeflocken tänzeln nicht schön friedlich vom Himmel hinab auf den Boden, nein, sie werden regelrecht zu Boden geschleudert. Es ist, als wären sie von einer höheren Macht regiert und gesteuert. Sie flitzen in der Finsternis als riesiger Schwarm weisser Pünktchen, alle in dieselbe Richtung, bis sie schliesslich irgendwo dagegen klatschen und haften bleiben.

Die immer stärker blutende Verletzung an meinem Unterarm brennt. Der Schmerz fliesst beständig durch meinen gesamten Körper. Nur im Herzen, da macht er halt. Da fühlt er sich am schlimmsten an. Ich kann diese unerträglichen Schmerzen nicht mehr lange aushalten. Deshalb sollte ich mich beeilen. Meine Schritte sind sehr konstant und entschlossen, wenn auch etwas niedergeschlagen, ausgelaugt und müde.

Ich schaue in die Dunkelheit. Es ist weit und breit kein Licht zu sehen. Und ein Blick auf die flackernde Taschenlampe in meiner Hand verrät mir, dass auch diese bald den Geist aufgeben wird. Dann werde ich auch die wenigen Schneeflocken, die ich momentan noch im Lichtkegel meiner Lampe erkennen kann, nicht mehr zu Boden stürzen sehen können. Diese Erkenntnis veranlasst mich, mich noch stärker um die Regelmässigkeit und Kontinuität meiner Schritte zu sorgen, damit ich möglichst schnell von diesen höllischen Qualen erlöst werde.

Ich bemühe mich immer schön vorwärts zu laufen, nicht vom Weg abzukommen und vor allem nie stehen zu bleiben, oder gar rückwärts zu laufen. Denn ich habe Angst vor dem Zurück. Das will ich nicht mehr. Nur deshalb bin ich schliesslich auch in diesen teuflischen, katastrophalen Schneesturm geraten. Der Wind fegt mir um die Ohren, es fällt mir schwierig die Orientierung nicht zu verlieren. Hinzu kommt noch mein prall gefüllter Rucksack. Er wiegt viel zu viel für mein junges Gemüt. Ich kann kaum noch laufen unter diesem immensen Gewicht. „Alles wird gut. Das Ende dieses Weges naht.“, versuche ich mich zu beruhigen. Und ich reisse mich zusammen, meinen Tränenfluss zu drosseln, da jede Träne nur wenige Zentimeter meine Wangen hinunterrutschen kann, bevor sie auf Grund dieser eisigen Kälte, mit einem penetranten Stich in meine Backe als letzter Aufschrei, gefriert.

Knapp hinter mir sind die Spuren meines Vorbeiziehens noch deutlich erkennbar. Doch schon wenige Meter weiter zurück verblassen die Abdrücke meiner Schuhe zu ovalen Löchern, ohne jegliche Profilabdrücke, im tiefen Neuschnee. Und noch ein paar Meter weiter entfernt von mir, ist nicht einmal mehr zu erkennen, dass dies ursprünglich Schuhabdrücke waren. Dasselbe bedauerliche Phänomen ist auch bei der hauchfeinen Blutspur, die ich hinterlasse, auszumachen. Ein Bluttropfen nach dem anderen fällt als warme, dunkelrote Perle in den samtweichen Schnee und zerplatzt. Sie breitet sich auf dessen Oberfläche etwas aus und nimmt dabei die unterschiedlichsten Formen an. Doch sobald sie vollständig ausgekühlt ist, behält sie ihre derzeitige Form, und es zerplatzt auch schon die nächste dunkelrote Perle neben ihr. Und auch diese hinterlässt wieder einen Punkt im Schnee. Kein Punkt gleicht dem anderen. Alle sind ganz unterschiedlich. Und doch kommen sie nur als Ganzes, als Einheit zum Vorschein. Sie kreieren einen zarten dunkelroten Faden, der den Fussspuren folgt und sogar, so scheint es, gehorcht. Denn dort wo die Fussspuren zu ovalen Löchern werden, wird der dunkelrote Faden zu einem hellroten Streifen. Und wo die ovalen Löcher unkenntlich werden, wird es auch der hellrote Streifen.

Und plötzlich ist sie vor mir, meine Rettung. Ich wusste doch, dass mein Notfallplan, den ich mir für genau solche Notfälle wie jetzt und hier ausgeklügelt habe, nicht schief gehen konnte. Und tatsächlich, ich habe es bis zu meinem Notausgang geschafft. Da liegt der Verbandskasten, in mitten dieses Sturmes der ein riesiges Chaos veranstaltet und stets noch stärker und bedrohlicher wird. Es grenzt an ein Wunder, dass ich die Verbandsrolle in meinem Zustand, der sich mittlerweile zu einem regelrechten Dahinvegetieren entwickelt hat, auspacken und in die unverletzte Hand nehmen kann. Ich bin völlig erschöpft, komplett ausgelaugt. Meine Umgebung fängt an sich langsam zu drehen. Mir wird schwindlig und ich habe das Gefühl den Boden unter den Füssen zu verlieren. In der Hoffnung mich wieder zu fassen, versuche ich tief ein- und auszuatmen. Ein Schauer durchfährt mich und innert wenigen Augenblicken fühlen sich meine Arme und Beine ganz schwerelos an. Ich atme, das eine Ende des Verbandes noch immer in der gesunden Hand, ein letztes Mal ein und stosse beim Ausatmen das ganze Gewicht meines Kopfes aus meinem Körper. Er sinkt schlagartig zu Boden, meine Augen verdrehen sich in ganz unterschiedliche Richtungen, und ein Gefühl, das mir vortäuscht schweben zu können, überwältigt mich. Was für ein wunderschönes Gefühl.



Ich öffne langsam meine Augen. Meine Wunden sind noch immer gut sichtbar, doch sie schmerzen überhaupt nicht mehr. In meiner gesunden Hand, ein Messer. Mein Rucksack ist weg, bemerke ich. Sicherlich fühle ich mich nur deshalb so leicht und unbeschwert. Ich lächle der warmen Sonne entgegen. Endlich scheint die Sonne wieder. Der kalte, düstere Winter ist nun endgültig vorbei, der herrlich warme Frühling hat begonnen. Ich spüre, wie die unsichtbaren Sonnenstrahlen auf meine Haut treffen und mich angenehm lustig kitzeln. Es riecht nach duftenden Blumen und frischem Wasser. Das kommt sicher vom kleinen Bächlein, das man sanft rauschen hört. Das Rauschen wird auf einmal immer lauter und lauter. Es klingt bereits schon richtig bedrohlich, da merke ich erst, dass dies nicht das Rauschen des Baches ist, sondern das Geräusch eines Automotors. Schlagartig bin ich hellwach. Das Polizeiauto rast mit viel zu hoher Geschwindigkeit durch dieses Wohnquartier. Ich schaue ihm nach, und als es in eine Seitenstrasse abbiegt, erstarre ich. Das ist doch die Zufahrt zum Wohnungskomplex, in welchem auch ich ein Studio bewohne. Es muss etwas Schreckliches geschehen sein. Sämtliche Nachbarn schauen neugierig, aber auch mit einem gewissen Entsetzten in ihren Blicken, von ihren Balkonen in die Richtung meiner Wohnadresse. Manche sind sogar draussen auf der Strasse um das Geschehnis besser verfolgen zu können. Endlich löse ich mich aus meiner Starre und renne so schnell mich meine Füsse tragen können zu der mir so vertrauten Hauseinfahrt. Es stehen zwei Polizeiautos und ein Krankenwagen vor dem Hauseingang. Meine Vermieterin spricht gerade, wild mit ihren Händen gestikulierend, mit einem uniformierten Polizisten, während zwei weitere Polizisten einen Sarg aus einer der Wohnungen tragen. Jetzt erst bemerke ich den schwarzen Leichenwagen hinter der grossen Hecke vor dem Hauseingang. Und ein Schauer durchläuft mich, als mein Blick auf die Wohnungstür fällt, durch welche der Sarg hinausgetragen wurde; meine Wohnungstür.

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