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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Ernte vor der Reife
Eingestellt am 28. 09. 2012 22:48


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Arno Abendsch├Ân
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"Wenn der Beamte kommt, dann sag ihm blo├č nicht, dass du den Hof nicht ├╝bernehmen willst." Mein Vater war Landwirt und hatte einen gr├Â├čeren staatlichen Kredit beantragt. Ich war der einzige Sohn, und ohne Aussicht auf einen Hoferben w├╝rde der Kredit vielleicht nicht bewilligt werden.

Ich war damals zw├Âlf und ich war der, der den Hof nicht ├╝bernehmen wird. Keine sehr komfortable Situation. Von Zeit zu Zeit tat mein Vater so, als sei noch alles offen. Dann hielt er mich zur Mitarbeit an, ├╝bertrug mir kleine Aufgaben. Davon will ich ein Beispiel bringen.

Mein Vater fing immer neue Sachen an. Es gab bei uns Gro├čvieh und Kleinvieh, Feldfr├╝chte und Gartenerzeugnisse, darunter auch Schnittblumen. Und dann kam noch Obst dazu. ├äpfel und Birnen, Kirschen und Pflaumen und sogar Pfirsiche. Die Buschb├Ąume trugen in diesem Jahr erstmals reichlich. Meinem Vater fehlte die Zeit, selbst alle B├Ąume abzuernten. Er war ein gehetzter Mann. Ich lief ihm zur falschen Zeit ├╝ber den Weg.

"Es wird Zeit, dass du dir einmal einen ├ťberblick ├╝ber unser Wirkungsfeld verschaffst ..." Er liebte allgemeine Betrachtungen als Einleitung, ich fand seine Ausdrucksweise dann geschraubt. Bald kam er, schon barscher, zur Sache: "Die Pfirsiche m├╝ssen vom Baum. Du wirst sie heute Nachmittag herunterholen. Jetzt gleich." Ich hatte Besseres vorgehabt: mich drau├čen in der Landschaft mit Jungen aus der Nachbarschaft zu treffen. Da gab es eine Mulde mit vielen Quellen und mit kleinen B├Ąchen. Man konnte sie leicht aufstauen und dann das Wasser auf einmal als Sturzbach, alles wegrei├čend, abflie├čen lassen.

Mein Vater bemerkte meinen Unwillen und beschloss, die Sache rasch abzumachen. Er sagte in scharfem Ton: "Dort am Rand steht der Baum. Siehst du ihn? Hol sofort den gro├čen Korb aus dem hinteren Keller und stell ihn nachher aufs Treppenpodest." Er ging schnell weg. Er hatte sich durchgesetzt, mein Wille war gebrochen. Ich machte mich eilig an die Arbeit. Wenn ich bald fertig war, konnte ich doch noch zu den Quellen gehen.

Das Buschb├Ąumchen war schon zur H├Ąlfte leer gepfl├╝ckt. Die Fr├╝chte lagen im Korb. Da stellte ich fest, dass diese Pfirsiche noch hart waren. Sie waren ziemlich klein und von graugr├╝ner Farbe. Offenbar waren sie unreif. Richtig, reif waren die Fr├╝chte des n├Ąchsten Baumes in der Reihe. Wie hatte ich mich so t├Ąuschen k├Ânnen? Mein Fehler musste m├Âglichst vertuscht werden. Ich kippte den Korb um, die vorzeitig gepfl├╝ckten Fr├╝chte kollerten den Abhang hinunter und verschwanden unter wilden Himbeeren. Dann pfl├╝ckte ich die sch├Ânen roten Pfirsiche vom Nachbarbaum.

Mein Vater kam unerwartet zur├╝ck, um mich zu kontrollieren. Er lobte mich und nahm einen Pfirsich aus dem Korb. "Sch├Âne Fr├╝chte, gut geraten. Wenn nur alles so gut w├╝rde." Er lie├č den Blick ├╝ber die anderen B├Ąume schweifen. Fiel ihm nichts auf? Da trug ein Baum nur auf einer Seite Fr├╝chte, es sah doch sonderbar aus. Mein Vater sagte nichts. Wir trugen den Korb zum Haus. Ich fragte mich, ob er wirklich nichts bemerkt hatte. Oder warf er sich insgeheim vor, mir den richtigen Baum nur von fern und in Eile gezeigt zu haben?

Im Winter darauf gr├╝ndeten wir eine Sch├╝lerzeitung. Ich suchte Stoff f├╝r meinen ersten Artikel und kam auf die Sache mit den Pfirsichen. Ich beschrieb es so, wie es sich abgespielt hatte, doch nicht als Ich-Erz├Ąhlung. Die Geschichte war einem Jungen namens Werner passiert. Am Schluss stellte ich die Frage: Und war Werners Vater am Ende wirklich nichts aufgefallen? Oder machte er sich Vorw├╝rfe?

Ich war urspr├╝nglich kein verschlossenes Kind. Als die erste Nummer der Sch├╝lerzeitung verteilt war, erz├Ąhlte ich es meiner Mutter. Mein Vater h├Ârte beim Mittagessen davon und wollte das Heft sehen. Mir fiel keine Ausrede ein, ich brachte es ihm, auch neugierig, wie er es aufnehmen w├╝rde. Es war meine Erstver├Âffentlichung, und mein Vater war der erste Leser, dessen Reaktion ich kennen lernen w├╝rde.

Mein Vater las den kleinen Bericht. Unmittelbar danach las ich einander widerstreitende Gef├╝hle von seinem Gesicht ab. Kam noch etwas? Mein Vater sagte - nichts.

Vielleicht bilden wir uns den Ablauf der Zeit wirklich nur ein. Vielleicht ist wirklich alles nur sich endlos dehnende Gegenwart. Im Grunde schreibe ich noch immer, um mir die Fragen zu stellen, die mein Vater unterlassen hat.

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