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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Die Evolution entlässt ihre Kinder
Eingestellt am 21. 10. 2008 12:13


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Heiden Steffen
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Die Evolution entlässt ihre Kinder


Der Mann hat Mut! Joseph Ledoux, bekannter Gehirnforscher und Autor des lesenswerten Buches „Im Netz der Gefühle“ stellt sich am Ende des Buches die Frage, wie die Evolution das menschliche Gehirn wohl weiterentwickeln werde.
Wie bitte? Wie stellt er sich denn das vor? Die Evolution hat beim Menschen nichts mehr zu sagen! Der Mensch hat sich ihr entzogen. Sicher gibt es auch beim modernen Menschen eine Menge Mutationen, offenbar (wegen der Vergiftung der Umwelt) sogar mehr als früher. Der Genpool der Menschheit ändert sich folglich fortwährend. Aber das allein ist keine Evolution. Diese bezeichnet eine Weiterentwicklung der Art, nicht einzelner Individuen. So erwartet sich Ledoux eine Verbesserung des menschlichen Gehirns insgesamt, nicht das Auftauchen vereinzelter Gehirnakrobaten.
Zu einer funktionierenden Evolution braucht es außer Mutationen die Selektion, mittels derer die Mutation sich durchsetzen und in die gesamte Bevölkerung ausbreiten kann. Wo gibt es aber beim Menschen noch eine Selektion, die diesen Namen verdient? Es gibt sie nicht mehr – und das aus mehreren Gründen.

Menschen sind keine Rotkehlchen

Zunächst einmal ist es ganz einfach eine Sache der Zahlen. Brutal gesagt: Es gibt viel zu viele Menschen auf der Erde, und viel zu wenige sterben als Kinder, als dass die Selektion noch greifen könnte.
Stellen wir uns doch einmal vor, einer unter 6 Milliarden Menschen hätte eine vorteilhafte Mutation, meinetwegen im Gehirn. Die geht doch völlig unter im Gedränge! Wenn das beispielsweise eine deutsche Akademikerin ist, dann ist die Chance ziemlich groß, dass sie überhaupt kein Kind bekommt, ist es eine Chinesin, dann darf sie sowieso nur ein Kind bekommen. Die Wahrscheinlichkeit wäre groß, dass die Mutation gleich wieder weg ist.
Aber selbst wenn die Trägerin der Mutation zehn Kinder bekäme, und jedes dieser Kinder wieder zehn, dann sind es in der dritten Generation gerade mal 25, denn nach statistischer Wahrscheinlichkeit erben fünf der Kinder und auch je fünf der Kindeskinder die Mutation. Viel mehr kann man ja von der Geburtenrate her kaum tun. Und trotzdem sind es nur 25 von vielleicht dann 7 Milliarden Menschen! Höhere Mathematik braucht man wahrlich nicht, um zu sehen: Hier passiert so schnell nichts! Die Mutation versickert in der Masse Mensch.
Als unsere Vorfahren die großen evolutionären Sprünge machten, vor allem das Wachstum des Gehirns, lebten sie in kleinen Gruppen. Die Wissenschaftler meinen, dass nur von einer dieser Gruppen alle heutigen Menschen abstammen. Da konnte sich allerdings eine Mutation durchsetzen.
Es liegt aber nicht nur an den 6 Milliarden. Es gibt auch Milliarden von Bakterien auf der Welt, und bei denen ist die Selektion trotzdem sehr wirksam - zu unserem Leidwesen, weil sie gegen Antibiotika resistente Stämme schafft. Aber dafür müssen auch Milliarden von Bakterien vorzeitig sterben – teilweise gerade durch Antibiotika.
Es kommt eben auf das Verhältnis zwischen einer Population und der Verlustquote an, denn nur bei einer hohen Verlustquote können die Träger einer vorteilhaften Mutation sich durchsetzen.
Um es an den Darwin’schen Rotkehlchen zu zeigen: Ein Paar legt in seinem Leben etwa 30 Eier, aber nur zwei davon dürfen so weit durchkommen, dass sie selber Nachwuchs in die Welt setzen, wenn die Population stabil bleiben soll – und das tut sie in aller Regel. Also 28 von 30 müssen vorzeitig sterben.
Jede kleine vorteilhafte Mutation erhöht die Chance, zu den zwei Überlebenden zu gehören. Und da so viele der eigenen Generation weg sind, sind die Chancen der Nachkommen, sich mit Hilfe ihres Vorteils durchzusetzen, auch ausgezeichnet. Bald wird es keine Rotkehlchen ohne diese Mutation mehr geben.
Ganz anders beim modernen Menschen. Da wird die Verlustquote durch Medizin, Hygiene, Ernährung und Wohlfahrtsstaat – aus dem Blickwinkel der Evolution: künstlich – so gering gehalten, dass die Selektion nicht wirksam werden kann. Der Träger einer vorteilhaften Mutation kann diese nicht zur Wirkung bringen, denn die Generationsgenossen werden ja genauso am Leben gehalten. Die Mutation wird sich so nie in der Bevölkerung durchsetzen.

Humane Werte gegen natürliche Auslese

Es ist allerdings nicht nur ein Problem der Zahlen. Der Mensch hat sich entschlossen, seine Welt nach humanen Werten einzurichten. Deshalb gibt es – im Gegensatz zu den Rotkehlchen – die rasante Vermehrung der Bevölkerung und die ebenso rasante Abnahme der Verlustquote.
Am Kampf gegen die Kindersterblichkeit können wir gut erkennen, dass die menschliche Kultur tatsächlich gegen die Mechanismen der Evolution gerichtet ist. Noch im 18. Jahrhundert war die Kindersterblichkeit in Deutschland - wie auch anderswo - sehr hoch, in manchen Häusler-Dörfern über 50%! Da konnte sich vielleicht noch was tun im Genpool, wenn die „schwächere“ Hälfte genetisch nicht mehr mitspielte. Heute liegt die Rate in den Industriestaaten bei 3-5 Promille. Da gibt es kaum noch eine Spur vom berühmten „Kampf ums Dasein“, der die Voraussetzung der Selektion ist.
Natürlich begrüße ich das. Jeder Mensch ist gleich viel wert und hat das gleiche Recht zu leben, das ist ein humaner Glaubenssatz. Die Evolution dagegen bestraft schwächliche Lebewesen, sie braucht den ständigen und erbarmungslosen Kampf ums Überleben. In der humanen Kultur sollen alle überleben, und es soll auch keinen Kampf ums Dasein geben. Deswegen ermöglicht die Medizin – und das gesamte soziale Umfeld – möglichst allen von uns, ihre Gene weiterzugeben, auch solchen, die nach den Maßstäben der Natur keine Chance dazu gehabt hätten.
Die Evolution funktioniert überall dort am besten, wo alle Individuen, insbesondere die Träger einer vorteilhaften Mutation, unerbittlich danach trachten, möglichst viele Nachkommen zu produzieren – am besten auf Kosten ihrer Konkurrenten. Das können wir gut an Tierherden beobachten, in welcher in der Regel nur der Stärkste seine Gene weitergeben darf – und oft genug fremde Gene aktiv bekämpft. Löwen beispielsweise töten oft Junge, die von anderen Vätern stammen.
In dieser Hinsicht ist der moderne Mensch ein ziemlicher Versager. Dschingis Khan, das war noch ein Kerl nach dem Geschmack der Evolution! Es heißt, er habe mehr als 5000 Kinder gezeugt und noch heute würden 10% der mongolischen Bevölkerung seine Gene in sich tragen. Nebenbei sorgte er dafür, dass Zehntausende ihre Gene nicht weitergeben konnten.
Die heutigen Menschen – vielleicht mit Ausnahme einiger morgenländischer Haremshalter – folgen nicht diesem Beispiel. Im Gegenteil, die erfolgreicheren Menschen haben in der Regel nicht so viele Kinder wie weniger erfolgreiche. Und die Ausschaltung der Träger fremder Gene wird von unseren kulturellen Werten untersagt – wiederum erfreulicherweise.
Selbst der Umwelt „untersagt“ unsere Zivilisation die Auslese unter den Menschen. Weithin passt sich der Mensch nicht mehr an die Umwelt an – das ist ja das eigentliche Ausleseprinzip der Evolution - , sondern er passt die Umwelt an seine vorhandenen Eigenschaften an. Tiere, die uns gefährlich werden könnten, wurden unschädlich gemacht, die meisten Infektionskrankheiten besiegt. Ob es zu warm oder zu kalt für uns ist, zu trocken oder zu feucht, wir schaffen uns Räume, in denen wir die Atmosphäre haben, die uns angemessen ist. In manchen Städten kann man bei einer Außentemperatur von minus 30° beim Einkaufen zwischen blühenden Pflanzen und plätschernden Bächen spazieren.
Dort wo die Umwelt (noch) nicht gesteuert werden kann, halten technische Mittel mögliche Gefahren aus der Umwelt fern. Die Sonnenstrahlung in Australien z.B. ist für weißhäutige Menschen gefährlich. Sie warten aber nicht auf die Evolution, die bei der einheimischen Urbevölkerung wie in Afrika und Indien für eine Bräunung der Haut gesorgt hat, sondern wehren mit Sonnencremes, Sonnenbrillen, Kleidung usw. die Gefahren der Umwelt ab. Eine Selektion, die hier unter natürlichen Umständen eingesetzt hätte, gibt es nicht.
Die verbleibenden Gefahren der Umwelt – Erdbeben, Tsunamis, Vulkanausbrüche beispielsweise – sind nicht geeignet, eine Selektion in Gang zu setzen. Sie treffen Angepasste und weniger Angepasste gleichermaßen.
Ähnlich verhält es sich mit den reichlich vorhandenen Gefahren, die der Mensch selbst verursacht. Kriege, die zu Siegfrieds Zeiten ein brauchbares Werkzeug der Selektion waren, taugen heute nicht mehr zu einem Wettbewerb der Individuen. In Hiroshima konnte die Selektion nicht tätig werden, auch am 11. September in New York nicht.

Nachteilige Mutationen

Vorteilhafte Mutationen sind viel seltener als nachteilige. Die Selektion sorgt dafür, dass letztere schnell verschwinden. Wird ein Reh als Albino geboren, so wird es von seinen Feinden leichter erkannt und wahrscheinlich früh zur Strecke gebracht, die Mutation stirbt aus. Genau dies ist schon bei verschiedenen Tierarten geschehen. Ein anderes Reh wird mit längeren Beinen geboren, kann besser fliehen, lebt länger und hat mehr Nachkommen. Die Mutation kann sich durchsetzen.
Was geschieht bei heutigen Menschen mit nachteiligen Mutationen? Am Beispiel der Sehschwäche lässt sich das leicht zeigen. Wer nicht richtig sehen kann, wird nicht mehr vom nächsten Löwen erwischt, sondern bekommt eine Brille. Er kann seine Sehschwäche ungestört vererben. Selbst bei nachteiligen Mutationen, die früher tödlich gewesen wären, schiebt die Medizin die Grenzen der Lebensfähigkeit immer weiter hinaus.
Insgesamt wachsen durch unsere kulturellen Werte und technischen Möglichkeiten mehr negative Mutationen in die Gesamtbevölkerung hinein, als das in freier Wildbahn der Fall wäre. Wenigen vorteilhaften Mutationen, die sich nicht wie früher überproportional ausbreiten können, stehen viele nachteilige Mutationen gegenüber, die sich im Ganzen so ausbreiten können wie die vorteilhaften. Es bedarf wiederum keiner höheren Mathematik: Der Genpool der Menschheit wird unvermeidlich „schlechter“. Von Höherentwicklung kann keine Rede sein.

Vergebliche Wünsche an die Evolution

Zum Schluss noch einmal zurück zu Herrn Ledoux: Seine Erwartung an die zukünftige Arbeit der Evolution am menschlichen Gehirn ist zweifellos interessant: Stark vereinfacht wünscht er sich Folgendes: Die Strukturen des Gehirns sollen sich so verändern, dass die Gefühlszentren, die jetzt die Vernunft stärker beeinflussen können als umgekehrt, von der Vernunft kontrolliert werden können. Das würde z.B. dazu führen, dass wir unsere Aggressionen besser im Griff hätten, vielleicht keine Kriege mehr führen würden. Ein schöner Gedanke!
Aber wie sähe es denn tatsächlich aus, wenn diese Mutation aufträte? Welchen Vorteil hätte denn der Träger der Mutation inmitten von Aggressionsbegabten?
Vielleicht gab es eine ähnliche Mutation schon einmal. Vielleicht hat sie sich in einer kleinen abgeschlossenen Inselwelt schon einmal durchgesetzt. Die Moriori, ein polynesisches Inselvolk, hatten jedenfalls irgendwann beschlossen, ohne jegliches Blutvergießen auszukommen, und hielten sich über Generationen hinweg daran, selbst noch dann, als kriegerische Maori auf ihren Inseln landeten und sie zu ihren Sklaven erklärten. Der Häuptlingsrat beschloss, dass sie im Einklang mit ihrer Kultur der Gewaltlosigkeit sich nicht wehren, sondern freundlich zu den Eroberern sein wollten. Das Ergebnis war, dass sie massakriert und als Volk ausgerottet wurden. So kann heute auch kein Forscher überprüfen, ob es da tatsächlich eine Mutation gab.
Es ist schwierig, in einer aggressionsgeladenen Umwelt zu überleben, wenn man selbst nicht aggressiv sein will. Selbst wenn es heute noch eine wirksame Selektion geben würde, mittels Evolution würde die Ledoux’sche Änderung des menschlichen Hirns wohl kaum funktionieren.
Es gibt nur einen einzigen denkbaren Fall, in dem die Evolution noch einmal die Oberhoheit über die Entwicklung des Menschen übernehmen könnte: eine globale Katastrophe, bei der die Menschheit wieder auf kleine Zahlen und hohe Verlustquoten zurücksinkt. Aber auch da sähe es schlecht aus für die Hoffnungen des Herrn Ledoux. In einem solchen Fall wäre die Aggressionsstärke wohl wieder herausragendes Auslese-Kriterium. Vielleicht wäre dann sogar eine Verkleinerung des Gehirns von Vorteil, weil dieses sehr viel Energie verbraucht – ein Nachteil bei knappen Nahrungsmitteln.
Nein, die Natur wird den Ledoux’schen Wunsch nicht erfüllen – weder so noch so. Nachdem der Mensch die Evolution nicht mehr schalten und walten lässt, muss er nun schon selbst die Verantwortung für seine genetische Ausstattung übernehmen.
Im Grunde hat er längst damit begonnen. Die weithin praktizierte Auslese von erbkranken Embryonen verändert unmittelbar den Genpool der Menschheit. Die Menschen warten nicht mehr auf die natürliche Selektion. Sie übernehmen die Auslese selbst. Und das werden sie in Zukunft immer stärker tun. Die tiefgreifenden ethischen und sozialen Probleme werden sie nicht davon abhalten.

So kann man’s auch sehen

Wer es liebt, in großen Dimensionen zu denken, könnte freilich meinen, die Evolution beim Menschen sei noch lange nicht am Ende. Dass nun der Mensch die Ziele setzt und die Entscheidungen trifft, was bedeutet das schon? Der Mensch ist ja durch die Evolution auf diesen Weg gesetzt worden. Alle seine Fähigkeiten, Bedürfnisse und Antriebe hat niemand anders als die Evolution geformt.
Weil auch Bewusstsein und Intelligenz des Menschen von der Evolution geschaffen wurden, kann er nichts erschaffen, was nicht durch die Evolution in ihm angelegt wurde. Er handelt sozusagen als Werkzeug der Evolution, wenn er nun die Welt nach seinen Bedürfnissen einrichtet. Und in der Tat tut ja der Mensch exakt das Gleiche, was vorher die Evolution getan hat: Er verbessert seine Überlebenschancen. So sehen manche das, was der Mensch heute anstellt, als eine neue Phase der Evolution; sie nennen es kulturelle Evolution.
Die Tatsache, dass der Mensch nicht mehr der biologischen Evolution unterworfen ist, bleibt freilich bestehen.

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bluefin
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@evomans beispiele hinken vor allem deshalb, weil sie den begriff "evolution" einerseits als wertfrei zu gebrauchen bemüht, ihnen andereseits aber wertende kennungen beifügt sind (z. b. eine vorgeblich höhere, männliche "variabilität").

es wird immer wieder gern übersehen, dass hirn und bewegungsapparat zwar gekoppelt, grundsätzlich aber nicht so sehr viel miteinander zu tun haben. deshalb ist es auch egal, wer vermutete, genetische determinationen wie "musikalität", "krebsheilung durch handauflegen" oder anderes weitergibt - entscheidend ist, was "unten rauskommt" - und das kann, wie wir alle wissen, ein junge sein oder ein mädchen. der komponist, der mediziner oder der "andere" hatten pappi und mami. nur bei den wiener vielharmonikern gibt's fast nur männer - in münchen, boston und berlin sind inzwischen mindestens die hälfte aller geiger mädelz. und die könnens mindestens so gut wie ihre männlichen pultnachbarn...*promise*...

was aus (vermuteten) erbanlagen später die erziehung und, vor allem, die hormone machen, die gewisse drüsen absondern, steht auf einem ganz anderen blatt. die zwillingsforscher, ganz besonders jene in der nazizeit, haben immer wieder versucht, kosteeswaseswolle sog. "klarheit" zu schaffen, kamen aber immer weiter in den urwald hinein.

eine menschliche gesellschaft wie die unsere ist inzwischen so heterogen, dass "genetik" fast gar keine rolle mehr spielt. es sei denn, man finge an, alle embryonen abzutreiben, deren gene dem jeweiligen zeitgeist nicht entsprechen. das wär eine neue schiene. wo die endet, will momentan keiner so recht wissen.

im angesicht der schweinegrippe muss die frage erlaubt sein, wer, wenn's keine pharmazeutika gäbe, wohl der erfolgreichere organismus wäre - die hekatomben der spezifischen, ganz und gar geschlechtslosen viren oder die paar menschen, die gerade auf dieser erde unterwegs sind?

und wenn wir schon bei der veterinärmedizin und bei der modernen gesellschaft sind: momentan gibt's in deutschland 5800 studiengänger an den tierärztlichen fakultäten. davon sind 5100 (in worten: fünftausendeinhundert) weiblich. soviel zur "richtung" in den sog. "industrienationen" - falls wir noch eine sein sollten.

liebe grüße aus münchen

bluefin

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Evoman
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@bluefin

Ihr Einwand ist leider nicht wirklich sachlich. Die höhere männliche Varianz ist eine hervorragend belegte Tatsache (siehe Susan Pinker: "Das Geschlechter-Paradox: Über begabte Mädchen, schwierige Jungs und den wahren Unterschied zwischen Männern und Frauen", siehe den ausführlichen SPIEGEL-Artikel zum gleichen Thema: Der Spiegel, Nr. 39/ 22.09.08), und es gibt dafür massenhafte Gründe.

Natürlich kann eine genetische Kompetenz sowohl bei einem Mädchen als auch bei einem Jungen ankommen. Hierbei gibt es nur zwei Probleme, und auf beide habe ich sehr deutlich hingewiesen:
1. wirklich neue, herausragende Kompetenzen kommen häufiger bei Jungen als bei Mädchen an.
2. genetische Kompetenzen können nur dann in einen deutlich erhöhten Fortpflanzungserfolg umgemünzt werden (und sich damit in der Population verbreiten), wenn sie auf der männlichen Seite auftreten. Das ist ein Trick der Evolution. Deshalb konnte sich das menschliche Großhirn erst dann durchsetzen, als es auf der männlichen Seite auftrat.

Was die Zwillingsforschung mit den Nazis zu tun haben soll, weiß ich leider nicht. Man sollte nicht unbedingt immer nach den Nazis rufen, wenn Fakten auftauchen, die einem selbst nicht passen. Ich zitiere den deutschen Hirnforscher Gerhard Roth ("Aus Sicht des Gehirns", Suhrkamp, S. 110 ff.)

quote:
Die einschlägige Forschung nennt eine Zahl von 117 Paaren eineiiger Zwillinge, die zwischen 1937 und 1990 identifiziert wurden und entsprechenden Tests zur Verfügung standen. Gefunden wurde, dass die Intelligenz von getrennt aufgewachsenen eineiigen Zwillingen mit einem Koeffizienten zwischen 0,67 und 0,78 korreliert. Dies bedeutet, dass ihre Intelligenz zwar nicht völlig gleich ist, aber doch eine beträchtliche Ähnlichkeit aufweist. Man muss dabei berücksichtigen, dass bei gemeinsam aufgewachsenen eineiigen Zwillingen der Korrelationskoeffizient keineswegs 1 ist, wie man meinen könnte, sondern 0,86. Bei Tests an genetisch nichtverwandten adoptierten Kindern und ihren Adoptiveltern fand man hinsichtlich der Intelligenz eine sehr schwache Korrelation von 0,1 oder darunter, während die Intelligenz von Eltern und ihren leiblichen Kindern, die von ihnen zur Adoption freigegeben und also nicht von ihnen erzogen wurden, eine mittelstarke Korrelation von 0,4 aufwies.

Was bedeuten diese vielfach bestätigten Resultate? Sie lassen erst einmal den Schluss zu, dass dasjenige, was man unter Intelligenz versteht, in einem erheblichen Maße angeboren ist, und dass die Umwelteinflüsse dabei eine relativ geringe Rolle spielen – wie anders kann man sonst erklären, dass es kaum eine Korrelation zwischen der Intelligenz von Adoptiveltern und der ihrer Adoptivkinder gibt! (...)

Was Erziehung nach Ansicht von Experten hinzufügt, macht aus der Sicht der IQ-Statistik fünfzehn bis zwanzig Prozent der Gesamtintelligenz aus. Dies mag gering erscheinen, bedeutet aber, dass zum Beispiel eine Person, die ohne jegliche geistige Förderung einen IQ von 90 aufweist und damit leicht "minderbemittelt" wirken kann, bei intensivster Förderung auf einen IQ von 105 oder gar 110 kommen könnte und damit einen überdurchschnittlich intelligenten, wenngleich im Normbereich liegenden Eindruck macht. Wir müssen dabei berücksichtigen, dass zwei Drittel aller Personen im IQ-Intervall zwischen 85 und 115 liegen und sich hier relativ kleine Veränderungen im Intelligenzquotienten deutlich bemerkbar machen.

Und was die weiblichen Geiger betrifft: Ja, keine Frage, dies können Frauen genauso. Sie werden es der Welt mit Kinderlosigkeit danken und mit ihren Fähigkeiten von diesem Planeten verschwinden. Unabhängig davon ist dann aber doch wieder feststellbar: Wirklich überragende Fähigkeiten (Geige spielen gehört nicht dazu) wie z. B. die eines Matt Savage sind dann aber wieder vorwiegend auf der männlichen Seite anzutreffen. Und dahinter steckt eindeutig die Logik der Evolution, denn genau diese höhere männliche Varianz ist praktisch im gesamten Tierreich nachzuweisen.

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Heiden Steffen
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Hallo Evoman,
danke für Ihren interessanten Kommentar, aus dem ich einiges über andere Sichtweisen gelernt habe. Allerdings suche ich noch immer nach der erwähnten „Reihe von Gedankenfehlern“, die Sie in meinem Text „leider“ gefunden haben.
Als Ihre Haupt-Einwände habe ich verstanden:
1. Sexuelle Selektion sei wichtiger als „natürliche“ Selektion: okay, aber wo ist der Gedankenfehler? Ich habe die sexuelle Selektion an keiner Stelle ausgeschlossen. Allerdings auch nicht erwähnt. Wozu auch? Die für meine Argumentation wichtigen Zahlenbeispiele ändern sich ja nicht dadurch, dass eine Partnerwahl zwischengeschaltet ist.
2. Sie stören sich daran, dass ich in meinem Zahlenbeispiel von einer Frau ausgegangen bin, die eventuelle 10 Kinder haben kann, und behaupten, bei Männern hätte ich noch zwei Nullen dranhängen können, “jedenfalls in natürlichen Umgebungen“. Aber Sie haben doch sicher bemerkt: mein ganzer Text beschäftigt sich damit, dass wir eben nicht mehr in natürlichen Umgebungen leben. In unserer sozialen Wirklichkeit ist ein Mann mit 10 Kindern so selten oder so häufig wie eine Frau. Es ist für meine Zahlen-Argumentation ohne Belang, ob ich Frau oder Mann nehme. Übrigens: Meinen Hinweis auf Dschingis Khan haben Sie auch gelesen?
3. Die „größere genetische Varianz der Männer“ hat zwar auch nichts mit meiner Argumentation zu tun und enthüllt deshalb wohl auch kaum einen Gedankenfehler, aber stellen Sie da nicht die Sache etwas zu positiv dar? Dass besonders viele Doofe und Kranke (Asperger) unter Männern zu finden sind, ist ja nicht von vornherein ein Vorzug, oder? Die „evolutive Funktion“ allein den Männern zuzusprechen, scheint mir reichlich kühn. Da Mutationen allgemein auf Kopierfehler zurückgeführt werden, haben Frauen eigentlich die gleichen Chancen, etwas beizutragen.
4. „Der Mensch unterliegt also weiterhin der Evolution.“ Ich sage es noch einmal: Evolution heißt Entwicklung der Art, d.h., dass sich eine Neuerung über die ganze Art ausbreitet, wie z.B. die Antibiotika-Resistenz bei bestimmten Bakterien. Meine Behauptung ist, dass die Evolution in diesem Sinne beim Menschen ausgedient hat – jedenfalls bis zur nächsten Weltkatastrophe! Dass es weiterhin Veränderungen und Verschiebungen im Genpool gibt – vergleichbar den Salzen im Ozean -, habe ich nie bestritten. Und Ihre Schlussfolgerung, dass wir uns eher zurückbewegen, findet sich so in meinem Text: “Der Genpool der Menschheit wird unvermeidlich ‚schlechter’.“
Schön, dass wir bei dieser unerfreulichen Feststellung einer Meinung sind!
Mit freundlichen Grüßen, Heiden Steffen

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Evoman
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@Heiden Steffen

Ok, dann muss ich wohl Ihren Originaltext einmal im Einzelnen kommentieren:

"Zunächst einmal ist es ganz einfach eine Sache der Zahlen. Brutal gesagt: Es gibt viel zu viele Menschen auf der Erde, und viel zu wenige sterben als Kinder, als dass die Selektion noch greifen könnte."

Das ist richtig unter dem Gesichtspunkt der natürlichen Selektion, jedoch falsch unter der sexuellen Selektion, die Sie in Ihrem gesamten Text völlig ignorieren. Im Grunde haben Sie den Hauptmechanismus der Evolution vergessen.

"Stellen wir uns doch einmal vor, einer unter 6 Milliarden Menschen hätte eine vorteilhafte Mutation, meinetwegen im Gehirn. Die geht doch völlig unter im Gedränge!"

1. sind Mutationen nicht die einzigen genetischen Veränderungen, die der Evolution zur Verfügung stehen (sondern auch genetische Rekombinationen, Gen-Verdoppelungen, Genom-Verdoppelungen etc.).
2. was heißt hier Gedränge? Interessant ist doch nur, ob sich die Veränderung in der Population durchsetzen kann oder nicht. Mittels der sexuellen Selektion ist das grundsätzlich möglich.

"Wenn das beispielsweise eine deutsche Akademikerin ist, dann ist die Chance ziemlich groß, dass sie überhaupt kein Kind bekommt, ist es eine Chinesin, dann darf sie sowieso nur ein Kind bekommen. Die Wahrscheinlichkeit wäre groß, dass die Mutation gleich wieder weg ist."

In dem Fall haben Sie bedingt Recht. Aber offenbar reden Sie nur über belanglose Verbesserungen. Auch haben Sie eine sonderbare Vorstellung von Mutationen. Sie sind der Auffassung, dass damit immer klar identifizierbare Merkmale einhergehen. Wie erklären Sie sich denn einfache Größenveränderungen, z. B. den durchschnittlichen Zuwachs an Körpergröße oder Intelligenz? Auch in der Hinsicht kann sich die Menschheit ja insgesamt verändern.

"Aber selbst wenn die Trägerin der Mutation zehn Kinder bekäme, und jedes dieser Kinder wieder zehn, dann sind es in der dritten Generation gerade mal 25, denn nach statistischer Wahrscheinlichkeit erben fünf der Kinder und auch je fünf der Kindeskinder die Mutation. Viel mehr kann man ja von der Geburtenrate her kaum tun."

Und da wies ich Sie darauf hin, dass dies von der männlichen Seite aus ganz anders aussieht. Wenn wir schon von Verbesserungen sprechen, dann sollten wir von Verbesserungen reden, die wir uns zurzeit überhaupt nicht vorstellen können, die aber für die Menschheit einen gravierenden Vorteil darstellen würde. Ich verwende manchmal das Beispiel: Ein Kind wird geboren, welches durch 10-minütiges Handauflegen und intensiver geistiger Konzentration jeglichen Krebs heilen könnte. Wenn schon Mädchen bei Tokio Hotel-Konzerten rufen "Bill ich will ein Kind von dir", dann wäre das hier ebenfalls zu erwarten, zumal jedes Kind mit dieser Mutation wie der Originalträger vermutlich recht bald Milliardär sein würde. Bei solchen genetischen Erfolgsmerkmalen wäre auch heute noch zu erwarten, dass Männer mit diesen Eigenschaften 1.000 Kinder haben würden. In einigen totalitären Staaten würden ihnen vermutlich auch heute noch Frauen zwangsweise zugeführt werden. Das kann man sich bei zahlreichen Eigenschaften vorstellen, die nicht marginale Vorteile, sondern wirklich gravierende Vorteile darstellen würden.

"Und trotzdem sind es nur 25 von vielleicht dann 7 Milliarden Menschen! Höhere Mathematik braucht man wahrlich nicht, um zu sehen: Hier passiert so schnell nichts! Die Mutation versickert in der Masse Mensch."

Die Argumentation ist nicht richtig.

"Es kommt eben auf das Verhältnis zwischen einer Population und der Verlustquote an, denn nur bei einer hohen Verlustquote können die Träger einer vorteilhaften Mutation sich durchsetzen."

Sie reden immer nur von der natürlichen Selektion. Das menschliche Großhirn ist aber vermutlich ein Produkt der sexuellen Selektion. Musikalität stellt z. B. überhaupt keinen Überlebensvorteil dar, sehr wohl etwas, mit dem sozialer Erfolg möglich ist.

"Um es an den Darwin’schen Rotkehlchen zu zeigen: Ein Paar legt in seinem Leben etwa 30 Eier, aber nur zwei davon dürfen so weit durchkommen, dass sie selber Nachwuchs in die Welt setzen, wenn die Population stabil bleiben soll – und das tut sie in aller Regel. Also 28 von 30 müssen vorzeitig sterben."

Sie reden von natürlicher Selektion und dem Kampf ums Dasein. Den wichtigeren Selektionsmechanismus ignorieren Sie fortwährend.

"Ganz anders beim modernen Menschen. Da wird die Verlustquote durch Medizin, Hygiene, Ernährung und Wohlfahrtsstaat – aus dem Blickwinkel der Evolution: künstlich – so gering gehalten, dass die Selektion nicht wirksam werden kann."

Die natürliche Selektion kann nicht wirksam werden. Gemäß Wikipedia ist Sozialdarwinismus

quote:
eine (...) sozialwissenschaftliche Theorierichtung, welche die Evolutionstheorie nach Charles Darwin auf menschliche Gesellschaften anwendet und deren Entwicklung als Folge natürlicher Selektion beim "Kampf ums Dasein" auffasst.

Sie argumentieren mit Ihrer einseitigen Beschränkung auf die natürliche Selektion fortwährend sozialdarwinistisch.

"Der Träger einer vorteilhaften Mutation kann diese nicht zur Wirkung bringen, denn die Generationsgenossen werden ja genauso am Leben gehalten. Die Mutation wird sich so nie in der Bevölkerung durchsetzen."

Das ist eine sozialdarwinistische Argumentation.

"Es ist allerdings nicht nur ein Problem der Zahlen. Der Mensch hat sich entschlossen, seine Welt nach humanen Werten einzurichten."

Wie bitte? Wenn, dann haben sich "humane" Werte evolutionär durchgesetzt.

"Am Kampf gegen die Kindersterblichkeit können wir gut erkennen, dass die menschliche Kultur tatsächlich gegen die Mechanismen der Evolution gerichtet ist. Noch im 18. Jahrhundert war die Kindersterblichkeit in Deutschland - wie auch anderswo - sehr hoch, in manchen Häusler-Dörfern über 50%! Da konnte sich vielleicht noch was tun im Genpool, wenn die „schwächere“ Hälfte genetisch nicht mehr mitspielte. Heute liegt die Rate in den Industriestaaten bei 3-5 Promille. Da gibt es kaum noch eine Spur vom berühmten 'Kampf ums Dasein', der die Voraussetzung der Selektion ist."

Ihre Argumentation ist 100%ig sozialdarwinistisch. Siehe Wikipedia.

"Natürlich begrüße ich das. Jeder Mensch ist gleich viel wert und hat das gleiche Recht zu leben, das ist ein humaner Glaubenssatz. Die Evolution dagegen bestraft schwächliche Lebewesen, sie braucht den ständigen und erbarmungslosen Kampf ums Überleben."

Die Evolution brauchte das, solange es keine getrenntgeschlechtliche Fortpflanzung gab. Mit der getrenntgeschlechtlichen Fortpflanzung wurde der Kampf ums Dasein durch den männlichen Wettbewerb um weibliche Fortpflanzungspartner (beim Menschen bei Langfristbindungen wie die Ehe auch umgekehrt) ersetzt. Ein Effekt der Getrenntgeschlechtlichkeit ist bereits, dass solche Populationen nur halb so viele Nachkommen produzieren können wie Hermaphroditen oder asexuelle Populationen. Dennoch hat sich diese Fortpflanzungsart bei höheren Lebewesen vollständig durchgesetzt. Das zeigt, dass die sexuelle Selektion wirkmächtiger ist als der 'Kampf ums Dasein'. Oder glauben Sie ernsthaft, Pfauen würden nur deshalb evolvieren, weil dort so viele Tiere sterben?

"In der humanen Kultur sollen alle überleben, und es soll auch keinen Kampf ums Dasein geben."

Der wäre nämlich Sozialdarwinismus.

"Deswegen ermöglicht die Medizin – und das gesamte soziale Umfeld – möglichst allen von uns, ihre Gene weiterzugeben, auch solchen, die nach den Maßstäben der Natur keine Chance dazu gehabt hätten."

Dennoch gibt es gravierende statistische Abweichungen im Fortpflanzungserfolg zwischen den Bevölkerungsschichten. Beispielsweise müssen Mittelschichtseltern ihre Kinder im Grunde selbst finanzieren, während in ärmeren Schichten dies dann der Staat übernimmt. Da in Mittelschichten auch die hohen weiblichen Opportunitätskosten für Kinder eine Rolle spielen, hat dies zur Folge: Je höher die berufliche Qualifikation, je höher die Bildung, je höher die Intelligenz, desto weniger Kinder. Wenn man bedenkt, dass wir unseren Kindern aber ausdrücklich empfehlen, eine möglichst gute Bildung zu erlangen, damit sie später ein gutes Auskommen haben, wird unmittelbar klar, wie stark wir in die gesellschaftliche Reproduktion eingegriffen haben.

"Die Evolution funktioniert überall dort am besten, wo alle Individuen, insbesondere die Träger einer vorteilhaften Mutation, unerbittlich danach trachten, möglichst viele Nachkommen zu produzieren – am besten auf Kosten ihrer Konkurrenten. Das können wir gut an Tierherden beobachten, in welcher in der Regel nur der Stärkste seine Gene weitergeben darf – und oft genug fremde Gene aktiv bekämpft. Löwen beispielsweise töten oft Junge, die von anderen Vätern stammen."

Funktioniert die Evolution bei Löwen am besten?

"In dieser Hinsicht ist der moderne Mensch ein ziemlicher Versager. Dschingis Khan, das war noch ein Kerl nach dem Geschmack der Evolution! Es heißt, er habe mehr als 5000 Kinder gezeugt und noch heute würden 10% der mongolischen Bevölkerung seine Gene in sich tragen. Nebenbei sorgte er dafür, dass Zehntausende ihre Gene nicht weitergeben konnten.
Die heutigen Menschen – vielleicht mit Ausnahme einiger morgenländischer Haremshalter – folgen nicht diesem Beispiel. Im Gegenteil, die erfolgreicheren Menschen haben in der Regel nicht so viele Kinder wie weniger erfolgreiche."

Letzteres ist dann wirklich ein Problem. Hierbei handelt es sich aber nicht um Humanität, sondern um gesellschaftliche Organisationsfehler. Wenn die erfolgreichen Menschen ihre Kinder selbst ernähren müssen, die weniger erfolgreichen sie aber vom Staat (und damit von den erfolgreichen) finanziert bekommen (und zwar ggf. alle 15 Kinder), dann darf man sich nicht wundern.

"Und die Ausschaltung der Träger fremder Gene wird von unseren kulturellen Werten untersagt – wiederum erfreulicherweise."

Ja, manches ist erfreulich. Unerfreulich ist aber manche andere Fehlentwicklung.

"Selbst der Umwelt 'untersagt' unsere Zivilisation die Auslese unter den Menschen. Weithin passt sich der Mensch nicht mehr an die Umwelt an – das ist ja das eigentliche Ausleseprinzip der Evolution - , sondern er passt die Umwelt an seine vorhandenen Eigenschaften an."

Schon wieder sind Sie bei der natürlichen Selektion. Der Mensch ist aber durch sexuelle Selektion, d.h. durch Anpassung an das soziale und nicht das natürliche Umfeld großgeworden.

"Tiere, die uns gefährlich werden könnten, wurden unschädlich gemacht, die meisten Infektionskrankheiten besiegt. Ob es zu warm oder zu kalt für uns ist, zu trocken oder zu feucht, wir schaffen uns Räume, in denen wir die Atmosphäre haben, die uns angemessen ist. In manchen Städten kann man bei einer Außentemperatur von minus 30° beim Einkaufen zwischen blühenden Pflanzen und plätschernden Bächen spazieren.
Dort wo die Umwelt (noch) nicht gesteuert werden kann, halten technische Mittel mögliche Gefahren aus der Umwelt fern. Die Sonnenstrahlung in Australien z.B. ist für weißhäutige Menschen gefährlich. Sie warten aber nicht auf die Evolution, die bei der einheimischen Urbevölkerung wie in Afrika und Indien für eine Bräunung der Haut gesorgt hat, sondern wehren mit Sonnencremes, Sonnenbrillen, Kleidung usw. die Gefahren der Umwelt ab. Eine Selektion, die hier unter natürlichen Umständen eingesetzt hätte, gibt es nicht."

... natürliche Selektion ...

"Die verbleibenden Gefahren der Umwelt – Erdbeben, Tsunamis, Vulkanausbrüche beispielsweise – sind nicht geeignet, eine Selektion in Gang zu setzen. Sie treffen Angepasste und weniger Angepasste gleichermaßen."

... natürliche Selektion ...

"Ähnlich verhält es sich mit den reichlich vorhandenen Gefahren, die der Mensch selbst verursacht. Kriege, die zu Siegfrieds Zeiten ein brauchbares Werkzeug der Selektion waren, taugen heute nicht mehr zu einem Wettbewerb der Individuen. In Hiroshima konnte die Selektion nicht tätig werden, auch am 11. September in New York nicht."

Sozialdarwinismus.


"Vorteilhafte Mutationen sind viel seltener als nachteilige. Die Selektion sorgt dafür, dass letztere schnell verschwinden. Wird ein Reh als Albino geboren, so wird es von seinen Feinden leichter erkannt und wahrscheinlich früh zur Strecke gebracht, die Mutation stirbt aus. Genau dies ist schon bei verschiedenen Tierarten geschehen. Ein anderes Reh wird mit längeren Beinen geboren, kann besser fliehen, lebt länger und hat mehr Nachkommen. Die Mutation kann sich durchsetzen."

Erneut: Natürliche Selektion. Selbst bei den Giraffen wurde aber nachgewiesen, dass Giraffinnen männliche Tiere mit besonders langen Hälsen präferieren. Über die natürliche Selektion lässt sich deshalb selbst die Entwicklung der Giraffenhälse kaum erklären.

In allen menschlichen Gesellschaften präferieren Frauen Männer mit sozialem Erfolg, in machtvollen Positionen, mit künstlerischen Fähigkeiten etc. Dies konnte global in zahlreichen Studien verifiziert werden. In allen noch vorhandenen Jäger/Sammlergesellschaften haben solche Männer auch deutlich mehr Nachkommen als andere.

Bis ins 18. Jahrhundert galt dies auch für unsere Gesellschaften (siehe Laura L. Betzig). Das führte indirekt dazu, dass die Bevölkerungen immer intelligenter wurden, und zwar bereits aus genetischen Gründen. Eine Weiterentwicklung des Menschen hat es folglich jederzeit gegeben. Erst heute ist festzustellen (ganz deutlich ab der Pille), dass sozial erfolgreiche Männer zwar immer noch häufigeren Sex mit mehr Sexualpartnerinnen haben, aber eher weniger Kinder. Jetzt ist feststellbar, dass der durchschnittliche IQ in den modernen Industrienationen sinkt. Auch das ist ein evolutionärer Effekt, leider aber in Richtung schlechterere Anpassung. Anders gesagt: Hier werden Erfolgsfaktoren eliminiert.

"Was geschieht bei heutigen Menschen mit nachteiligen Mutationen? Am Beispiel der Sehschwäche lässt sich das leicht zeigen. Wer nicht richtig sehen kann, wird nicht mehr vom nächsten Löwen erwischt, sondern bekommt eine Brille."

Das ist ein schlechtes Beispiel. Hier handelt es sich um ein Merkmal, welches (aufgrund der Brille) nicht mehr erfolgskritisch ist. Erfolgskritisch sind aber geistige Fähigkeiten.

"Es bedarf wiederum keiner höheren Mathematik: Der Genpool der Menschheit wird unvermeidlich 'schlechter'. Von Höherentwicklung kann keine Rede sein."

Die Fähigkeit, schnell rennen zu können, ist aktuell ohne Belang. Wir können mit dem Auto fahren. Die Fähigkeit, scharf sehen zu können, ist ebenfalls ohne Belang, da man eine Brille tragen kann. Kritisch sind dagegen geistige Kompetenzen. Sie müssten darüber argumentieren. Ihre Beispiele sind schlecht gewählt.


"Zum Schluss noch einmal zurück zu Herrn Ledoux: Seine Erwartung an die zukünftige Arbeit der Evolution am menschlichen Gehirn ist zweifellos interessant: Stark vereinfacht wünscht er sich Folgendes: Die Strukturen des Gehirns sollen sich so verändern, dass die Gefühlszentren, die jetzt die Vernunft stärker beeinflussen können als umgekehrt, von der Vernunft kontrolliert werden können. Das würde z.B. dazu führen, dass wir unsere Aggressionen besser im Griff hätten, vielleicht keine Kriege mehr führen würden. Ein schöner Gedanke!
Aber wie sähe es denn tatsächlich aus, wenn diese Mutation aufträte? Welchen Vorteil hätte denn der Träger der Mutation inmitten von Aggressionsbegabten?"

Die Vorteile wären dann gegeben, wenn mit der Gehirnveränderung weitere Veränderungen einhergingen, die solche Vorteile böten, dass sie von Frauen massenhaft selektiert würden. Dann könnte eine Ausbreitung der Eigenschaften gelingen.

"Und in der Tat tut ja der Mensch exakt das Gleiche, was vorher die Evolution getan hat: Er verbessert seine Überlebenschancen. So sehen manche das, was der Mensch heute anstellt, als eine neue Phase der Evolution; sie nennen es kulturelle Evolution."

Hochkulturen können sich nur auf intelligenten Menschen ausbilden. Wenn die Menschen sich so reproduzieren, dass deren geistige Fähigkeiten schwinden, geht auch die Kultur zurück. Wir erleben es gerade. Deshalb kann es keine eigenständige kulturelle Evolution geben, genauso wie es nur sehr bedingt eine Evolution der Software geben kann. Diese war nur möglich, weil die Hardware immer leistungsfähiger wurde. Frieren Sie die Hardwareentwicklung bei dem PCs ein und sie werden sehen, dass auch die Spieleentwicklung zu einem baldigen Ende kommen wird.

"Die Tatsache, dass der Mensch nicht mehr der biologischen Evolution unterworfen ist, bleibt freilich bestehen."

Und dieses Fazit ist leider völlig falsch.

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quote:
Auch die menschliche Familienstruktur und die Millionen Jahre lang gepflegte sexuelle Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern war ja alles andere als Gott gegeben, sondern hat sich als evolutionärer Vorteil erwiesen. Auf diese Weise konnten ganz besonders viele gut erzogene Kinder herangezogen werden.
Kann mir das mal einer "übersetzen".
Ich hoffe doch, dieses Passus gründlich falsch verstanden zu haben.

fragend
Uwe
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quote:
@Duisburger
Stößt du dich an "gut erzogen" oder an der Aufgabenverteilung?
An beiden.
Wo ist denn hier die Evolution, wenn "die Millionen Jahre lang gepflegte sexuelle Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern" anscheinend doch "Gott gegeben" war. Wann hätte sie sich denn nach Meinung des Autors entwickeln sollen.
Das wiederspricht sich nach meinem Verständnis.
Die "besonders vielen gut erzogenen Kinder" sind mir nicht nur von der Formulierung her suspekt.

lg
Uwe
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