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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Die Fabrik
Eingestellt am 06. 07. 2019 10:46


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Plejadus
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D i e    F a b r i k







Ankunft


"Dort!", sie deutete in die Ferne. "Sieht sie nicht wie ein Schloss aus? Sie thront, findest du nicht, dass sie thront?"
Pauline hatte mich vom Zug abgeholt, um mich, wie verabredet, zum Hotel zu begleiten. Und nun standen wir auf dem Bahnhofsvorplatz.
"Hm. Ich hatte sie mir gr├Â├čer vorgestellt."
"Nein, die Fabrik ist gewaltig, sie ist ziemlich weit weg, wei├čt du? Es t├Ąuscht. Du wirst sehen ... Taxi!"
"Sag mal, wieso halten wir nicht? Gibt 's hier noch ein anderes Hotel?", fragte ich Pauline verwundert, als wir kurz darauf an der einzigen Herberge des St├Ądtchens vorbeifuhren.
"Nein, wir fahren zu mir. Paulines Couchdreiviertelpension. Einverstanden?"
"Aber ...ÔÇť
"Passt schon."
Sie konnte sich wohl noch entsinnen, dass mir Hotels ein Grauen waren und erntete mein dankbarstes L├Ącheln.
Ein paar Minuten sp├Ąter hielten wir in einer engen Gasse vor einem Fachwerkhaus.
"Waren Sie schon einmal in der Fabrik?", fragte ich den Taxifahrer, der gerade damit besch├Ąftigt war, mein Gep├Ąck aus dem Wagen zu wuchten.
"In der Fabrik? Ich? Habe nichts zu tun mit der Fabrik", antwortete er, klappte den Kofferraum zu, stieg ein und fuhr davon.


Pauline


"Was meinte der Kutscher damit, dass er mit der Fabrik nichts zu tun habe?", fragte ich Pauline, sp├Ąter, als wir vor einer Tasse Tee an ihrem K├╝chentisch sa├čen.
"Ich wei├č nicht, er wirkte kurz angebunden, komisch. Vielleicht, dass dort keine Touren hinf├╝hren oder so? Keine Ahnung."
"Warst du schon einmal dort, Pauline?"
"Nein ... doch. Also nicht in der Fabrik. Ich hab da ein -, zweimal etwas abgegeben, am Tor. Ich mach manchmal so Kuriersachen, wei├čt du? Wenn man dort anliefert, legt man das Gut in einen Schacht neben das Portal, ber├╝hrt einen Knopf und geht. Das funktioniert alles vollautomatisch. Ich kenne niemanden, der da ein oder aus ginge."
"Du meinst, dort ist niemand?"
"Das habe ich nicht gesagt. Ich habe nur gesagt, ich kenne niemanden ..."
Pauline schien seltsam gereizt, und ich beschloss, das Thema f├╝rs Erste ruhen zu lassen, auch wenn mir ihr Verhalten r├Ątselhaft erschien. Immerhin hatte sie mich eingeladen, hierherzukommen, sie zu besuchen und dabei am Telefon nicht selten von der Fabrik geredet oder besser: ├╝ber die Fabrik, so dass ich bei der Anreise im Zug bald h├Ąufiger daran dachte, als an sie, Pauline, die alte Freundin aus den Tagen meiner chronisch chaotischen Scheinstudentenzeit. Das mochte auch daran gelegen haben, dass Pauline, obwohl sie davon redete, doch nie etwas Greifbares, ann├Ąhernd Konkretes von der Fabrik erz├Ąhlt hatte. Als w├Ąre diese ein hei├čer Brei, dessen Hitze nur zu bannen war, in dem man ihn mit m├Âglichst vielen, nichtssagenden Worten bef├Ącherte.
So verlief der Abend dann bei Plaudereien ├╝ber alte Zeiten und Freunde, ohne dass die Rede noch einmal auf die Fabrik kam. Irgendwann umschlich uns die M├╝digkeit, und Pauline klappte mir g├Ąhnend das G├Ąstesofa aus.
Dann k├╝ssten wir uns zur Nacht wie Freunde; und doch, trog mich nicht alles, so war dieser Kuss keiner, der die K├╝ssenden trennen wollte - es war ein Kuss, nicht zwei. Das verhie├č den Tagen, die da folgen sollten, eine verlockende Aussicht.

Ehe ich mich bettete, trat ich noch einmal ans Fenster und schaute in die Nacht. Paulines Wohnung befand sich im Dachgeschoss des mehrst├Âckigen, mittelalterlichen Hauses, und so ging der Blick weithin ├╝ber den Ort, dessen viele warm-gelbe Leuchtpunkte mich in eine heimelige Geborgenheit tunkten, best├Ąrkt durch die sie umfassende Dunkelheit. Dort, fernab, jenseits aller Lichter, waren die Konturen des H├╝gels mit der Fabrik darauf zu erahnen - als Schatten vor n├Ąchtlicher Schw├Ąrze.


Am Fenster


Am n├Ąchsten Morgen zeigte sich die Kehrseite der Dreiviertelcouchpension, mir schmerzten s├Ąmtliche Knochen, und es bedurfte einiger halbschl├Ąfriger Gymnastikeinlagen, dem Gef├╝hl zu entrinnen, ich w├╝rde von einem launischen Skelett bewohnt. Schlie├člich schlurfte ich ins Badezimmer. Dort hing ein Zettel am Spiegel. Wie klassisch, dachte ich und las:
'Hi, bin schon auf der Fabrik, Du Schnarchnase! Sp├Ąter / P'
Auf der Fabrik? Ich rieb mir die Augen, und las noch einmal:
'Hi, bin schon auf dem Markt, Du Schnarchnase! Sp├Ąter / P'
Warum in aller Welt hatte ich Fabrik, gelesen? Ich sch├╝ttete mir erst einmal einen Schwall Wasser ins Gesicht - nein, Markt. stand da, einfach nur: 'Markt'.
Auf dem K├╝chentisch hatte Pauline mir ein Fr├╝hst├╝ck bereitet, doch mich zog es zum Fenster. Ein unbestimmter Drang n├Âtigte mich gleichsam, dem Bild der vergangenen Nacht das des neuen Tages hinzuzuf├╝gen. Unwillk├╝rlich betrachtete ich beginnend nur die D├Ącher der kleinen Stadt, den Kirchturm, der in nahezu ebenb├╝rtiger H├Âhe nicht weit entfernt zwischen ihnen emporragte. Erst jetzt getraute ich mich, den Blick ├╝ber das Meer der orangen und gelben Dachziegel zu heben, auf die Fabrik. Es war gut zu erkennen, wie sich ein hellgraues Stra├čenband gradlinig aus dem Ort hinausschob, bald sich kr├╝mmte und bog, den H├╝gel hinaufwand und oben an der Fabrik vor einem Tor abrupt endete.

Wie ein Schloss?

Sie hatte eigentlich nichts sonderlich Bedrohliches mehr, nun, da sie dem hellem Tageslicht preisgegeben, so auf der Anh├Âhe ...

Es thront!

Sie beherrschte ihn, den H├╝gel, keine Frage. Eine Mauer umgab den Komplex, dessen Geb├Ąude fenster- und farblos dar├╝ber hinaus ragten wie angeschr├Ągte Monolithen. Die ganze Anlage wirkte bleiern; aber nicht ihre Ausdehnung schien gewaltig. Eher war es, als lastete die Fabrik gar allzu schwer auf der Erhebung, und man erwartete jederzeit, Zeuge ihres m├Ąhlichen Einsinkens zu werden.
Zwei Br├Âtchen und einen Kaffee sp├Ąter klimperten Schl├╝ssel und ein ironisch gemustertes, hingefl├Âtetetes: "Na, schon wach, Dreiviertelcouchgast?", drang vom Flur zu mir her├╝ber.
"Nein, nur ein Viertelwach", gab ich zur├╝ck.
Pauline hatte die Arme voller T├╝ten, aus denen gr├╝n und bunt Obst und Gem├╝se quoll, als sie in die K├╝che einfiel und schien ├╝berhaupt in einer Energiewolke herumzuschwirren; sie ├╝bersch├╝ttete mich mit Fragen nach den Umst├Ąnden meines Morgens, ob ich denn den Zettel gefunden h├Ątte, was ich davon hielte, einen kleinen Stadtbummel zu unternehmen und so fort.
"Stadt? Welche Stadt?", fragte ich mit der gespielten Arroganz eines Metropolenbewohners.
"Na, diese Stadt eben, Gro├čdorftrottel! Sind 's dir der H├Ąuser hier nicht genug? Es gibt viel zu sehen!"
"Die Fabrik?"
Pauline schaute mich mit angespitztem Blick an.
"Nein, die Fabrik ist nicht die Stadt. Und die Stadt ist nicht die Fabrik. Ich meinte die Stadt!"
Sie sagte das in immer noch fr├Âhlichem, gut gelauntem Ton, doch mir war, als schrumpfte ihre Wolke zusehens dahin.
"Pauline, was ist mit der Fabrik? Du hattest mir, bevor ich auftauchte, in einem fort davon erz├Ąhlt. Die Fabrik hier, die Fabrik da. Und jetzt scheint es, als w├╝rdest du sie fortw├Ąhrend hinter deinem R├╝cken verbergen, wie ein unpassendes, peinlich gewordenes Geschenk?"
Pauline lud ihre Marktbeute auf einer K├╝chenanrichte ab und setzte sich zu mir an den Tisch.
"Wei├čt du, ich lebe nun gerade einmal seit zwei Jahren hier. Als ich her zog, da gab es die Fabrik bereits, und sie sah eigentlich genauso aus wie heute. Die Fabrik ist hier, niemand kann daran vorbeischauen. Ich habe es dir ja schon am Bahnhof gesagt, wie ein m├Ąchtiges Schloss thront sie dort. Aber glaube mir, niemand hier im Ort f├╝hlt sich davon auch nur irgendwie ... irgendwie ber├╝hrt, so scheint es jedenfalls. Das habe ich schnell herausgefunden, denn nat├╝rlich hatte ich am Anfang, genau so wie du, nur Augen f├╝r den H├╝gel, f├╝r diese sonderbare und unglaubliche Pr├Ąsenz dort oben. Klar wollte ich alles dar├╝ber erfahren, doch was ich erfuhr, war nicht viel ..."
Pauline schraubte nachdenklich die Thermoskanne auf und schenkte sich einen Kaffee ein; dann fuhr sie fort:
"Eigentlich schien niemand viel zu wissen und seltsamerweise reduzierten sich die Informationen ├╝ber die Fabrik eher, als dass sie sich zu etwas verdichteten, je mehr ich danach fragte, und bald schwand mein Interesse, als wickle mich etwas in einen Kokon, verstehst du?"
"Nicht so recht ..."
"Ja, es ist eben seltsam. Seltsames ist nicht gut zu verstehen. Aber es ist so, heute wei├č ich kaum mehr als vor zwei Jahren. Und das, was ich in Erfahrung bringen konnte ..."
"Ist was?"
"... ist viel d├╝rftiger und nicht viel mehr, als das du siehst, wenn du hier zum Fenster heraus schaust. Es ist eine Fabrik, sie liegt au├čerhalb der Stadt auf einem H├╝gel, sie ist von einer hohen Mauer aus Beton umgeben, sie hat eine Zufahrt, ein Tor, neben welchem sich ein Schacht f├╝r geringere Anlieferungen befindet ..."
"Und ein Knopf."
"Ja, genau, und ein Knopf", wiederholte sie leise, als wollte sie sich damit von weiteren Beschreibungsverpflichtungen abschalten.
"Das ist alles? Was geschieht denn dort? Ich meine, das muss doch bekannt sein?"
Pauline erhob sich und ging zum Fenster.
"Ist halt eine Fabrik. Die Leute sagen, dass dort nahezu alle Prozesse vollautomatisiert ablaufen. Deswegen hat sich auch nie jemand aufgeregt, dass hier keine Arbeitspl├Ątze entstanden sind, es war von Anbeginn klar. Manchmal ├Âffnen sich die Tore f├╝r Lastwagen."
"Die was bef├Ârdern?", bohrte ich, obgleich ich sp├╝ren konnte, dass sich Paulines Energiewolke unterdessen komplett verfl├╝chtigt hatte.
"Spezielle elektronische Module, Konstruktionsteile, Verbundst├╝cke f├╝r andere, ├Ąhnlich autonome Industrien - all die komplizierten Sekund├Ąrbauelemente, ohne die andere Industrien gar nichts fertigen k├Ânnten . Maschinenbauteile f├╝r Maschinen, die Maschinen bauen, die Maschinen bauen - was wei├č ich, so etwas halt; es gibt nicht nur dies eine Schloss auf der Welt. Das ist jedenfalls, was ich geh├Ârt habe; es wird gesagt, dass die Fabrik sowohl betrieben als auch verwaltet wird von einer selbst├Ąndig handelnden, k├╝nstlichen Intelligenz.ÔÇŁ
ÔÇťAlso Roboter?ÔÇŁ
ÔÇťIch denke, sie weisen sie an, sie treffen Entscheidungen, dort in ihrer Fabrik. Angeblich ... aber egal, lass uns jetzt lieber bummeln gehen, was meinst du?"
"Wenn du deinen Satz zu Ende bringst, bummle ich doppelt, sonst gar nicht."
Pauline, genervt und zugleich froh ├╝ber ihren halben Sieg, leerte ihre Kaffeetasse und fuhr fort:
"Es wird manchmal behauptet, dass das, was man von der Fabrik wahrn├Ąhme, nur ein kleiner, sichtbarer Teil sei, etwa so wie bei einem Eisberg."
"Du meinst den H├╝gel?"
"So - mehr wei├č ich nicht. Hinfortgebummelt, sonst verklapp ich die Couch im Baggersee!"


Exkursion


So bummelten wir also los, und ich verga├č f├╝rs Erste die Fabrik und all das, sch├╝ttete lieber eine gute Portion fr├Âhlicher Hormone aus und balzte um Pauline herum wie eine verknallte Samenzelle ums h├╝pfende Ei. Wir beschauten die Altstadt, ihren Marktplatz, die gotische Kirche, L├Ąden voll gierig buhlender Ware, knautschig-krumme Gassen und landeten endlich in Paulines Lieblingscaf├ę, welches sich 'Zum Schwanengl├╝ck' benannte. Nun, in der Tat waren zwei dieser V├Âgel zugegen, im Teich, der nach hinten heraus ans Caf├ę grenzte, einem tr├╝bsinnigen, algenverseuchten Loch, das in der Nachmittagshitze lieblich-s├╝├člich vor sich hin br├╝tete, zu einem Viertel ├╝berbaut von der Biergartenterrasse, auf welcher wir uns so dann pflanzten.
"Ich glaube, da ist noch Luft nach oben, was das Schwanengl├╝ck anbelangt", sauergurkte ich, das d├╝mpelnde Paar im Blick.
"Glaube nicht, dass die fliegen k├Ânnen", sagte Pauline und bestellte zwei Eiscaf├ę.
Der Biergarten war gut bev├Âlkert, an einem Tisch sa├č ein kleiner, rundlicher Mann mit Hornbrille, schwer vertieft in ein Buch; ein anderer kam hinzu, und die beiden begr├╝├čten sich wie zwei, die sich noch nie zuvor gesehen hatten.
In bauchige Kelche gepferchte Milcheisberge tauchten vor uns auf, und ich betrachtete verz├╝ckt Paulines Weg, einen Eiscaf├ę zu vernaschen. Sie gab dem Trinkhalm - wenngleich nur leichten - Vorzug vor dem L├Âffel und g├Ânnte sich hierzu hin und wieder eine taktische Pause, nicht nur, dem Eis Gelegenheit zu geben, sich zu verfl├╝ssigen, sondern auch ihrer Wollust, sich zu bauschen.
Purer Sex, dachte ich.
"Was?"
"Ach, nichts ... kennst du eigentlich das Buch 'Als die Gedanken Lesen lernten'?"
Die Fabrik war selten zu sehen, meist verbauten die eng gedr├Ąngten Altstadtgem├Ąuer den Blick, nur manchmal war die Sicht frei auf den H├╝gel. Als wir heimkehrten, dunkelte es schon, und meine Hand lag in Paulines.
Der Kuss zur Nacht geriet zum Inferno, und wir verschmolzen weit jenseits jeder Dreiviertelklappcouch, sanken dahin, Touristen im Chaos des Urknalls, zwei tanzende Sterne der Nacht - und die Zeiten feierten ewige Wiedergeburt.
Ich habe keine Ahnung, weshalb ich Pauline nach den genauen Ausma├čen des Schachtes der Fabrik fragte, als wir wieder zur├╝ck waren.
"Eins-f├╝nfzig mal eins-f├╝nfzig, ungef├Ąhr ... warum?", fragte sie - aber da war es bereits zu sp├Ąt.
Als Pauline am n├Ąchsten Morgen das Badezimmer aufsuchte, hing dort wieder ein Zettel. Nur hatte ihn diesmal nicht sie dorthin geklebt, sondern ich. Was draufstand ist nebens├Ąchlich. Pauline las es, als h├Ątte sie ihn selbst verfasst. Und dann putze sie sich die Z├Ąhne.
Woher ich das wei├č? Auch nebens├Ąchlich.


*


Der Zug setzt sich in Bewegung, und bald hat er die kleine Stadt hinter sich gelassen, Felder rauschen vorbei, Z├Ąune, W├Ąlder. Der Zug gleitet durchs Land, und ich sitze in diesem Zug, und ich rieche nach Pauline. Ich glaube das fest, aber es ist nicht so. Es ist noch nicht lange her, dass mir dies d├Ąmmerte. Aber damals, damals h├Ątte man es mir nicht ausreden k├Ânnen. "Doch", h├Ątte ich gesagt: "Doch."
Kann ich mich ├╝berhaupt daran erinnern? Es sind Bruchst├╝cke, hunderttausend Teile eines Puzzles, dessen einziger Zweck zu sein schien, in nicht einer einzigen Verbindung zusammenzupassen. Ich erinnere mich, dass sie wuchs, desto n├Ąher ich ihr kam. Oder war es, dass ich schrumpfte? Vor dem Tor, es war seltsam, ich konnte gar nicht ermessen, wo es anfing, wo es aufh├Ârte. So, als sei es geschaffen, einer Unendlichkeit den Zugang zu er├Âffnen. Ich sp├╝re noch meine Verlorenheit, nicht, angesichts der schwindelerregenden Dimensionen; diese waren ohnehin unbegreiflich. Es war ... dass ich keinen Halt finden konnte, da war nichts, und mehr noch, dass ich wusste, jeder Versuch, einen Halt zu finden, war ein von vornherein aussichtsloses Wollen. Nicht allein war es hoffnungslos, - es existierte noch nicht einmal die vage Chance, diesen Zustand zu bedauern. Als st├╝nde ich vor dem leeren Grab der Hoffnung.
Ich kann sagen, dass ich irgendwann in den Schacht geschl├╝pft bin und den Knopf neben dem Lieferantenschacht gedr├╝ckt habe. Es ist keineswegs so, dass ich mich daran erinnere, nein.
Aber ich bin nicht in der Lage, mir irgendetwas anderes vorzustellen.


Die Fabrik


Da verlasse ich Ort und Zeit, und alles, was an Ort und Zeit sich begreift! Vergreift! Alles ist hinf├Ąllig. Es existiert kein nat├╝rlicher Bezug zwischen mir und der Fabrik oder zwischen der Fabrik und Pauline, er ist konstruiert, das Werk des sarkastischen Affen, genau so, wie die vermeintliche Spannung oder Nicht-Spannung zwischen der Stadt und der schlosshaft in ihrer N├Ąhe befindlichen Fabrik. Was immer das ist, 'die Fabrik' - es ist keine Situation, die hier nicht zu recht endete! Schon meine Ankunft ist mir, nun, da ich alles ├╝berblicke, oder glaube zu ├╝berblicken, oder hoffe, glauben zu k├Ânnen, es zu ├╝berblicken - ein Fehler. Nie h├Ątte ich herkommen d├╝rfen! Wie konnte es kommen? Es gibt zwei Ufer, die durch nichts zu ├╝berbr├╝cken sind. Ein mit einer scharfen Klinge ins Dasein, ins Allsein geschlitzter Spalt, der Unvereinbarkeiten gebiert. Wer will hier eine Br├╝cke bauen, die im Luftschwall tosenden Affen-Gel├Ąchters birst? ├ťber die niemand je schritte, weil niemand ganz ohne Sinn ist?
Warum hielt der Zug ├╝berhaupt in diesem (von der Fabrik abgesehen) v├Âllig unbedeutenden St├Ądtchen (Schwanengl├╝ck) mit seinem Bahnhof dritter Ordnung und einem Drei-Taxen-Stand davor, warum? Es gibt gute Gr├╝nde, dass es eine weise Entscheidung gewesen w├Ąre, nicht an diesen Ort zu reisen; und nicht wenige gute Gr├╝nde, die den Zug h├Ątten veranlassen k├Ânnen, einfach durchzufahren, den sich bereits auf dem Weg befindlichen Irrtum so zu korrigieren; wer wei├č schon, wohin der Reise?
Und Pauline? Nat├╝rlich habe ich das Wiedersehen mit ihr genossen, sprach ich von Wiedersehen -? Ich f├╝hle mich fast entprivatisiert, ├Âffentlich begafft von jenen, die mit widerlichem Gleichmut, als w├Ąren es Gleisw├Ąchter, Jahr und Tag ihre Lebenszeit abschreiten; ins geschw├Ątzige Licht geschoben, als ├╝be jemand billigen Zwang aus, mich zu verleiten, das alles aufzuschreiben. Doch schon dies: eine L├╝ge!
Geschieht innerhalb eines Irrtums etwas Wunderbares - hebt es seine Natur, ein Irrtum zu sein, auf?
Mir geht es nicht gut, K├Ąlte, Leere - nein, das w├Ąren mir jetzt noch traute Schwestern zur Seite mit K├Ârben von zu F├╝hlendem. Aber hier ist nichts, nur Irrtum, nur -
"Komm! Steig ein! Schnell!"
"Pauline?"
Pauline hatte die Beifahrert├╝r aufgesto├čen. Ich stieg in den Wagen.
"Du hast ein Auto?"
"Ich hab 's mir von einer Freundin geliehen. Mach die T├╝r zu, wir m├╝ssen ... du musst hier weg!"
Und schon jagte Pauline die gewundene H├╝gelstra├če hinunter. Kurve um Kurve in atemloser Raserei. Gerade verschwand die Spitze des Kirchturms hinter dem Horizont vor uns.
"Pauline!"
"Hatte ich es dir nicht gesagt? Es t├Ąuscht ...!", lachte sie und raste der n├Ąchsten Kurve entgegen.

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