Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92210
Momentan online:
405 Gäste und 16 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Farbe der Nacht
Eingestellt am 09. 11. 2004 11:10


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Badfinger
Festzeitungsschreiber
Registriert: Feb 2004

Werke: 11
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Badfinger eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Die Farbe der Nacht

Durch das Fenster streicht der Wind, wispert mit dem fallenden Regen von der Vergangenheit, von unseren TrĂ€umen und im fahlen Lichtschein der Nachttischlampe sehe ich dein krankes Gesicht. Ich sitze einfach da und lausche dem Regen, betrachte dein bleiches Gesicht und weine, still und verloren. Ich hasse diese Welt, ich hasse alles, das lebt, wenn es nicht dein Herz sein kann, das weiter fĂŒr mich schlĂ€gt! Wir hatten noch so viel vor, TrĂ€ume unterm Regenbogen, eine Jugend so unbefangen, aber nun war alles verdammt, alles zu Ende.

Es scheint, als sei es gestern gewesen, dass du mir sagtest, du liebst mich, aber es sind schon einige Jahre. Dankbar sollte ich dafĂŒr sein, aber hier in dieser Nacht, als ich dich sterben sehe, bin ich enttĂ€uscht und schreie tief in meinem Inneren nach dem Grund. Warum soll nun alles zu Ende sein?

Ich weiß du kannst mich hören, ich glaube daran. Lass mich dir sagen, was soll ich auf dieser Welt, wenn ich nicht bei Dir sein kann. Ich hab dich doch die hundert Stufen zum Turm hinauf getragen, habe dein LĂ€cheln blinken sehen, dein Herz an meiner Brust klopfen gespĂŒrt und nun ist es die Trauer, die meine Kehle zuschnĂŒrt.

Sie sagten es gĂ€be keine Chance auf Besserung. Doch wie oft hörten wir diese Worte, diesen so schicksalhaftigen Satz, der weder von Hoffnung noch von Menschlichkeit sprach. Sie sahen dich nicht, wie du lĂ€cheltest an jenem Tag, als wir am Meer standen und eine neue Welt erfanden. Wir dachten darĂŒber nach, wie es wĂ€re, wenn die Welt eine glĂŒckliche Insel sei, fern allem Leid, aber genauso wussten wir, es war nur ein Traum. Wir kĂ€mpften, versuchten alles, aber es war wohl nicht so bestimmt, dass wir belohnt wurden, mit dem simplen Wunsch um ein paar Jahre mehr.

Ich weiß, du atmest nicht mehr, ich sehe es und ich verstehe es dennoch nicht. Als du sagtest, lass uns einfach fortfahren, irgendwohin, fragte ich, welche Farbe soll die Nacht haben, denn die Sonne war zu heiß fĂŒr dich, tat deiner Haut nicht gut. Deine Augen ein Feuer aus Trauer und Hoffnung, wie die Sterne, weit weg und dennoch klar. Dunkelblau war die Farbe, die du wolltest. So machten wir uns auf, vor etwa vier Wochen. Genau kann ich es nicht mehr sagen, die letzten Tage, NĂ€chte waren so verworren, voller GefĂŒhle, ein Sturm der in mir tobte, als ich dich da sterben sah.

Der alte KĂ€fer brummte und wir hatten jeden Tag eine frische Rose fĂŒr Dich in der Vase am Armaturenbrett. Am Tag suchten wir Unterschlupf in Herbergen, kleinen Hotels und wir zogen einfach so dahin, wie Zigeuner. Wie strahlten Deine Augen, als wir dem Mond folgten. Dein Haar flatterte im Wind, die Musik johlte und wir waren glĂŒcklich.

Jetzt gibt es nur noch das Wimmern des Windes, zerstreut vom unablÀssigen Trommeln des Regens, auf Fensterbank und Asphalt. Was soll ich machen? Ist es so egoistisch zu hoffen, bald nicht mehr auf dieser seelenlosen Welt zu wandeln? Bald bei Dir zu sein?

Doch dich höre keine Stimme, wie an dem Tag, als der Schmerz durch deinen Körper riss, dir den Atem immer wieder nahm und du nicht mehr lÀcheln konntest, egal wie sehr du es auch versuchtest. Wir hatten deinen Nachthimmel noch nicht gefunden und das macht mich so traurig. Ich wollte dir die Sterne zeigen, aber es war wohl nicht unsere Zeit.

Ich erhebe mich von dem Stuhl, nach Stunden. Du atmest nicht, du bist gegangen und ich weiß nicht, wo ich dich finden kann. Es ist, als ob dich etwas durch eine TĂŒr gezerrt hat, fort von mir, meinem Herzen, und ich den SchlĂŒssel nicht finden kann. Ich weiß dein Körper dort im Bett, das kann nicht alles sein, das noch in dieser Welt sich befindet, da muss es noch etwas Anderes geben. Ich gehe an das Fenster, schaue hinaus und lausche dem Regen. Die Nacht kommt wie so viele tausend Jahre zuvor, ein Uhrwerk, dass wohl niemand zerbrechen kann. Ich steige auf das Fensterbrett, bereit zum Sprung. Der Regen klatscht mir ins Gesicht und mit den unzĂ€hligen Tropfen, sie spĂŒlen ĂŒber meine Haut, beginne ich jeden Augenblick unseres kurzes LebensglĂŒcks zu durchleben.

Der Tag an dem ich dich zum ersten Mal kĂŒsste, im Kino, wĂ€hrend auf der Leinwand, ein Geist den Zuschauern Schrecken einflösste. Die erste Nacht, in der ich bei dir lag, deinem Herzen lauschte, dich roch und wusste, es war der Mittelpunkt unserer kleinen Welt. Dann ein warmer Schauer, als ich all die KĂŒsse, in all den Wochen, Tagen und Jahren spĂŒre, als ich die HĂ€nde ausbreite und jeden Moment einfach mich fallen lassen will. Plötzlich aber scheint der Regen nicht nur einfach zu trommeln, sondern ich glaube deine Stimme zu hören. Ich lĂ€chele und hoffe um eine letzte Nacht mit dir, deinem Geist, deiner Liebe, ohne dass uns die Krankheit auseinander reist!

Und es ist diese eine letzte Nacht, in der ich dich flĂŒstern höre. Die Worte tun weh, tief in meinem Herzen, als ich verstehe, es werden die letzten sein. Ich weiß, es ist vorbei, die RealitĂ€t ist nun mal kein Traum, wo man alles irgendwie durchleben kann. Doch ich höre deine Worte, nicke langsam, mit den TrĂ€nen im Gesicht, vermischt mit Regentropfen. Es sind Worte des Dankes fĂŒr die Zeit, die wir hatten. Es scheint, du willst all das sagen, was ich nicht konnte, als ich dich dort sterben sah. Ich hasse diese Welt noch immer, ich bin so kraftlos, als ich verstehe, du scheinst gefunden zu haben was du suchst. Ist es das dunkelblau in diesem Himmel, dieser letzten Nacht?

Es war Zeit zu gehen, meinst Du. Aber wieso? Was wollten wir nicht alles noch erleben? Ich konnte dir nie zeigen, wie ein Handstand geht, du warst zu schwach. Du antwortest, du wusstest es, weil du es spĂŒrtest, als ich dir davon erzĂ€hlte, dich in meinen Armen hielt.

Und die vielen Geschichten, die ich dir noch erzÀhlen wollte! Du sagst du kennst sie schon, sie sind in meiner Liebe zu dir einfach mitgeschwungen, wie ein sanftes Lied.

Was soll ich nun machen, frage ich, laut in den Regen hinein. Doch die Antwort ist: „Nicht trauern! Denk an mich, wenn du den Sternen folgst, ziehe weiter, erzĂ€hle deine Geschichten fĂŒr mich den Anderen. Ich bin bei dir!“

So sitze ich im Fensterrahmen, die Jeanshose klatschnass und lÀchle. Ich schreie Deinen Namen, bis der Morgen graut, verlasse das Zimmer bei den ersten Sonnestrahlen, steige in den KÀfer und fahre einfach davon. In der Nacht wirst du wieder bei mir sein.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!