Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5439
Themen:   92269
Momentan online:
402 Gäste und 9 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Flasche Rotwein
Eingestellt am 07. 04. 2006 07:55


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Rudolf Wolter
H├Ąufig gelesener Autor
Registriert: Nov 2005

Werke: 16
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Rudolf Wolter eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Die Flasche Rotwein

Die Flasche Rotwein stammte aus Frankreich. Gewachsen waren die Trauben noch in Friedenszeiten. Sie waren nicht f├╝r Eroberer gereift. Vielleicht f├╝r eines der netten kleinen Bistros in Paris, vielleicht f├╝r ein Restaurant, in dem man sich niedersetzt nach dem Besuch der Com├ędie Francaise. Sie hatten von franz├Âsischer Sonne ihre S├╝├če genommen f├╝r lachende und feiernde Menschen, Suzanne oder Minou sollten die jungen Frauen hei├čen, in deren roten M├╝ndern sie ihr Bukett entfalten wollten, ein Jean oder G├ęrard sollte den Korken der Flasche aufziehen. Aber dann war ihr Hans gekommen und hatte die Flasche mitgenommen. Hoffentlich hat er sie bezahlt, dachte sie, als er sie mit den anderen Mitbringseln von der Westfront vor ihr auspackte, in dem Urlaub, bevor er an die Ostfront ging, um zu sterben und sich zudecken zu lassen vom Schnee bis zum n├Ąchsten Fr├╝hjahr. An Beutest├╝cken h├Ątte sie keine Freude gehabt. Aber ihr Hans hatte nur gelacht. Den trinken wir zusammen, wenn wieder Frieden ist, das kann nicht mehr lange dauern. Aber dann reifte der Wein doch noch drei Jahre in der Flasche weiter und Hans zerfiel auf russischer Erde.
Sie wischte den Staub von der Flasche. Nun wollte sie ihn trinken, bevor die Russen kamen. Die Gesch├╝tze grummelten schon lange wie fernes Donnergrollen vor der Stadt. Wenn die Russen erst da waren, dann war es gut, nichts Trinkbares im Haus zu haben. Und mitnehmen wollte sie die Flasche auch nicht, es gab genug zu tragen, Lebensnotwendiges und einiges zur Erinnerung. Zur├╝cklassen aber wollte sie dieses letzte Geschenk ihres Hans auch nicht. Vielleicht wurde es ja jetzt bald Frieden, wenn erst einmal die Russen hier waren. Aber sie wollte sie nicht empfangen. Sie nicht. Heute nacht wollten sie aufbrechen, sie und die Christa von nebenan. Christa war auch so eine, die niemanden mehr hatte. Nur war der Ihre in der Biskaya geblieben, irgendwo unter den Wellen, wo das Flugzeug das U - Boot fand. In der Nacht wollten sie sich auf den Weg nach Westen machen, weg vom Krieg, weg von der Angst.
Es klingelte. Das mu├čte die Christa sein. Sie hatte einen Schl├╝ssel, aber seit einiger Zeit legte sie die Kette vor, man konnte nie wissen, die Angst sa├č doch tief. Mit dem schrillen Klingelton fingen die Sirenen an zu heulen. Vorhin war der Voralarm gewesen, dies war der Luftalarm. Sie stellte die Flasche ab und ging mit ruhigen Schritten zur T├╝r. Nein, sie w├╝rden den Alarm ignorieren, sie w├╝rden jetzt ein wenig Frieden leben, sie und die Christa, auch wenn sie kamen und ihre t├Âdliche Fracht ├╝ber den H├Ąusern ausl├╝den. Immer wieder fiel ihr ein kleiner, milchb├Ąrtiger Bombensch├╝tze ein, der im Flugzeug kauerte und den Befehl erhielte, ├╝ber den H├Ąusern die Bomben auszuklinken, und der fassungslos stammeln w├╝rde: Aber da leben doch Menschen... Doch solche tapferen jungen M├Ąnner gab es wohl nicht mehr, die hatte der Krieg alle verschlungen.
Auch Christa zeigte keine Unruhe sondern ging ihr ruhig hinterher ins Wohnzimmer. Die Lampe mit dem rosenbemalten Lederschirm verschwendete ihr warmes Licht. ├ängstlich schaute sie auf die Fenster. Aber sie hatte gut funktioniert. Die Verdunkelungsrollos waren heruntergezogen. Christa wickelte aus dem braunen Papier ein lecker leuchtendes Wei├čbrot, fein gebr├Ąunte Kruste, verlockende wei├čliche Einschnitte quer ├╝ber den Laib des Brotes gezogen. Das ist Jochens Sextant, er braucht ihn nicht mehr, er hat sein Ziel schon gefunden, sagte sie, und es klang ein wenig bitter. Sie lie├č die Worte ihrer Freundin im Raum stehen und ging zum Vertiko, holte die blitzenden Gl├Ąser aus Bleikristall heraus. Die haben wir zur Hochzeit bekommen, sagte sie dann, als w├Ąre es eine Antwort. Wir haben nur einmal daraus getrunken. Wir werden auch nicht wieder daraus trinken, nur dieses eine Mal noch.
Das Licht flackerte und verlosch. Stromausfall oder Stromsperre. In der schwarzen Dunkelheit waren ihre Schritte und Bewegungen sicher und ruhig. Sie fand und ertastete den silbernen Leuchter, ein Streichholz ratschte, die Flamme leuchtete auf. Sie stellte den Leuchter auf den Tisch, nahm den zweiten vom Vertiko, setzte auch ihn auf die Tafel. Es wurde noch heller in der Wohnstube. Richtig festlich, fl├╝sterte Christa and├Ąchtig. Ja, wie ein Altar sieht das aus. Setz dich, sagte sie.
Die beiden jungen Frauen sa├čen sich am Tisch gegen├╝ber. Der rote Wein flo├č geheimnisvoll leuchtend in die Kelche. Sie nahm ein Glas und hielt es gegen die Flamme der wei├čen Kerze. Wie er funkelt, fl├╝sterte sie, so dunkelrot wie Blut, nicht wahr? Christa nickte. Unbeabsichtigt fl├╝sterten sie, ergriffen von dem feierlichen Anblick des Tisches. Ob sie es wollten oder nicht, ihre Bewegungen waren gemessen, fast rituell, als sie das Brot brachen und den Wein tranken. Sie roch den hefigen Duft des frischen Brotes, die s├╝├če schwere Blume des Weines, aber in ihrer Nase war auch der k├╝hle feuchte Geruch der Stadtkirche, in der sie konfirmiert worden war, damals, als das Leben noch wie ein verlockender Garten vor ihr lag. Sie sch├╝ttelte die aufkeimenden Bilder nicht ab, sondern stellte sich ihnen. Ja, so war es und so sollte es sein. Dies war ihr letztes gemeinsames Mahl vor ihrem Aufbruch. Dies war wie eine T├╝r, die sich ├Âffnete. Was gewesen war, lag nun hinter ihnen, es gab keinen Weg zur├╝ck. Sie tauchte ein in die sonderbare Feierlichkeit des Augenblicks wie in ein reinigendes Bad. W├Ąhrend sie das Brot schmeckte und der Wein ihren Mund duftig ausf├╝llte, sp├╝rte sie, wie ihr Kraft zuwuchs, Mut f├╝r die langen Stra├čen, die sie w├╝rden gehen m├╝ssen nach diesem Mahl, beginnend in dieser Nacht und endend dort, wo Frieden war.
Sie l├Ąchelte ihrer jungen Nachbarin ├╝ber dem Rand ihres Kelches zu. Christa schien gleiches zu sp├╝ren. Ihre Miene war freudig entschlossen. Die flackernde Angst, die noch in ihren Augen gewesen war, als sie hereinkam, war verschwunden. Jetzt sah sie aus, wie jemand, der wei├č, wohin er will. Sie l├Ąchelte erl├Âst, wie befreit von einer schweren Last. Sie a├čen das Brot und tranken den Wein, und ohne da├č sie ein Wort dar├╝ber verloren, wu├čten sie: Der Friede, der jetzt ├╝ber ihrem Tisch lag, w├╝rde sie von nun an begleiten. Nie wieder Krieg, nie wieder Flugzeuge und Bomben, nie wieder Frauen, denen man einen Hans oder Jochen nahm, nie wieder Russen, die nicht als G├Ąste kamen - sie w├╝rden alles tun, um dieses Ziel zu erreichen.
Als sie gegessen und getrunken hatten, erhoben sie sich von der Tafel, zogen jede zwei M├Ąntel ├╝bereinander, l├Âschten die Kerzen, griffen an der T├╝r nach den bereitstehenden Rucks├Ącken, schulterten sie in der Finsternis und traten in den Hausflur. Ihre Schritte hallten im leeren Treppenhaus. Die Nacht vor dem Haus erwartete sie brandhell. Sie schritten kraftvoll aus. Entgegenkommende h├Ątten sie f├╝r M├Ąnner gehalten.
Das blieb auch so. Sie verloren sich in den nun folgenden Jahren zuerst aus den Augen, aber sp├Ąter dann kreuzten sich ihre Wege wieder und es zeigte sich, sie hatten nichts aus jener Nacht vergessen. Nebeneinander hielten sie den Wasserwerfern stand, duckten sich nicht unter tief fliegenden Hubschraubern, gingen ohne mit der Wimper zu zucken auf die Schilde der behelmten Polizisten zu, lie├čen sich von ihnen wegtragen und Mannweiber schelten.
Als die Osterm├Ąrsche verebbten, starb Christa. Wer sie kannte, wunderte sich, warum sie sich nicht wehrte gegen die verzehrende Krankheit. Sie hat sich aufgegeben, sagten die Leute.
Als deutsche Kampfflieger wieder ├╝ber Belgrad auftauchten, ├Âffnete eine alte Frau eine Flasche franz├Âsischen Rotwein, und a├č wei├čes Brot.
├ťber ihre Wangen rannen Tr├Ąnen.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!