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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Fleckgeschichte
Eingestellt am 11. 10. 2003 21:00


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EsMi
???
Registriert: Aug 2001

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Es ist ein Fleck auf der Bodenkachel im Badezimmer. Er ist schon drei Tage da. Er bewegt sich, um Aufmerksamkeit buhlend, ohne dabei aber die Begrenzung der Kachel zu verlassen. Wilma ignoriert, wie er sich fortbewegt, als sie sich die Hände abtrocknet. Nicht, dass sie sich diese tatsächlich gewaschen hätte, aber so vermittelt sie ihrer sehr hygienischen Mutter den Eindruck, sie hätte die Hände vorm Essen noch ein zweites Mal gewaschen.

Wilma missachtet den Fleck, sie tut so, als gäbe es ihn gar nicht - oder vielmehr: als sei er ohne jede Bedeutung.

Wilma ignoriert.

Das macht den sonst so ausgeglichenen und hoffnungsfrohen Fleck etwas traurig. Aber er bekommt ja von ganz anderer Seite gebührende Beachtung: Ihre Mutter hat die beiden vorangegangenen Tage über Stunde um Stunde versucht, den Fleck wegzuwischen oder sonstwie zu entfernen. Daher kann man beruhigt davon ausgehen, dass das kein Krabbeltier ist, was sich manchmal minimal fortbewegt. Dass es ein Fleck ist, der sich hier fortbewegt, steht für Wilma zwar fest. Doch Wilma ist bodenständig und nüchtern. Es interessiert sie einfach nicht.

„Also“, hat der Fleck sich gedacht, „muss ich andere Maßnahmen ergreifen.“ Wirkungsvolle. Ein Fleck ist dazu da, wahrgenommen zu werden.

Des Morgens also, während die Kleine sich im Badezimmer wäscht, hüpft der Fleck (denn er kann nicht nur kriechen - nein, auch hüpfen) in den rechten (oder linken) Schuh und reist mit in die Grundschule. Wilma ist sehr klug. Wo sonst also wäre er besser aufgehoben als in Wilmas Heft? Er setzt sich mitten in die aktuelle Hausaufgabe und ist gespannt. Er ist gespannt, was passieren wird.

Nun, nichts passiert. Wilma sitzt ausdruckslos da, liest aus ihrem Heft vor. Und das obzwar der Fleck sich daran gemacht hat, Löschungen, sinnvolle Erweiterungen und insgesamte Änderungen vorzunehmen. Sie berichtigt alles und tut so, als sei nichts weiter.

Unser Fleck schlüpft ganz frustriert in ein Badetuch, als er wieder zuhause ist. Wie deprimierend das ist. So geht es Tag um Tag um Tag. Bis der Fleck schließlich einen bitteren Entschluss fast. Ein Fleck ist da, um wahrgenommen zu werden, und nun ignoriert ihn selbst die Mutter mit dem Putzfimmel (der Traum eines jeden Fleckes), da sie ihn nicht entfernen kann. Wird ein Fleck nicht wahrgenommen, versucht er sich unter Umständen selbst zu entfernen. Das braucht man nicht zu beschönigen: Gelegentlich, aber nicht sehr häufig, wird ein Fleck suizidal.

Er möchte sich zunächst in einem sehr ätzenden Abflussreiniger auflösen. Aber irgendwie klappt das nicht so gut - er ist ja auch kein Abfluss. Das Fleckwegpulver hält auch nicht das, was es verspricht. Unser Fleck ist gerade im Begriff, in die fiese Scheuermilchflasche hineinzukriechen, als Wilma fragt: „Wieso?“

Unser Fleck kann natürlich nicht antworten, aber er wird wahrgenommen und hüpft entzückt auf des Mädchens linken (oder rechten) Ärmel. Von da an wird er hin und wieder beachtet. Ihn immerzu zu beachten, wäre gegen die Natur von Wilma gewesen - und nebenbei bemerkt, auch etwas besessen. Und die Mutter blickte ihn wieder ab und zu an und machte „Ach“.

ENDE

__________________
Keep your head high, mate.

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