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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Fliege
Eingestellt am 03. 04. 2013 17:04


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DocSchneider
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Mittags setzte er sich an den K├╝chentisch und las die Stellenanzeigen. Wie immer fand er nicht eine einzige, die f├╝r ihn in Frage kam. Resigniert faltete er die Zeitung zusammen. In der n├Ąchsten Woche hatte er wieder einen Termin beim Arbeitsamt. Der wievielte? Es hatte ja doch alles keinen Sinn mehr f├╝r ihn. Wer nahm ihn schon mit 46?
Ein Ger├Ąusch st├Ârte ihn, ein best├Ąndiges Brummen und er erblickte eine dicke schwarze Fliege, die taumelnd gegen das K├╝chenfenster flog, ihr Spiegelbild gleichsam liebkosend und er ├Ąrgerte sich ├╝ber ein so dummes Tier, das den Weg zwar hinein, aber nicht mehr heraus fand. Immer wieder und wieder ber├╝hrte das Tier die glatte, gl├Ąnzende Fl├Ąche des Fensters und nervte ihn mit ihrem Gebrumm. Au├čerdem hasste er diese schwarzen, fetten Fliegen. Wozu gab es sie ├╝berhaupt?
Die Stunden schlichen dahin, es gab nichts f├╝r ihn zu tun. Die Wohnung war sauber und aufger├Ąumt, so wie sie es gerne hatte und wie sie es ihm auftrug, bevor sie zu ihrer Arbeit aufbrach. Sie w├╝rde gegen 17 Uhr zur├╝ckkehren, sich frisch machen und anschlie├čend w├╝rden sie zu Abend essen, bevor sie den Fernseher einschalteten. Alles war vorhersehbar. Das Einzige, was heute anders war, war diese bl├Âde Fliege mit ihren Ger├Ąuschen. Im Moment war nichts zu h├Âren. Er bemerkte, dass die Fliege auf der Scheibe sa├č, ihre Beine putzte und ihn anzusehen schien. Kurz ├╝berlegte er, sie mit seinem Hausschuh zu erschlagen, aber die Fenster waren erst gestern von ihm m├╝hsam geputzt worden, streifen frei, und er wollte sich diese kleine Freude nicht selbst zunichte machen. Es erschien ihm makaber, dass die Fliege mit ihrer Putzarbeit seine zunichte machen konnte. Sie war tats├Ąchlich in der Lage, das Fenster zu verunstalten, und das erf├╝llte ihn mit Wut. Er beschloss, sich abzulenken.

Er schlug die Fernsehzeitung auf und versuchte, ein Kreuzwortr├Ątsel zu l├Âsen. Es gelang ihm m├Ą├čig, und als er gerade ├╝ber Lebensform mit drei Buchstaben gr├╝belte, h├Ârte er den Schl├╝ssel in der T├╝r. Sie betrat die Wohnung, lie├č Mantel und Tasche beinahe fallen und streckte den Kopf durch die T├╝r. "Hallo.....hast du alles gemacht, was ich gesagt habe?" "Nat├╝rlich", antwortete er, "alles gesaugt, gewischt und den M├╝ll entsorgt. Essen ist vorbereitet....". Sie ging in die K├╝che, inspizierte kurz den K├╝hlschrank und kam wieder ins Wohnzimmer. "Gut", sagte sie, "ich bin kaputt, nehme ein Bad. In der K├╝che ist ├╝brigens eine Fliege, eklig, hau sie doch kaputt, aber so, dass die Fenster nicht leiden!" Sie verschwand im Bad und er h├Ârte das Wasser in die Wanne rauschen.
Er ging in die K├╝che und betrachtete die Fliege, die wieder wie bl├Âd gegen das Fenster flog. Kurz ├╝berlegte er, ihr nun den Garaus zu machen oder das Fenster weit zu ├Âffnen, um sie in die Freiheit zu entlasssen, verwarf den Gedanken aber wieder. Wieso sollte es f├╝r sie Freiheit geben, wenn sie ihm verwehrt war? Wenn er auch gefangen in dieser K├╝che sa├č.
Er sp├╝rte, dass er sich erleichtern musste und ging vorsichtig ins Bad. Sie lag in der Wanne, die Augen geschlossen, und reagierte nicht, als er die Toilette benutzte. Er hasste es, vor ihr Wasser zu lassen, das machte man nicht, das war zu intim, aber es ging nicht anders in dieser Wohnung. Als er fertig war, wandte er sich um und warf einen Blick auf seine Frau. Ihre Augen waren noch immer geschlossen, feine Schwei├čperlen zierten die Stirn, das Haar kr├Ąuselte sich um ihre Schl├Ąfen. Sein Blick glitt ├╝ber ihre gewaltigen, h├Ąngenden Br├╝ste, die nicht vom Wasser und Schaum bedeckt waren. Den Rest ihres K├Ârpers konnte er sich vorstellen: Der schwabbelige Bauch, der an Wellfleisch erinnerte, das dunkle unrasierte Ypsilon ihres Scho├čes, die von Orangenhaut ├╝berzogenen Oberschenkel, die strammen Waden. Nein, er begehrte sie schon lange nicht mehr.
"Warum kommst du nicht rein?", h├Ârte er pl├Âtzlich ihre Stimme und er erschrak, denn so ein Angebot machte sie nie. Unsicher starrte er sie an. Verweigerte er dies, w├╝rde sie den restlichen Abend kein Wort mehr an ihn richten. Auf der anderen Seite - was wollte er denn von ihr in der Wanne? Nichts. Und was wollte sie? Etwa ihn? Nach ewiger Zeit?
Schlie├člich entschied er sich f├╝r das kleinere ├ťbel und zog sich rasch aus, stieg in die Wanne, sorgsam darauf bedacht, kein Wasser ├╝berschwappen zu lassen. Er legte sich so hin, dass sich nur ihre Beine schwach ber├╝hrten und sah seinen K├Ârper mit dem gleichen Abscheu an, mit dem er den ihren betrachtet hatte. Seine eingefallene Brust mit den inzwischen grau gewordenen Haaren, seinen Bauchansatz, seinen kleinen Penis, der wie eine verschrumpelte rote Wurst durch das Wasser schimmerte, seine schlaffen, untrainierten Beine. Nein, mit ihm war auch kein Staat zu machen.
"Na, wie w├Ąre es, mal hier in der Wanne....haben wir doch noch nie oder ich kann mich nicht erinnern...", sie brach ab und sah ihn herausfordernd an. Er schwieg. Er dachte, die fehlende Reaktion seines K├Ârpers sagte doch wohl genug. Er schaute sie an und sah den Hass in ihren Augen. "Ach du", sagte sie, "Versager auf der ganzen Linie" und lie├č die Liddeckel herunterklappen.
Er stieg aus der Wanne, trocknete sich ab und zog sich an, alles in Windeseile. Blo├č weg hier, raus aus dieser, warmen erstickenden Enge. Als er in die K├╝che ging, in der die Fliege wieder brummte, rief sie ihm hinterher: "Mach wenigstens das Essen schon fertig, du......Schlappschwanz!"
Er verharrte in der Bewegung, den K├╝hlschrank ├Âffnen zu wollen und f├╝hlte sein Herz schlagen, heftig, ungleichm├Ą├čig, zu schnell. Es reicht, schrie es, es reicht! Er ergriff den n├Ąchstbesten Gegenstand und schlug zu. Er schlug und schlug und schlug, wie von Sinnen, konnte nicht mehr aufh├Âren, h├Ârte das Blut in seinen Ohren rauschen. Dann hielt er inne.
"Wurde aber auch Zeit, dass du dieses Schei├čvieh erledigt hast, geht einem ja tierisch auf den Wecker mit seinem Gebrumm. Aber das frische Tuch musstest du daf├╝r nicht ruinieren, und das saubere Fenster ist im Eimer, musst du morgen putzen", sagte sie, als sie aus dem Bad in die K├╝che kam. Er starrte sie an, starrte das Fenster an, an dem die verendende Fliege eine h├Ąssliche Schleimspur hinter sich her zog und starrte auf das K├╝chentuch, von ihm gestern erst sorgsam geb├╝gelt.
Nach dem Abendessen sahen sie Forsthaus Falkenau. Alles war wie immer. Das Tuch war in der W├Ąsche. Die Abendsonne warf ihren Schein auf das von der Fliege verschmierte Fenster.


Version vom 03. 04. 2013 17:04
Version vom 23. 06. 2014 11:12

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ThomasStefan
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Hallo Doc
Schon lustig, dass wir unter gleichem Titel eine Story eingestellt haben.
Zum Text: Ein ziemlich triste Geschichte mit unsympathischen Protagonisten, mit denen man sich nicht identifizieren will. So hast du es gewollt, aber vielleicht fand die Story deshalb kaum Wiederhall. Manches ist mir zu deutlich, unn├Âtig ausgesprochen, Andeutungen w├Ąren besser. Etwa, dass sie auf seinen reaktionslosen Penis starrt. Da braucht man nichts mehr sagen, das spricht doch f├╝r sich, oder? ├ťberhaupt, warum setzt er sich ├╝berhaupt ins Bad, wenn er gar keine Lust hat? Und warum ist das das kleinere ├ťbel?
Auch seine Gef├╝hlswelt als Hausmann wider Willen w├╝rde ich eher indirekt darstellen, eher noch mehr Analogien zu der gefangenen Fliege zeigen, zu ihren sinnlosen Versuchen, auszubrechen und dass sie sich halt sich immer wieder ÔÇ×putztÔÇť (wie er den Haushalt).
Wenn es eine Schlu├č-Pointe geben soll, so muss die Story m.M.n. punktgenau damit enden, hier ist das Ende zu lang gezogen, da verpufft die ├ťberraschung. Viell. k├Ânnte man eine weitere Pointe anschlie├čen: Er, stimuliert durch den Fliegentod, schwankt zw. Mordlust und Mutlosigkeit, und wieder mal spuckt sie ihm in die Suppe - egal, in welche Richtung.
Sch├Âne Gr├╝├če, Thomas

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DocSchneider
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Hallo Thomas, danke, dass Du den Text wachgek├╝sst hast - ich habe es nicht als negativ empfunden, dass er nicht so wahrgenommen wurde, immerhin gab es eine 8 und auch zahlreiche Klicks. Damals war ich hier nicht sehr aktiv, vielleicht liegt es daran.
Oder an der Geschichte. Ich wollte ein Paar zeigen, dass dazu verdammt ist, in bitterer Konsequenz miteinander weiterzuleben. Deshalb der Schluss.
Allerdings ist Dein Einwand berechtigt, dass man mit dem Vergleich Fliege-Hausmann noch mehr rausholen kann. Werde dar├╝ber nachdenken.

F├╝r ihn es das kleinere ├ťbel, in die Wanne zu steigen als es nicht zu tun, da er sonst riskiert, dass sie den ganzen Abend beleidigt schweigt. Also riskiert er es - gut war das dann auch nicht.

Ich habe nicht angenommen, dass die 4 von Dir ist. Trotzdem danke an denjenigen, denn er hat den Text immerhin gelesen.

LG Doc
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Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals erm├╝dendem Lesen. (Virgina Woolf)

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