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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Fliege
Eingestellt am 19. 03. 2014 20:50


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ThomasStefan
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Die Fliege



Los doch! Schlag endlich zu! Mach meinem Leben ein Ende!
Am liebsten würde ich das dem Kerl ins Gesicht schreien, wenn, ja wenn mein derzeitiger Körper es nur zuließe. So starre ich diesen Menschen leider stumm aber dafür facettenreich an, hocke bewegungslos vor ihm auf dem Tisch und warte auf den Tod. Hoffentlich schlägt er endlich zu.
Auf meine Hinrichtung habe ich genau hin gearbeitet: Immer wieder bin ich den Mann angeflogen, um seine Augen gekreist, sogar auf seinem empfindlichen Nacken gelandet. Da wurde er richtig wild! Jetzt hocke ich erwartungsvoll vor ihm. Die rechte Hand hat er bereits erhoben und mit der Zeitung weit ausgeholt, nur – mehr kommt nicht. Seine ganzer Arm zitterte, ansonsten ist er wie erstarrt. Ich sehe ihm tief in die Augen, und mit einem Mal erkenne ich darin: Ekel. Na, schönen Dank! Darüber könnte ich auch klagen! Als Fliege kann ich zwar nichts hören, dafür aber bestens riechen: Etwa den Angstschweiß, der nun aus all´ den Poren dieses Kerls tritt. Dein Gestank ist abstoßend, mein Freund!
Jetzt wird mir schlagartig klar: Dieser Mann hat eine Insektenphobie, er kann sich nicht ĂĽberwinden zuzuschlagen. Das darf doch nicht wahr sein! Tja, derartige Leute gibt es wirklich.
So eine Scheiße, denk ich mir und spüre wieder ein heftiges Stechen im Leib, genau an der Stelle, an der mein rechtes Hinterbein ausgerissen wurde. Auch ist mein linker Flügel zerknickt. Es war ein saublöder Staubsaugerunfall. Ich kann nur noch kurze Flüge, mehr Hüpfer machen, hin und her trudeln wie ein Blatt, das von Baum fällt. Meine Artgenossen nehmen mich nicht mehr ernst, und als Sexualpartner komme ich nicht mehr infrage. Die Mädels bieten ihr Hinterteil lieber fixeren Typen an. Dieses Leben ist für mich eine Zumutung, und deshalb suche ich einen schnellen Weg, es zu beenden.
Mühsam erhebe ich mich und landete auf der Nase des von mir auserkorenen Henkers. Der erwacht plötzlich zum Leben, rudert wie wild mit den Armen, so dass ich mich nicht halten kann und wieder auf den Tisch falle, mitten auf seinen Kuchenteller. Mein Rücken schmerzt furchtbar, ich habe mich nicht abfangen können. Um wieder zu Kräften zu kommen knabbere an einem Krümel, tauche meinen Rüssel in ein paar Tropfen Sahne. Währenddessen sehe ich das Gesicht dieses Kerls näher kommen. Angewidert zieht er seine Nase kraus.
Nun schau nicht so blöd, du ungebildetes Weichei!, möcht´ ich ihm am liebsten entgegen schleudern. Es gibt die Wiedergeburt! Das haben schon die alten Griechen geahnt. Und wer weiß, was aus dir mal wird!
So wie der Typ ausschaut hat er noch nie etwas von Reinkarnation gehört. Er würde es auch nicht glauben wollen, dass ich mal sein Artgenosse war und wir jetzt eine Schicksalsgemeinschaft bilden. Typisch Mensch, er kennt immer nur sich. Egal, das Einzige was für mich jetzt zählt, ist: Zum Totschlag meiner Wenigkeit ist er irgendwie noch nicht bereit. Vielleicht ist er dazu gar nicht fähig, dämmert es mir. Seine Frau neben ihm blättert mit lustlosem Gesicht durch die Zeitung. Den ganzen Tag hatte sie mit ihrem Mann gestritten, wie schon seit geraumer Zeit. Jetzt ist sie des Zanks müde. Gerade schaut sie mit genervtem Blick herüber, was er nun wieder hat. Das kenn´ ich von früher. Wenn sich da mal nicht was zusammen braut!
So, mein Lieber, denk ich mir, jetzt ist Schluss mit lustig! Jetzt scheiĂź ich dir hier mitten auf deinen Kuchen, dann wirst du endlich genug von mir haben!
Während ich meinen geschundenen Leib um entsprechende Ausscheidungen bemühe, bemerke plötzlich ich, wie mein Gegenüber mit spitzen Fingern den Teller aufnimmt und in Richtung Mülleimer balanciert. Ne, ne, so nicht! In Dunkelheit und mit Kaffeesatz auf dem Kopf langsam verenden, das habe ich mir noch nie gewünscht.
Mit der letzten Kraft meiner Flügel nehme ich Reißaus und fliege hinüber zu Cäsar. Cäsar! Steht groß auf dem Rand seines Fressnapfes. Wenn diese Menschen hier nur wüssten, wen sie als Labrador bei sich durchfütterten. Man müsste nur lesen können! Ich schleppe mich mühsam in den Bereich seiner Pfote, stupse sie an. Er öffnet ein Auge, mustert mich knapp, schließt es wieder und zieht seinen Vorderlauf näher zu sich heran. Mit anderen Worten: Ich bin ihm egal! Dabei hätte es nur eines kleinen Schlags mit der Pfote bedurft. Wie oft wird er früher die Hand erhoben und dann den Daumen gesenkt haben. Und jetzt nicht mal das!
Es ist ein Jammer. Verschiedenste Todesarten hatte ich mir durch den Kopf gehen lassen: Etwa ein Spinnennetz ansteuern und mich hineinwerfen. Doch halb narkotisiert und in Spinnenspucke konserviert auf das Verzehrtwerden irgendwann mal warten? – ne, auf keinen Fall. Der Ventilator auf dem Schreibtisch wäre infrage gekommen, wenn, ja wenn diese Leute ihn nicht gestern ersetzt und sich so ein modernes Ding angeschafft hätten. Einen Dyson, einen Ventilator ohne Rotorblätter. Wenn man hindurch fliegt, bekommt man durch den Windzug einen ordentlichen Tritt in den Hintern, mehr nicht. Harmloser Horror. Für unsereins eher ein Fliegenbelustigungsgerät. Als letztes war mir der Kamin eingefallen. Einen Feuertod hatte ich schon mal. Aber jetzt ist Hochsommer. Und auf den Winter kann ich nicht warten.
Es hilft nichts, ich muss auf gerade diesen Menschen hoffen, denn seine Frau ignoriert mich, da habe ich keine Hoffnung. Ihn muss ich ärgern, und zwar so lange, bis er mich endlich erschlägt. So ein Opfertod wäre für mein weiteres Fortkommen auf der Himmelsleiter nicht schlecht. Denn mein letztes Leben war nicht so toll, na ja, genau genommen eine einzige Katastrophe. Mit der Folge: Mein derzeitiges Dahinvegetieren als Schmeißfliege. Das bitte nicht noch mal! Daher brauche ich jetzt ´was richtig Krasses, eine Ekeltat, um bei meinem menschlichen Freund doch noch die Dämme brechen zu lassen. Damit könnte ich endlich in ein besseres Leben aufbrechen.
Und plötzlich habe ich eine Idee. Ich steuere bedenklich schwankend wie eine absturzgefährdete Drohne wieder den Tisch an und lande ... platsch! Mitten in der Schlagsahne. Das muss doch jetzt das Fass zum Überlaufen bringen. Richtig fett liege ich auf dem Rücken, habe guten Rund-um-Blick und bin gespannt wie ein Flitzebogen, was gleich passiert.
Tatsächlich hält sich der Kerl sofort die Hand vor den Mund, scheint zu würgen – ach, du armer! –, deutet mit der anderen auf mich und blickt bettelnd zu seiner Frau. Mein lieber Freund, das ist doch hoffentlich nicht alles? Doch, tatsächlich. Wieder ´ne Pleite! Der Typ bleibt ein Riesenweichei. Und ich, ... ich weiß nicht mehr weiter!
Plötzlich springt seine Frau auf. Na, endlich passiert etwas, jetzt wird sie hoffentlich die Initiative übernehmen. Sie schlägt mit der Faust auf den Tisch, so sehr, dass meine Schale mit der Schlagsahne bedenklich wackelt, die weiße Pracht um mich herum wabbelt und schwabbelt – hoppla, ich seh´ kaum noch was! Jetzt reißt sie den Mund auf, brüllt ihn offenbar an, deutet auf mich, und ich kann mir denken, was sie ihm um die Ohren haut, auch wenn ich nichts höre. Dann beginnt sie, mit geballten Fäusten auf ihn einzuschlagen, während er ängstlich seinen Kopf mit den Händen schützt, sich dabei immer kleiner macht. Nein, was für ein Schwächling! Ach, ich kann sie so gut verstehen. Seine Unterwürfigkeit stachelt ihre Wut eher noch an, es nimmt mit ihren Schlägen gar kein Ende. Doch ... plötzlich spannt sich sein demütig gekrümmter Rücken. Und auf einem Mal fährt er hoch, und ich erkenne, dass er ein völlig verzerrtes Gesicht hat – so habe ich ihn noch nie gesehen! Er ergreift mit einer raschen Bewegung das lange Messer, das zum Zerteilen des Kuchens gedient hat, stößt ihre Fäuste zur Seite und sticht auf sie ein, ein-, zwei- dreimal, immer wieder hinein in ihren Leib, es nimmt kein Ende, zerfetzt dabei ihre Sonntagsbluse und den neuen grauen Rock, gehalten von einem schmalen goldenen Gürtel. Sie wehrt sich verzweifelt, aber es ist vergebens, seiner Raserei ist sie hilflos ausgeliefert. Das ist ja der helle Wahnsinn!
Endlich lässt er von ihr ab. Mit aufgerissenen Augen starrt sie auf das in ihrem Bauch steckende Messer. Aus den vielen Wunden schießt das Blut pulsierend hervor, ihre Händen zittern. Sie beginnt zu schwanken, Hilfe suchend schaut sie zu Cäsar und streckt sie die Arme aus, knickt mit den Beinen ein, stützt sich mit der Linken auf den Tisch, während die Rechte noch anderswo Halt sucht, es nützt nichts mehr. Ihr Oberkörper fällt schwer nach vorn, gleich einem gefällten Baum, sie reißt alles um, Teller, Tassen, Kaffeekanne, und ihr hervorquellender, nicht mehr versiegender Lebenssaft färbt zunehmend die Tischdecke ein. Auch aus ihrem Mann ist sichtbar alle Kraft entwichen, mit jetzt leerem Gesicht rutscht er auf seinen Stuhl zurück und stiert auf seine blutverschmierten Hände. Und in all dem Chaos steht – oh Wunder! – immer noch meine Schale mit der Schlagsahne, mit mir zuoberst, wie ein Fels in der Brandung mitten auf dem Tisch, als wäre nichts geschehen.
Cäsar hatte sich erhoben um besser schauen zu können. Nachdem er genug hat, leckt er sich anerkennend übers Maul, legt sich wieder hin und schließt die Augen. Tja, als ehemaliger Herrscher über ein Weltreich hat er Erfahrung mit Mord und Totschlag. Ich aber liege wie betäubt in meinem Himmelbett aus Sahne. Heilig´s Blechle! Das hätte ich nicht erwartet, auch selbst nie geschafft, den Kerl so zu reizen. Da sieht man mal wieder: Der Mensch hat nicht zu Unrecht seinen schlechten Ruf, und in wirklich jedem steckt das Extreme, man muss es nur wecken können.
Puh! Das muss ich erst mal verdauen. Doch schon drängt sich mir die nächste Frage auf: Was wird jetzt mit ihm passieren? Ich meine natürlich: in seinem nächsten Leben. So unfähig wie der sich immer angestellt hat, und dann plötzlich dieser Mord – ich bekäme bestimmt irgendwann einen neuen Artgenossen. Denn das hier muss ja gesühnt werden. Super Aussichten, ich könnte jubeln! Den würde ich erstmal richtig quälen, als meinen Sklaven. Fliegenscheiße müsste der bei mir fressen!
Und seine Frau? Als armes Opfer würde sie aufsteigen in der Hierarchie. Da käme vieles in Frage: Elefant etwa in einem First-Class-Reservat, könnte ich mir gut vorstellen. Oder – davon träume ich immer – Eisbär auf ´ner Art Privatscholle mit Robbenfutter ohne Ende. Egal was kommt, für die Frau ist ihre Ermordung ein Hauptgewinn! Und eins ist garantiert ausgeschlossen: Erneut ein menschliches Leben führen zu müssen. Denn das ist die Arschkarte, die bekommt man nur einmal gezeigt. Das ahnt man als Mensch nicht, dass man auf dem Weg ins Paradies ganz hinten ansteht. Ist auch besser so.
Oh! Soeben bemerke ich, dass ich immer tiefer einsinke, beobachte machtlos, wie sich über mir die Sahne gleich einem süßen weißen Teppich schließt. Da hilft kein Flügelschlagen mehr, sind eh verklebt. Also, Schluss mit dem Pläneschmieden als Kleinflügler. Wenigstens mein Ende als Fliege ist nicht schlecht. Immerhin, nach all dem Mist. Was kommt als nächstes? Egal, es kann nur besser werden.

Version vom 19. 03. 2014 20:50
Version vom 02. 04. 2014 16:48
Version vom 03. 04. 2014 00:18

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poetix
One-Hit-Wonder-Autor
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Hallo Thomas Stefan,
eine lustige Geschichte. Schwarzer Humor. Das ist erlaubt und, wie der Mord an der Frau zeigt, peppt er die Sache auf. Die Geschichte mit der Seelenwanderung, nicht ernst genommen, verleiht eine weitere Perspektive. Gelungen.
Viele GrĂĽĂźe
poetix

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ThomasStefan
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Hallo poetix,
Danke fürs Lesen und deine Zustimmung. Ohne den Mord wäre es doch viel fader, nicht wahr?
Besten GrĂĽĂźe, Thomas

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