Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m√ľssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5553
Themen:   95294
Momentan online:
637 Gäste und 9 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Fliege und ich
Eingestellt am 11. 09. 2014 13:40


Autor
Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.
Arno Abendschön
Häufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2010

Werke: 291
Kommentare: 1267
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Arno Abendsch√∂n eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Vor vierzehn Jahren bin ich zuletzt umgezogen. Beim Auspacken und Einr√§umen schwor ich mir: Ich will nie wieder wechseln. Ordnen Sie einmal tausend B√ľcher, die vollkommen unsortiert in Kartons gewesen sind, nach Sachgebieten und alphabetisch in Regale ein. Es kommt einer dreizehnten Herkulesaufgabe gleich.

Dann wurde ich nachdenklich: Ist es vielleicht das letzte Mal, dass du eine neue Wohnung beziehst? Bist du an der Endstation deines Lebens angekommen? Das war keine sehr angenehme Vorstellung. Sie passte allerdings zur Jahreszeit: Herbst.

Ich gew√∂hnte mich allm√§hlich ein. Im Haus war es ungew√∂hnlich ruhig; der einzige Nachbar, ohnehin r√ľcksichtsvoll, war meistens abwesend. Ich konnte die Stille f√∂rmlich sehen, riechen, schmecken. Und der Herbst schritt immer weiter fort.

Jene Fliege fiel mir schon bald nach dem Einzug auf. Es musste die letzte Fliege des Sommers sein, die sich in meine temperierte Wohnung gerettet hatte. Anfangs flog sie noch recht vital durch die R√§ume. Sie interessierte sich vor allem f√ľr meinen Speisezettel. Konfit√ľre fand sie unwiderstehlich. Ich verscheuchte sie. Sie kam zur√ľck. Ich schlug nach ihr, ohne sie zu treffen. Es gelang mir nie. Allm√§hlich kam es zu einer Koexistenz zwischen uns. Oder ist Kohabitation das rechte Wort?

Sie folgte mir von der K√ľche ins Wohnzimmer. Ich h√∂rte Schuberts Vierte, und sie summte mir um die Stirn. Da ich Musik gew√∂hnlich nur mit Kopfh√∂rer genie√üe, h√∂rte ich sie nicht. Pl√∂tzlich f√ľhlte ich sie an meiner Nasenwurzel. Ich bedeutete ihr, sich zu entfernen. Sie tat mir den Gefallen und erging sich zwischen den Zimmerpflanzen oder auf der Tischplatte.

Sie begleitete mich ins Schlafzimmer, unternahm Ann√§herungsversuche, als ich im Bett las. Wenn ich in der Nacht einmal die Lampe neben mir anknipste, entdeckte ich sie in der N√§he meiner Lagerstatt, an der Wand oder an der Zimmert√ľr.

Es wurde noch herbstlicher, und wir gew√∂hnten uns immer mehr aneinander. Die Vorstellung, sie jedenfalls sei in ihre letzte Behausung √ľbergesiedelt, begann mich zu besch√§ftigen. H√§tte sie nicht l√§ngst tot sein m√ľssen? Etwas wie Sympathie mit ihr und ihrem unausweichlichen Schicksal regte sich in mir. Ich verscheuchte sie nicht mehr, lie√ü sie auf meinen H√§nden und Armen krabbeln. Fliegen sind leichtf√ľ√üig. Sie kommen schnell voran, und dann verharren sie pl√∂tzlich lange an einem Punkt der K√∂rperoberfl√§che. Ich registrierte es genau.

Wenn sie nicht zu mir kam, hielt ich nach ihr Ausschau. Sie wurde schw√§cher, m√ľder. Ich kam auf die Idee, f√ľr sie zu sorgen. Bevor ich morgens zur Arbeit aufbrach, stellte ich ihr ein Glassch√§lchen mit Marmelade hin. Zwischenzeitlich erholte sie sich wieder, um dann noch schw√§cher zu werden. Sie verharrte jetzt die meiste Zeit an einem Punkt.

Sie hielt noch lange durch, weit √ľber die ihr von der Natur bestimmte Zeit hinaus. Weihnachten war schon vor√ľber. Ob ich sie bis ins Fr√ľhjahr durchbringen w√ľrde? Aber mit einemmal war sie doch verschwunden. Soviel ich auch gesucht habe: Ich habe in jenem Winter nie eine tote Fliege bei mir finden k√∂nnen.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Vera S
Hobbydichter
Registriert: Jan 2014

Werke: 6
Kommentare: 66
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Vera S eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Lieber Arno,
die Geschichte gef√§llt mir sehr, nachvollziehbar die Gedanken zur letzten Heimat und die Zuneigung, die ein Mensch zu einer Fliege entwickeln kann. Ich frage mich, ob die Parallelit√§t nicht am Ende noch einmal wieder aufgenommen werden k√∂nnte? Der Protagonist stellt am Anfang des Textes die Frage nach der Endstation, die Frage wiegt schwer, dazu die Todesstille der Wohnung. Die Fliege hat offensichtlich ihr letztes Domizil gew√§hlt, ihr Leben wird durch Sorge und Zuneigung verl√§ngert... der Protagonist - allein, Einzelg√§nger? - hat die M√∂glichkeit, am Ende "jenem Winter" zu sagen. Vielleicht √ľberstrapaziere ich den Text, wenn ich es passend f√§nde, dass eine erneute Selbstreflexion, ein R√ľckbezug den Text abschlie√üen k√∂nnte? Schlie√ülich ist der Schreck √ľber das letzte Domizil schon vierzehn Jahre her.

Liebe Gr√ľ√üe
Vera
__________________
Kat

Bearbeiten/Löschen    


Arno Abendschön
Häufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2010

Werke: 291
Kommentare: 1267
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Arno Abendsch√∂n eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Liebe Vera,

danke f√ľr die freundlich-kritischen Zeilen. Ja, die Sache mit der Parallelit√§t ... Dar√ľber habe ich etwas nachgedacht und sehe es so: Die Parallelit√§t scheint mir, halb unausgesprochen, auch am Schluss noch vorhanden. Das genaue Schicksal der Fliege (ihr Verbleib) ist unaufgekl√§rt. Sie k√∂nnte die Wohnung auch durch ein ge√∂ffnetes Fenster verlassen haben. Dementsprechend bleibt offen, ob der Erz√§hler tats√§chlich dort seine letzte Bleibe gefunden hat.

Richtig, man könnte diese Parallelität am Schluss noch schärfer herausarbeiten. Allerdings neige ich generell nicht zur Verdeutlichung, dabei tut man leicht des Guten zu viel, dann wirkt es oft plump. Schon dieser eine zusätzliche Satz - nur als mögliches Beispiel - erschiene mir bedenklich: "Und könnte das nicht auch mir bestimmt sein: mich aufzulösen, ohne dass einer die geringste Spur von mir zu entdecken vermag?"

Schönen Morgengruß
Arno Abendschön

Bearbeiten/Löschen    


2 ausgeblendete Kommentare sind nur f√ľr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zur√ľck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.
Werbung