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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Flucht
Eingestellt am 27. 09. 2013 16:42


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Silberpfeil
Festzeitungsschreiber
Registriert: May 2013

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Die verbliebenen Sonnenstrahlen verschwanden hinter den grauen, hoch aufragenden Wohnh├Ąusern und nahmen ihre W├Ąrme mit sich. Ein Windsto├č pfiff durch die H├Ąuserschluchten und untermalte damit den Wechsel zwischen Tag und Nacht, W├Ąrme und K├Ąlte.
Klara schlenderte die Stra├če entlang in Richtung Innenstadt. Als sie an einem Imbiss vorbei kam, blieb sie stehen. Nachdenklich starrte sie durch die gro├čz├╝gige Fensterfront in die Stube. Ein junges Paar sa├č an einem der Tische, nur Augen f├╝reinander. Eine Familie mit drei kleinen Kindern belagerte einen weiteren Tisch, die j├╝ngste Tochter das Gesicht mit Ketchup beschmiert. Klara verharrte einen kurzen Augenblick, bevor sie sich schlie├člich abwandte. Nein, ihr war nicht nach Pommes mit Currywurst.
Die Dunkelheit zog schneller ├╝ber die Stadt herein als gew├Âhnlich, denn schwarze, regenverhangene Wolken breiteten sich aus und verschleierten den Himmel zunehmend. Vereinzelte Tropfen fielen auf das Pflaster und wurden schnell dichter. Klara hatte keinen Schirm bei sich. Zun├Ąchst nahm sie auch gar nicht wahr, wie ihre Kleidung mehr und mehr durchn├Ąsst wurde, auch ihre tropfenden Haare fielen ihr nicht auf. Erst als ihr K├Ârper vor K├Ąlte zu zittern begann, wurde ihr die Lage bewusst. Unbeholfen schirmte sie ihr Gesicht mit den H├Ąnden ab. Ihre Bluse unter der d├╝nnen Strickjacke klebte bereits an ihrem K├Ârper, als sie endlich einen Unterschlupf unter einem Dachvorsprung erblickte. Eilig lief sie darauf zu.
In der Zwischenzeit war es sehr d├╝ster geworden. Eine beleuchtete Reklametafel unterst├╝tzte den Lichtschein, den eine einsame Laterne auf den Boden warf. Klara war sich sicher, ihren Schirm mitgenommen zu haben und war nun mehr als verwirrt, als sie an ihrem vor N├Ąsse triefenden K├Ârper herab schaute. Eine Jacke hatte sie ebenfalls nicht an. Und sie trug viel zu d├╝nnes Schuhwerk, braune Stoffschuhe, die aussahen wie Pantoffeln, so dass selbst ihre Socken die Bekanntschaft des Regens machten. Sie verstand nicht, weshalb sie so unvorsichtig gewesen war und dem Wetterbericht nicht mehr Beachtung geschenkt hatte. Hie├č es nicht, es solle ein warmer, sonniger Tag werden?
Mit dem Regen verschwanden die Fu├čg├Ąnger. In der Ferne sah Klara ein Paar, dicht gedr├Ąngt unter einem Schirm, in die Richtung gehen, aus der sie gekommen war. Autos fuhren vorbei und spritzen Regenwasser vor der Stra├če auf den Bordstein, direkt zu ihren F├╝├čen.
Unschl├╝ssig stand sie da und starrte auf die orangerote Reflektion der Reklametafel in einer Pf├╝tze. Ein Mann, j├╝nger als sie selbst, kam unmittelbar auf sie zu, die Augen weit ge├Âffnet. Ein laues L├Ącheln umspielte seine Lippen. Trotzdem war Klara der Mann nicht geheuer. Er ├Âffnete den Mund, um etwas zu ihr zu sagen, doch energisch schnitt sie ihm das Wort ab. Er solle weggehen und sie ihn Ruhe lassen. Sein L├Ącheln erstarb. Einen kurzen Moment sah er sie noch verwirrt an, dann zuckte er stumm die Schultern, hob seinen Regenschirm gen Himmel und machte kehrt.
Die Zeit verging. Irgendwann begann Klara sich zu fragen, wie lange sie schon unter dem Vorsprung stand. Eine Uhr hatte sie freilich nicht um. Fr├Âstelnd strich sie sich eine nasse Haarstr├Ąhne aus dem Gesicht. Der Regen war inzwischen zu einem leichten Nieseln abgeklungen. Klara entschied, dass es Zeit war weiter zu gehen.
Sie bog in die n├Ąchste Querstra├če ein, doch mit der Zeit wurde sie sich ihres Weges immer unsicherer. F├╝hrte dieser Weg wirklich in Richtung Innenstadt? Klara war in dieser Stadt aufgewachsen und hatte ihr ganzes Leben hier verbracht. Schon als kleines M├Ądchen war sie durch diese Stra├čen gelaufen, hatte ihren Wandel miterlebt und die Menschen beobachtet, die eilig an ihr vorbeischritten. Geb├Ąude wurden abgerissen und neue wurden erbaut. Gesch├Ąfte zogen um, oder mussten f├╝r immer schlie├čen. Was einst ein bl├╝hender, lebendiger Stadtteil gewesen war, wurde nun beherrscht von fremd aussehenden Menschen und billigen Werbetafeln mit unbekannten, f├╝r Klara keinen Sinn ergebenden W├Ârtern. Was zur H├Âlle sollte ebike sein? Und was sollte sie sich unter einem Smartphone vorstellen? Klara konnte diese W├Ârter nicht einmal aussprechen.
Ein Junge kam den B├╝rgersteig entlang gerannt. Klara sprang eilig ein St├╝ck zur Seite. Trotzdem streifte er sie mit seiner Schulter so heftig, dass sie beinahe gest├╝rzt w├Ąre. Er schien es nicht einmal bemerkt zu haben, war bereits au├čer Sichtweite, als Klara sich wieder gefangen hatte. Sprachlos blickte sie ihm hinterher.
Pl├Âtzlich f├╝hlte sie sich fehl am Platze. Sie sehnte sich nach Hause, wollte nur noch hier weg.
Als sie sich umwandte, fiel ihr Blick auf eine Frau, die ihre Tochter h├Ątte sein k├Ânnen, da sie ihr sehr ├Ąhnlich sah. Die Frau starrte sie an. Klara schaute zu Boden. Was war nur los mit den Leuten? Die einen beachteten sie ├╝berhaupt nicht, ja rempelten sie sogar an. Andere, wie die Frau ihr gegen├╝ber oder der Mann von vorhin, waren scheinbar auf ihre Person fixiert, auch wenn sie sich nicht erkl├Ąren konnte, weshalb.
Mit gesenktem Blick schickte Klara sich an, an der seltsamen Frau, die sie noch immer unverhohlen anschaute, vorbei zu gehen. Als sie gerade an ihr vor├╝ber schreiten wollte, wendete die Frau sich jedoch in ihre Richtung, streckte die Hand aus und ber├╝hrte Klara am Arm. Klara wollte die Hand absch├╝tteln und sie anschreien. In diesem Moment sah sie in die Augen der Frau und was sie sah, verwirrte sie nur noch mehr. Klara stockte. Die Frau hatte Mitleid in den Augen.
ÔÇ×Es geht mir gut. Sie m├╝ssen sich nicht um mich k├╝mmernÔÇť, versuchte sie zu erkl├Ąren. ÔÇ×Der junge Mann hat mich zwar ordentlich angerempelt, aber es ist ja nichts passiert.ÔÇť
Verdattert nahm die Frau ihre Hand von Klaras Arm. Klara war frei, doch sie ging nicht weiter. V├Âllig perplex schaute sie in das Gesicht ihr gegen├╝ber. Was sollte das ganze Gehabe? Die Frau blickte sie mit gro├čen, traurigen Augen an, die pl├Âtzlich noch mehr Mitleid ausstrahlten, als zuvor. Klara konnte sich nicht erkl├Ąren, warum.
ÔÇ×Sie arme Frau, sie sind ja ganz durchn├ĄsstÔÇť, sprach die Fremde nun. ÔÇ×So kommen sie doch mit, dort dr├╝ben ist ein h├╝bsches, kleines Caf├ę.ÔÇť Sie legte einen Arm um Klaras Schultern, die sich daraufhin g├Ąnzlich versteifte.
ÔÇ×Es geht mir gutÔÇť, wiederholte sie, doch die Frau reagierte nicht, sondern schleifte sie vorw├Ąrts. Klara wurde w├╝tend. ÔÇ×Lassen sie mich gehen, oder ich rufe die Polizei.ÔÇť
ÔÇ×Aber ich will ihnen doch nur helfen. Hier drau├čen erfrieren sie mir nochÔÇť, setzte die Frau an. ÔÇ×Es ist sp├Ąt, eiskalt und ihre Kleidung ist v├Âllig nass. Schuhe haben sie auch keine an.ÔÇť Am Caf├ę angekommen ├Âffnete sie mit ihrer freien Hand die T├╝r.
ÔÇ×Nat├╝rlich habe ich Schuhe an!ÔÇť Klara war au├čer sich. ÔÇ×Sind sie denn blind?ÔÇť
Erneut der mitleidvolle Blick. ÔÇ×Hm, sie haben durchaus Schuhe an, und zwar ihre Hausschuhe. Und das, obwohl wir hier auf der Stra├če stehen und es seit Stunden regnet.ÔÇť
Klara konnte sich keinen Reim auf diese Behauptung machen. Verwirrt lie├č sie es zu, dass sie in das Caf├ę bugsiert wurde. Die beiden Frauen setzten sich an einen Tisch.
ÔÇ×Ich bin Claudia. Wie hei├čen sie?ÔÇť fragte die Frau.
ÔÇ×Klara.ÔÇť
ÔÇ×Und wie lautet ihr Nachname?ÔÇť
Klara f├╝hlte sich unwohl. Weshalb wollte diese Fremde ihren Namen wissen? Was wollte sie ├╝berhaupt von ihr? Und was war aus ihrem Vorhaben geworden, in die Stadt zu gehen?
Da diese Frau, Claudia, sie so nett ansah, wollte Klara ihr dann doch antworten. Doch pl├Âtzlich konnte sie sich an ihren vollen Namen nicht mehr erinnern. Je mehr sie sich zu erinnern versuchte, umso mehr entschl├╝pfte er ihr. Langsam stieg Panik in ihr auf.
Klara sprang mit einem Ruck hoch und st├╝rzte aus der T├╝r, zur├╝ck in den Regen. Sie rannte so schnell, wie es ihr in ihrem Alter und mit Pantoffeln an den F├╝├čen m├Âglich war. Keuchend blieb sie stehen und stellte fest, dass niemand hinter ihr war. Sie holte noch ein paarmal tief Luft, dann versuchte sie sich zu orientieren. Es klappte nicht. Sie wusste nicht, wo sie war. Dort dr├╝ben war doch einst eine B├Ąckerei, und dieses Geb├Ąude dort auf der anderen Stra├čenseite war doch zuvor nicht da gewesen. Wo war sie ├╝berhaupt?
Ziellos wanderte sie umher und sah sich nach etwas um, das ihr bekannt vorkam, doch sie fand nichts. Sie f├╝hlte sich unendlich hilflos und setzte sich, ihrer letzten Kraft beraubt, auf eine ├╝berdachte Treppenstufe.
Noch mehr Zeit verstrich, ohne dass sich noch ein Mensch blicken lie├č. Es war nun mitten in der Nacht. Klara zitterte am ganzen K├Ârper. Irgendwann schlummerte sie, an das Gel├Ąnder gelehnt, in einen tiefen Schlaf. Den n├Ąchsten Sonnenaufgang erlebte sie nicht mehr.
Zwei Tage sp├Ąter stolperte Claudia, die nette Frau, die Klara auf der Stra├če aufgelesen hatte, ├╝ber einen Zeitungsartikel in den Lokalnachrichten, der lautete: Demenzkranke nach Flucht aus dem Heim auf der Stra├če erfroren!

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w├╝stenrose
Routinierter Autor
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Hallo Silberpfeil,
habe nochmals versucht, in deinen Text "einzutreten" und mache einen Vorschlag, wie die Story alternativ enden k├Ânnte - wohl wissend, dass das dann sehr stark von deiner Version abweicht. ├ťberlegenswert w├Ąre sicher auch, zu Beginn des Textes zu erw├Ąhnen, dass eine klirrende K├Ąlte (z.B. auch Schneeregen statt Schnee o.├Ą.) herrschte.
Generell finde ich: Oft ist das nur Angedeutete schmerzhafter / einpr├Ągsamer als das allzu Plakative.

quote:
Noch mehr Zeit verstrich, ohne dass sich noch ein Mensch blicken lie├č. Es war nun mitten in der Nacht. Klara zitterte am ganzen K├Ârper. Irgendwann fiel sie, an das Gel├Ąnder gelehnt, in einen tiefen Schlaf.

Ungef├Ąhr um die selbe Zeit hatte die Nachtwache Ilse ihre erste Kontrollrunde beendet und trug, leicht genervt, in den Dokumentationsbogen ein: Fr. Schmidt schon wieder ausgeb├╝xt.

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