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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Frau aus Sansibar
Eingestellt am 16. 06. 2003 21:10


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David Winterhurst
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Tessler hasste diese wandgro├čen Plakattapeten, auf denen Sonnenunterg├Ąnge, Waldlichtungen oder tropische Str├Ąnde wie dieser abgebildet waren. Aber Sansibar?

Tessler legte das Headset seines Diktierger├Ątes zur Seite und wischte sich den Schwei├č von der Stirn, wo er ihn wie ein elektrisches Zittern gesp├╝rt hatte. Skeptisch blickte er danach auf seinen beigefarbenen Hemds├Ąrmel, und schlie├člich noch ein Mal im ganzen Zimmer umher.
Hinter ihm schm├╝ckte die wandgro├če Plakattapete den Raum, an der Decke dar├╝ber eine mehrarmige, gussschwarze Lampe, und schr├Ąg neben ihm das bunt bezogene Kinderbett, auf dem noch immer der Junge im Schlafanzug sa├č, die Arme wie eingeschnappt um die angewinkelten Beine geklammert.
Tessler mochte ihn nicht ansehen. Der Junge sa├č dort und schwieg seit ├╝ber einer Stunde, und Tessler war sich dar├╝ber im Klaren, dass er f├╝r ihn und seine Mutter nichts weiter w├╝rde tun k├Ânnen. Er hatte hier nichts mehr verloren; also legte er das Diktierger├Ąt und die Papiere zur├╝ck in seine abgetragene, rotbraune Wildledertasche, zog leger das Jackett, direkt von der Stuhllehne aus ├╝ber seinen sehnigen R├╝cken und stand auf.
Genau in dem Moment jedoch, als der Stuhl quietschend einige Zentimeter ├╝ber den wei├čen Kalksteinboden riss, fiel ein gelber Tennisball ÔÇô offenbar aus der Hand des Jungen ÔÇô vom Kinderbett aus auf den Boden, machte ein paar m├╝de Spr├╝nge und rollte dann Tessler genau vor die F├╝├če.
Und der blieb stehen, wie gefesselt und eingesperrt, von einem kleinen, gelben Ball, der ihn, als er darauf hinunter blickte, an eine Zitrone erinnerte, an ein Hoflokal mit einem schattigen Zitronenbaum hier in R├ęthymnon, an k├╝hle Getr├Ąnke in sengend mediterraner Hitze. Tessler blickte auf die Strandtapete. Sansibar. Er wischte sich den Schwei├č von der Stirn, den er dort wie ein elektrisches Zittern sp├╝rte, und blickte danach auf seine F├╝├če, die er noch immer nicht einen Zentimeter regen konnte. Wie gefesselt und eingesperrt, von einem kleinen, zitronengelben Ball, sah Tessler mit schwerem, flatterndem Blick langsam zu dem Jungen auf, und begann erst wieder zu atmen, als er erkannte, dass dieser reglos aus dem Fenster neben sich starrte.
Doch pl├Âtzlich konnte Tessler seinen Blick nicht mehr von ihm nehmen. Nachdem er den Jungen die ganze Zeit ├╝ber nicht hatte ansehen wollen, betrachtete er ihn jetzt mit hilflosem Mitleid, beinahe einer Traurigkeit, die nicht von seiner Welt schien. Und immer mehr noch blieb Tessler in sich gefesselt und eingesperrt, von einem kleinen, zitronengelben Ball. Schwei├č rann ihm in d├╝nnen Tropfen die Schl├Ąfen hinab.

Wie die Mutter des Jungen zur├╝ck ins Zimmer kam, bemerkte Tessler kaum. Ihrem entt├Ąuschten Blick dar├╝ber, dass er nun offenbar vorhatte zu gehen, begegnete er nicht.
Erst als sie sich b├╝ckte, den Ball vor Tesslers F├╝├čen aufzuheben, sah er wie ihre Jeans an einigen durchgesessenen Stellen zu Haut auseinander klaffte, und konnte sich wieder regen.
Wie eine alte Klamotte warf sie den Ball hin├╝ber aufs Bett, was Tessler nur staunend registrierte. Er selbst w├Ąre dazu wohl kaum in der Lage gewesen.
Dann sah sie ihn, zur H├Ąlfte w├╝tend, zur anderen voller Verzweiflung an, strich sich die langen, braunen Haare hinter die Ohren und wartete ihr Schicksal ab.
Aus den Augenwinkeln bemerkte Tessler, dass der Junge wieder wie vorhin auf seinem Bett sa├č. Und Blick und N├Ąhe seiner Mutter, schienen Tessler wie ein Gef├Ąngnistor, das langsam zufiel, wie Ketten, die ruhig klappernd sich verschn├╝rten, wie eine Anklageschrift, die in Zeitlupe geschlossen wurde. Hastig wischte er sich den Schwei├č von der Stirn und sagte, dass er bedauere nichts mehr f├╝r sie tun zu k├Ânnen. In zwei Wochen h├Ątten sie und ihr Kind diesen Ort zu verlassen.
Dann klemmte sich Tessler die rotbraune Wildledertasche unter den Arm, trat an der Frau mit den h├Ąngenden Schultern vorbei, wie durch weit offene Flure, und verlie├č die Wohnung.

Die Mittagssonne brannte barbarisch. Ihr Licht war wei├č und kurz vor Augen. Und Tessler wollte nur die wandgro├če Plakattapete mit dem tropischen Strand nicht mehr aus dem Kopf.
Hundert Meter von hier standen Akazien und Zypressen in sandunterlaufenen, schattigen D├╝nen. Dahinter lagen d├╝nner, blasser Sandstrand und blaugespiegeltes Meer. Also warum dann das Bild?
Tessler hatte mal einen Bekannten in New York besucht, der dort ein wandgro├čes Bild der Manhattan-Skyline in seiner Wohnung hatte. Trat man auf seinen Balkon, sah man das selbe, nur aus der entgegengesetzten Richtung. Aber Sansibar?
Tessler setzte seine Sonnenbrille auf, lie├č einen Vesparoller an sich vorbei fahren und trat dann ├╝ber die Stra├če, als aus dem Hause hinter ihm ein Pfiff ert├Ânte. Skeptischen Blickes drehte Tessler sich um. Im Fenster der zweiten Etage stand ein Junge, mit einem zitronengelben Ball in der Hand, und holte weit aus, ihn nach Tessler zu werfen.

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

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hallo david,

ich habe nur an zwei marginalen pukten zu meckern:

im zweiten abschnitt ist mir ein zitronengelb zuviel, da noch ein zitronenbaum "mitspielt" - ich denke, ein einfaches gelb tut es im zweiten fall auch.

die barbarisch brennende sonne - ist mir zu umgangssprachlich; eine echte alternative habe ich aber auf die schnelle nicht zu bieten, da gnadenlos zu ausgekatscht ist.


der satz: "Ihr Licht war wei├č und kurz vor Augen" erschlie├čt sich mir leider nicht, und ob die erw├Ąhnung da├č der r├╝cken tesslers sehnig ist, notwendig ist, wei├č ich auch nicht, aber es passt schon, tessler wird dadurch "bildlicher". aber mir altem meckerkopp gef├Ąllt es eben nicht, das mit dem sehnigen r├╝cken erreichen zu wollen.



ansonsten ausgezeichnet formuliert, die vermeintlichen fehler erkl├Ąren sich von selbst, wenn man deine schreibe "kennt". hat mich sehr gefreut, und ich hoffe, bald wieder etwas von dir lesen zu k├Ânnen.

viele gr├╝├če

rainer
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ist meine, und damit nur EINE Meinung

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strumpfkuh
???
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Der Autor darf sich gek├╝sst f├╝hlen, wenn man dadurch solche Kunst f├Ârdern kann.
Liebe Gr├╝├če
Doro

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David Winterhurst
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vielen dank.

und rainer:
mal wieder triffst du genau die punkte, bei denen ich auch am gr├╝beln war (der sehnige r├╝cken und die barbarische sonne). beim zweiten zitronengelb zwar nicht, aber dass sehe ich auch noch ein.
und sonnenlicht, das kurz und hell vor augen ist - kennst du das nicht, wenn du auf die stra├če gehst und im ersten moment quasi zur blindheit geblendet bist. es ist ganz hell und du kannst nicht sehr weit (also nur kurz) sehen. das meinte ich.


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David Winterhurst
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kleiner nachtrag zur dikussion:

wie w├Ąre es, wenn die Mittagssonne mit eiserner Strenge brannte?
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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 14
Kommentare: 1113
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"Eisern" gef├Ąllt mir.

Und noch etwas: >> ... sah er wie ihre Jeans an einigen durchgesessenen Stellen zu Haut auseinander klaffte, <<

Jeans gehen nicht vom Sitzen kaputt, das tun Sessel oder Sofas. Ich w├╝rde es durch "durchgescheuert" ersetzen.

lG, Zefira
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schmollfisch

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