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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Frau im Nachtzug
Eingestellt am 24. 11. 2012 11:23


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Claus Thor
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jan 2012

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Die Frau im Nachtzug
Von
Claus Thor

Er wĂŒrde noch lange an diesen Tag denken, der unscheinbar, in einer kleinen Pension aus der GrĂŒnderzeit, begonnen hatte. In gemĂŒtlicher AtmosphĂ€re verschlang der Autor sein FrĂŒhstĂŒck; dann bedankte er sich bei der Ă€lteren Dame, die das Haus fĂŒhrte, und zahlte seine Rechnung.
Um 17.00 Uhr musste er im CafĂ© im Literaturhaus eine Lesung halten, bis dahin war genĂŒgend Zeit. Jetzt wollte er erst einmal auf dem Ku`damm schlendern, Schaufenstergucken, vielleicht shoppen. Mittags dann die opulente Feinschmecker- Etage des KaDeWe erkunden.
Es war ein großartiger Tag gewesen, die Lesung ein voller Erfolg. SpĂ€ter ließ er sich das Guinness schmecken. Er verließ den Irisch Pup, mit der lĂ€ngsten Theke, wie man ihm sagte, Deutschlands, um zehn Uhr. Sein Zug wĂŒrde in einer halben Stunde eintreffen, und er freute sich auf sein Zuhause.
„Endlich keine Hotels und Pensionen mehr“, sagte er leise zu sich und ĂŒberquerte den Hardenbergplatz.
Es fing an zu regnen, und er zog den Kragen seines Mantels hoch. Er beeilte sich, um halbwegs trocken in die Bahnhofshalle zu kommen. Seine Reisetasche baumelte hin und her.
In der Wandelhalle herrschte reger Betrieb. Menschen wuselten in den vielen LÀden oder vor den ImbissstÀnden. Auch das Reisezentrum schien belagert. Er schaute sich suchend um und fand den Aufgang zum richtigen Gleis.
Drei halbwĂŒchsige Prostituierte sahen interessiert herĂŒber. Aber er hatte keinen Blick fĂŒr sie.
Auf dem Bahnsteig war weniger los, als er erwartet hatte. Ein InterCity war gerade eingefahren. Passagiere stiegen aus und neue Reisende ein. Ein greller Pfiff ertönte und der Zug setzte sich in Bewegung.
Dann kam sein Zug. Er stieg ein und ging an vollen Abteilen vorbei bis ans Ende des Zuges zu einem Waggon, der leer schien. Er ließ die AbteiltĂŒr aufgleiten und fragte die Frau, die allein im Abteil war und aus dem Fenster schaute: „Entschuldigung, sitzt da jemand?“
Sie wandte sich ihm zu. Und er deutete auf den Sitz gegenĂŒber und sagte: „Ich liebe es am Fenster zu sitzen und... „
„Sie werden nichts sehen können“, sagte sie und lĂ€chelte, „wenn wir erst einmal aus dem Bahnhof und der Stadt raus sind, außer unseren Spiegelbildern in dem schwarzen Fenster.“
Der Autor hievte die Reisetasche hoch, legte den Mantel auf das GepĂ€ck und setzte sich ihr gegenĂŒber. Sie sah wieder aus dem Abteilfenster hinaus. So nutzte der Mann die Gelegenheit, sein GegenĂŒber aufmerksam zu betrachten. Er wusste, dass dies nicht die feine Art war, aber etwas zwang ihn dazu ohne dass er sagen konnte, was es war. Er schĂ€tzte sie Ende zwanzig. Ihr Gesicht war blass und das halblange braune Haar im Stile der 70er- Jahre frisiert. „So ÂŽne Retro- Tussi“, dachte der Autor und lĂ€chelte ĂŒber die Batikbluse, die knallenge, buntgestreifte Schlaghose und die Plateauschuhe.
„Ich hĂ€tte mehr Menschen auf dem Bahnsteig erwartet“, sagte er, um ein GesprĂ€ch in Gang zu bekommen; und fĂŒgte noch hinzu: „FĂŒr eine Großstadt wie Berlin.“
Sie wandte sich ihm zu und lĂ€chelte. Dann nahm sie die dunkle Brille von dem Klapptischen, und sagte, in einer Art, wie es nur Lehrer taten: „Dies ist kein Verkehrsknotenpunkt,
der einer Metropole wĂŒrdig wĂ€re. Von hier fahren nur ZĂŒge in westlicher Richtung. ZĂŒge nach Osten und SĂŒden gehen vom Ostbahnhof oder vom Bahnhof Lichtenberg ab.“
Der Autor starrte sie Fassungslos an.
„Sie ist blind“, dachte er. „Warum hatte er es nicht gleich bemerkt?“
Der Zug setzte sich in Bewegung.
Regen trommelte gegen das fast schwarze Fenster, aus dem er auf die verschwindenden Lichter der Großstadt blickte. Dann
saßen sie sich schweigend gegenĂŒber. Er begann verlegen, einen Text, der auf einem kleinen Blechschild stand und an der Heizung angebracht war, zu lesen. Es ging darin um die Bedienung der Heizungsregulierung.
Die AbteiltĂŒr glitt auf und der Schaffner fragte nach dem Ticket.
„Oh ja“, sagte der Autor. „Moment... „
Er stand auf und zog den Mantel aus der GepÀckablage. Nestelte in den Taschen und brachte die Fahrkarte hervor. Er erschrak, als er sich umgedrehte und feststellte, dass er mit dem Schaffner allein im Abteil war.
„W- wo ist d- denn die Frau hin, d- die war d- doch eben n- noch hier?“, fragte er sichtlich verwirrt.
„Was“, sagte der Schaffner. Dann schien er zu verstehen. „Ach, die blinde Lehrerin - dass ist unser Gespenst auf dieser Strecke. Sie war aus einer defekten TĂŒr auf die Gleise gestĂŒrzt; ĂŒble Sache. Na ja, hin und wieder spukt sie durch die Abteile, aber sie tut keinem was.“
Er gab dem verblĂŒfften Autor den Fahrschein und wĂŒnschte eine gute Reise.
„Danke“, murmelte der Autor. Er fröstelte, drehte die Heizung wĂ€rmer und setzte sich auf seinem Platz.
Eine Stunde spĂ€ter stand ein sehr nachdenklicher Mann auf dem Bahnsteig. Er wĂŒrde nie mehr der Realist sein, den er so gerne vor seinen Freunden und Bekannten spielte. Die Begegnung mit dem Übersinnlichen berĂŒhrte ihn tief, und er wĂŒrde recherchieren, hart arbeiten, das Rationale in ihm neu fundamentieren, auf das er seinen Platz in der Welt wieder finde. Einen Platz, in dem er beruhigt die Augen schließen könnte, ohne dass ihm der Angstschweiß ausbrach und er sich nicht getrauen wĂŒrde unter seinem Bett nachzuschauen, es könnte ja eine blind junge Frau ihn anlĂ€cheln und ihn hinĂŒberziehen in einer andere Welt, in der er so schnell nicht kommen wollte: die Welt der Toten.

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