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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Frau im Rahmen
Eingestellt am 18. 08. 2009 21:25


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anbas
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Die Frau im Rahmen

An der Wand gegen├╝ber hing in einem gro├čen grauen Holzrahmen die kolorierte Zeichnung einer jungen Frau. Sie sa├č l├Ąchelnd vor einer Tasse Kaffee. Der rechte Arm war aufgest├╝tzt und das Kinn ruhte in einer etwas gek├╝nstelten Pose auf dem Handr├╝cken. Ein Sommerhut mit einer breiten Krempe bedeckte ihren Kopf. Bunte Farbflecken an dem Hutband deuteten eine Verzierung an. Je l├Ąnger Markus auf das Bild schaute, umso mehr schien das zarte Rouge auf den Wangen der Unbekannten zu leuchten.

'So, als w├╝rde sie err├Âten', dachte er.

Schei├če, heute war wieder einer dieser Tage. Markus wusste nie, ob er diese Tage, die manchmal auch nur Momente sein konnten, hassen oder lieben sollte. Tage, an denen ihn sein Singledasein nervte und er sich nach N├Ąhe und Zweisamkeit sehnte. Andererseits versetzten sie ihn in eine Melancholie, die er liebte, und durch die er seine Umwelt mit ganz anderen Augen erlebte.

Sein Blick glitt hin├╝ber zu Silvia, seiner Lieblingsbedienung. Sie war etwa zwanzig Jahre j├╝nger als er. Bei ihrem Anblick geriet er stets ins Tr├Ąumen, wie es w├Ąre, jetzt noch einmal Mitte Zwanzig zu sein. Keine Frage, damals w├Ąre er voll auf sie abgefahren. Ihr L├Ącheln und die Art, wie sie nachfragte, ob er mit seinem
Cappuccino oder dem, was er gerade gegessen hatte, zufrieden gewesen w├Ąre, verzauberten ihn stets aufs Neue.

Aber was sollte er mit so einem K├╝ken anfangen? Den Ersatzpapa wollte er wei├č Gott nicht spielen, und das Bed├╝rfnis, mit Hilfe einer wesentlich j├╝ngeren Freundin einen Teil seiner eigenen Jugend noch einmal aufleben zu lassen, hatte er auch nicht. Au├čerdem war er sich sicher, dass sie mit einem so alten Sack wie ihm nichts zu tun haben wollte. An diesen Tagen aber meinte Markus, hinter Silvias professioneller Freundlichkeit mehr zu entdecken. Ein echtes Interesse an ihm, unabh├Ąngig vom Alter.

'Kommt ja immer mal wieder vor, dass Menschen trotz gro├čem Altersunterschied zu einander finden und gl├╝cklich sind', sagte er sich dann.

Markus starrte auf das flackernde Teelicht, das vor ihm auf dem Tisch stand. In seinen Gedanken malte er sich aus, wie es w├Ąre, wenn er jetzt nicht alleine dort sitzen w├╝rde. Er sp├╝rte den starken Wunsch, sich mit einer vertrauten Person zu unterhalten, zu lachen und gemeinsam zu schweigen. Doch da war noch viel mehr, was langsam in ihm aufstieg: Die Sehnsucht nach liebevollen Umarmungen, nach Z├Ąrtlichkeit und N├Ąhe. Er vermisste es, f├╝r jemanden da sein zu k├Ânnen, und ihm fehlte das beruhigende Gef├╝hl, dass auch jemand f├╝r ihn da war. Wider aller Vernunft ertappte er sich bei der Vorstellung, dass Silvia dieser Jemand w├Ąre.

Es gab durchaus auch andere Frauen, auf die er diese Sehnsucht hin und wieder projizierte. Doch in letzter Zeit war es vor allem Silvia. Verstohlen beobachtete er sie bei ihrer Arbeit. Es war ihm wichtig, dass sie sich durch seine Blicke nicht bel├Ąstigt f├╝hlte. Auch wollte er auf gar keinen Fall mit den M├Ąnnern in einen Topf geworfen werden, die jede Bedienung anbaggerten, um ihnen dann den eigenen Weltschmerz vorjammern zu k├Ânnen, oder aber um sich so noch einmal als toller Hecht vorzukommen.

Wieder starrte Markus in die Kerze und hing seinen Gedanken nach. Dabei stellte er leicht verunsichert fest, dass er in den letzten Monaten h├Ąufiger solche Gedanken gehabt hatte. Eigentlich war er ├╝berzeugter Einzelg├Ąnger. Die Vorstellung, sich mit jemandem ├╝ber Vorhaben absprechen zu m├╝ssen, Vereinbarungen zu treffen und diese dann auch noch selber einhalten zu m├╝ssen, fand er unertr├Ąglich. Seine Unabh├Ąngigkeit war f├╝r ihn ein sehr hohes Gut. Andererseits ertrug er es kaum, wenn andere Menschen ihm gegen├╝ber unzuverl├Ąssig und unverbindlich waren. Allein schon wegen dieses Widerspruchs hielt er sich selber f├╝r beziehungsunf├Ąhig. Doch er hatte keine Probleme damit, war wirklich gerne allein, und genoss es, wenn er tagelang kein Wort reden musste. - Nur eben an diesen Tagen nicht. Da lie├čen verliebte P├Ąrchen in ihm Neidgef├╝hle aufkommen, romantische Musik verursachte einen immer st├Ąrker anwachsenden Klo├č in seinem Hals, und die ruhige Ecke in seinem Stammcaf├ę wurde pl├Âtzlich zu einem Ort schlimmster Einsamkeit.

Markus sah auf. Die junge Frau in dem Holzrahmen l├Ąchelte unbeeindruckt von seiner inneren Zerrissenheit zu ihm her├╝ber. Ihre Wangen leuchteten herausfordernd. Nachdem er das Bild eine Zeitlang betrachtet hatte, zog ein leichtes Grinsen durch sein Gesicht. Dann stand er auf, bezahlte bei der Kollegin von Silvia und verlie├č das Caf├ę ohne sich weiter umzusehen.

Er bemerkte nicht, dass Silvias Blick ihm folgte, bis er an der gro├čen Fensterfront vorbeigegangen und im Gew├╝hl der Menschen auf der Stra├če verschwunden war.

__________________
Wenn der Weg das Ziel ist, kann man nicht falsch abbiegen. (anbas)

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Retep
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Registriert: Jun 2008

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Morgen Ambas,

dein Text hat geringen Umfang, einen personalen Erz├Ąhler, eie kurze Exposition, die eigentlich keine ist, kaum Handlung und einen offenen Schluss.
Du beschreibst keinen entscheidenden Einschnitt im Leben des Protagonistin, erz├Ąhlst aber seine Gedankeng├Ąnge so, dass der Leser sich einf├╝hlen und mitf├╝hlen kann, zumindest wenn er ein gewisses Alter erreicht hat.

Die Sprache ist der Geschichte angemessen, passt.

Da passiert nicht Gro├čartiges, eine "ruhige" Geschichte, die ich gerne gelesen habe.

Vielleicht w├╝rde ich gerne noch ein bisschen mehr dar├╝ber wissen, wie Silvia aussieht, wie sie sich bewegt etc.

Ich w├╝rde an dem Text fast nichts ├Ąndern, es w├╝rde dann eine andere Geschichte.

Einen sch├Ânen Tag w├╝nsche ich dir.

Retep
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>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne haben, dann bei├čen sie hinein und sagen: ÔÇ×Schmeckt gar nicht wie Birne.ÔÇť< (Max Frisch)

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