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Leselupe.de > Erotische Geschichten
Die Frau in Rot
Eingestellt am 07. 11. 2016 15:36


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Jo Phantasie
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Die Frau in Rot

Ist das eine Halluzination oder sitzt dort tatsÀchlich eine Frau auf der Bank? Jeden Abend?
Diesmal werde ich besser aufpassen. War es hier? Nein, es muss an der nĂ€chsten Straße sein. Hinter diesem mit Graffiti verunstalteten Garagentor sollte es kommen.
Mist, ein großer Lastwagen verdeckt die Sicht. Da! Dort sehe ich etwas, halb abgedeckt von dem blöden Lkw blitzt Rotes hindurch!
TatsÀchlich, das ist eine Frau!
Ich drehe mich um, verrenke meinen Hals bis es schmerzt. Die blöden Autos verdecken alles. Es geht in die nĂ€chste Kurve. Schade, das war es dann fĂŒr heute.

Im Sommer fahre ich mit meinem Wagen ins BĂŒro, besonders, wenn ich das Dach öffnen kann. Die Haare werden vom Wind zerzaust und das Gesicht streichelt der Fahrtwind. So eine Fahrt vermittelt das GefĂŒhl, zu leben. Sogar die roten Ampeln und die unvermeidlichen Staus, die ich normalerweise hasse wie die Pest, machen dann Spaß. Die Sonne lacht mich an, genau wie die Blondine im Wagen, der neben mir hĂ€lt. Dann grĂŒĂŸe ich mit einem breiten Grinsen im Gesicht zurĂŒck.
Das ist Kommunikation, die mich vor dem ersten Kaffee im BĂŒro positiv stimmt.

Aber jetzt ist November. Nieselregen, Dreck, Dunst, morgens ist es noch dunkel und auf der RĂŒckfahrt auch. Da nehme ich lieber den Bus, auch wenn das zehn Minuten lĂ€nger dauert. Es ist entspannend, ich kann chatten, Zeitung lesen oder aus dem Fenster schauen. An dieser Straße hĂ€tte sich die Aussicht nicht gelohnt: alt, vergammelt, schmutzig, nichts. Es ist keine Gegend, in der man gerne wohnen möchte. Solche Straßen gibt es immer noch und hier ist es ein ganzer Stadtteil. Ich hatte ĂŒberhaupt nicht rausgesehen, sondern diesen roten Lichtblitz beim Lesen aus den Augenwinkeln bemerkt. Vorgestern schon. Gestern bin ich auch vorbeigekommen, konnte sie aber nur noch aus der Ferne als roten Fleck ahnen. Zu Hause angekommen war ich mir nicht mehr sicher, denn das konnte nicht sein. Jetzt im November sitzt keine Frau mit einem roten Sommerkleid draußen auf einer Bank. Schon gar nicht an einer Straße in diesem Stadtteil!

„Johanna, ich habe wieder diese Frau mit dem roten Kleid gesehen!“ Das ist nicht die liebevolle BegrĂŒĂŸung, die meine Freundin jetzt erwartet hat. So bin ich nun mal und diese wichtige Sache sollte sie wissen.
Habe ich mich missverstĂ€ndlich ausgedrĂŒckt?
„Du möchtest, dass ich das rote Kleid anziehe? Was hast du denn jetzt wieder vor, mein unersĂ€ttlicher kleiner ..., kleiner ..., nein ..., lass, lass ..., nicht in der KĂŒche, ich sagte, nicht in der KĂŒche! Oh, doch in der KĂŒĂŒĂŒĂŒ ...! Oooh!“
Tagesschau. Kann mich nicht konzentrieren, denke an Rot. Johanna hat die Fernsteuerung, hĂ€lt diese wie einen Triumph in der Hand und wir schauen einen Film, den ich nicht mag. Zum dritten Mal sieht sie jetzt „ZweiohrkĂŒken“. Ich hasse diesen Til Schweiger! Warum weiß ich nicht. Johanna hat die Kontrolle und kringelt sich vor Lachen. Kann es sein, dass eine Frau im roten Kleid ...? Prostituierte? Schlechte Gegend, total ungeeignet fĂŒr dieses Gewerbe. Außerdem wĂŒrde sie dann herumlaufen oder auf- und abgehen. Und niemals im Sommerkleid!
Nein, das kann alles nicht sein. Schaufensterpuppe, Deko, um die triste Gegend aufzupeppen. Pimp Up Freaks gibt es in unserer Stadt genĂŒgend. Das werde ich mir morgen auf alle FĂ€lle nĂ€her ansehen.

Ich bin eine Stunde spĂ€ter dran als gestern, der Schreibtisch war ĂŒbervoll. Sie wird nicht mehr da sein. Das Wetter ist miserabel, 12 Grad. Der Wind ist nicht schlecht. Da wird sie niemals eine Stunde sitzen bleiben. Eine Haltestelle vorher steige ich aus. Es weht so stark, dass mir Papier und die letzten gelben und braunen BlĂ€tter von den BĂ€umen um die Ohren fliegen. Eine Kreuzung vor mir taucht ein roter Farbpunkt auf. Ich werde schneller.
Es ist keine Puppe, es ist eine Frau.
Sie hat ein dĂŒnnes rotes Sommerkleid an und dazu rote Schuhe. Dieser Farbansturm wird zusĂ€tzlich durch eine nahe Straßenlaterne zum Fluoreszieren gebracht. Sie sitzt am hinteren Ende der Bank, als wenn sie einen Platz freihalten möchte. Ihr langes kastanienbraunes Haar flattert im Wind. Das Kleid bewegt sich ebenfalls unruhig, als wolle es sie von diesem ungemĂŒtlichen Ort wegziehen. Sie muss furchtbar frieren. Auch wenn das Rot WĂ€rme suggeriert, kann ich mein eigenes Frösteln nicht unterdrĂŒcken. Es ist wie ein Reflex. Wenn ich Johanna in eine Zitronenscheibe beißen sehe, zieht sich gleichzeitig auch mein Mund zusammen. Auch jetzt kann ich nicht verhindern, beim Anblick ihrer nackten Arme eine GĂ€nsehaut zu bekommen.

Jetzt dreht sie ihren Kopf in meine Richtung. Ihr Gesicht ist wunderschön, doch ihr Blick geht durch mich hindurch. Daher muss ich den Anfang machen. „Guten Abend. Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie anspreche. Sie sitzen immer auf dieser Bank, wenn ich mit dem Bus vorbeifahre. Eigentlich ..., nun, es interessiert mich, was sie hier machen?“ Verlegen stehe ich vor ihr. Sonst bin ich forscher, zu direkt, sagen meine Freunde. Diese Situation hat mich aus der Fassung gebracht. Ich sehe in ihr Gesicht und warte auf eine Antwort. Mit ihrem entrĂŒckten Blick schaut sie durch mich hindurch, als wenn ich nicht anwesend wĂ€re.
Schaufensterpuppe?
Gerne wĂŒrde ich mit dem Finger, ein einziges Mal mit dem Zeigefinger ...
Ihr Auge hat gezuckt! Dieser freundliche gedankenverlorene Gesichtsausdruck hat sich geĂ€ndert. Ihr Mund, KrĂ€uselung der Nase, beides zeigt den Hauch eines Genervtseins. Das kenne ich von Johanna. Sollte sich diese mysteriöse Frau von mir belĂ€stigt fĂŒhlen?
„Entschuldigung, ich möchte Sie nicht verĂ€rgern und gehe besser. Einen schönen Abend wĂŒnsche ich noch. Sie sollten sich unbedingt wĂ€rmer anziehen, sonst holen Sie sich noch eine LungenentzĂŒndung!“

„Johanna, Johanna, du glaubst es nicht, heute habe ich die Frau in Rot angesprochen!“ Sie liebt es, wenn ich ehrlich zu ihr bin, oder? Heute doch nicht.
„Was? Du sprichst fremde Frauen auf der Straße an? Ich glaube, es geht los! Raus damit, hast du dich mit ihr verabredet? Sag die Wahrheit, ich merke sofort, wenn du lĂŒgst!“
Das kommt dabei heraus, wenn ich meine Klappe nicht halten kann! Das Erlebte bewegt mich in einer Weise, dass ich es unbedingt mit ihr teilen muss. „Von wegen Verabredung. Sie hat noch nicht einmal mit mir geredet, obwohl ich freundlich war. Meine ich jedenfalls. Seit drei Tagen sehe ich sie. Sie sitzt auf der Bank, wenn ich abends mit dem Bus vorbeifahre. Heute war ich ĂŒber eine Stunde lĂ€nger im BĂŒro und sie war immer noch da. Sie hat ein rotes dĂŒnnes Sommerkleidchen an und dazu rote Pumps. Keine Jacke, nichts. Es hat gestĂŒrmt und war ziemlich kalt.“
Genau so ...! Wie ich es jetzt bei Johanna erkenne, hat die Frau in Rot auch ihre Nase gekrĂ€uselt. „Tom, du bindest mir nicht gerade einen BĂ€ren auf? Bei dem Wetter sitzt keine Frau im Kleid da draußen. War sie hĂŒbsch?“
„Sehr hĂŒbsch, ĂŒberaus hĂŒbsch, die Schönheit in ... Aua! Was soll das? Ich hab doch nur ...“
Das mit dem „HĂŒbsch“ habe ich tatsĂ€chlich lange nicht mehr zu Johanna gesagt. Deswegen werde ich die Ohrfeige verdient haben. Die war mit zarter Hand, das versöhnt.

Am nĂ€chsten Abend schaue ich im Bus zur anderen Straßenseite.
Es ist nutzlos. Sie geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Ununterbrochen blitzt Rot in meinem Kopf auf. Den Kopf abwenden, ich sollte zur anderen Seite sehen. Ihr rotes Kleid, ihre Haltung, der entrĂŒckte Gesichtsausdruck ...
Kopf wegdrehen!
DafĂŒr glĂŒht es in der Glasscheibe gegenĂŒber auf. Diesem Rot kann ich nicht entkommen. Sie spiegelt sich im Glas! Ich sehe sie deutlich und sie sitzt dort genauso wie gestern Abend.

An der nĂ€chsten Haltestelle steige ich aus und gehe zurĂŒck. Warum mache ich das? Meine Schritte werden langsamer. Ich brauche Zeit, um zu ĂŒberlegen, was ich sagen soll. Der Wind ist heute noch ungemĂŒtlicher. Die Straße wird von wenigen alten Laternen beleuchtet, deren Glas seit Jahren nicht ersetzt wurde. Auf dem BĂŒrgersteig liegen Scherben, Papier und undefinierbare Objekte, von denen ich nicht wissen möchte, was sie sind oder waren. Im Schlendertempo gehe ich auf die Bank zu. Dann setze ich mich mit ausreichendem Abstand neben sie, um sie nicht zu bedrĂ€ngen.
„Guten Abend! Bitte entschuldigen Sie meine ĂŒbergroße Neugier. Ich kann Sie hier nicht sitzen sehen, ohne dass ich weiß, was es bedeutet. Tom, ich bin Tom und fahre hier jeden Tag mit dem Bus vorbei.“
Jetzt erkenne ich die erste wirkliche Regung bei ihr. Sie sieht mich tatsĂ€chlich an und spricht mit mir. „Hallo Tom, ich bin Tiffany. Gestern war ich nicht höflich zu Ihnen. Es gibt hier einige MĂ€nner ..., Sie verstehen.“




Sie reicht mir ihre Hand. Die ist eiskalt und ich halte sie lĂ€nger als nötig. Den Kontakt nicht abreißen lassen, dranbleiben! Jetzt ist die Gelegenheit, sie zu fragen. „Tiffany, nein, so einer bin ich nicht. Ich war neugierig, das ist alles. Was, bitteschön, machen Sie hier in dem dĂŒnnen Kleid im Winter auf dieser Bank?“
„Was denken Sie, Tom? Ich warte, ich warte hier auf ihn!“
Bei diesem Satz glĂ€nzen ihre Augen und ich erkenne diesen Hauch von VerzĂŒckung in ihrem Gesicht. Weitere Fragen zu stellen wĂ€re unhöflich. Schweigend beuge mich vor und sehe sie freundlich an. Ein LĂ€cheln kann aufmunternd wirken.
„Vincent, er heißt Vincent und ist Kanadier. Wir haben uns im August kennengelernt und er ist die Liebe meines Lebens. Am 16. August wollte er mich hier abholen, pĂŒnktlich um fĂŒnf Uhr nachmittags. Leider habe ich keine Adresse, weil das in unserer Beziehung unnötig war. Eine Handynummer habe ich ebenfalls nicht. FĂŒr diese Dummheit könnte ich mich ohrfeigen. Zu dem Treffen sollte ich wie an unserem ersten Tag dieses rote Kleid anziehen, dann wĂŒrde er mich sehen. Er ist nicht gekommen. Seitdem sitze ich hier und warte.“
Dieser lange Vortrag war belastend. Sie muss heftig schlucken, kÀmpft mit den TrÀnen und presst tapfer ihre Lippen zusammen.
Was fĂŒr eine Story!
Irre oder zurĂŒckgeblieben sieht sie nicht aus. Deshalb sollte ich nachhaken: „Wie oft haben Sie diesen Vincent getroffen und was wissen sie ĂŒber ihn?“
Ihr Ausdruck bekommt einen Àrgerlichen Zug.
„Tom, es ist nicht ‚dieser‘ Vincent, es ist mein geliebter Vincent! Sie brauchen jetzt nicht so zu tun, als wĂ€re bei mir etwas nicht richtig im Kopf. Es ist alles in Ordnung mit mir. Vincent liebt mich so sehr, dass er mich hier niemals sitzen lassen wĂŒrde, wenn nicht etwas sehr Schreckliches passiert wĂ€re. Damit er mich findet, wenn er zurĂŒckkommt, muss ich hier sitzen, jeden Abend von fĂŒnf bis sieben. Das macht mir ĂŒberhaupt nichts aus. Und wenn Sie es genau wissen wollen, wir haben uns jeden Tag getroffen, eine ganze Woche lang jeden Abend. Es gibt auf der ganzen Welt keinen besseren Mann als Vincent und ich werde nur ihn lieben können!“

Puh, was fĂŒr eine durchgeknallte Geschichte!
Egal was ich jetzt zu ihr sagen wĂŒrde, Zureden, Umstimmen, die Wahrheit ins Gesicht schreien, nichts davon wird sie mir glauben. Ich möchte sie an den Schultern rĂŒtteln, ihr sagen, dass dieser Vincent verheiratet ist, seine AffĂ€re bereut hat und sie nicht mehr sehen will. So wird es sein! Deshalb muss ich die gesamte Geschichte erst einmal verarbeiten.
Zum Abschied reiche ich ihr meine Hand.
„Tom“, flehend sieht sie mich an. „Ich bin nicht irre oder verwirrt. Sie können mir einen Gefallen tun. Gekniffen habe ich mich schon oft. Sehen Sie die blauen Flecke hier am Arm? Aufgewacht bin ich trotzdem nicht. Vielleicht kann man es selbst gar nicht machen? Mich kann nur jemand anderes aufwecken und das sind sie. Tom, geben Sie mir bitte ein paar krĂ€ftige Ohrfeigen!“
Meine Hand bleibt stehen.
Der zum Abschiedsgruß ausgestreckte Arm bleibt wie angewurzelt in der Luft hĂ€ngen und bewegt sich keinen Millimeter. „Tom, es muss sein! Was ist, wenn ich tatsĂ€chlich schlafe und alles ein böser Traum ist? Das wĂ€re schrecklich. Tom, machen Sie schon!“
Das war jetzt richtig fordernd von ihr. Kann ich eine Frau schlagen? Darf ich diesem fantastisch schönen Gesicht Schmerzen zufĂŒgen? Ich mache es so, wie Johanna bei mir gestern Abend, symbolisch und streichelnd. Sie wird böse. „Tom, aufwachen! Ich muss davon richtig wach werden. Geben Sie sich bitte einmal MĂŒhe!“ Es nĂŒtzt nichts, ich muss es fester machen. Zuerst hemmt mich eine unbekannte Sperre im Handgelenk oder im Kopf. Sie nickt auffordernd. Also krĂ€ftiger! Tapfer streckt sie mir ihre Wange entgegen und der Blick ermuntert zu mehr. Beiden Wangen werden fast so rot wie ihr Kleid. Ich stufe das als eine deutlich gesĂŒndere Farbe ein, als dieses blĂ€uliche Weiß, das von der KĂ€lte herrĂŒhrte. Es muss wehgetan haben.
Was redet sie?
„Danke Tom. Ich bin froh! Jetzt weiß ich, dass es kein Traum ist. Er wird kommen! Tom, ich spĂŒre es, er wird mich finden, wenn ich hier jeden Abend sitze.“

Ich bin verstört, muss nach Hause. Johanna soll das sofort erfahren. Sie weiß bestimmt eine Lösung. „Johanna, du glaubst es nicht, sie hat mit mir geredet und ich musste ihr ein paar krĂ€ftige Ohrfeigen verpassen!“ Johanna kommt aus dem Bad, stemmt ihre HĂ€nde in die HĂŒften und sieht mich grimmig an. Klar, das hĂ€tte ich jetzt auch nicht verstanden, deshalb muss ich etwas weiter ausholen. „Sie wartet auf einen Vincent. Drei Monate lang sitzt sie jeden Abend in dem roten Kleid zwei Stunden auf der Bank. Das Kleid ist ihr Erkennungszeichen und dort wartet sie auf ihn. Sie kannte ihn nicht lange, eine Woche waren sie erst zusammen. Was hĂ€ltst du davon?“
Es ist bestimmt eine gute Idee, Johanna nach ihrer Meinung zu fragen. Ich selbst bin da schon zu voreingenommen. Sie sieht mich zweifelnd an.
„Ist sie eine von diesen Spinnern, Esoterik, Weltuntergangssekte?“ Ich schĂŒttele meinen Kopf und Johanna kommt auf die gleiche Idee, wie ich: „Er kommt nicht wieder und sie will es nicht wahrhaben, stimmtÂŽs?“ Jetzt nicke ich leicht. Johanna nimmt mich in den Arm. „Ja, das gibt es. Frauen haben oft diese starken Bindungen an denen nichts dran ist, außer, dass sie unsterblich verliebt sind. Armes Ding, aber wir können da nichts machen. Sie muss von alleine aufwachen.“
„Unkritisch ist sie aber nicht“, es ist, als wenn ich mit mir selbst rede. „Die Ohrfeigen sollte ich ihr geben, damit sie aufwacht. Stell dir vor, sie war froh, dass es kein Traum war.“ FĂŒr Johanna ist die Sache damit erledigt. Sie will heute ausgehen, in eine Cabaret Show. Da ist mir im Moment gar nicht nach, ich muss trotzdem mit.

Die Woche vergeht. Ich fahre mit meinem Auto in das BĂŒro, so kann ich eine andere Strecke nehmen, um sie nicht sehen zu mĂŒssen. Das rote Kleid, dieses „arme Ding“, wie Johanna sie nannte, all das soll mir endlich aus dem Kopf gehen.
Tut es leider nicht.
Samstag, Sonntag, ich fiebere dem Montag entgegen, nehme abends den Bus und steige eine Haltestelle vorher aus. Ich kann es nicht ertragen. Es tut mir mehr weh, sie leiden zu sehen, als sie es empfindet. Sie sitzt auf der Bank und starrt auf die Straße. Gibt es eine Lösung?
„Hallo Tiffany, ist da etwas, bei dem ich helfen kann? Ich möchte nicht mit ansehen, wie Sie Ihre Gesundheit ruinieren, indem Sie hier ĂŒber zwei Stunden im kalten windigen Novemberwetter sitzen!“

Das kam jetzt aus tiefster Seele und ich bin ein wenig stolz auf mich.
„Vielen Dank, Tom, aber ich glaube nicht, dass Sie mir helfen können. Einiges bin ich im Kopf durchgegangen. Eine Krankheit, ein Unfall vielleicht, aber dann kommt er wieder. Er lebt ja noch, das spĂŒre ich deutlich. Vergessen hat er mich auch nicht, ich fĂŒhle seine Verbindung!“
Ihr Gesicht ist angespannt, als horche sie ganz tief in sich hinein.
„Und wenn er nicht wiederkommt?“ Es nĂŒtzt nichts, ich muss sie jetzt mit meiner schlimmsten BefĂŒrchtung konfrontieren. Sie runzelt ihre Stirn: „Die Möglichkeit habe ich auch schon durchgespielt. In solchen Momenten kommt bei mir der Verdacht auf, dass ich zu emotional eingestellt bin. Verstehen Sie? HormonĂŒberschwang, Blockade der DenkfĂ€higkeit durch ĂŒbergroße Zuneigung oder eine sexuelle Obsession könnten es sein. Ja, da ist etwas, bei dem Sie mir helfen könnten, Tom!“
Erwartungsvoll sehe ich sie an.
„Tom, wir sollten rausbekommen, ob ich einem leidenschaftlichen Irrtum aufgesessen bin, ob mir meine Hormone und meine Sehnsucht nach Liebe einen Streich spielen!“ Jetzt redet sie ĂŒberlegt und intelligent. Seltsam. Trotzdem schweige ich und sie fĂ€hrt fort.
„Tom, Sie mĂŒssen mit mir schlafen. Wir mĂŒssen zusammen Sex haben. Vielleicht wache ich dann auf oder bin geheilt. Das ist eine Möglichkeit, oder?“
„Äh, ja, nein, ich weiß nicht“, mein Gestammel ist keine große Hilfe. Sie will sich durchsetzen und schmollt. Das kenne ich von Johanna. „Tom, Sie haben vorhin gesagt, Sie wollen mir helfen. WĂ€re Sex mit mir eine zu schwere Aufgabe fĂŒr Sie?“
Was fĂŒr eine Frage? Mein Kopf schwirrt und brummt. Eine attraktive Frau fragt mich, ob ich mit ihr schlafen möchte und ich bin wie gelĂ€hmt? Reiß dich zusammen! Tom, du willst ihr helfen. Das ist deine Chance, sie zu heilen, sie von ihrem Tick mit der Bank zu befreien.
„Ja, ja, wenn das hilft, muss ich das wohl machen.“ Der Satz kommt mit einem dicken Kloß in meinem Hals.

Jetzt lĂ€chelt sie. „Kommen Sie, Tom, wir gehen zu mir. Ich wohne in der ĂŒbernĂ€chsten Straße." Wie hypnotisiert folge ich ihr. Es ist eines dieser Ă€lteren HĂ€user, die von außen einen hĂ€sslichen Eindruck machen. Ihre Wohnung ist ĂŒberraschend groß und modern eingerichtet. Sie hat Geschmack und ist nicht durchgeknallt, sondern verwirrt durch ihre einseitige Liebe. Deswegen werde ich alles dransetzen, um sie aus dieser Situation zu befreien. Ein wenig Ratlosigkeit zeichnet sich auf meinem Gesicht ab, als sie sich ohne weiteren Kommentar das rote Kleid abstreift. Wow, was fĂŒr eine tolle Figur. Mit ihrer Gesamterscheinung könnte sie Model sein.
Ich weiß, dass es nicht richtig ist.
Johanna gegenĂŒber nicht und wegen ihr sollte ich die nackte Tiffany auch nicht so lĂŒstern ansehen. Es ist eine Mischung aus Faszination und SchuldgefĂŒhl, die meinen Blick ĂŒber ihre vollendeten BrĂŒste, Taille und Scham gleiten lĂ€sst. Nein, ich werde nicht vergleichen! Das hier ist eine Ausnahmesituation und Tom, du bist jetzt nichts anderes als ein Therapeut. Der beste! Streng dich an!

Wir machen es auf dem Sofa.
Ich versuche sie zu kĂŒssen, sie schiebt meinen Kopf zur Seite. „Nur Sex, sonst nichts!“ Behutsam dringe ich in sie ein und steigere mich langsam. Die richtige Lust, GefĂŒhle einer sexuellen Begierde oder Geilheit wollen sich bei mir nicht einstellen. Ich bin ein Samariter, Seelsorger, Heilsarmee, Sexualtherapeut, alles in einer Person. Verdammt, Tom, bekomm jetzt bloß keinen Schlappen! Dann wĂŒrde sie denken, es lĂ€ge an ihr. Es funktioniert bei mir nicht besonders. Das liegt auch daran, dass sie mich die ganze Zeit ansieht, als wĂŒrde sie auf ein Wunder warten. Ich umfasse ihre BrĂŒste mit beiden HĂ€nden, das hilft immer. Dann fĂŒhle ich erigierte Nippel, mein Takt wird schneller. Ein aufmerksames Gesicht mit großen erwartungsvollen Augen, deren Pupillen sich jetzt weiten, bringt mich aus der Fassung! Dieser Anblick bewirkt es. Ich stöhne, ejakuliere und liege befreit auf ihr.
Sie ist entspannt.
„Danke Tom, das haben Sie gut gemacht. Nein, fehlender Sex war es nicht. Ich denke noch an ihn.“ Nackt sitzen wir auf dem Sofa. Die unterschwellige AtmosphĂ€re beidseitiger Schuld schwebt im Raum. Ich bekomme ein Bier und sie trinkt Prosecco. Meine NiedergedrĂŒcktheit scheint sie zu bemerken. „Tom, Sie sollten sich keine VorwĂŒrfe machen. Jetzt weiß ich woran ich bin und das ist ein schönes GefĂŒhl!“

„Was wissen Sie ĂŒber diesen Vincent?“, versuche ich unser GesprĂ€ch in eine andere Richtung zu lenken. Tiffany atmet erleichtert auf. UnverstĂ€ndlich! Vor drei Minuten haben wir gefickt und es beide nicht genossen. Aber sie sieht erlöst aus und redet auch so. „Tom, es ist nicht ‚dieser‘ Vincent, es ist mein Vincent. Und Sie haben mir geholfen, zu verstehen, dass er noch da ist, mich liebt und bald abholen wird. Viel weiß ich nicht ĂŒber ihn, keinen Nachnamen. Solche Dinge waren nebensĂ€chlich. Er arbeitet bei einem Ölkonzern Dexon, Daxon oder so Ă€hnlich. Er lebt und ich weiß es jetzt!“

Frauen möchten immer die Wahrheit erfahren. Bei Johanna hat das noch nie geschadet.
„Johanna, Johanna, stell dir vor, ich habe gerade mit der Frau im roten Kleid geschlafen!“
Nein, nicht gut, damit ins Haus zu fallen? Sie sieht mich an und zieht ihre linke Augenbraue hoch. Nur die linke, das kann sie und das sieht böse aus. Es deutet sich ein drohender Vulkanausbruch an! Weitere ErklĂ€rungen sind unumgĂ€nglich: „Es war so: Sie wollte es, weil sie dachte, dadurch geheilt zu werden. Wurde sie aber nicht, sondern liebt ihn immer noch. So, das war jetzt alles!“
Gut, das war jetzt eine Kurzfassung, aber Johanna ist intelligent und wird es verstehen. Sie kann es: „Sieh mich bitte einmal an! Tom, richtig kapiert habe ich das nicht. Du schlĂ€fst mit einer fremden hĂŒbschen Frau, um sie zu therapieren?“
Jetzt darf ich nichts Falsches sagen. Ein einfaches Nicken sollte genĂŒgen.

„Aha! Ich dachte, das wĂ€re eine dumme Ausrede. Ich sage dir, das war der letzte und einzige Sex mit ihr, verstanden! Weiterhin bin ich der Meinung, dass du ihr richtig helfen solltest.“
Habe geholfen und mit ihr geschlafen, will ich rufen. Das finde ich in der momentanen Situation unangemessen und sehe Johanna fragend an.
„Klaus hat doch seine speziellen Connections. Wir wissen einiges ĂŒber diesen Vincent. Klaus findet heraus, wer er ist und was mit ihm los ist!“ Johanna ist in ihrem Element. Wenn jemand Hilfe benötigt, ist sie dabei.
TatsÀchlich, Klaus hat mir schon einmal geholfen, nach einer Person zu recherchieren. Wenn der das nicht herausbekommt, dann niemand. Johanna ist toll.
Klaus ist Firmeninhaber eines Unternehmens in der Sicherheitstechnik. Dadurch hat er gute Verbindungen zur Polizei und zu bestimmten Regierungsstellen. Der kann das, der findet das heraus.

Drei Tage in dieser Ungewissheit, drei Abende auf der Bank. In meinem Kopf hĂ€mmert es. Sie wird dort in der KĂ€lte ausharren und niemals aufgeben. Irgendwann muss sie wegen einer LungenentzĂŒndung in ein Krankenhaus. Wieso hat sich dieses Bild bei mir eingebrannt und lĂ€sst mich nicht mehr los?
Dann kommt der erwartete Anruf von Klaus. „Tom, wir haben ihn. Er heißt Vincent Price und ist Vice-President bei Dexon Europe. Leider hatte er am 16. August auf der A24 einen schweren Autounfall. Ein LKW hat sechs Pkws im Stau zusammengeschoben und er war mittendrin. SchĂ€del-Hirn-Trauma. Er liegt seitdem im Koma und die Prognose ist sehr schlecht. Ich habe der Schwester gesagt, wenn er aufwachen sollte, soll sie ihm sagen, dass eine Tiffany im roten Kleid auf ihn wartet. Tut mir leid fĂŒr die schlechten Nachrichten. Tom, sagst du es ihr?“
Ich lege auf, kann nicht einmal „Danke“ sagen. Nichts werde ich ihr ausrichten. Ich kann das nicht, darf das nicht. Sie wĂŒrde ihren Job aufgeben, sich an sein Bett setzen und dort ihr Leben vergeuden. Das wĂŒrde sie machen. Deshalb darf ich es ihr nicht sagen.
Drei weiter deprimierende Tage vergehen, ich hadere mit mir, Johanna gibt mir recht, ich soll ihr die Wahrheit nicht erzÀhlen. Es gibt eine kleine Chance, dass sie irgendwann zur Besinnung kommt.

Die Arbeit im BĂŒro macht im Moment keinen Spaß, es ist alles bedeutungslos geworden. Anrufe muss ich trotzdem annehmen.
„Hallo, hier ist Schwester Margret, Uniklinik Hamburg-Eppendorf. Sind Sie der Bekannte von dem Herrn, der hier nach Vincent Price gefragt hat?“
Voller Aufregung bringe ich keinen ganzen Satz heraus. Sie nimmt das zum Anlass, weiter zu berichten. „Wissen Sie, er ist gegangen und deshalb rufe ich Sie an. Die Sache ist fĂŒr unsere Station sehr bemerkenswert. Es war vor drei Tagen nach dem Anruf von ihrem Freund. Da hatte ich gerade die Flasche mit der ErnĂ€hrungslösung gewechselt und erzĂ€hlte Vincent von seiner Freundin. Manche sagen, Komapatienten verstehen nichts. Ich rede immer mit ihnen, das erleichtert mir die Arbeit. Ich erzĂ€hle ihm von Tiffany und dass sie dort im roten Kleid jeden Abend sitzen und auf ihn warten wĂŒrde. Als ich zum dritten Mal ‚Tiffany‘ gesagt habe, schlĂ€gt Herr Price seine Augen auf und fragt, wo sie ist. Da habe ich einen Riesenschreck bekommen und sofort den Oberarzt gerufen. Vincent Price wollte direkt zu ihr, ist dann vor dem Bett zusammengebrochen. Seine Beine und der Kreislauf machten das nicht mit. Drei Tage hat er wie ein Wilder trainiert, Arme, Beine, den ganzen Körper. Heute Morgen ist er weg, Selbstentlassung. Das wollte ich Ihnen mitteilen!“
Habe ich das soeben richtig verstanden? Von meinen GefĂŒhlen ĂŒberwĂ€ltigt halte ich lange den Hörer in der Hand. Passieren solche Geschichten wirklich? FĂŒnf Uhr, sie sitzt dort. Ich muss zu ihr! Nachricht, Vincent lebt, er wird kommen. Bus, ich muss den nĂ€chsten Bus noch kriegen.
Das rote Kleid! Sie ist da, ich renne.
Dort ist noch jemand.

Er ist gekommen! Er ist da und sie kĂŒssen sich.
Es ist alles in Ordnung.
Sie hat es immer gewusst.

***


__________________
Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.

Albert Einstein

Version vom 07. 11. 2016 15:36
Version vom 07. 11. 2016 18:50

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Susi M. Paul
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Ach ist das schön schrĂ€g und fast richtig romantisch. An ein Happyend hĂ€tte ich wahrhaftig nicht zu glauben gewagt. Und dann die verstĂ€ndnisvolle Johanna, auch in rot, auf dem KĂŒchentisch, wie einst der Postman. Bessere noch den Tippfehler in Z 1 aus, dann wird alles gut.

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Aina
Fast-Bestseller-Autor
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Hallo Jo,
eine Freude, wieder einmal von dir zu lesen!
Allerdings war ich ĂŒberrascht, dass es so ein harmonisches, fast ĂŒberraschend konventionelles, Happyend gab. WĂ€hrend des Lesens war ich gedanklich schon auf der Suche nach der originellen Jo-Wendung, die diese Geschichte wohl nehmen wĂŒrde. Wie wĂŒrde das "Rot" auf einer erweiterten Ebene noch einmal auftauchen? In wessen Traum bewegten wir uns gerade, welche schrĂ€ge RealitĂ€t wĂŒrden wir betreten oder verlassen am Ende der Geschichte? Es hat deutlich geheimnisvoller begonnen, als es endete.
Ungeachtet dessen: ich mag deine Schreibe, finde die Idee gut, habe mich vor allem an den ÜbergĂ€ngen erfreut.
Darf ich auf ein paar Details im Text eingehen?

quote:
Im Sommer fahre ich mit meinem Wagen ins BĂŒro, besonders, wenn ich das Dach öffnen kann. Die Haare werden vom Wind zerzaust und das Gesicht streichelt der Fahrtwind. So eine Fahrt vermittelt das GefĂŒhl, zu leben. Sogar die roten Ampeln und die unvermeidlichen Staus, die ich normalerweise hasse wie die Pest, machen dann Spaß. Die Sonne lacht mich an, genau wie die Blondine im Wagen, der neben mir hĂ€lt. Dann grĂŒĂŸe ich mit einem breiten Grinsen im Gesicht zurĂŒck.
Das ist Kommunikation, die mich vor dem ersten Kaffee im BĂŒro positiv stimmt.
Bei diesem Absatz habe ich mich gefragt, warum du ihn drin hast. Er macht Bilder und ich lerne den Prot. mit seiner Einstellung ein wenig nĂ€her kennen, aber mir wĂŒrde keine Information fehlen, wenn er nicht drin wĂ€re. Unterwegs habe ich mich gefragt, wann der Absatz wohl fĂŒr die Geschichte wichtig wird und habe nichts dazu gefunden. Oder doch?

quote:
Solche Straßen gibt es immer noch und hier ist es ein ganzer Stadtteil. Ich hatte ĂŒberhaupt nicht rausgesehen, sondern diesen roten Lichtblitz beim Lesen aus denm Augenwinkeln bemerkt.
Sagt man, dass man etwas aus beiden Augenwinkeln bemerkt? Oder doch nur aus dem / einem Augenwinkel?

Die KĂŒchenszene mit Johanna finde ich super! Bilder im Kopf, mit minimalem Worteinsatz auf den Punkt gebracht!

quote:
Sie hat ein dĂŒnnes rotes Sommerkleid an und dazu rote Schuhe. Dieser Farbansturm wird zusĂ€tzlich durch eine nahe Straßenlaterne zum Fluoreszieren gebracht.
Wie wĂ€re statt "zusĂ€tzlich", "obendrein"? Hört sich fĂŒr mich flĂŒssiger an.

quote:
Es ist wie ein Reflex. Wenn ich Johanna in eine Zitronenscheibe beißen sehe, zieht sich gleichzeitig auch mein Mund zusammen. Ich bin bei derartigen Dingen sehr sensibel und kann nicht verhindern, beim Anblick ihrer nackten Arme eine GĂ€nsehaut zu bekommen.
Ich finde, dass der Prot. nicht erklĂ€ren muss, dass er sensibel ist, denn das ergibt sich automatisch aus der Beschreibung, seinen Beobachtungen, seinem empathischen MitfĂŒhlen und Mitfrieren.
Das kommt nochmal im nÀchsten Abschnitt.
quote:
Ihr Auge hat gezuckt! Dieser freundliche, gedankenverlorene Gesichtsausdruck hat sich geĂ€ndert. Unsensible Personen wĂŒrden das nicht bemerken. Ihr Mund, KrĂ€uselung der Nase, beides zeigt den Hauch eines Genervtseins. Das kenne ich von Johanna. Sollte sich diese mysteriöse Frau von mir belĂ€stigt fĂŒhlen?
Mir erscheint es nicht wichtig extra zu bemerken, dass unsensible Personen das nicht bemerken. Das ergibt sich aus dem "Hauch eines ..." von selbst.

quote:
„Johanna, Johanna, du glaubst es nicht, heute habe ich die Frau in Rot angesprochen!“ Sie liebt es, wenn ich ehrlich zu ihr bin, oder? Heute nicht.? „Was? Du sprichst fremde Frauen auf der Straße an? Ich glaube, es geht los! Raus damit, hast du dich mit ihr verabredet? Sag die Wahrheit, ich merke sofort, wenn du lĂŒgst!“

Nach "Heute nicht" wĂŒrde ich einen Punkt machen, statt es als Frage zu stellen, weil aus Johannas Reaktion ganz klar wird, dass sie es nicht positiv reagiert. Oder verstehe ich es falsch?

quote:
DafĂŒr glĂŒht es in der Glasscheibe gegenĂŒber auf. Diesem Rot kann ich nicht entkommen.

Diese Stelle hat mich dazu veranlaßt auf eine tiefere Bedeutung des Rotes und einen verzwickteren Schluß zu hoffen.

quote:
Der Wind ist heute noch ungemĂŒtlicher. Die Straße wird von wenigen alten Laternen schlecht beleuchtet, deren Glas seit Jahren nicht ersetzt wurde.

Weiter oben bringt die Straßenlaterne das Kleid zum fluoreszieren. Darunter hatte ich mir ein kĂŒhles, klares Licht vorgestelllt. Bei dieser Lampenlicht-Beschreibung wĂŒrde fĂŒr mich das Rot des Kleides eher tiefer, wĂ€rmer und dĂŒsterer werden.

quote:
Auf dem BĂŒrgersteig liegen Scherben, Papier und undefinierbare Objekte, von denen ich nicht wissen möchte, was sie sind oder waren.
Klasse Beschreibung - gefÀllt mir ausnehmend gut.

quote:
„Tom“, flehend sieht sie mich an. „Ich bin nicht irre oder umnachtet. Sie können mir einen Gefallen tun. Gekniffen habe ich mich schon oft. Sehen Sie die blauen Flecke hier am Arm? Aufgewacht bin ich trotzdem nicht. Vielleicht kann man es selbst gar nicht machen? Mich kann nur jemand anderes aufwecken und das sind sie. Tom, geben Sie mir bitte ein paar krĂ€ftige Ohrfeigen!“
Meine Hand bleibt stehen.
Der zum Abschiedsgruß ausgestreckte Arm bleibt wie angewurzelt in der Luft hĂ€ngen und bewegt sich keinen Millimeter. „Tom, es muss sein! Was ist, wenn ich tatsĂ€chlich schlafe und alles ein böser Traum ist? Das wĂ€re schrecklich. Tom, machen Sie schon!“
Also: bei "umnachtet" bin ich hĂ€ngen geblieben, weil Tiffany spĂ€ter davon spricht, dass sie ausschließen möchte, dass es ein Traum ist. Also: sie ist sich sicher, dass sie nicht irre ist, aber ob es ein Traum ist, kann sich nicht mit Sicherheit sagen. Daher gibt es zumindest den Verdacht sie könnte umnachtet sein. Oder?

quote:
Zuerst hemmt mich eine unbekannte Sperre inm Handgelenk oder im Kopf. Sie nickt auffordernd. Also krĂ€ftiger! Tapfer streckt sie mir ihre Wange entgegen und der Blick ermuntert zu mehr. Beiden Wangen werden fast so rot wie ihr Kleid. Ich stufe das als eine deutlich gesuĂŒndere Farbe ein, als dieses blĂ€uliche Weiß, das von der KĂ€lte herrĂŒhrte. Es muss wehgetan haben.

Das kam jetzt aus tiefster Seele und ich bin ein weinig stolz auf mich.

quote:
Reiß dich zusammen! Tom, du willst ihr helfen. Das ist deine Chance, sie zu heilen, sie von ihrenm Tick mit der Bank zu befreien.

quote:
Jetzt lĂ€chelt sie. „Kommen Sie, Tom, wir gehen zu mir. Ich wohne in der ĂŒbernĂ€chsten Straße."
"Wie hypnotisiert folge ich ihr.


quote:
Johanna gegenĂŒber nicht und wegen ihr sollte ich die nackte Tiffany auch nicht so lĂŒstern ansehen. Es ist eine Mischung aus Faszination und SchuldgefĂŒhl, die meinen Blick ĂŒber ihre vollendeten BrĂŒste, Taille und Scham gleiten lĂ€sst. Nein, ich werde nicht vergleichen! Das hier ist eine Ausnahmesituation und Tom, du bist jetzt nichts anderes als ein Therapeut. Der beste! Streng dich an!
Die Innenschau von Tom finde ich hier richtig gut. Zeigt das ganze Spektrum voll auf den Punkt, ebenso wie der darauf folgende Absatz. Am Ende ein kleiner Zeit-Verrutscher:

quote:
Ein aufmerksames Gesicht mit großen erwartungsvollen Augen, deren Pupillen sich jetzt weiten, bringt mich aus der Fassung! Dieser Anblick hat es bewirktbewirkt es. Ich habe gestöhnt, ejakuliert stöhne, ejakuliere und liege befreit auf ihr.
Sie ist entspannt.

quote:
„Danke Tom, das haben Sie gut gemacht. Nein, fehlender Sex war es nicht. Ich denke noch an ihn.“
FĂŒr eine Geschichte aus dem echten Leben nicht ganz glaubhaft, dass sie ihn danach immernoch siezt, aber es zeigt so ĂŒberdeutlich wie distanziert sie noch sind und deshalb doch sehr passend.

quote:
Habe geholfen und mit ihr geschlafen, will ich rufen. Das finde ich in der momentanen Situation unangemessen und sehe Johanna fragend an.

quote:
Die Arbeit im BĂŒro macht im Moment keinen Spaß, es ist alles bedeutungslos geworden. Anrufe muss ich trotzdem annehmen.
„Hallo, hier ist Schwester Margret, Uniklinik Hamburg-Eppendorf. Sind Sie der Bekannte von dem Herrn, der hier nach Vincent Price gefragt hat?“
Die ÜbergĂ€nge wie hier zum Beispiel (BĂŒro - Telefon - Schwester Margret), finde ich genial, flĂŒssig, schön!

quote:
Wie erschlagen halte ich den Hörer in der Hand. Passieren solche Geschichten wirklich? FĂŒnf Uhr, sie sitzt dort. Ich muss zu ihr!
"Wie vom Blitz getroffen...", "Erstarrt...", fÀnde ich ein wenig passender. "Erschlagen" stelle ich mir nur final und blutig vor.

Ich danke dir fĂŒr die Lesezeit, die ich geschenkt bekam und hoffe, dass ich meine Gedanken dazu verstĂ€ndlich ausdrĂŒcken konnte.
Viele GrĂŒĂŸe,
Aina

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Carpe diem!

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Jo Phantasie
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Aina,
lieben Dank fĂŒr deine intensive BeschĂ€ftigung mit meiner Geschichte, den zahlreichen Anregungen und Korrekturen. Rechtfertigungen mag ich nicht, wohl aber ErklĂ€rungen zu manchen Abschnitten, die ich anders sehe als du.

Den langen Abschnitt mit der Wagenfahrt habe ich gekĂŒrzt. Metino hat ihn auch schon angemeckert, aber er bleibt im Prinzip drin, da die ErklĂ€rung wichtig ist.

Dein „obendrein“ ist ein Synonym fĂŒr zusĂ€tzlich, das allerdings fĂŒr mich etwas antiquiert und/oder sĂŒddeutsch klingt. Ist Ansichtssache.

Deine Streichungen fĂŒr ĂŒberflĂŒssige ErklĂ€rungen habe ich eingesehen und umgesetzt.

Das Fragezeichen ist einem Punkt gewichen. „Heute doch nicht.“ Der Satz wird damit zur Feststellung.

„schlecht beleuchtet“ Hier ist das „schlecht“ fehl am Platz und steht im Widerspruch zur vorherigen Aussage.
„umnachtet“ der Duden sagt dazu: „gehoben fĂŒr verwirrt“, also nicht „im Traum“. Ich habe es in „verwirrt“ geĂ€ndert, das macht auch Sinn.

Bei Sex im PrÀsens zu bleiben, mach es lebendiger, das hast du gut erkannt.

„Wie erschlagen“ gibt nicht die richtige Stimmung wieder. So, deinetwegen habe ich an der Stelle etwas weiter ausgeholt.
„Habe ich das soeben richtig verstanden? Von meinen GefĂŒhlen ĂŒberwĂ€ltigt halte ich lange den Hörer in der Hand.“

Ich sollte dir meine nÀchste Geschichte vorab schicken, das macht Sinn.

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Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.

Albert Einstein

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