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Leselupe.de > Erzählungen
Die Frau mit der Curtiss F9C-2 Sparrowhawk
Eingestellt am 12. 07. 2012 13:56


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Hagen
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Die Frau mit der Curtiss F9C-2 Sparrowhawk

In die Stille der Nacht jingelte das Handy das Riff aus Satisfaktion. Mein Chef.
„Wie sieht’s denn aus bei dir?“
„Ich steh‘ hier ganz alleine am Bahnhof rum wie Frau Lot und denke über den Sinn des Lebens nach.“
„Gut. Dann leite ich die Anrufe jetzt auf dich um. - Sag‘ mir bitte Bescheid, wenn du zu einem Ergebnis gekommen bist, was den Sinn des Lebens betrifft.“
„Mach‘ ich, Boss.“
„Gut. Aber bring’ vorher bitte noch eine junge Dame nach Hause.“
Er gab mir die Adresse und ich fuhr hin.
Die junge Frau stand neben einem Mann in der Tür eines Hauses mit kleinem Vorgärtchen. Sie ging los, als ich vorfuhr. Ihre Frisur war deutlich aus der Mode, rund um den Kopf hochgesteckt, ohne festigendes Haarspray. Die Haare waren nicht zerwühlt, vereinzelte Strähnen lediglich etwas gelöst.
Der Mann schloss die Tür, eine Spur zu schnell, ohne Kuss, ohne Umarmung, er gab ihr nicht mal die Hand. Sie stieg ein bevor ich aussteigen konnte um ihr kavaliersmäßig die Tür aufzuhalten und murmelte eine Adresse in Immensen.
Wir waren schon zusammen gefahren, mehrmals. Wir hatten uns unterhalten und uns gegenseitig nett gefunden, irgendwann wollten wir einen Kaffee zusammen trinken oder mal zusammen essen gehen, vielleicht auch mehr - ich spürte etwas, was sie nicht aussprechen mochte.
Sie saß eine Weile schweigend neben mir und kramte plötzlich einen Umschlag aus ihrer Handtasche, und aus dieser ein Foto.
„Sie sind doch ein Mann“, sagte sie, „dann verstehen sie doch sicherlich was von Flugzeugen.“
„Wohl kaum“, antwortete ich, „gelernt habe ich Florist. Aber Florist ist kein Beruf für einen Mann. Taxifahrer schon eher. Beides ist weit entfernt von Flugzeugen.“
„Vielleicht wissen sie ja doch Bescheid, oder sie kommen durch Nachdenken drauf.“
Sie hielt mir das Foto so hin, dass ich beim Fahren einen Blick darauf werfen konnte. Das Bild eines Flugzeugs, eines einsitzigen Doppeldeckers mit Sternmotor und starrem, verkleidetem Fahrwerk. Oben drauf, beginnend über dem Propellerkreis bis zur Hinterkante der oberen Tragflächen war eine gebogene Stange angebracht, die in einem Haken endete.
„Interessant“, bemerkte ich, „wozu dient der ‘Kleiderbügel’ oben auf dem Flugzeug? Sieht aus wie ein umgedrehter Schlittschuh mit Haken hinten dran.“
„Finden sie es heraus!“
„Flugzeuge, die auf Flugzeugträgern landen, haben meistens hinten einen Fanghaken. Der greift dann eins der quer über das Deck gespannten Fangseile, und dieses bremst das Flugzeug ab. - Hier allerdings ist der Haken oben drauf, seltsam.“
„Ja, nicht wahr?“ Sie lächelte hintergründig, „wenn sie mir das sagen, gehe ich mit ihnen essen.“
„Können wir das nicht auch mal so tun? Am nächsten Wochenende habe ich frei...“
„Nein!“ unterbrach sie und gab mir das Foto.
‘Irgendjemand müsste mir mal die Frauen erklären’, dachte ich während wir vor der angegebenen Adresse hielten.
Sie gab mir das Fahrgeld ein wenig aufgerundet.
„Darf ich sie eben noch zur Tür geleiten, nur für den Fall, dass ein Unhold im Gebüsch lauert?“ fragte ich.
Sie warf mir einen irritierten Blick zu, murmelte: „Wir sehen uns!“ stieg aus und ging mit wiegenden Schritten zum Haus. Es wäre unhöflich gewesen, ihr nicht anerkennend nachzusehen.
Ich steckte das Foto des Flugzeugs mit dem Kleiderbügel oben drauf in meine Hemdentasche und fuhr nachdenklich zum Rastikum an der Tangente. Daselbst aß ich schnell eine Bockwurst, trank zwei Becher Kaffee fuhr zurück zum Bahnhof.
Viel passierte nicht mehr, die Nacht. Selten, sehr selten kommt ein einzelner Nachtschwärmer entlang. Ich hatte längst aufgehört, darüber nachzudenken, ob er irgendwo versackt war, mächtig Überstunden gemacht hatte, oder nur verschwunden sein musste, bevor der Mann der Frau, der er unlängst beigewohnt hatte, heim käme.
Während dieser Stunden kommen keine Züge, die potenzielle Fahrgäste bringen, nur schwere Güterzüge rumoren durch den Bahnhof, Nacht für Nacht, viele davon sind massenhaft mit Autos beladen.
‘Wer kauft die alle? - Ist das der Sinn‘? dachte ich während ich die Seitenscheibe herunter drehte, ‘jeden Tag werden unzählige neue Autos gebaut, und auch verkauft. - Demnach muss es uns allen doch unheimlich gut gehen!’
Ich tauschte die neuen Scheine aus meinem Taxiportemonnaie gegen die etwas abgegriffenen aus meiner privaten Geldbörse, stieg aus, lehnte mich ans Taxi, schaute in den Himmel über Lehrte, zündete die Zigarette an und dachte darüber nach, wofür der Haken auf dem Flugzeug sein könnte.
Normalerweise hängt man an einem Haken etwas auf, der Haken war an dem Flugzeug, also sollte das Flugzeug irgendwo hin gehängt werden, aber wohin?
Ich begann beim Grübeln ein ganz klein wenig müde zu werden. Nicht zum Einschlafen müde, aber so, dass es schon etwas stärkerer Eindrücke bedarf, sie zu registrieren. Trotzdem sah ich die Sternschnuppe. ‘Ich möchte wissen, was im Inneren einer Frau so alles vorgeht’, dachte ich, die Sternschnuppe verglomm, ‘irgendwann wird es mir nicht mehr verborgen sein! - Scheiße, wieder mal zu langsam!’
Ich rauchte einige Züge, versuchte mich damit zu trösten, dass es gar keine richtige Sternschnuppe gewesen war, möglicherweise nur ein Satellitentrümmer und versuchte die Zigarettenkippe in den nächsten Gully zu schnipsen.
Sie landete dicht daneben.
Ich hätte die Zeit, die ich auf dem Taxenplatz verbrachte, anders nutzen mögen, als nur philosophische Gedanken zu denken, irgendwie produktiver. Aber vielleicht bekommt der Mensch nur durch tiefes Nachdenken die Antwort auf die Frage, was im Inneren einer Frau so alles vorgeht. Da die Ressource ‘Zeit’ unwiederbringlich ist, hat der Taxifahrer die ethische Verpflichtung, diese sinnvoll zu nutzen; - sein geringes Gehalt sorgt dafür, dass er weit weg ist, von irgendeinem Konsumzwang.
Ich hätte jetzt gerne eine Zigarre gehabt, und einen Cognac, für tiefes Nachdenken. Klar, dass ich andächtig Musik hörte, aber ich konnte sie nicht so genießen, wie es ihr zukommt. Der Moment, in dem jemand die Tür aufreißt, sich das Funkgerät oder das Handy meldet, ist nicht planbar. Weil jeden Moment etwas passieren kann, ist mir der Musikgenus unmöglich. Die Musik, die mich einhüllte, hätte nicht die Wertschätzung erfahren, die es verdient. Ich wollte den Fahrgast, der einsteigt, den Kollegen, der mal eben „Guten Tag“ sagt, den Anrufer, der ein Taxi bestellt, nicht als Störenfried empfinden. Ich versuchte, ‘unstörbar‘ zu sein. - Vielleicht verursachen Satellitentrümmer ja auch Sternschnuppen, die Wünsche wahr werden lassen, denn der Wunsch weiß niemals, was die Sternschnuppe verursacht hatte; - entscheidend ist die schnelle Entschlusskraft, der Auslöser für den Wunsch, den ein Mann selber realisieren muss.
Ich sollte mir in der nächsten Zeit ein Laptop kaufen um Gedanken festzuhalten, ein Buch über das Leben schreiben, ohne Rücksicht auf ‘Bedarfsdeckung’ und was es sonst noch so alles gibt.
Stattdessen fuhr ich einen Besoffenen nach Hause, ansonsten passierte diese Nacht gar nichts mehr.

Als hätte es so sein sollen, brachte ich Herrn Kuhnt am nächsten Tag zum Training. Herr Kuhnt ist Modellbauer, versteht viel von Flugzeugen, die er nachbaut, und gibt dieses Wissen auch gerne preis; - man darf nur nicht ‘Bastler‘ zu ihm sagen. Dann wird er sauer und erzählt überhaupt nichts mehr.
Leider hatte er seine Frau mit, und die erzählte mir was vom Fußball und dass der Torwart der wichtigste Mann der ganzen Mannschaft ist. Ich ließ sie zunächst leerlaufen und zeigte Herrn Kuhnt dann mal so ganz beiläufig das Bild mit dem Flugzeug, und seine Augen leuchteten auf.
„Eine Curtiss F9C-2 Sparrowhawk! Ein interessantes Baumuster“, sagte er, „ein luftschiffgestütztes, einsitziges Jagdflugzeug.“
„Wie ‘luftschiffgestützt’?“ fragte ich.
„Na ja, die Amis hatten einige riesige starre Luftschiffe gebaut, die Akon, die Macon und die Los Angeles. Diese Luftschiffe hatten innerhalb ihrer Hülle je einen Hangar für je vier kleine Jagdflugzeuge, die über ein Trapez abgesetzt und wieder eingefangen werden konnten. Ein Haken, der oberhalb des Flugzeugrumpfes montiert war, konnte in ein Trapez einrasten und der Jäger so in das Mutterschiff hineingezogen werden. Die Sparrowhawks flogen sogar teilweise ohne Fahrwerk, stattdessen hat man einen Zusatztank installiert. - Die Macon ist allerdings verloren gegangen und hat vier...“
„Nun hör endlich mit deinen Scheißflugzeugen auf“, unterbrach die Frau, „das interessiert doch keinen Menschen!“
„Doch“, sagte ich, „das interessiert mich brennend.“
Aber das wollte sie mir nicht glauben und erzählte stattdessen, dass der Torwart der wichtigste Mann des Teams ist.
Da war nix zu machen, aber meine Information hatte ich.
Die checkte ich nochmal gegen, als ich Ingolf zur nächsten Schicht abholte, und er mich nach Hause brachte.
„Sag’ mal, sagt Dir Curtiss F9C-2 Sparrowhawk etwas?“ fragte ich als Ingolf den Zündschlüssel drehte.
Ingolf grübelte sichtbar, „’hört sich wie ein Flugzeug an“, sagte er beim Starten. „Die Firma Curtiss hat im Weltkrieg Zwo unter Anderem Kampfflugzeuge gebaut. ‘F’ wie ‘Fighter’, Du verstehst?“
„Ich verstehe nur zu gut“, sagte ich, beschrieb ihm die Maschine und verwies auf den Haken oben drauf, und das man die Flugzeuge damit unter einen Zeppelin gehängt und hineingezogen hatte. Ingolfs Mine hellte sich merklich auf, als ich ihm die Geschichte dazu erzählte, von der Frau, die erst mit mir essen gehen will, wenn ich ihr sage, wofür der Haken ist.
„Klar“, sagte Ingolf, „die sucht einen Partner, der denken und analysieren kann. - Endlich mal eine kluge Frau, die sich nicht von irgendwelchen Trends blenden lässt. Normalerweise muss man als Mann ja erheblichen Aufwand treiben, um eine Frau zu erobern.“
„Wie meinst Du das denn?“
„Na ja, die Frau will ja im Ernstfall versorgt sein. Du musst ihr zeigen, dass Du das kannst, indem Du einen möglichst dicken Wagen fährst, ihr Komplimente machst, Schmuck schenkst, Blumen mitbringst, sie zum Essen einlädst und ihr einen Pelzmantel schenkst. Dadurch zeigst Du, dass Du in der Lage bist, andere bereits für Dich arbeiten zu lassen.“
„Wie?“
„Ist ja noch nicht lange her, dass die Menschen von den Bäumen runter sind und festgestellt haben, dass Fleisch, also proteinreiche Nahrung, gut für die Frau ist, die ja die Kinder in sich wachsen lässt. Zu dem Zeitpunkt kam es auch zur Spezialisierung unter den Männern: Das Tier töten und nach Hause bringen war eine Sache, aber man muss erst wissen, wo die Tiere sind! Der Mann kann auf gut Glück in die Savanne rennen, oder der Mann kann überlegen, Fakten sammeln und gezielt losgehen um Nahrung zu finden. Ich kann mir vorstellen, dass diese Frau solch einen Mann sucht.“
„Ist das kompliziert mit den Frauen! Wenn eine Frau einen Mann will, braucht sie in der heutigen Zeit doch nur nackt zu kommen und Bier mitzubringen.“
„Da hast Du auch recht“, grinste Ingolf, „da sollten wir gelegentlich mal drüber reden. - Aber jetzt wünsche ich Dir einen schönen Feierabend.“
„Jep, dank Dir! - Mögen die Straßen vor Dir frei und eben sein!“

Es vergingen fast vierzehn Tage, bis mich die junge Frau wieder anforderte, sie forderte mich namentlich an.
Ich fuhr sie von einer Apotheke in Sehnde nach Immensen, sie hatte eine Schaufensterpuppe mit. Wir mampften Schokolade während der Fahrt, und dann fragte sie, ob ich denn schon wüsste, wofür der Haken auf dem Flugzeug sei.
Ich war kurz davor, es ihr zu erzählen, aber ich ließ es sein und sagte stattdessen, dass ich dran arbeite.
„Schade“, sagte sie. Ich war kurz davor, ihr das Ding mit den Luftschiffen zu erzählen; - ich ließ es, es wäre zu leicht gewesen, sie hatte mir die Sache wie eine Herausforderung auferlegt.
„Würden Sie trotzdem mit mir essen gehen?“ fragte ich.
Sie feixte ein Lächeln, das ihre Schneidezähne frei legte und schüttelte den Kopf.
„Keine Chance.“
Doch sie fand es annehmlich, dass ich ihr den Wagenschlag öffnete, und ihr die Puppe bis zur Tür brachte.
„Möchten Sie sich mal meine anderen Puppen ansehen?“ fragte sie, während sie in ihrer Handtasche nach den Schlüsseln kramte.
„Sehr gerne, aber im Moment nicht, ich muss noch ein Bisschen fahren. Ich schaue sie mir gelegentlich gerne an; - wenn wir zusammen essen gegangen sein werden.“
„Ja, das würde mich freuen. - Aber erst die Antwort auf die Frage mit dem Haken auf diesem Flugzeug!“
„Wie bereits erwähnt, ich arbeite dran“, sagte ich, „können wir nicht trotzdem mal zusammen essen gehen?“
„Nein.“
„Und wenn ich Ihnen noch eine Tafel Schokolade schenke?“
„Nein!“ Sie lachte. „Einen schönen Abend noch.“
Sie und die Schaufensterpuppe verschwanden ruckartig im Haus.
Zurück nach Lehrte, auf den Taxenplatz.
Dort standen die Weiße Gertrud und Doppelwhisky.
Doppelwhisky fluchte fürchterlich. Er hatte einem Fahrgast erlaubt, in seinem Taxi zu rauchen, war in eine Kontrolle geraten und durfte dreißig Euro abdrücken.
Während ich eine rauchte, zeigte ich tiefes Mitgefühl und hörte mir von der Weißen Gertrud einen kleinen Vortrag über die gesundheitsschädigende Wirkung des Passivrauchens an.
Ich hätte es der Frau doch erzählen sollen, zumal sie meinen Namen bereits kannte; - aber woher nur?
Egal, es war zu spät für irgendwas - zu spät.

Es gibt so Nächte, in denen kann man nicht unterscheiden zwischen Traum und Wirklichkeit. Dass ein Frau ankommt und wissen will, wozu der Haken auf einer Curtiss F9C-2 Sparrowhawk gut sein soll, ist eigentlich son absonderlich genug, aber das eine Frau zu nächtlicher Stunde einfach so einsteigt, ohne dass ich das mitgekriegt hätte, war eigentlich undenkbar.
Aber es war passiert.
„Nach Bilm bitte!“
„Ja, natürlich, herzlich gerne“, sagte ich. Ich hatte keine Tür klappen gehört, keine Bewegung des Taxis wahrgenommen.
„Worauf warten sie noch? Auf Godot? Und fahren sie bitte über Höver.“
„Natürlich gerne. Aber ich darf sie darauf hinweisen, dass die von ihnen gewünschte Strecke einen dezenten Umweg darstellt.“
„Ich weiß. - Ich möchte ihnen gerne meine neue Tätowierung zeigen.“
„Ich bin außerordentlich begierig, diese zu sehen.“
„Na, dann los!“
Ich startete den Motor, drückte auf die Uhr und beschleunigte die Bahnhofstraße entlang.
„Eine schöne Nacht“, sagte sie, „langsam wird’s Frühling.“
„Ja, da freue ich mich auch drauf.“
Wir smalltalkten, irgendetwas über Picknicken und Zugverbindungen.
Dabei verließen wir Lehrte. Auf der Straße nach Höver drückte ich etwas fester aufs Gas, die Fahrbahn floss etwas schneller unter uns hindurch. Sie zog während der Fahrt langsam ihre Jacke aus.
„Hier bitte links rein“, sagte sie plötzlich nachdem sie die Jacke auf die Rückbank geworfen hatte. Auf ihrem Arm ruhte die tätowierte Schlange.
„Was? In den Waldweg?“
„Ja!“ sagte sie mit fester Stimme.
„Sie tun mir aber nichts?“
„Nein! Wie kommen sie denn da drauf? Ich will ihnen nur meine neue Tätowierung zeigen.“
„Dazu bedarf es dieses Aufwands?“
Ich schaukelte das Taxi einige Wagenlängen in den Waldweg.
„Ja. Aber hier können sie anhalten.“
„Sehr gerne.“
Ich stoppte, stellte den Motor ab, löschte das Fahrlicht und schaltete die Innenbeleuchtung ein.
„Wie kann ich die Lehne zurück stellen?“ fragte sie und nestelte am Gürtel ihrer Jeans.
„Moment.“ Ich griff das Handrad am Sitz, drehte es eine halbe Umdrehung und ließ die Rücklehne damit etwas nach hinten kippen.
„Noch mehr!“
„Ganz nach hinten?“
„Ja!“
Ich drehte weiter während ihre rechte Hand Gürtel und obersten Knopf der Jeans öffnete, ihre Linke ließ derweil die Knöpfe der Bluse aufspringen; - bis auf den dritten von oben, die beiden obersten waren bereits geöffnet.
„Ich möchte ihnen nicht zu nahe kommen...“
Die tätowierte Schlange bewegte sich ein wenig.
„Ach Quatsch! - Schauen sie mal!“
Gürtelschnalle und das Ende des Gürtels mit den Löchern flogen auseinander, beide Hände schoben den Schlitz der Jeans auseinander. Flammen wurden sichtbar, träge wabernde Flammen.
Die Frau neben mir hob ihr Gesäß ein wenig und schob die Jeans herunter. Weitere Flammen wurden sichtbar.
„Ich denke, es genügt“, sagte ich rau.
„Es genügt nicht!“
Sie lachte silberhell und schob die Jeans weiter zum Knie, ihren Slip bis zum Ansatz der Schamhaare. Die Flammen begannen zu lodern, sie züngelten in Richtung Bauchnabel. Die Cobra auf ihrem rechten Busen schaute aus der Bluse, sie züngelte; - aber sie züngelte nicht auf Verfolgung der Beute, ihre Zunge glitt über ihre Lippen, genau wie die Frau neben mir ihre Zunge über ihre Lippen gleiten ließ, bis ihre Schamhaare sichtbar wurden, aus denen Flammen loderten. Die Flammen leckten über den Bauch bis zum Nabel.
„Eine faszinierende Tätowierung, gnädige Frau. Wirkt wie echtes Feuer! Ich habe derartiges noch nie gesehen. Ausgesprochen bemerkenswert.“
„Nein, nein, aber irgendetwas Seltsames ist damit passiert. Würden sie sie mal anfassen?“
„Aber gnädige Frau!“
„Bitte.“
„Natürlich gerne, aber nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht...“
„Nein, nein, keine Sorge. Fassen sie das Tattoo ruhig mal an.“
„Na gut, ganz wie sie wünschen.“
Ich legte meine rechte Hand vorsichtig unterhalb des Nabels auf ihren Bauch. Meine Hand wurde von Flammen eingehüllt, ich zog sie zurück, erst jetzt spürte ich die Hitze. Die Manschette meines Hemdes glomm an einigen Stellen, weißer Rauch löste sich von ihr.
„Das ist aber...“ Ich klopfte die Glut mit der linken Hand aus.
„Entschuldigung“, sagte die Frau neben mir, „so schlimm ist das bisher noch nicht passiert.“
Die Kobra züngelte noch einmal, zog sich zurück und ruhte wieder tätowiert auf dem Busen.
„Na, Mensch...“ mehr brachte ich nicht heraus.
„Das tut mir leid, aber...“ Sie zog ihre Jeans wieder hoch, über die nunmehr ruhige Schlange und griff nach meiner rechten Hand. „Sie brauchen keine Angst zu haben.“
Die Innenfläche meiner Hand zeigte leichte Rötung, nur auf dem Ballen begann sich eine Blase zu bilden.
„Wissen sie, ich habe das Tattoo erst die Tage machen lassen. Als ich gestern mit meinem Freund geschlafen habe, ist es so ähnlich passiert, allerdings nicht ganz so schlimm, ihm ist nur sehr warm geworden. - Und die Schlange hat sich nicht bewegt.“
„Naja, möglicherweise war zuerst ihr Freund da, und dann haben sie die Schlange tätowieren lassen.“
„Ja, das stimmt. Mein Freund hat das gemacht, er ist Tätowierer. Die Kobra und die Lohe sind ein ‘Geschenk’ von ihm.“
„Dann allerdings! - Kann es sein, dass die Schlange auf sie aufpasst?“
„Wie?“
„Die Schlange ist, wie sie sagten, ein Geschenk von Ihrem Freund. Er hat die ‘Schlange’ möglicherweise derart ‘dressiert’, oder er hat ihnen eine ... wie soll ich sagen? - ‘magische Schlange’ tätowiert, die auf jeden anderen Mann losgeht, der sich ihrem - entschuldigen sie bitte, aber mir fällt kein anderes Wort ein - Schambereich nähert. Kann das sein?“
Sie nickte nachdenklich, „…und ich wollte mich von ihm trennen...“
„Ich kann sie verstehen, dass das schwer wird. - Möglicherweise wird die Kobra auf jeden anderen Mann losgehen, außer auf ihren jetzigen Freund. – Will sich ihr Freund auch von ihnen trennen?“
„Auf gar keinen Fall!“
„Dann wird er die Trennung auf diese Weise wirkungsvoll verhindern.“
„Wenn ich das irgendjemandem erzähle, also, der hält mich für verrückt!“
„Die Sache ist in der Tat etwas ungewöhnlich. - Hat ihr Freund unterhalb des Bauchnabels zufällig auch eine Tätowierung?“
„Ja, einen Wasserfall.“
„Dann allerdings. Wasser löscht normalerweise Feuer. Vielleicht reichte das Wasser nicht ganz, um die Flammen soweit niederzuhalten, dass keine Wärme entstand.“
„Meinen sie?“
„Ich habe auf die Schnelle keine andere Erklärung.“
„Und was soll ich jetzt machen?“
„Weiß ich nicht. – Warum - zur Hölle - kommen dauernd irgendwelche Frauen zu mir und erwarten, dass ich mal eben ihre selbstverursachten Probleme löse? – Erklären sie mir stattdessen lieber die Frauen.“
„Was soll das denn heißen?“
„Ach, egal“, nachdenklich betrachtete sie meine Handinnenfläche. Die Hand sah aus, als hätte ich sie kurz in einen brennenden Kamin gesteckt. „Nicht so schlimm“, sagte ich, „schalten werde ich damit noch können. Ich besorge mir gleich eine Salbe, kein Problem.“
Vorsichtig drehte ich den Zündschlüssel, der Motor sprang an, ich legte den Automatikhebel auf ‘Rückwärts’. Tat weh, aber ich ließ mir nichts anmerken.
Während ich sie nach Hause brachte, mahlten ihre Zähne.
Ich fuhr die Notdienstapotheke in Sehnde an und klingelte. Es dauerte eine Weile, bis die leicht verschlafen dreinblickende Apothekerin entlang kam und die kleine Klappe öffnete. Ich fragte nach einer Salbe gegen Brandblasen und steckte die Hand durch die Klappe.
„Ach, Sie sind’s wieder! - Hat Ihr Taxi gebrannt?“ fragte sie leise.
„Äh, was?“
„Das sieht ja schlimm aus! Moment, ich lasse Sie mal rein.“
Die Türen glitten zur Seite. Etwas irritiert betrat ich die Apotheke. Der Kittel der Apothekerin war von blendendem Weiß, ihre Haare trug sie rund um den Kopf hochgesteckt, ohne festigendes Haarspray. Eine zeitintensive Frisur, die im Lauf der Nacht langsam zerfällt. Einige Löckchen fielen bereits in Hals und Nacken und zwei, drei Haarsträhnen umwehten ihre Augen bei jeder Bewegung. Diese Bewegungen waren sorgsam, präzise dimensioniert und drauf bedacht, nichts zu berühren oder umzustoßen, als sie bedächtig hinter die Theke glitt.
Erst jetzt erkannte ich sie, sie hatte mich nach dem Haken auf der Sparrowhawk gefragt.
Ich nahm mir vor, ganz cool zu sein; - total cool.
„Dann lassen Sie mal sehen! Wie ist das denn passiert?“
Sie strich mir etwas Salbe auf die Hand und klebte ein Pflaster auf die Brandblase.
„Kleiner Unfall beim Heilfasten.“
Sie lachte hell auf.
„Dass Sie Heilfasten, nehme ich Ihnen nicht ab.“
„Naja, wir haben anschließend Feuerlaufen gemacht, ging bei mir auch glatt durch, die Nummer mit barfuß über glühende Kohlen. Ich war etwas skeptisch danach und hab’ mal eine der Kohlen angefasst. - Tja...“
„Auch das glaube ich Ihnen nicht!“
Lachfältchen bildeten sich um die schönen Augen der Apothekerin.
„Aber eine hübsche Geschichte. Im Grunde genommen ist es mir egal ob die Geschichte stimmt, oder nicht. Hauptsache sie ist gut.“
Ergänzend zu den Lachfältchen hob sie ihre Mundwinkel und legte die Schneidezähne mit mildem Lächeln frei.
„Stimmt. Die Wahrheit ist meistens etwas zu langweilig. Ich musste einen Grund finden, Sie mal wieder zu sehen, um Ihnen ein Lächeln zu entlocken. Darum habe ich den Kühlwasserbehälter meines Taxis mal etwas leichtsinnig aufgeschraubt... Tja.“
Ich zuckte die Achseln.
In ihren Augenwinkeln verstärkten sich die lächelnden Fältchen. Das Gestell der Brille, die sie trug, war von konventionellem, strengem Schwarz, aber einige farbige Tupfer schwächten den strengen Ausdruck etwas ab, wie ein kleiner Ausflug in die Flippigkeit. Deshalb hatte ich sie nicht gleich erkannt.
„In der Tat. - Aber welche Möglichkeit hätte ich sonst gehabt, Sie wieder zu sehen? Ich komme irgendwie mit der Curtiss F9C-2 Sparrowhawk nicht weiter.“
„Ach Sie...“, ihre ferrariroten Lippen kräuselten sich zu einem Lächeln, „ich fahre doch immer mit Ihnen. Sie werden’s schon rausbringen! - Haben Sie sonst noch einen Wunsch?“
„Keinen, den sie mir erfüllen würden; - nur, dass Sie trotzdem mal mit mir essen gehen würden...“
Ganz vorsichtig hob sich ihre linke Augenbraue, ‘sprich’s aus!’
Ich hätte sie gerne gefragt, ob ich einen Kuss von ihren ferrariroten Lippen hätte pflücken dürfen, wenn nicht jetzt, dann später,
„Vielleicht möchten Sie ja mal mit mir picknicken“, fragte ich vorsichtig, „auf lauschiger, mondlichtdurchfluteter Lichtung, in einem Wald aus knorrigen Bäumen und mit wispernden Farnen, Feen und Elfen...“
Fast hätte ich ihr gesagt, dass ich am Sonntag frei haben würde, und ob sie es vielleicht einrichten könne... - Quatsch! So gehen Weicheier vor, oder Frauenversteher der penetranten Sorte.
„Wenn Sie mir sagen, was es mit dem Haken auf diesem Doppeldecker auf sich hat, können wir drüber reden. Dann gehe ich mit Ihnen essen! - Sogar Pizza.“
„Mögen Sie nicht so gerne Pizza? – Vielleicht lieber indisch?“
„Schon eher. Aber kommen Sie mir nicht mit Gummibärchen!“
„Um Gottes Willen. - Na, gut. Ich verrate es Ihnen: Da der Haken auf der Sparrowhawk, der offensichtlich in etwa über dem statischen Schwerpunkt liegt“, - ihre Augenlider gingen eine Winzigkeit in die Höhe, - „kann ich mir vorstellen, dass das Flugzeug, möglicherweise um Sprit zu sparen, von einem anderen Flugkörper dahin gebracht wurde, wo es seine Arbeit tun sollte...“
Ich wollte mich gerade gedanklich an den Zeppelin heran tasten, da kam ein grobschlächtiger Kerl, der aussah, als hätte einer an seinem Gesicht schnitzen geübt, herein und wollte ganz schnell ein Präparat gegen Falten haben, eins aus der Fernsehwerbung, die man täglich nehmen sollte um eine glatte Haut zu kriegen, und bei der es auf einen Tag nicht ankommt.
Die Apothekerin löste ihr gespanntes Lächeln, ich zahlte und steckte die angebrochene Salbentube ein. Sie trennte ihren Blick von mir und wandte sich dem Mann mit den Falten zu. Ich schaute nachdenklich in ein kleines Aquarium mit Goldfischen und stellte mir vor, mit der Apothekerin in einer niveauvollen Bar nach dem Essen zu später Stunde noch einen Whisky zu trinken ... der Klavierspieler spielt as time goes by ... der Barkeeper gähnt ein wenig verhohlen während er an irgendwelchen Gläsern rumpoliert ... schließlich gehen wir Arm in Arm zum Taxi ... ich halte ihr die Tür auf, weil der schofelige Fahrer seinen Hintern nicht raus kriegt ... sie gleitet ins Taxi, nennt ihre Adresse und schmiegt sich an mich ... - um nicht verrückt zu werden beobachtete ich eine Goldfischdame, die ihre zahlreichen Babys unter einen Stein in der Ecke des Aquariums trieb, oder war es ein Herr?
Egal.
Die kleinen Fische kümmerten sich überhaupt nicht darum, ich versuchte mich an das zu erinnern, was Herr Kuhnt mir vor geraumer Zeit über die Sparrowhawk erzählt hatte. Wie zur Hölle hießen die drei Luftschiffe? An die Los Angeles konnte ich mich erinnern, aber anderen drei?
Auch egal.
Der Mann kaufte das Präparat ging wieder raus.
„Hab doch glatt vergessen, die Tür zu schließen“, sie lächelte, machte irgendwas hinter Theke, worauf ein metallisches Geräusch an der Tür ertönte.
„So, jetzt stört uns keiner mehr.“ Die Mundwinkel der Apothekerin glitten wieder in die Höhe. „Wie war das mit dem Haken auf der Sparrowhawk?“
„Ich hab’ gedacht, ich schaffs’ auch so. Hat leider nicht geklappt. - Na, gut. Also: Die Curtiss F9C-2 Sparrowhawk, war ein luftschiffgestütztes, einsitziges Jagdflugzeug“, sagte ich lächelnd. Die Apothekerin schaute interessiert drein, nicht so wie die anderen Frauen, die stets abschalteten, wenn es um technisches, speziell Flugzeuge geht.
„Die Sparrowhawks wurden von großen, starren Luftschiffen gestartet“, fuhr ich fort. „Diese Luftschiffe hatten innerhalb ihrer Hülle je einen Hangar für vier Sparrowhawks, die über ein Trapez abgesetzt und wieder eingefangen werden konnten. Der von Ihnen erwähnte Haken, der oberhalb des Flugzeugrumpfes montiert war, konnte in eine Art Trapez einrasten und die Maschine so wieder in das Mutterschiff hineingezogen werden. Die Sparrowhawks flogen sogar teilweise ohne Fahrwerk, stattdessen hatte man einen Zusatztank installiert.“
Jetzt glitten meine Mundwinkel in die Höhe.
Ich sah sie herausfordernd an.
„Bingo“, sagte sie. „Woher wissen Sie das?“
„Tja...“, jetzt musste schnell etwas Originelles her, „wissen Sie, wenn meine Oma mich damals zum Kindergarten gebracht hat, hab ich immer auf dem Weg Granatsplitter gesammelt. Meine Oma kannte sich da aus. Sie war im Krieg Flakhelferin. Sie hat mir sogar rein theoretisch beigebracht, wie man eine Flak abfeuert. Das konnte sie sogar. Egal. Die Granatsplitter habe ich auf dem Heimweg bei einem Buntmetallhändler gegen Zigarettenbildchen eingetauscht, vorzugsweise die mit Flugzeugen. War auch mal eine Curtiss F9C-2 Sparrowhawk drauf. Endlich hat mir mal mein Wissen über Flugzeuge was genützt. Damals in der Realschule haben meine Lehrerinnen immer gesagt, ich hätte lieber einen Tanzkurs besuchen, oder mich bei Spaziergängen mit den Schönheiten der Natur befassen sollen - zum Beispiel dem gemeinen Schachtelhalm - als mich mit Flugzeugen zu beschäftigen. - Gehen Sie denn am Sonntag mit mir essen? – Sie kommen jetzt nicht mehr raus aus der Nummer!“
Sie lächelte verschmitzt.
„Gesagt ist gesagt!“
Ihr Blick loderte mir entgegen. Es war kein sinnliches Begehren, es war ein Begehren nach etwas ungewöhnlichem, originellem, nicht Alltäglichem, was nicht von jedem Kerl kommt, der alles anbaggert, was zwei Brüste hat, aber ansonsten keine Ahnung von gar nichts hat.
„Das hoffe ich doch. Geben Sie mir sicherheitshalber Ihre Telefonnummer? Ich rufe Sie dann an.“
Sie schrieb etwas auf einen Zettel und reichte ihn mir. War tatsächlich eine Telefonnummer drauf. Und ihr Name: Sieglinde Roselieb.
Ein schöner Name.

Wir gingen tatsächlich Essen, am nächsten Sonntag.
Steaks, und wir redeten und tranken viel, sie erfreuten meine phantasievollen Geschichten, wobei es sie nicht interessierte, ob die Episoden stimmten oder nicht. Als ich die Sache mit der Tätowierung von den Flammen, die aus der Schambehaarung der Frau loderten, erzählte, war sie etwas skeptisch und der Ansicht, dass ich dezent übertreiben würde.
Aber egal, wir sollten noch einen Digestif nehmen und zu ihr nach Hause fahren.
Klar, dass ich einverstanden war und während des Digestifs noch mal schnell zur Hochform auflief und die mehr oder weniger wahre Geschichte von der Fee erzählte, die ich auch mal gefahren hatte, eine junge Dame am Straßenrand. Barfuß, blaues, schwingendes Kleidchen, schmale, durchsichtige Flügel und einen silbernen Stab in der Hand.
Ich hielt ihr die hintere Tür auf und sie glitt ins Taxi, eingehüllt in eine goldene Korona.
„Nach Dachtmissen bitte.“ Mit einer Stimme wie von Harfenklängen begleitet nannte sie mir die Adresse, zu der ich gelegentlich Herren fahre, die wild entschlossen sind, sich mit einigen Damen und etlichen Flaschen Sekt zu amüsieren.
Ich nickte und fuhr los.
Es war seltsam hell hinten im Taxi, was meine Sicht im inneren Rückspiegel arg einschränkte.
„Darf ich hier rauchen?“
Wieder die Harfenstimme.
Ich nickte, gab ihr erst meine Zigaretten und dann mein Feuerzeug. Sie blies Rauchwolken in ihre Korona bis wir ankamen, und ich das Taxameter stoppte.
„Wissen sie, ich möchte hier noch etwas ‘arbeiten‘, um mein Taschengeld aufzubessern“, sie lächelte, „ich habe grad kein Portemonnaie mit, haben sie das denn nicht gesehen?“
„Ich habe nicht drauf geachtet. Was machen wir den jetzt?“
Sie ließ ihren silbernen Stab um die Finger kreisen.
„Ich erfülle ihnen stattdessen einen Wunsch. Drei Wünsche kriege ich noch nicht hin, ich absolviere nämlich gerade ein Praktikum in der Imaginationsbranche“, teilte sie mir mit silberhellem Kichern mit, „aber einen Wunsch werde ich wohl schon schaffen.“
„Das ist ein Wort! Sagen sie mir bitte, warum auf der Curtiss F9C-2 Sparrowhawk ein Haken ist.“
Die Apothekerin lachte.
„Und, was hat die Fee erzählt?“
„Die wusste nicht, was eine Curtiss F9C-2 Sparrowhawk ist. Sie hat sich nur erkundigt, ob ich verrückt wäre.“
„Und was haben Sie gesagt?“
„Ich bin Taxifahrer, vielleicht wird man dann so. - Aber das wollte eine Frau wissen.“
„Warum?“
„Weil sie erst dann mit mir essen geht! Würden sie mir dann alternativ zu der soeben gestellten Frage netterweise die Frauen erklären, wie die Frauen sind, was sie denken wenn sie schweigen, warum sie plötzlich weinen, was sie wollen, wenn sie ‘ach, nichts’ sagen, und warum sie so abstruse Dinge wissen wollen, wie zum Beispiel warum ein Haken auf der Curtiss F9C-2 Sparrowhawk ist. - Mein Wunsch ist, die Frauen zu verstehen.“
„Das ist etwas kompliziert. Ich bin, wie gesagt, noch in der Ausbildung. Haben sie eine etwas leichtere andere Möglichkeit?“
„Dann wünsche ich mir eine Autobahn nach Mallorca.“
„Das ist verhältnismäßig einfach! Hätten sie die Autobahn gerne ein-, oder zweispurig?“
Die Apothekerin sah mich groß an und schüttelte den Kopf.
„Sie sollten Bücher schreiben“, meinte sie. „Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich auch so mit Ihnen essen gegangen.“
„Ich hab noch nicht mal einen Computer. Wenn ich einen hätte, würde das Internet schon Auskunft geben. – So, können wir dann?“
Weil Ingolf irgendwo in Hannover im Stau feststeckte, fuhren wir mit Doppelwhisky. Wir gingen Arm in Arm zum Taxi, ich hielt ihr die Tür auf, weil Doppelwhisky seinen Hintern nicht raus kriegte. Naja, er ist Pole und heißt Doubodulewsky oder so ähnlich, jedenfalls ein Name, den sich kein Mensch merken kann, deshalb Doppelwhisky. Dennoch glitt sie ins Taxi, nannte ihre Adresse und schmiegte sich an mich.
Ich ließ mich nicht lumpen und gab Doppelwhisky sogar ein Trinkgeld.
In ihrer Wohnung prallte ich zurück.
Überall waren Schaufensterpuppen.
Im Wohnzimmer, im Schlafzimmer, auf dem Flur und in der Küche.
Puppen.
Im Wohnzimmer standen die Puppen im Anzug und mit einem Drink in der Hand, eine räkelte sich auf dem Sofa und knabberte irgendwelche Salzstangen. Sie hatte sogar richtige Salzstangen in einer Schale auf dem Couchtisch stehen. Alle bekleidet, wie lebend. Ich erwartete sogar eine oder zwei Puppen auf dem Klo; - mit heruntergelassener Hose.
Das Schlafzimmer war noch desaströser, alle Puppen schauten auf das Bett, bekleidet mit Nachthemd, Negligé, Bettbikini und ganz normalem Pyjama oder Schlafanzug.
Eine Puppe lag sogar im Bett, eine männliche, und sie hatte nur das Oberteil eines Schlafanzugs an.
„Entschuldige“, brachte ich mühsam hervor, „aber das kann ich nicht. Das schaffe ich einfach nicht. Ich hätte stets das Gefühl, als wenn hundert Augen auf mir ruhen würden. – Bitte versteh mich richtig, aber können wir nicht zu mir fahren? Deine Puppen sind total toll, aber im Moment stören sie doch etwas. Ich guck sie mir Morgen in aller Ruhe an; - ja?“
Sie nickte.
„Ich bin sowieso gespannt, wie Du so wohnst.“
Wir fuhren diesmal mit der Weißen Gertrud, und die wollte wissen ob wir auch Kondome mit hatten, Kondome wären ja so wichtig, schon alleine im Hinblick auf Aids, und dann gäbe es ja noch so viele Geschlechtskrankheiten, Professor Hackethal, bei dem sie mal gearbeitet hatte, und der ein wunderbarer Mensch war, hatte auch immer gesagt…“
Ich habe nur noch rudimentär in Erinnerung, was Professor Hackethal in Bezug auf Geschlechtskrankheiten gesagt hat, denn ich war damit beschäftigt, die Apothekerin zu küssen, und dass die Apothekerin Geschlechtskrankheiten in sich tragen würde, konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen.
Als wir meine Wohnung betraten, war die Apothekerin etwas irritiert.
„Warum ist hier alles Schwarz-Weiß?“
„Weil ich mal Florist gelernt habe. Seit dem kann ich nichts Buntes mehr sehen! – Ich mach uns mal eben einen Kaffee.“
Sie folgte mir in die Küche. Anna-Karenina folgte ihr, sprang auf einen Stuhl und begann sie eingehend zu betrachten.
„IIIIIh, schmeiß das Vieh raus!“
„Warum? Außerdem ist das kein Vieh, sondern Anna-Karenina, meine Katze.“
„Mir doch egal. Ich habe eine Katzenhaarallergie. Bestell mir bitte schnell ein Taxi.“
In der Tat hatten sich schon Quaddeln gebildet, die Augen schwollen an und röteten sich. Die ersten Nieser zerstörten die trauliche, intime Atmosphäre.
„Nun mach schon! Meine Bronchialschleimhaut reagiert ausgesprochen überempfindlich, auf allergisches Asthma habe ich keinen Bock!“
Was half’s?
Nichts halfs!
Ich rief Ingolf an. Der stand bereits wieder am Bahnhof und versprach, in fünf Minuten bei mir zu sein.

Als ich wieder mal mit Ingolf eine Schicht fuhr, zeigte er mir das Bild einer Curtiss F9C-2 Sparrowhawk.
„Hier, hat mir dein Besuch gegeben“, sagte er, „sie will mal mit mir essen gehen. – Aber erst wenn ich ihr sage, wofür der Haken oben auf dem Flugzeug ist.“


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Ralph Ronneberger
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Hallo Hagen,

ich habe fast alle deine Erzählungen mit Vergnügen gelesen, aber diese hier, ist mein Favorit. Lange habe ich überlegt, ob ich mich auf die Suche mache, um hier und da ein Härchen in der Suppe zu finden. Aber wenn man eine Geschichte liest und selbst bei einem gewissen Anspruch an die Qualität der Sprache ohne Stolpern auskommt, wäre jedes Haaresuchen vertane Zeit.

quote:
In die Stille der Nacht jingelte das Handy das Riff aus Satisfaktion. Mein Chef.
„Wie sieht’s denn aus bei dir?“
„Ich steh‘ hier ganz alleine am Bahnhof rum wie Frau Lot und denke über den Sinn des Lebens nach.“
„Gut. Dann leite ich die Anrufe jetzt auf dich um. - Sag‘ mir bitte Bescheid, wenn du zu einem Ergebnis gekommen bist, was den Sinn des Lebens betrifft.“
„Mach‘ ich, Boss.

Wer in seine Geschichte so einsteigt, kann gar kein Langweiler sein. Allerdings - dein Tempo ist atemberaubend. Wenn du so Taxi fährst, wie du schreibst, dann... Flensburg lässt grüßen.
Ab und zu hätte ich mir öfter eine winzige Atempause gewünscht, das ist Geschmackssache. Besonders gut hat mir die Verknüpfung der Handlungsstränge gefallen. Schön, dass die Frau mit dem Feuer-Tattoo nicht nur als Nebenstrang herhalten muss, sondern den Prot. zumindest indirekt "seiner" Apothekerin zuführt.
Sonst gäbe es aus meiner Sicht nichts weiter zu sagen. Eine "tiefe Analyse" ist das nicht. Ich drücke trotzdem dieses Knöpfchen. Auch Gäste der Leselupe sollen wissen, wie sehr ich (und Andere natürlich auch) deine Texte schätzen.

Gruß Ralph
__________________
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Hagen
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Hallo Ralph,
zunächst möchte ich mich für die positive Kritik bedanken.
Wie man sich doch täuschen kann; - ich dachte immer, der geneigte Leser der Leselupe schaltet sofort ab, wenn etwas Technisches vorkommt.
Weiterhin behauptet der nächste Leser, dass ich mich ‘Verzettele‘, während Du vom ‘verknüpfen der Handlungsstränge‘ sprichst, die Dir gut gefallen. Hmm.
Naja, meine Schreibe ist halt so, und soll auch so bleiben, obwohl ‘Die Frau aus den Block 10‘ mein Image kaputt macht.
Was das Taxifahren betrifft, da kann ich nur sagen:

Ich bin Taxifahrer.

Ich freue mich auf jede neue Schicht.
Ich freue mich auf meine Fahrgäste.
Ich freue mich auf meine Kollegen.

Alle Fahrten, zu denen mich die netten Menschen,
die vertrauensvoll bei mir einsteigen, beauftragen,
die irgendwo irgendetwas tun möchten,
oder die heimkehren,
absolviere ich nach bestem Wissen und Gewissen.

Bei allem, was ich während der folgenden Schicht tue,
werde ich freundlich und gelassen bleiben.

Mit jeder Situation werde ich fertig.
Das weiß ich!

Ich weiß dass ich alles erreiche was ich will.
Ich bin jeder Belastung gewachsen.
Jede Belastung macht mich stärker.

Meine Ruhe ist absolut,
und ein Gefühl des tiefen Friedens
breitet sich in mir aus.


In diesem Sinne,
Gruß Hagen

_____________________
Nichts endet wie geplant!

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