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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Fremde im Garten
Eingestellt am 08. 09. 2004 17:51


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Cirias
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DIE FREMDE IM GARTEN



Sie war wie etwas, das leicht und rauschend um einen ist. Ich sah sie oft in dem schweren Todesgeruch des n├Ąchtlichen Gartens umhergehen. Wenn der Schatten des Gartentors um diese Stunde wie ein Fl├╝gelstrich ├╝ber das Fenster fiel, wusste ich: sie war da. Es war stets dunkel, wenn sie kam, auch in den langen Sommern├Ąchten. Im Garten gab es eine steinerne Bank vor einem Rosenspalier. Sie sa├č oft da, manchmal auch in klaren und kalten Wintern├Ąchten oder in einem stillen Herbstregen. Wer war sie? In den seltenen Vollmondn├Ąchten ahnte ich ihr aus dem Schatten ger├╝cktes Gesicht . Ich sah ihren K├Ârper, der zwischen Blumenk├Âpfen und hohem Gras verschwand. Wenn ich n├Ąher an das Fenster trat, wandte sie manchmal leicht den Kopf. Sie streifte ihr Kleid von den Schultern, so dass ich ihre sanft geformten Schulterknochen sehen konnte, die Linie ihres Nackens, ├╝ber dem ihr dunkles Haar zu einem Knoten zusammengebunden war. Zwischen den Schatten der Str├Ąucher verlor sich ihre Gestalt. Es schien, als w├╝rde ihr Kleid mit jedem Schritt ein St├╝ck mehr von ihrem K├Ârper gleiten. Ich sp├╝rte das Schlagen meines Herzens.
Ich sa├č oft n├Ąchtelang am Schreibtisch, der direkt vor dem Fenster meines Arbeitszimmers stand. Von hier aus konnte ich direkt auf die meist unbebauten Nachbargrundst├╝cke sehen. Der Garten lag gegen├╝ber meiner Wohnung, nur durch einen schmalen Fahrweg von meinem Grundst├╝ck getrennt.
Es gab Dinge, die sich bald unausl├Âschlich mit ihrem Erscheinen verbanden. Ihr ungerichteter Gang, ihr leicht in den Nacken gelegter Kopf und die Bewegungen ihrer H├Ąnde, mit denen sie zwischen die gr├╝nen Schatten der Str├Ąucher und B├╝sche fuhr, waren wie etwas, das mich die ganze Tiefe der Nacht sp├╝ren lie├č.

Tags├╝ber blieb ich manchmal vor dem verschlossenen Gartentor stehen. Es war mit einem gro├čen Vorh├Ąngeschloss versehen. Der Garten lag still unter den Blaut├Ânen des Himmels. Die n├Ąchtlichen Spazierg├Ąnge der fremden Frau erschienen mir bald wie ein Traum.

An einem Herbstabend vor vielen Wochen lag das helle Licht des Mondes wie Fiebersaat in den ├ästen der B├Ąume. In dieser lautlosen Stunde ging sie pl├Âtzlich unter ihnen hindurch. Anders als sonst blieb sie unvermutet stehen und drehte sich zu meinem Fenster. Sie war blass. Ich konnte sogar ihre Augen sehen. Eine kleine Merkw├╝rdigkeit der Augenwinkel lie├č sie rechteckig wirken Ihr Haar gl├Ąnzte ├╝ber dem schmalen , blassen Gesicht mit den gr├╝nen Augen. Ihre Augen waren wie ein tiefes Wasser. Jetzt, da sie fast senkrecht zu mir auf l├Ąchelte, sah ich, wie sich ein dunkler Schleier ├╝ber ihren Blick legte. Langsam streifte sie ihr Kleid vom K├Ârper. Sie war nackt darunter. Im Schatten des Laubs schimmerte ihre Haut gr├╝n. Ich stellte mir vor, ihren K├Ârper zu ber├╝hren, meine H├Ąnde ├╝ber ihre hohen Br├╝ste gleiten zu lassen, meine Lippen auf ihren Bauchnabel zu legen, den Duft ihrer Haut zu atmen. Sie drehte sich um und verschwand zwischen den Graswegen und Heckenalleen des Gartens.
In den darauf folgenden N├Ąchten wartete ich vergeblich auf sie. Der Garten lag verlassen. Ich konnte mich nicht mehr auf meine Arbeit konzentrieren. Ich musste st├Ąndig an sie denken. Das Bild ihres schlanken, fast unwirklich anmutigen K├Ârpers weckte eine Vertrautheit in mir, eine sinnliche Z├Ąrtlichkeit, die mich fast den ganzen Tag nach ihr verlangen lie├č.

Eines Nachmittags traf ich den G├Ąrtner, als er gerade das Tor zum Garten aufschlie├čen wollte. Ich fragte ihn nach der jungen Frau, ich beschrieb sie ihm, aber er sch├╝ttelte nur den Kopf. Die Frau, der dieser Garten geh├Âre, w├Ąre eine an den Rollstuhl gefesselte alte Dame, die im Haus nebenan die untere Etage bewohne. Ich fragte ihn noch einmal, doch er wandte sich ab und lief den Grasweg hinauf.
Ich sa├č unter der gro├čen Pendeluhr meines Arbeitszimmers und wartete, bis er den Garten in der D├Ąmmerung verlassen hatte. Die untere Etage des gegen├╝berliegenden Hauses lag im Dunklen. Ich hoffte, dass mich niemand sehen w├╝rde, als ich ├╝ber das verschlossene Tor in den Garten stieg. Die Beete und Rasenpl├Ątze bildeten einen grauen Bruch atmender Schatten. Schwei├č bildete sich auf meiner Stirn. Das Licht spr├╝hte steinerne Farben auf die Rosenmeere. Ich ging an einem kleinen Teich vor├╝ber und an einem Pavillon, den ich von meinem Fenster aus nie bemerkt hatte. Dahinter ├Âffnete sich ein weiterer Weg, der von einer Buchsbaumhecke eingerahmt in den verwilderten Teil des Gartens f├╝hrte. Ich stellte mir vor, wie sie nackt ├╝ber all diese Wege gelaufen war, ihre zierlichen F├╝├če durch das feuchte Gras streiften und die Bl├Ątter ihre Br├╝ste ber├╝hrten, wenn sie an den hohen Str├Ąuchern vor├╝ber ging. Dieser Teil des Gartens, den ich jetzt betrat, war der Teil, in dem sie immer verschwunden war und sich meinen Blicken entzogen hatte. Ich stand pl├Âtzlich inmitten hohen Grases und ├╝berwucherter Blummenrabatte. Mein Fu├č stie├č an etwas Hartes. Ich beugte mich hinab und bog die Gr├Ąser zur Seite. Es war ein Grabstein, der mit einer Inschrift versehen war: ...und dann ist es vorbei, das ganze Leben ist vor├╝bergegangen wie ein einziger Nachmittag.
Ich stand auf. Mein Blick fiel auf einen gro├čen Steinblock, der ├╝ber ein Beet gest├╝rzt war. Es war eine Statue. In der oberen Etage des Hauses flammte Licht auf. Auf dem flachen, dunklen Ufer des Himmels endeten die Schatten. Der helle Stein der Statue war so gegenw├Ąrtig, dass alles um mich herum zu verblassen schien. Ich sah in ihr Gesicht. An ihrem Gesicht und ihrer Gestalt war mir nichts fremd. Der schwere Todesgeruch des herbstlichen Gartens stieg aus dem Boden. Aus ihrer Schattenhaut entschwanden die Farben in die Nacht. Unter ihrem pl├Âtzlichen Augenaufschlag verschwand ihr letztes Gesicht wie in einem Traum. In K├╝rze wird der ganze Horizont ihre Farbe angenommen haben. Ich werde hier stehen und die ersten flimmernden Sterne aus dem Dunkel hervortauchen sehen und mit ihnen die ersten Tr├Ąume der Nacht. Und obwohl ich ihre Augen in diesem Augenblick nicht mehr sehen konnte, wusste ich, dass sie tot war.

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Yamana
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blaue blume

hallo cirias,
deine geschichte gef├Ąllt mir als angenehm schwerm├╝tige erinnerung an die gute alte zeit...und das, was davon 'in uns' immer wieder neu ersteht... die blaue blume lebt - immernoch ein bisschen. und ├╝brigens, recht klar und klug geschrieben.
gruss yamana
__________________
dichten ist ├╝bersetzen in eine nicht vorhandene sprache.
(breyten breytenbach)

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Cirias
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danke yamana,
ja, die blaue Blume lebt...und es ist immer wieder sch├Ân zu wissen, dass es noch andere gibt, die ihren Duft riechen...
herzliche Gr├╝├če, Cirias

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clarat
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Hallo Cirias,

das ist eine sch├Âne Geschichte. Nicht neu, aber wundersch├Ân erz├Ąhlt. Ein bisschen wie eine viktorianische Geistergeschichte.

Ein paar Anmerkungen:
Der schwere Todesgeruch machte mich anfangs glauben, dass es sich um einen Friedhof handelt. Da sich das erst zum Schluss herausstellt, f├Ąnde ich es passender, wenn auch der Todesgeruch erst am Ende als solcher erkannt wird.

Du beschreibst ihre gr├╝nen Augen, die sind wie Wasser. Ich wundere mich, dass das so genau erkennbar, selbst wenn sie in dem Moment dem Betrachter relativ nahe ist. Es ist immerhin dunkel.

Ich frag mich, wer diese Frau ist. Was hat es auf sich mit diesem seltsamen Grabspruch? Warum geistert sie noch durch diesen Garten? Und wer ist die alte Frau, der der Garten heute geh├Ârt?

Erz├Ąhl mal! :-)

Liebe Gr├╝├če
clarat.

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Cirias
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Hallo clarat,
danke f├╝r deine Zeilen. Tja, ehrlich gesagt, wei├č ich selbst gar nicht genau, wer diese Frau ist. Die Kurzgeschichte lebt ja von dem, was sie nicht erz├Ąhlt. F├╝r den Garten gab es ein konkretes Vorbild und ich habe keinen Zweifel daran, dass wir nicht allein auf dieser Erde leben, wenn man sich nur auf seine Wahrnehmungen einl├Ąsst: Schlie├č die Augen und du wirst lernen zu sehen...Deshalb erschien mir das mit den gr├╝nen Augen auch kein Widerspruch, obwohl du mit deinem Einwand nat├╝rlich recht hast. Und den "Todesgeruch" habe ich heraus genommen, weil ich denke, dass du mit deiner Beobachtung recht hast. Die alte Dame ist nur die Besitzerin des Gartens, aber nat├╝rlich k├Ânnte es eine Verbindung geben, sie ist sogar wahrscheinlich, aber das ist eben eine andere Geschichte... Es ist eine Momentaufnahme, eine Beobachtung, ein Augenblick, in dem Vergangenheit und Gegenwart aufeinanderprallen...
Herzliche Gr├╝├če, Cirias

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