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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Die Freundin
Eingestellt am 31. 07. 2015 10:40


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Hyazinthe
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: May 2015

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Die Freundin

Nils Paulsen gĂ€hnte lange und ausgiebig. Wieder einmal eine dieser endlosen Observationen, die nichts brachten. Er schaute auf die Uhr. Jetzt saß er schon zwei Stunden in seinem schwarzen Golf und beobachtete das Haus seiner Zielperson. Zeit, seinen Standort zu wechseln. Wenn eine Person darin saß, fiel in dieser ruhigen Straße selbst ein solch unscheinbares Auto wie seines auf. Einen misstrauischen SpaziergĂ€nger oder Anwohner wĂŒrde auch die demonstrativ ausgebreitete Straßenkarte ĂŒber dem Lenkrad nach einer Weile nicht mehr davon ĂŒberzeugen, dass hier ein Ortsunkundiger nur kurz parkte, um die richtige Straße zu suchen.
Er startete den Wagen, fuhr ein kleines StĂŒck weiter und bog in eine Nebenstraße ein. Gott sei Dank gab es hier eine Parkbucht, so dass er das Auto korrekt abstellen konnte. Zwar musste er sich anstrengen, den Eingang des Hauses seiner Zielperson von hier aus durch die herabhĂ€ngenden Zweige einer dichtbelaubten Kastanie im Auge zu behalten, aber dafĂŒr bot der Baum eine gute Deckung.
Paulsen versuchte eine möglichst bequeme Sitzhaltung einzunehmen. Obwohl er sich im Laufe der Jahre an das stundenlange Warten bei einer Observation gewöhnt hatte, hasste er das lange Sitzen, das seinem RĂŒcken nicht gut tat. Wenn die Leute wĂŒssten, wie langweilig der Beruf eines Privatdetektivs in Wirklichkeit war! Weit entfernt von den aufregenden Abenteuern, die die Helden in den Fernsehkrimis zu bestehen hatten.
Er nahm sein Beobachtungsprotokoll zur Hand und ĂŒberflog die Notizen, die er bis jetzt gemacht hatte.
Zielperson: Claudia Schumann, 38 Jahre, Hausfrau, verheiratet mit Jan Schumann, stellv. Leiter der örtlichen Bankfiliale, Sohn Tobias, 14 J., Tochter Vanessa, 12 J.
Observationsbeginn: Montag, den 20. 09. 06.00 Uhr
7.14 Uhr : Ehemann verlÀsst das Haus
7.32 Uhr: Sohn und Tochter verlassen das Haus
9.17 Uhr: ZP verlÀsst das Haus, besteigt VW Polo und fÀhrt los.
9.35 Uhr: ZP parkt am Einkaufszentrum; betritt den Supermarkt.
10.38 Uhr: ZP verlÀsst Einkaufszentrum.
10.59 Uhr: ZP betritt Haus.
12.40 Uhr: Tochter kehrt zurĂŒck.
13.35 Uhr Sohn kehrt zurĂŒck.
15.45 Uhr: ZP und Tochter verlassen das Haus. Besteigen Polo.
16.00 Uhr: ZP setzt Tochter an der Tennisanlage Blauweiß, Peterstr. 23 ab. ZP fĂ€hrt weiter.
16.12 Uhr: ZP parkt am Marktplatz; geht in die FußgĂ€ngerzone. ZP schlendert durch die Straßen; kein Kontakt mit anderen Personen.
16.50 Uhr ZP besteigt Polo. FĂ€hrt zum Tennisplatz.
16.08 Uhr: Tochter steigt ein; ZP fÀhrt nach Hause.
16.25 Uhr: ZP und Tochter gehen ins Haus.
18.35 Uhr: Ehemann kommt nach Hause.
19.10 Uhr: Sohn kommt nach Hause.
23.00 Uhr: Niemand hat das Haus zwischenzeitlich verlassen
Ende der Observation: 23.10 Uhr
Also ein absolut normaler Tag gestern. Und der heutige versprach ganz Ă€hnlich zu verlaufen. Nur dass Claudia Schumann am Vormittag statt zum Supermarkt zur Reinigung und zur Apotheke gefahren war und am Nachmittag zum Friseur, wĂ€hrend Sohn und Tochter mit dem Fahrrad zu ihren jeweiligen BeschĂ€ftigungen geradelt waren. Am Abend kam der Herr des Hauses pĂŒnktlich zum Essen heim, und die Familie ging ihren abendlichen BeschĂ€ftigungen nach.
Paulsen sah wieder auf die Uhr. 19.30 Uhr. Wahrscheinlich saß die Familie beim Abendessen und ließ es sich schmecken. Missmutig inspizierte er den Kartoffelsalat, den er sich als Verpflegung mitgenommen hatte, und die kalten WĂŒrstchen. Dieses Essen im Auto war das Schlimmste bei solchen langwierigen Beobachtungen. Man hatte meistens nicht die Zeit oder die Gelegenheit fĂŒr eine ordentliche Mahlzeit, weil man die Zielperson nicht aus den Augen lassen durfte. Na ja, immerhin hatte er wĂ€hrend Claudia Schumanns Friseurbesuchs am Nachmittag in einem Restaurant in der NĂ€he anstĂ€ndig zu Mittag essen können.

Gerade wollte er in das zweite WĂŒrstchen beißen, als sich die HaustĂŒr öffnete und Claudia S. heraus kam. Sie trug eine leichte Jacke und hatte ihre Handtasche dabei. Offensichtlich wollte sie ausgehen. Gott sei Dank, dachte Paulsen, wenigstens nicht so ein langweiliger Abend wie gestern. Er beobachtete, wie Claudia S. in ihren Polo stieg, zĂŒgig zurĂŒcksetzte und in Richtung Innenstadt fuhr. Routiniert nahm er die Verfolgung auf. Da nur wenig Verkehr herrschte, achtete er sorgfĂ€ltig darauf, immer mindestens ein Fahrzeug zwischen seinem Auto und dem Polo zu haben. Die Fahrt endete vor einem modernen GebĂ€udekomplex, den ein großes Schild am Eingang als Edith-Stein-Gymnasium auswies. Ach so, ein Elternabend. Wie Paulsen aus seinen Recherchen ĂŒber die Familie wusste, besuchten beide Kinder diese Schule. Na, das konnte dauern. Er suchte sich einen unauffĂ€lligen Parkplatz und bereitete sich auf eine lange Wartezeit vor. Seufzend kramte er den Kartoffelsalat und die WĂŒrstchen wieder aus der KĂŒhltasche und setzte seine Mahlzeit fort.
Komisch eigentlich, dachte er. Normalerweise, waren es die Ehefrauen, die solche Überwachungen in Auftrag gaben. Meistens ging es um einen Seitensprung des Mannes. Aber hier war es eine Frau gewesen, die seine Detektei aufgesucht hatte. Eine attraktive Frau Ende dreißig, sorgfĂ€ltig gestylt und geschminkt, selbstbewusst auftretend. Sie hatte mit keinem Wort erwĂ€hnt, warum er Claudia Schumann beschatten sollte, nur, dass er sie genauestens beobachten und alle ihre AktivitĂ€ten dokumentieren sollte. FĂŒrs Erste war ein Zeitraum von einer Woche vereinbart worden, oder solange, bis er etwas AuffĂ€lliges feststellen konnte. Über die Kosten hatte die Auftraggeberin kein Wort verloren; sie hatte nur eine kurzen Blick auf die Tariftabelle geworfen und genickt. Den Vorschuss fĂŒr zwei Tage hatte sie gleich bar bezahlt. Fast hoffte Paulsen, dass er etwas Interessantes entdecken wĂŒrde, um seine Auftraggeberin nicht zu enttĂ€uschen.

Wie lange konnte solch ein Elternabend dauern? Eine Stunde? Zwei? Paulsen kletterte aus dem Auto, reckte sich ausgiebig und vertrat sich die FĂŒĂŸe. Langsam wurde es dunkel an diesem Septemberabend; gut, denn die Dunkelheit machte es leichter, nicht aufzufallen. Endlich sah er die Eltern aus dem GebĂ€ude kommen. Es waren fast nur Frauen; anscheinend war es wohl immer noch die Aufgabe der MĂŒtter, die Schulangelegenheiten ihrer Kinder im Auge zu behalten.
Wo blieb Claudia S.? Da war sie. Als Letzte trat sie aus der SchultĂŒr, in Begleitung einer anderen Mutter. Nein, das musste eine Lehrerin sein, denn als Mutter fĂŒr ein zwölf- oder vierzehnjĂ€hriges Kind sah die Frau zu jung aus. Automatisch registrierte Paulsen das Aussehen der Frau: schlank, groß, langes, glattes blondes Haar, hĂŒbsches Gesicht. Sie ging zusammen mit Claudia S. zum Parkplatz, der nun schon fast leer war. Die beiden Frauen verabschiedeten sich, und jede stieg in ihr Auto.
Paulsen machte sich bereit, seiner Zielperson zu folgen. Damit ist also auch der zweite Observationstag ergebnislos verlaufen, dachte er. Nun, was soll's. Bezahlt wurde er so oder so.
Plötzlich stutze er. Das war doch nicht der Weg zum Haus der Familie Schumann! Wohin wollte Claudia S.? Und der Wagen vor ihr: War das nicht der Toyota der Lehrerin von vorhin? TatsĂ€chlich. Nun bogen beide Autos in eine kleine verwinkelte Wohnstraße ein, in der nur Schritttempo erlaubt war. Der Toyota fuhr in die Einfahrt zu einem Reihenhaus, der Polo parkte auf dem Parkstreifen davor. Paulsen fuhr an den beiden Autos vorbei und hielt verzweifelt Ausschau nach einer unauffĂ€lligen Möglichkeit zu parken. Erst drei HĂ€user weiter fand er einen freien Platz. Eilig stieg er aus und lief das StĂŒck zurĂŒck. Gut, dass es dunkel war, sonst wĂ€re er bestimmt aufgefallen. Er sah gerade noch, wie Claudia zusammen mit der Unbekannten in dem hĂŒbschen kleinen Haus verschwand. Aha, dachte er, sie scheint diese junge Lehrerin nĂ€her zu kennen. RoutinemĂ€ĂŸig merkte er sich die Nummer des Toyotas, den Namen der Straße und die Hausnummer. Dann lief er zu seinem Wagen zurĂŒck, um seinen Camcorder zu holen. Womöglich konnte er ein paar Aufnahmen durchs Fenster machen.
Seine handliche Sony HDR-CX 240 in der Hand, schlich er sich vorsichtig nĂ€her an das Reihenhaus heran. Die Frontseite mit dem Eingangsbereich wurde von der nicht weit entfernt stehenden Straßenlaterne beleuchtet. UnauffĂ€llig sah er sich nach allen Seiten um. Kein Mensch war zu sehen. Mit ein paar schnellen Schritten durchquerte er den winzigen Vorgarten und schlich lautlos zur RĂŒckseite des Hauses, wo er die Terrasse vermutete. Richtig, aus dem ebenerdigen Wohnzimmerfenster strahlte Licht auf die Terrasse, die durch eine etwa meterhohe Balustrade teilweise vom Rest der Gartens abgetrennt war. Paulsen fĂŒhlte die angenehme Erregung eines JĂ€gers, der seiner Beute auflauert, als er sich hinter der mit Efeu bewachsenen Abgrenzung niederkauerte und seine Kamera in Anschlag brachte. Dieser Teil seines Berufes war es, den er liebte. Er spĂŒrte, wie sein Herz aufgeregt klopfte.
Die beiden Frauen im erleuchteten Inneren des Hauses waren durch den Sucher des Camcorders wunderbar zu sehen, auch wenn die dĂŒnnen Gardinen die Sicht ein wenig behinderten. Claudia S. stand mitten im Raum. Sie war dabei, ihre Jacke abzulegen. Die Lehrerin ging zum Schrankregal und holte zwei SektglĂ€ser heraus. Dann verschwand sie durch eine angrenzende TĂŒr und kam kurze Zeit spĂ€ter mit einer Flasche Prosecco wieder zum Vorschein. Hatten die beiden etwas zu feiern?
Paulsen zoomte die Frauen nĂ€her heran. Jetzt schenkte die Gastgeberin die SektglĂ€ser voll und reichte eines Claudia, die immer noch mitten im Raum stand. Die Frauen stießen an und tranken. Sie lĂ€chelten sich an. Dann stellte die Blonde ihr Glas auf dem niedrigen Couchtisch ab, trat nahe an Claudia heran, nahm ihr Gesicht in ihre HĂ€nde und kĂŒsste sie lang und intensiv auf den Mund.
Wow, dachte Paulsen, was haben wir denn da! Das sieht aber gar nicht mehr nach einer harmlosen Freundschaft aus. Die Kamera surrte. Die Umarmung der beiden Frauen wurde immer leidenschaftlicher. Auch Claudia S. hatte nun ihr Glas abgestellt. Sie erwiderte die Liebkosungen ihrer Geliebten mit zunehmender Erregung. Jetzt fing sie an, die Bluse der Blonden aufzuknöpfen und ihren Hals und den Brustansatz mit kleinen KĂŒssen zu bedecken. Schließlich entledigte sie sich mit einer gekonnten Bewegung ihres Pullover und stand ebenso wie ihre Partnerin im BH da. Paulsen verĂ€nderte seine Position ein wenig, um die Oberkörper besser ins Bild zu bekommen. Kommt schon, dachte er, den Rest auch noch! Die Frauen lösten sich gegenseitig den Verschluss ihrer BĂŒstenhalter, ließen sie achtlos auf den Boden fallen und schmiegten sich aneinander. Dann fingen sie an, sich weiter auszuziehen. Ihre Bewegungen wurden immer ungeduldiger.
Das genĂŒgt, dachte Paulsen. Reiß dich zusammen, alter Freund! Das ist Beweis genug. Die beiden haben was miteinander, das steht fest.
Leise zog er sich zurĂŒck. Seine Auftraggeberin wĂŒrde zufrieden sein.

Überrascht drehte Claudia Schumann den braunen Din A4-Umschlag in den HĂ€nden. Er trug ihren Namen und ihre Adresse, aber keinen Absender. Und er war nicht mit der ĂŒblichen Post gekommen, die immer erst gegen Mittag eintraf. Sie hatte ihn aus den Schlitz der Briefkastens herauslugen sehen, als sie ihrer Freundin Margitta Olsen die TĂŒr öffnete. Immer mittwochvormittags trafen sich die beiden Frauen zu einem spĂ€ten FrĂŒhstĂŒck; das war, seit Margitta wieder in der Stadt war, eine geradezu heilige Tradition zwischen ihnen geworden. Es musste schon etwas Lebenswichtiges sein, wenn sie ihr Treffen ausfallen ließen. Was bisher nur sehr selten vorgekommen war.
„Was kann das denn sein?“, sagte Claudia mehr zu sich selbst als zu Margitta, die ihr die ĂŒblichen KĂŒsschen auf die Wangen drĂŒckte und zielstrebig in die KĂŒche marschierte, wo der Kaffeetisch mit den frischen Brötchen schon gedeckt war. Immer noch stand Claudia in der TĂŒr und betrachtete den Brief unschlĂŒssig.
„Mach ihn auf, dann weiß du's“, meinte Margitta lakonisch. Sie setzte sich an den Tisch und schenkte sich eine Tasse Kaffee ein. „Ich habe heute leider nicht sehr viel Zeit, SchĂ€tzchen, in der Boutique ist unglaublich viel los. Wir haben sale-Angebote. Da kann ich Chantal nicht so lange allein lassen.“ Ungeniert schmierte sie sich ein Brötchen und klatschte einen Klecks Nutella darauf.
Gerade, als sie herzhaft hinein beißen wollte, sah sie ihre Jugendfreundin in die KĂŒche wanken. „Oh mein Gott! Wie siehst du denn aus! Du bist ja leichenblass! Komm, setz dich erst mal hin. Was ist denn passiert?“
Claudia hielt den geöffneten Umschlag in der Hand. Den Inhalt des Briefes presste sie mit der anderen an ihre Brust. Mehrere großformatige Farbfotos. Ein weißes Blatt Schreibpapier, auf dem einige wenige Zeilen standen, flatterte zu Boden, als Margitta den Arm um sie legte und sie zu einem Stuhl fĂŒhrte.
„Jetzt ist alles aus“, stammelte Claudia tonlos.
Margitta hob das Blatt Papier vom Boden auf und legte es auf den Tisch. Sie warf einen besorgten Blick auf ihre Freundin. „Willst du ein Glas Wasser, SchĂ€tzchen?“ Eilig holte sie ein Glas aus dem KĂŒchenschrank, fĂŒllte es unter dem Wasserhahn mit kaltem Leitungswasser und stellte es vor Claudia auf den Tisch. „Mein Gott, du zitterst ja! Zeig doch mal her.“ Sie nahm ihrer Freundin die Fotografien, die Claudia immer noch an sich drĂŒckte, aus der Hand und sah sie sich an.
„Oh mein Gott“! Sie ließ sich auf ihren Stuhl fallen. „Das ist allerdings eine Katastrophe.“ Der Reihe nach betrachtete sie die Fotos. Sie zeigten Claudia mit ihrer Geliebten Iris. Sich leidenschaftlich kĂŒssend. Mit nacktem Oberkörper. Unzweideutig.
Margitta wusste von dem VerhĂ€ltnis. Claudia hatte es ihr vor einigen Monaten anvertraut, so wie sie sich seit ihrer Schulzeit gegenseitig alles anvertrauten. Zuerst in Briefen, dann in langen E-mails, jetzt einmal in der Woche persönlich. Beste Freundinnen eben. Von Anfang an hatte sie mitangesehen, wie sehr Claudia unter dem Dilemma litt, in dem sie sich befand. Sie konnte sich nicht entschließen, zu ihrer neuen Liebe zu stehen und sich scheiden zu lassen. Wie oft hatte sie mit ihr, Margitta, all die GrĂŒnde diskutiert, die gegen eine Trennung von Jan, ihrem Mann sprachen. Die Kinder, die gesamte Familie, seine Stellung in der Bank, das Gerede der Leute. Und die Tatsache, dass sie ihren Mann immer noch liebte. Irgendwie. Aber da war Iris! Die schöne junge Iris! Mit ihren blonden Haaren und den traumhaften Körper. Und einer SexualitĂ€t und ZĂ€rtlichkeit, die Claudia offenbar noch nie vorher gekannt hatte. Sie, Margitta, konnte diese Leidenschaft nicht nachvollziehen. Ihr war die Liebe zwischen zwei Frauen fremd, ihre Leidenschaft galt den MĂ€nnern. Nicht nur einem. Wohl auch ein Grund, warum sie mit ihren achtunddreißig Jahren immer noch Single war. Oder, vielleicht, weil ihre große Liebe nicht erfĂŒllt worden war?
Sie schĂŒttelte den Gedanken ab. Jetzt brauchte Claudia sie. „Komm, Liebes, jetzt trinkst du erst einmal einen Schluck Kaffee und dann sehen wir weiter.“ Sie goss den Kaffee ein und reichte ihrer Freundin die Tasse. Gehorsam trank Claudia einen Schluck. Dann sah sie Margitta mit einem Ausdruck tiefster Verzweiflung an. „Was mache ich denn jetzt nur, Margitta?“
„Lass uns erst einmal sehen, was es mit diesen Fotos auf sich hat, Claudia.“ Margitta nahm den Briefbogen, der noch immer unbeachtet auf dem KĂŒchentisch lag, und reichte ihn Claudia, die anfing, laut vorzulesen, was dort stand.
'50 000 € oder diese Fotos gehen an Ihren Mann und an die Presse. NĂ€here Informationen folgen.'
Sie ließ den Brief sinken. Womöglich war sie noch einen Nuance blasser geworden.
„Ich habe keine 50 000 €, Margitta! Was mache ich denn jetzt nur?“, wiederholte sie. Ihre braunen Augen fĂŒllten sich mit TrĂ€nen, wĂ€hrend sie ihre Freundin verzweifelt ansah.
Margitta biss sich auf die perfekt geschminkten roten Lippen. Ratlos starrte sie in das Gesicht ihrer Freundin, der die TrĂ€nen aus den Augen liefen. „Wir finden einen Weg, Liebes“, antwortete sie vage. „Lass uns mal ĂŒberlegen.“

Jan Schumann war ausgesprochen guter Laune, als er gegen halb sieben am Abend seinen BMW in der Einfahrt abstellte, seine Aktentasche vom Beifahrersitz nahm und zum Haus ging. Der Tag in der Bank war wieder einmal Ă€ußerst erfolgreich gewesen. Nicht nur, dass sich viele HĂ€uslebauer durch die niedrigen Zinsen dazu verleiten ließen, sich durch entsprechende Hypotheken auf Jahrzehnte hoch zu verschulden. Der ortsansĂ€ssige Bauunternehmer hatte soeben einen millionenschweren Kredit beantragt, um eine Wohn- und GeschĂ€ftsanlage in dem neu erschlossenen Baugebiet zu errichten. FĂŒr die Bank, die selbst das Geld quasi zum Nulltarif bekam, bedeutete das ein BombengeschĂ€ft, selbst wenn sie dem Kreditnehmer relativ gĂŒnstige Konditionen bewilligen musste. Jan pfiff fröhlich vor sich hin, als er die HaustĂŒr aufschloss.
„Bin wieder da“, rief er in den Flur.
„Wie sind hier“, hörte er die Stimme seiner Frau aus der KĂŒche. Er lockerte seine Krawatte und betrat die KĂŒche. Claudia stand am Herd und rĂŒhrte in einem der Töpfe, Margitta saß am Tisch und putzte den Salat. „Ach du bist auch hier. GrĂŒĂŸ dich, Margitta“, sagte Jan ein wenig verwundert. Er beugte sich zu Margitta hinunter und gab ihr die neuerdings ĂŒblichen zwei KĂŒsschen auf die Wangen. Dann wandte er sich seiner Frau zu, legte ihr den Arm um die Taille und drĂŒckte ihr einen Kuss auf den Mund. „Du siehst blass aus, Bambi“, bemerkte er, „geht's dir nicht gut?“ Seit sie sich kannten, benutzte er fĂŒr seine Frau diesen Namen, weil sie ihn an ein 'Rehlein' erinnerte, wie er sagte, wegen ihrer zierlichen Gestalt, der hellbraunen Locken und der großen dunklen Augen.
„Doch, es ist nichts. Nur ...“ Jan achtete kaum auf ihre Antwort. Schnuppernd beugte er sich ĂŒber den Herd und schaute in den Topf, in dem Claudia immer noch rĂŒhrte. „Was gibt's denn heute Schönes? Ich habe einen Mordshunger. Ah, ZĂŒrcher Geschnetzeltes! Lecker!“ Hinter Claudias RĂŒcken wechselte er einen fragenden Blick mit Margitta. Margitta erwiderte seinen Blick und hob entschuldigend die Schultern.
Jan hatte es nicht gern, wenn Margitta allzu intensiv an seinem Familienleben teilnahm. Seit sie vor zwei Jahren zurĂŒck in ihre Heimatstadt gezogen war, um hier eine Boutique zu eröffnen, hatten Jan und sie eine lockere AffĂ€re. Nicht, dass er seine Frau nicht mehr liebte; er fand, dass seine Ehe ausgesprochen gut funktionierte. NatĂŒrlich, nach fĂŒnfzehn Jahren war der Sex nicht mehr so prickelnd. Man hatte sich eben aneinander gewöhnt. Das kleine Abenteuer mit Margitta stellte fĂŒr ihn eine willkommene Abwechslung dar. Margitta, die mit ihrem rassigen Körper und der schwarzen MĂ€hne ganz das Gegenteil der sanften, zarten Claudia war, bot ihm etwas, was er bei seiner Frau entbehrte. Besonders was den Sex anging. Jan hatte von Anfang an klargestellt, dass eine Trennung von seiner Familie niemals in Frage kam, und Margitta hatte seinen Standpunkt akzeptiert. Anscheinend kam der gelegentliche Sex ihrem Lebensstil durchaus entgegen, und Jan nahm an, dass er nicht der einzige Liebhaber in ihrem Leben war.

„Ich habe mich entschlossen, fĂŒr den Stadtrat zu kandidieren“, verkĂŒndete Jan nach dem Essen. Er wischte sich den Mund mit der Serviette ab und lehnte sich mit einem stolzen LĂ€cheln zurĂŒck. „Claus Wilkens hat mich gefragt, ob ich nicht bei der nĂ€chsten Kommunalwohl fĂŒr seine Partei antreten will. Er meint, ich hĂ€tte gute Chancen, gewĂ€hlt zu werden. Und auf jeden Fall wĂŒrde die Partei mich auf einen sicheren Listenplatz setzen. Nun, was sagt ihr?“
„Cool, Papa, dann wirst du ja prominent!“ Die kleine Vanessa war begeistert. Tobias verzog den Mund. „Du bist doch sowieso schon bekannt wie ein bunter Hund. Sowas von peinlich! Und ausgerechnet in dieser scheißkonservativen Partei? Muss das sein?“
„Klar, dass du dagegen bist, Tobias.“ Jan zog verĂ€rgert die Brauen zusammen. „Gibt es ĂŒberhaupt etwas, wogegen du nicht bist?“
Tobias stand auf, ohne seinem Vater eine Antwort zu geben. „Ich fahr 'rĂŒber zu Dennis. Wir wollen noch einige Artikel fĂŒr die SchĂŒlerzeitung schreiben.“
„SpĂ€testens um zehn bist du wieder da, ist das klar?“, rief Jan ihm nach. „Der Junge wird immer schwieriger“, sagte er kopfschĂŒttelnd, „und dabei hat die PubertĂ€t doch noch gar nicht richtig angefangen.“
Die TĂŒrglocke ertönte. Vanessa sprang auf.
„Das ist Carmen. Wir wollen noch zusammen fĂŒr Französisch ĂŒben. Morgen schreiben wir eine Arbeit.“ Sie rannte in den Flur, um ihre Freundin zu begrĂŒĂŸen. „Wir sind in meinem Zimmer“, rief sie, und man hörte die beiden MĂ€dchen die Treppe hinauf rennen.
Konsterniert sah Jan seine Frau an. „So viel zur Reaktion meiner Kinder. Und du, Bambi? Was sagst du dazu?“
„Schön“, antwortete Claudia matt. Sie stand auf und fing an, das Geschirr zusammen zu stellen und abzurĂ€umen. Margitta hielt ihre HĂ€nde fest und nötigte sie, sich wieder hinzusetzten.
„Claudia muss etwas Wichtiges mit dir besprechen, Jan. Sie hat mich gebeten, dabei zu sein. Deshalb bin ich hier.“
Erstaunt sah Jan seine Frau an. „Ach, deshalb warst du die ganze Zeit so still, Liebling. Was ist denn los?“ Beunruhigt ĂŒber die ernsten Mienen der beiden Frauen runzelte er die Stirn. „Ist etwas passiert? Mit den Eltern?“
„Nein, nein, mit der Familie ist alles in Ordnung“, flĂŒsterte Claudia. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. BestĂŒrzt sah Jan, wie die Lippen seiner Frau anfingen zu zittern und TrĂ€nen in ihre Augen traten. Schnell stand er auf, trat an sie heran und umfasste ihre Schultern. „Komm, so schlimm wird es ja wohl nicht sein. Heraus mit der Sprache!“ Heftiges Schluchzen hinderte Claudia daran zu sprechen.
„Deine Frau wird erpresst“, sagte Margitta.
Jan sah sie unglĂ€ubig an. „Erpresst? Womit kann man meine Frau denn erpressen? Das ist doch lĂ€cherlich!“
Margitta stand auf und holte den Umschlag aus der Kommode der Anrichte. Plötzlich bekam Jan Angst. Er fĂŒhlte, wie sein Herz heftig gegen die Rippen pochte.
Margitta reichte ihm ein weißes Blatt, auf dem nur wenig Text stand. Er las. Schwer ließ er sich auf seinen Stuhl sinken.
„Was sind das fĂŒr Fotos?“ Seine Stimme klang ĂŒberhaupt nicht mehr wie seine eigene. Er musste sich rĂ€uspern. „Ich will die Fotos sehen!“
Margitta reichte ihm den Stapel Fotografien. Wortlos ließ er eins nach dem anderen durch seine HĂ€nde gleiten. Er wollte nicht glauben, was er sah. In seinem Kopf schwirrten Gedankenfetzen umher, die er nicht einfangen konnte. Er glaubte plötzlich, keine Luft mehr zu bekommen. Das konnte doch nicht wahr sein! Seine Frau, sein Rehlein, in den Armen einer anderen Frau! Einer Frau! WĂ€re es ein Mann gewesen, womöglich hĂ€tte er es noch verkraftet. Aber was konnte er ausrichten gegen eine Frau? Seine Claudia, die Mutter seiner Kinder: eine Lesbe! Alles in ihm strĂ€ubte sich dagegen. Er fĂŒhlte, wie Ekel und Abscheu in ihm aufstiegen. Und eine Wut, die nicht nur der Empörung ĂŒber ihre Untreue entsprang, sondern einer viel tiefer gehenden KrĂ€nkung. Einer KrĂ€nkung, die ihn in den Grundfesten seiner MĂ€nnlichkeit traf. Wie konnte sie ihm das antun!
Er sprang auf und schlug seiner Frau mit der flachen Hand ins Gesicht. Einmal, zweimal, dreimal. Ihr Kopf flog haltlos hin und her. Ihr trĂ€nennasses Gesicht zeigte zuerst weiße, dann rote Flecken. Margitta ergriff seinen Arm und hielt ihn fest.
„Was tust du da, Jan“, schrie sie, „hör auf! Hör sofort auf damit!“
Schwer atmend hielt er inne. Wie betĂ€ubt starrte er die beiden Frauen an. Dann ließ er sich auf seinen Stuhl fallen.
Claudia hatte aufgehört zu schluchzen. SchwerfĂ€llig, wie aus einem Traum erwachend, stand sie auf. „Ich gehe“, sagte sie, „hier kann ich nicht mehr bleiben.“
„Ja, geh nur. Geh zu deiner Hure. Ich will dich nicht mehr sehen!“ Jan stĂŒtzte seinen Kopf in beide HĂ€nde, wĂ€hrend Margitta hinter Claudia herlief. Die Fotos lagen immer noch ausgebreitet auf dem Tisch, mitten zwischen dem schmutzigen Geschirr. Jan nahm den Brief und starrte auf den Text. 'FĂŒnfzigtausend Euro! Sonst gehen die Fotos an die Presse.' Bestimmt wĂŒrde irgendein schmieriger Lokalreporter den Skandal genĂŒsslich ausschlachten. Und das, wo demnĂ€chst der Posten des Bankdirektors vakant wurde und er sich gute Chancen auf die Beförderung ausgerechnet hatte! Als Stadtrat kam er jetzt ja sowieso nicht mehr in Frage. Oh mein Gott, was hatte Claudia ihm da angetan!
Margitta betrat das Esszimmer. Jan sah auf. „Ist sie weg?“
„Ja“.
„Zu dieser ... ?“
„Ja.“ Margitta trat hinter seinen Stuhl und legte die Hand auf seine Schulter.
„Was wirst du jetzt tun?“, fragte sie. Ihr mitfĂŒhlende Stimme tat Jan gut.
„Was schon. Die Scheidung einreichen. Den Erpresser bezahlen.“ Es hielt ihn nicht auf dem Stuhl. Aufgeregt fing er an, im Zimmer hin und her zu laufen.
„Woher hat der Erpresser bloß diese Bilder? Er muss Claudia ja stĂ€ndig aufgelauert haben. Oder er hat diese andere Frau ĂŒberwacht, diese Lesbe. Wer ist das ĂŒberhaupt? Weißt du etwas darĂŒber? Vielleicht steckt diese Frau ja sogar selbst hinter dieser Erpressung. Oder eine abgelegte eifersĂŒchtige Geliebte von ihr?“ Aufgeregt fuhr er sich mit beiden HĂ€nden durch sein Haar, als wollte er sich buchstĂ€blich die Haare raufen.
„Sie heißt Iris Tenstedt und ist Referendarin an der Edith-Stein-Gymnasium. Claudia kennt sie seit einigen Monaten. Sie sagt, sie liebt sie.“
„Ach ja? Sie liebt sie? Und was ist mir mir? Und mit den Kindern?“ Verzweifelt schĂŒttelte Jan den Kopf. „Und ĂŒberhaupt: eine Frau!“
Margitta trat auf ihn zu und fasste seinen Arm. „Nun beruhige dich erst einmal, Schatz. Und dann lass uns gemeinsam ĂŒberlegen, wie wir dieses Problem so lösen können, dass es fĂŒr alle am besten ist“.

Nils Paulsen musste sich beeilen. Seine Zielperson wĂŒrde sicher bald wieder zum Vorschein kommen. Diesmal war es ein Ehemann, der vor geraumer Zeit mit einer kurvenreichen Blondine, die nicht nach einer braven Ehefrau aussah, in dem Hotel verschwunden war. Durch das Fenster des Restaurants, in dem er gerade ein deftiges Kotelette mit Kartoffeln und GemĂŒse verspeiste, hatte er den Eingang des Hotels gut im Blick. WĂ€hrend er mit Genuss kaute, fiel sein Blick auf ein Paar, das das Restaurant gerade betreten hatte. Auffallend gutaussehend, die beiden. Der Mann in dunkelgrauen Dreiteiler mit weißem Hemd und einer dezenten Krawatte, Mitte vierzig, gut geschnittenes Gesicht, volles dunkelblondes Haar, kam ihm bekannt vor. Ja, richtig, jetzt fiel es ihm ein. Der Mann war kĂŒrzlich mit einer beeindruckenden Anzahl von WĂ€hlerstimmen in den Rat der Stadt gewĂ€hlt worden. Beruflich hatte er etwas mit Banken zu tun, wenn er sich nicht tĂ€uschte. Geschieden, natĂŒrlich. War heutzutage ja nichts Besonderes mehr. Außerdem: Hatte er ihn nicht einmal observiert? Ja, natĂŒrlich! Die Ehefrau mit der Geliebten. Wie hieß sie noch gleich? Claudia Sowieso. Paulsen war stolz darauf, dass er nie ein Gesicht vergaß. Auch nicht das schöne Gesicht der Frau im maßgeschneiderten KostĂŒm an der Seite des Mannes, die jetzt ihre langen schwarzen Haare schĂŒttelte und ihren Begleiter mit ihrem verfĂŒhrerischen roten Mund anlĂ€chelte. Sie war damals die Auftraggeberin gewesen, Paulsen erinnerte sich genau. Höflich schickte er ihr einen Augengruß und lĂ€chelte ihr freundlich zu, wĂ€hrend er sich halb aus seinem Stuhl erhob. Sie sah ihn konsterniert an und drehte dann den Kopf weg. Aha, sie wollte ihn also nicht mehr kennen. Na gut, das war er gewöhnt.
Paulsen beendete seine Mahlzeit und rief nach der Rechnung. Jeden Augenblick konnte seine Zielperson mit der blonden Begleitung das Hotel verlassen. Er brauchte noch ein paar gute Fotos von den beiden.

Margitta nahm aus den Augenwinkeln wahr, wie Paulsen das Lokal verließ. Erleichtert wandte sie sich der Speisekarte zu, die Jan ihr reichte. Das hĂ€tte noch gefehlt, dass dieser Detektiv sie angesprochen und in Verlegenheit gebracht hĂ€tte. Es wĂ€re ihr schwer gefallen, so schnell eine plausible ErklĂ€rung aus dem Ärmel zu schĂŒtteln fĂŒr eine Bekanntschaft mit einem Privatdetektiv.
Sie unterdrĂŒckte einen erleichterten Seufzer. Alles war genauso gelaufen damals, wie sie es geplant hatte. Und das Schönste war: Alle waren glĂŒcklich. Nachdem Jan das Geld auf das online-Konto ĂŒberwiesen hatte, das der 'Erpresser' ihm in einem weiteren Brief genannt hatte, hatte sie am nĂ€chsten Tag alle Fotos und den Computerchip des Camcorders, auf dem sie gespeichert waren, in Jans Briefkasten gelegt. NatĂŒrlich fĂŒrchtete er, dass die Fotos noch irgendwo auf einem Computer gespeichert waren. Es war jetzt aber nicht mehr so wichtig, denn Claudia war mit Iris Tenstedt in eine andere Stadt gezogen, wo niemand sich fĂŒr kompromittierende Fotos von den beiden interessierte, jetzt, wo sie offen als Paar zusammenlebten. Und sie, Margitta, war seit einem Monat mit Jan verheiratet. Endlich hatte sie den Mann erobert, den sie seit Jahren liebte. Schon seit damals, als sie ihn auf seiner Hochzeit mit Claudia kennengelernt hatte. Sie passte sowieso besser zu ihm als die liebe nette Claudia, jetzt, wo er als Stadtrat immer mehr in der Öffentlichkeit stand. Unter der Hand wurde er sogar schon als zukĂŒnftiger BĂŒrgermeister gehandelt, dachte sie voller Stolz.
Die Scheidung war diskret ĂŒber die BĂŒhne gegangen. NatĂŒrlich, die Kinder, vor allem Vanessa, hatten zuerst unter der Trennung der Eltern gelitten, aber jetzt begeisterte die Kleine sich fĂŒr Mode und hielt sich in jeder freien Minute in Margittas Boutique auf. Der Boutique hatten die 50 000.- € natĂŒrlich gutgetan; Margitta hatte einen Nebenraum hinzu gemietet und ihr Warenangebot erweitert. Jan hatte einen Sparfond aufgelöst und seinen BMW gegen einen Audi eingetauscht, um das Geld zusammen zu kommen. Das war kein großes Problem gewesen. Tobias, der inzwischen 15-JĂ€hrige, stand mit seinem Vater auf Kriegsfuß, war neuerdings Vegetarier und Pazifist. Aber beide Kinder hatten sich dafĂŒr entschieden, bei ihrem Vater zu bleiben. So hatten sie ihr gewohntes Leben weiterfĂŒhren können wie bisher.
Zufrieden lĂ€chelnd nahm Margitta Jans Hand und drĂŒckte sie. Sie hatte alles erreicht.




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Ralph Ronneberger
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Hallo Hyazinthe

Es tut mir leid, dass ich angesichts des sicherlich großen Fleißes, der in diesem „Krimi“ steckt, keinen wohlwollenden Kommentar abgeben kann.

Mit sehr viel mehr Tempo und sehr viel weniger Klischees und dazu in einer saloppen Gangart geschrieben – das hĂ€tte vielleicht eine nette humorige Geschichte ergeben. Aber so?

Abgesehen davon, dass die dem Genre „Krimi“ nachgesagte Spannung komplett fehlt, kann man diese Geschichte einfach nicht ernst nehmen. Wie gesagt: FĂŒr ein humorvolles StĂŒck könnte der Plot durchaus taugen.
Mal sehen, kann ja noch kommen.


Gruß Ralph

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Hyazinthe
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Danke, Ralph, fĂŒr deinen kritischen Kommentar.

Was mich an diesem Plot gereizt hat, waren die moralisch und menschlich kritikwĂŒrdigen Handlungsweisen der drei Hauptprotagonisten. Claudia, die zu schwach ist und zu abhĂ€ngig von Konventionen und Meinungen, um zu ihrer Neigung zu stehen, Margitta, die Intrigantin und Drahtzieherin, die mit unfairen Mitteln ihre Ziele zu erreichen versucht, Jan, der bedenkenlos eine AffĂ€re mit der Freundin seiner Frau pflegt und dem Karriere und Ansehen wichtiger sind als seine Familie. Und als Clou: Am Ende sind tatsĂ€chlich alle Beteiligten glĂŒcklicher als zuvor.
Wie ich daraus eine "humorige" Geschichte machen soll, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Es wĂŒrde höchstens eine bittere Satire werden. Aber du hast Recht: Ein "spannender Krimi" im eigentlichen Sinne ist es sicherlich nicht.
Vielleicht gehört der Text eher in die Kategorie "Kurzgeschichten"?

Gruß, Hyazinthe
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jon
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Das Verlegen der Geschichte in ein andere Genre macht die Geschichte nicht spannender. Es ist ja auch nicht so, dass Kurzgeschichten nicht spannend sein mĂŒssen - jede ErzĂ€hlung (egal welchen Genres) sollte das sein.

Knackpunkt eins: Alles ist zu ausufernd. Die Passagen mit dem Privatdedektiv z. B. erzĂ€hlen ein Haufen Zeug, das fĂŒr die Story nicht relevant ist.
Knackpunkt zwei: StĂ€ndig lieferst du irgendwelche Hintergrundinfos - das ĂŒberwiegt die Handlung. Infodumping nennt man das. Vor allem am Ende, wo du nochmal aufdröselst, was warum passiert ist (als ob der Leser zu dumm wĂ€re, das selbst erkannt haben zu können), tötest du damit die Story.

Tipp 1: KĂŒrz das mit dem Privatdedektiv auf Mini-Kapitel runter!
Tipp 2: Versuch mal, wirklich nur Handlung zu schreiben! Was passiert, was ist zu sehen und zu hören?

Beispiel:
Statt

quote:
„Oh mein Gott“! Sie ließ sich auf ihren Stuhl fallen. „Das ist allerdings eine Katastrophe.“ Der Reihe nach betrachtete sie die Fotos. Sie zeigten Claudia mit ihrer Geliebten Iris. Sich leidenschaftlich kĂŒssend. Mit nacktem Oberkörper. Unzweideutig.
Margitta wusste von dem VerhĂ€ltnis. Claudia hatte es ihr vor einigen Monaten anvertraut, so wie sie sich seit ihrer Schulzeit gegenseitig alles anvertrauten. Zuerst in Briefen, dann in langen E-mails, jetzt einmal in der Woche persönlich. Beste Freundinnen eben. Von Anfang an hatte sie mitangesehen, wie sehr Claudia unter dem Dilemma litt, in dem sie sich befand. Sie konnte sich nicht entschließen, zu ihrer neuen Liebe zu stehen und sich scheiden zu lassen. Wie oft hatte sie mit ihr, Margitta, all die GrĂŒnde diskutiert, die gegen eine Trennung von Jan, ihrem Mann sprachen. Die Kinder, die gesamte Familie, seine Stellung in der Bank, das Gerede der Leute. Und die Tatsache, dass sie ihren Mann immer noch liebte. Irgendwie. Aber da war Iris! Die schöne junge Iris! Mit ihren blonden Haaren und den traumhaften Körper. Und einer SexualitĂ€t und ZĂ€rtlichkeit, die Claudia offenbar noch nie vorher gekannt hatte. Sie, Margitta, konnte diese Leidenschaft nicht nachvollziehen. Ihr war die Liebe zwischen zwei Frauen fremd, ihre Leidenschaft galt den MĂ€nnern. Nicht nur einem. Wohl auch ein Grund, warum sie mit ihren achtunddreißig Jahren immer noch Single war. Oder, vielleicht, weil ihre große Liebe nicht erfĂŒllt worden war?
Sie schĂŒttelte den Gedanken ab. Jetzt brauchte Claudia sie. „Komm, Liebes, jetzt trinkst du erst einmal einen Schluck Kaffee und dann sehen wir weiter.“ Sie goss den Kaffee ein und reichte ihrer Freundin die Tasse. Gehorsam trank Claudia einen Schluck. Dann sah sie Margitta mit einem Ausdruck tiefster Verzweiflung an. „Was mache ich denn jetzt nur, Margitta?“

„Oh mein Gott“! Sie ließ sich auf ihren Stuhl fallen. „Das ist allerdings eine Katastrophe.“ Der Reihe nach betrachtete sie die Fotos. Sie zeigten Claudia mit ihrer Geliebten Iris.
„Was mach ich denn jetzt?"
„SchĂ€tzchen, ich hab dir schon immer gesagt, dass das nicht gut geht. Du hĂ€ttest mit Jan reden sollen.“
„Er hĂ€tte sich scheiden lassen.“
„WĂ€re vielleicht besser fĂŒr dich gewesen. Jaja", kam sie ihrem Einwand zuvor. „Die Kinder, Jans Karriere, das Gerede der Leute - ich weiß schon. Aber was willst du jetzt machen? Du hast keine fĂŒnfzigtausend Euro. Ja hĂ€tte vielleicht 
"
„Nein! Ich kann ihn nicht fragen! Er wird mich verlassen.“
„Dann musst du dich zumindest nicht mehr zwischen ihr und ihm entscheiden. Ich bin deine beste Freundin, SchĂ€tzelchen, wir kennen uns schon ewig und ich sage dir, du bist doch nicht glĂŒcklich so. Vielleicht ist dieser Brief das Beste, was dir passieren konnte 
"
„Du weißt nicht, wie das ist 
“
„Eine Frau zu lieben? Nein. Und ich kann es mir auch nicht vorstellen. Aber nur, weil ich Single bin, heißt das nicht, dass ich gar nicht weiß, was Liebe ist. Oh, ich weiß das nur zu gut.“
„Ach ja? – Oh Gott, Margitta, was soll ich denn bloß machen?“


PS: Es sind auch noch erzĂ€hlerische "Fehler" drin. Z. B: Warum liest Paulsen das Protokoll vom Vortag, dazu muss er das von heute erst wegblĂ€ttern. Oder: Wenn Margitta nicht auf Frauen steht, wieso ist in ihrem Denken dann diese erotische FĂ€rbung in Sachen Iris enthalten? Wieso ist es nicht wichtig, ob irgendwo doch noch Foto-Dateien liegen? Jans „Ruf“ kann doch immer noch "beschĂ€digt" werden.

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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalÀsst (Klaus Klages)

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