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Leselupe.de > Gereimtes
Die Freundin
Eingestellt am 29. 01. 2002 15:29


Autor
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Inge Anna
H├Ąufig gelesener Autor
Registriert: Apr 2001

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Die Freundin

Wir kannten uns von Kindheit an:
Sie hie├č Ermina Quast;
ihr Vater war Gewerkschaftsmann,
der meine sa├č im Knast.

Erminas Mutter blickte mich
meist voller Mi├čgunst an
und meine Mutter gr├Ąmte sich,
was hatte ich getan?

Die Schule sah ich nie als Zwang;
ich lernte m├╝helos.
Ermina schw├Ąnzte tagelang,
was wenige verdro├č.

Die Lehrerschaft hofierte ihr,
bel├Ąchelte die L├╝cken.
Dem Alten, der ein hohes Tier,
kraulte man den R├╝cken.

Doch uns're Freundschaft schien ein Band
von steter Festigkeit;
wir schufen uns ein eig'nes Land,
fern ab vom Strom der Zeit.

Ein Paradies der Harmonie,
dessen Glanz wir pflegten,
gleich einer zarten Melodie,
deren Klang wir hegten.

Der Freundin stille Heiterkeit
war wie ein warmes Licht.
Die M├Ąchte tiefster Dunkelheit,
ahnten wir damals nicht.

Und es kam jener Junitag,
der unsern Bund zerbrach;
bitterer F├╝gung Hagelschlag
machte uns hilflos, schwach.

Ein falscher Ton begehrte Raum
und nistete sich ein;
wundes Herz, zertret'ner Traum,
die Seele kalt wie Stein.


Ermina steuerte ihr Ziel
auf ├╝ble Weise an;
mein Schmerz begleitete das Spiel
und manche Tr├Ąne rann.

In Hohn getaucht war jedes Wort,
sie holte m├Ąchtig aus;
nahm, was ich liebte, mit sich fort,
bespie mein Elternhaus.

Nein, ich wollte nicht versinken,
in einem Meer von Pein,
nicht in Selbstmitleid ertrinken,
auch kein Verlierer sein.

Doch sie behielt die Oberhand,
wir trennten uns in Ha├č;
was einst auf festen F├╝├čen stand,
zerbarst wie d├╝nnes Glas.

Ich sah Ermina vor drei Jahren,
erkannte sie im Stadtgew├╝hl;
sie wirkte rastlos und zerfahren
und mich beschlich ein Angstgef├╝hl.

Sie hastete an mir vorbei,
als sei sie auf der Flucht.
Ahnte ich den Hilfeschrei,
der einen Ausweg sucht?

Ich ├╝berlegte und entschied,
den schweren Schritt zu wagen;
auch wenn sie meine N├Ąhe mied,
wollte ich dies ertragen.

Doch es verlor sich ihre Spur,
ich trat den Heimweg an;
erlag ich einer T├Ąuschung nur,
geriet ich aus der Bahn?

Und pl├Âtzlich war sie neben mir,
ich nahm sie bei der Hand;
wie fr├╝her ging ich neben ihr,
als Freundschaft uns verband.


Willenlos lie├č sie sich f├╝hren,
stumm traten wir ins Haus.
War noch ein Hauch von Gl├╝ck zu sp├╝ren
oder war alles aus?

Erminas Blick, mir wurde kalt,
noch immer schwiegen wir.
Da sa├č sie, lebensmatt und alt,
doch etwas rang in ihr.

Dann sprach Ermina und mir war,
als drehte sich der Raum;
es lauerten Not und Gefahr,
Wirklichkeit - kein Traum.

Ihr Ehemann sei das Verderben,
in schrecklicher Gestalt;
ihr blieb ein Berg von Schutt und Scherben,
im Schatten von Gewalt.

Dem kleinen Sohn bot dies Zuhaus'
an Bitternis zuviel;
und eines Abends blieb er aus:
man fand ihn und sein Ziel.

Um einer H├Âlle zu entflieh'n,
warf er sich vor den Zug.
Ermina hielt den Brief mir hin,
den stets sie bei sich trug.

Ich las den Inhalt und sie schlug
die H├Ąnde vors Gesicht.
Zum nahen Brunnen trieb's den Krug,
jedoch sie weinte nicht.

Ronalds kurze Abschiedszeilen
weckten Erinnerung;
mit seinem Vater wollt' ich teilen
mein Leben, als ich jung.

Ermina ri├č das Rad herum,
doch das, was sie gewann,
zerfiel auf morschem Podium;
ein Teufelstanz begann.


Trieb dieses kleine St├╝ck Papier
jetzt alles ├╝ber Bord?
war nur noch Bitterkeit in ihr
und jede Kraft verdorrt?

Sie strich mir ├╝bers Haar und ging;
fast tonlos sagte sie:
"Verzeih' dem m├╝den Schmetterling,
er fand die Rosen nie."

Ermina setzte aller Qual
j├Ąh und hart ein Ende.
Leis' singt der Wind: Es war einmal.
Am Grab falt' ich die H├Ąnde.

Zwei Schmetterlinge zieh'n vorbei;
ich weine in den Wind:
Liebe Ermina, du bist frei,
vereint mit deinem Kind.

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La Noche
???
Registriert: Feb 2001

Werke: 114
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Hallo Inge Anna,
Sehr tiefgr├╝ndig und r├╝hrend geschrieben, es geht mir wirklich nahe.
Obwohl das Versma├č manchmal nicht ganz aufgeht, w├╝rde ich nichts dran ├Ąndern, es sollte so stehen bleiben.
Eine sehr traurige Geschichte...wei├č nicht so wirklich was ich dazu sagen soll...die Umsetzung ist dir aber wiklich sehr gut gelungen.

LG,
La Noche

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wolfsfrau
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Nov 2001

Werke: 137
Kommentare: 192
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Die Freundin

Hi Inge-Anna

Dein Gedicht hat mich richtig ber├╝hrt. Der Schmerz , die Trauer , die Hoffnungslosigkeit richtig sp├╝rbar.

Viele liebe Gr├╝├če
die Wolfsfrau
__________________
Wo ist das letzte Einhorn?

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