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Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Die Futt dät brenne
Eingestellt am 15. 11. 2012 17:49


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Wolfgang Bessel
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2007

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Die Futt dät brenne

Du meine Zeit! Aufn letzten Drücker kam ich zur Schießprüfung für die Jägerprüfung angedackelt. Ich kriegte noch gerade die Begrüßung mit.
„Waidmannsheil und guten Morgen! Wer von Ihnen heute nich die erforderlichen Schießergebnisse bringt, wird vonne weiteren Prüfung ausgeschlossen. Konzentrieren Se sich und bewahrn Se Ruhe. Hoffentlich haben Se genug geübt. Ich drück Ihnen die Daumen.“
Dat war ja en sehr beruhigenden Empfang durch den Schießobmann. Son bissken netter hätte er dat schon sagen können. Einigen Prüflingen schlotterten bereits die Knie. Mein Selbstbewusstsein war vor einer Prüfung noch nie stark ausgeprägt gewesen. Ich kriegte durch seine knallharte Ankündigung auch richtig Bammel.
Als ich mich gerade auf dat Flintenschießen konzentrierte, hörte ich hinter mir eine wohlbekannte Stimme in Eifeler Mundart – nee, war der dat wirklich? Jau, da stand tatsächlich en alten Bekannten von meinem ersten Einsatz als Treiber, der dicke Obertreiber Adolf bei die Prüfungskandidaten. Der Ad. Wat für ne Überraschung! Wir begrüßten uns überschwänglich.

Adolf machte die anderen Prüflinge sofort auf sich aufmerksam. Er rief alle zu sich.
„Leut, kummt ma bei mich, ich sein der „Ad“. Hab letztet Johr schon ma dat Geschisse mitjemaat, hatte Brassel mit die Pump und musste passe. Ich hab hier ne leckere Beruhigunsschlücksje für uns mitjebraat. Dat iss dat bewährde Prüfungswässerche Marke „Ad“. Offjesetzt in Hasenknöttele und Glückskleeblättere. Dat iss en uraale Wildererrezept us de finsteren Vulkaneifel. Die Flint scheußt nach som Schlücksje wie von selwer. Ihr scheußt donoch wie die Weltmeister.“ Wir grinsten ihn ungläubig an.
Da stand er in voller Größe und seinem gewaltigen Leibesumfang, mein Vorgesetzter in der Treiberwehr, der Adolf. Dat war ja zu schön, dat ich den Kerl noch ma wiedersehn durfte.

Dieses Jahr beging Adolf sein fünfzigjähriget Wildererjubiläum und hatte geschworn, nach diesem denkwürdigen Jubiläum, dat Wildern endgültig zu beenden. Mit Ablegen vonne Jägerprüfung wollte er endlich en richtigen Jäger werden und nur noch ehrlich jagen. Und dat noch mit sechsundsechzig Jahren!
Ich würde ja zu gerne wissen, welcher Blödmann den armen Kerl dazu noch überredet hat! Dat war nie und nimmer seine eigene Entscheidung.
Fast alle Prüflinge nahmen ein, zwei Schlückchen von dem Wunderwässerchen. Manche hauten dat Zeug weg, wie Verdurstende inne Wüste. Dat war pure Versagensangst! Die Pulle war ruck zuck leer.
Ad’s Fürsorgemaßnahme war goldrichtig. Völlig locker und entspannt fühlte ich mich, ich war die Ruhe selbst. Nur gut, dat ich nich Bertas grüne Beruhigungspillen geschluckt hatte.
Tontauben-, Kugelschießen, allet lief wie geschmiert. Ich wunderte mich, denn so gut war ich noch nie aufm Schießstand.
Mein Freund, Karl, der Schießobmann und großer Berater bei der Treibergrundausstattung, kloppte mir anerkennend aufe Schulter: „Gut gemacht, Wilhelm.“
Bester Schütze war allerdings der dicke Ad! Er verdrückte vor dem Tontaubenschießen vier Koteletts und rief: „Losse kumme, die lieben Täubleins.“ Er schoss wie der Deubel!
Auch mit der Büchse machte er uns allen wat vor.
Woher hatte der Kerl bloß dat Talent? Waren dat allet angewölfte Gene oder einfach nur Wildererroutine?
Den ersten Prüfungstag überstand eine unserer Lehrgangsdamen leider nich. Sie war theoretisch von uns allen die beste, patzte aber zweimal bei den Tontauben. Dat war vielleicht en Drama. Aber warum hatte die Frau gepatzt? Ich sach et Ihnen? Weil die blöde Nuss Adolfs Prüfungströpfchen angeekelt und spöttisch ablehnen tat.
Gut, so wat tat weh! Kannze nix machen. Der eine schafft et, der andere nich! Wir trösteten sie, so gut et ging. Ihre bekloppte Alkoholabstinenz war in meinen Augen allerdings en selbstverschuldetet Schicksal.

Berta rief ich abends in ihrem Wellnesshotel an und verkündete die frohe Botschaft vonne gelungenen Schießprüfung. Sie war überglücklich, dat spürte ich durch den Äther. Da hasse nach so vielen Ehejahren feine Lauscher für.
„Willi, mein Scharfschütze, ich hab auch nix anderet von dir erwartet. Ich hab trotzdem die Daumen gedrückt, du biss mein Held, ich liebe dich. Weiterhin Waidmannsheil!“
Ich warnte se noch: „Berta, lass dir bloß keine Frischzellen in den Balg pumpen, dat hasse nich nötig, du biss noch knackig genug. Davon kannze Krebs kriegen, dat hab ich ma irgendwo gelesen.“
„Willi, keine Sorge, dat würd ich mir nie antun, tschüss, Willi, ich hab gleich ne Massage.“

In der Nacht vor dem zweiten Prüfungstag quälten mich sonderbarerweise keine Albträume. Ich war total entspannt. Locker ging ich inne schriftliche Prüfung.
Zig Fragen sollte ich auf mehreren Fragebogen beantworten – leichte, schwere und verdammt gemeine!
Halt! Nich, dat ich dat vergesse: Vor der Prüfung haben wir uns selbstverständlich wieder wat von Ad’s Prüfungswässerchen verpitscht.
Adolf und ich drückten während der Prüfung dieselbe Bank. Er passte mit seinem dicken Brezel kaum auf den Stuhl. Er rutschte hin und her und saß da ganz seltsam drauf.
„Ad“, fragte ich, „wat iss mit dir?“ Dicke Schweißperlen tropften unaufhörlich von seiner Rübe auf den Fragebogen.
„Ich han am Waidloch ne Fistele, dat Schissding däd brenne, trotz Salf und Tabledde.“
Da saß der arme Kerl mit seinen hundertfünfzig Kilo nur noch auf einer Keule!
Er stöhnte leicht auf und flüsterte: „Willi, et jäht nich mie, et jäht nich mie, ich muss die Futt versorje.“
Er quälte sich hoch, marschierte mit hochrotem Kopp und schmerzverzerrtem Gesicht zum Prüfer und erklärte sein unangenehmet Leiden. Er müsse sich dringend die Futt mit Salbe sanieren, sonst wär et aus mit die Prüfung. Eine Aufsicht begleitete ihn zur Toilette, damit ein eventuellet Schummeln ausgeschlossen werden konnte. Ja, so streng geht et bei sonne Prüfung zu. Adolf kam zurück, pinnte en paar Minuten wie besessen, dann tropfte et schon wieder von seiner Birne.
„Ich hal dat nimmie us, ich kann nit mie, ich hauen aff.“
Ich zischte ihm zu: „Ad, dat iss deine letzte Chance! Halt noch zehn Minuten durch! Stell dir vor, du biss im Krieg, da kannze auch nich wegen deiner Fott die Flinte int Korn werfen. Halt durch, du packs dat!“
„Willi, die Futt däd brenne, ich kaan mie nit konzentriere, dat iss Schinderei, ich jon hei noch verreckt.“ Ich beschwor ihn: „Ad, scheiß auf deine Fott, halt durch!“
Ad hat durchgehale. Bravo! Er wurde nach der Prüfung sofort von einem unserer Lehrgangs-Knochenflicker verarztet.
Zur schriftlichen Prüfung muss ich noch wat loswerden. Ich hab immer noch soon Hals!
Einige Fragen hatten mit die Jagd überhaupt nix zu tun. Beispiel: Welchen Anforderungen muss ein Amphibientümpel genügen?
Welche Dösköppe fabrizieren so beschissene Fragen? Dat sach ich Ihnen:
„Dat sind bestimmt Bürohengste, so Sesselpuper, ohne blassen Schimmer vonne praktischen Jagd. Oder einfach nur Klugscheißer und grüne Neidhammels, die uns Jäger leimen wollen. Die Bande würde ich mir noch heute vorknöppen und vermöbeln, also son paar Pfunde mit dem Waidblatt aufe Keulen kloppen. Die würden nie wieder son Schwachsinn verzappen!“

Zwei Tage später sahen wir uns zur mündlich-praktischen Prüfung wieder. Ad war wieder gut drauf. Er verteilte heute aber keinen Tropfen von seinem Eifeler- Prüfungswässerchen. Wir machten lange Gesichter und fragten:
„Ad, wat iss mit deinen Wundertropfen? Hasse die alleine gesoffen?“
„Leut“, sachte er, „die hohen Herren don den Alkohol wittere, die hocke heut janz vorn, do hasse sofort schlechte Karde.“
Mit fünf anderen Kandidaten kam ich auch endlich in den Schwitzkasten. Acht Jagdexperten nahmen uns inne Mangel.
Als wir alle hochkonzentriert auf die ersten Fragen warteten, kam von unserem Lehrgangsleiter die erlösende Nachricht, dat die schriftliche Prüfung alle bestanden hätten. Junge, die Botschaft war besser als en Beruhigungsmittel! Ich befahl mir:
„Also, Willi, jetz weiterhin locker bleiben, dann kann nix mehr passieren!“ Hab ich gedacht!
Jetz kam ich anne Reihe. „Herr Püttmann, bitte treten Sie vor.“
Die Fragen zum Jagdrecht waren für mich wider Erwarten – "kleine Fische".
Den Notwehrparagraphen und dat Gedöns mit dem Jägernotpfad konnte ich, dank meiner Berta, auswendig vortragen.
Als mich aber der Veterinär, Dr. Pansenstecher, nach Größe und Farbe vonne Lungenwürmer fragen tat, kam ich schwer inne Bredouille.
Als hätte einer von uns Prüfungskandidaten jemals son Würmchen inne freien Wildbahn gesehn! Wat glaubte der Kerl denn?
„Willi“, dachte ich, „wat sachse jetz? Irgendwat musse ja bringen, Berta, mein letzter Strohhalm, kann dir in deiner höchsten Not nich beistehen. Zieh irgendwie den Kopp ausse Schlinge.“
„Also, Herr Doktor, dat iss inne Natur inne Größe und Farbe oft sehr, sehr unterschiedlich. Ja, manchma auch schwer unübersichtlich, wegen so fiese Mutanten vonne Würmkes. Et gibt also, wie alle hier wissen, junge Würmkes, die sind bekanntlich kleiner. Die Adulten, also die Erwachsenen vonne Wurmrasse, sind son bissken größer und ekliger, weil se dat befallene Tier auch schwerer zu schaffen machen.“
Der Veterinär grinste, er wusste sehr wohl, dat ich keinen blassen Schimmer von Ahnung hatte.
„Was für eine Farbe haben denn die Lungenwürmer, Herr Püttmann?“, bohrte der Kerl weiter.
„Herr Doktor, ich kann mich da nur wiederholen, et gibt, wie gesacht, auch hier sehr unterschiedliche Farben. Die kleineren Tierkes von diese Lungenrasse sehen son bissken blasser aus.“
Die Prüfer bogen sich vor Lachen. Ich weiß im Nachhinein, dat die Fragen alle nich ganz falsch beantwortet waren.
Im Fach Wildtierkunde war ich dagegen unschlagbar. Auch die Fragen über jagdlichet Brauchtum und die Jägersprache beantwortete ich wie ausse Pistole geschossen. Alle Tierköttels, die so genannte Losung, konnte ich sogar vom Geruch her bestimmen. Dat hat die Prüfer schwer beeindruckt und brachte mir mit Sicherheit einige Sonderpunkte ein.
Mein Wissen hatte ich nur meiner Berta, meiner Wellnessgeiß, zu verdanken.
Den Drilling nahm ich beim Fach Waffenkunde blind auseinander und setzte ihn blind wieder zusammen. Ehrlich, dat hat die Prüfer fast ausse Socken gehauen. Allet klappte wie am Schnürchen. Ich durfte abhauen.
„Waidmannsheil, Herr Püttmann!“, rief mir der Veterinär, immer noch lachend, hinterher.
Hieß dat jetz, ich hab bestanden, oder hatte der Kerl dat mit dem „Waidmannsheil“ nur ironisch gemeint, von wegen der verdammten Lungenwürmerei?
Erleichtert und doch verunsichert verließ ich den Prüfungssaal. Entweder hatte et geklappt oder – nee, daran durfte ich gar nich denken.
Sofort flitzte ich in die gegenüberliegende Kneipe „Fuchsbau“ und bestellte mir zwei Lange und zwei Kurze. Den verdammten Prüfungsstress musste ich ganz schnell runterspülen. Außerdem war mein Lecker von der vielen Antworterei arg drög geworden.

Die ausgequetschten Kameraden vonne ersten Gruppe saßen nervös am Jägerstammtisch und fragten neugierig:
„Willi, wie isset gelaufen? Sach schon, hasse en gutet Gefühl?“
Erst hab ich ma dat zweite Glas Bier ganz genüsslich über den Knorpel zischen lassen, dann erzählte ich ihnen allet, auch dat vonne Lungenwürmkes.
„Und wie war et bei euch?“ Ja, da ging et rund. Jeder erzählte noch ganz aufgeregt von seinen Schwächen und Stärken, voller Angst und Hoffnung.
Nach einer Stunde saßen wir immer noch wie auf heiße Kohlen. Hatten wir et gepackt, oder war die ganze Büffelei umsonst gewesen? Wir schwitzten Blut. Der Alkoholpegel stieg mit jeder Minute.
Adolf war auch mit die Prüferei fertig, kam inne Kneipe und bestellte sich erst ma en Liter Bier und drei halbe Flattermänner. „Dat muss ich jetz han“, sachte er, „die Kerle han mich jenervt.“
Endlich erschienen auch die letzten Prüflinge. Hinter ihnen marschierten mit todernsten Mienen die Kerle vonne Prüfungskommission. Unsere Augen klebten natürlich am Prüfungsleiter. Der Blödmann machte dat extra spannend. Endlich machte er dat Maul auf:
„Waidmannsheil, ihr Helden! Bis auf Herrn Ballermann, haben alle die Prüfung bestanden. Wir gratulieren Ihnen ganz herzlich.“
Ballermann war der hiesige Taxiunternehmer. Ausgerechnet der iss an der begehrten Kurzwaffe gescheitert. Schwerer Fehler beim Sichern der Waffe! Gut so, dat wär auch kein anständiger Jäger geworden. Der wollte nur en Waffenschein für ne Knarre.

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Wolfgang M. A. Bessel
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