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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Die Gabe (ein Hauch von Psi)
Eingestellt am 31. 08. 2003 10:49


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Volker Hagelstein
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

Werke: 29
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Die Gabe
"Verreisen?"
"Ja. Nur f├╝r einen Tag. Trotzdem wird es eine ziemlich eigenartige Reise werden."
Fred verzog das Gesicht, sagte aber nichts. Das hei├čt, eigentlich veranstaltete er gar nichts mit seinen Gesichtsz├╝gen, sondern beschr├Ąnkte sich auf ein minimales Kr├Ąuseln der Augenbrauen, w├Ąhrend er das Bierglas an die Lippen setzte. Im Grunde demonstrierte er damit seinen Glauben an unsere Freundschaft. Er ging davon aus, dass er weder etwas zu sagen noch Grimassen zu schneiden br├Ąuchte und lediglich die Augenbrauen minimal kr├Ąuseln m├╝sste, um mir ohne den Rest eines Zweifels zu offenbaren, was er von dieser Idee hielt.
"Es hat mit dem Job zu tun!"
"Unser Job ist hier! Wozu musst du dann verreisen?"
"Ich werde mich um Unterst├╝tzung k├╝mmern."
"Wir k├Ânnen keinen Dritten bezahlen. Wir k├Ânnen uns selber noch nicht einmal bezahlen! Vielleicht ├╝berstehen wir den Auftrag, wenn wir nur 22 Stunden am Tag arbeiten und die letzten zwei Stunden daf├╝r abzweigen, um in der Einkaufspassage betteln zu gehen!"
"Ich wei├č! Und genau darum werde ich mich nach Hilfe umsehen!"
"Bei wem?"
"Bei jemandem, der besser ist als alle unsere Mikrofone und Kameras zusammen. Jedenfalls, wenn es klappt!"
"Und? Wird es klappen?"
Ich hatte den Bierdeckel hochkant auf den Tresen gestellt und hielt ihn aufrecht, indem ich den Zeigefinger gegen die oberste Ecke dr├╝ckte, w├Ąhrend ich ihn mit den Fingerspitzen der anderen Hand anschnippte, um ihn zum Kreiseln zu bringen. Dadurch hatte ich einen Vorwand gewonnen, um ihn nicht anzuschauen. Er verstand das und w├╝rde nichts sagen. Ich mochte es, wie wir uns gegenseitig das Leben leichter machten.
"Klappen? Du solltest einfach darauf hoffen!"

*

Die Gegend ver├Ąnderte sich, die Birken wurden h├Ąufiger. Vermutlich ein Zeichen, dass der Boden hier feuchter und morastiger war. Meine Heimatkundelehrerin pflegte diese Landschaft immer mit einem gewissen Schaudern Geest zu nennen. Beim Lenken warf ich einen Blick auf das Handy, das ich auf den Beifahrersitz gelegt hatte. Vielleicht w├╝rde Britt ja doch anrufen. Aber f├╝r sehr wahrscheinlich hielt ich das nicht. Seitdem sie wieder in einer akuten Phase war, gab es zwischen uns nur zwei Formen der Abschieds: Bei der einen schaute sie mich mit gro├čen umschatteten Augen an – mit Augen die mir verrieten, wie sehr sie darunter litt, mich unter Druck zu setzen, die aber nicht anders konnten, als darum zu flehen, sie jetzt nicht allein zu lassen.
Aber heute morgen war es die andere Art gewesen: Die Erschreckendere. Die, bei der sie starr durch mich hindurchschaute, weil es ihr Zustand nicht erlaubte, sich auf mich zu konzentrieren. Dieser Zustand, in dem sie sich einfach auf das Sofa setzen w├╝rde, wenn ich gegangen war. Auf dem sie dann Stunde um Stunde nur da sa├č. Oder lag. Wahrscheinlich wartete sie dann noch nicht einmal auf mich. Vielleicht wartete sie darauf, dass die Wirkung der Antidepressiva einsetzen w├╝rde. Vielleicht wartete sie auch auf gar nichts. Jedenfalls waren das nicht die Tage, an denen sie anrufen w├╝rde.
Das Handy klingelte. Ich dr├╝ckte die Annahmetaste und hielt mir das Ger├Ąt ans Ohr. Es war Fred.
„R├Ątst du, was auf dem Band zu sehen war?“ h├Ârte ich seine elektronisch ausged├╝nnte Stimme sprechen.
„So wie immer?“
„Genau. Nichts! Nada. Noch nicht einmal eine illegale Rauchpause.“
Unsere Detektei hatte vom Management der Nakuma AG den Auftrag erhalten, ihre Mitarbeiter mit ├ťberwachungskameras zu kontrollieren. In solchen F├Ąllen geh├Ârte es eher zu den Ausnahmen, die Misset├Ąter wirklich beim Klauen zu ertappen. Meistens reichte es der Gesch├Ąftsleitung aber schon, wenn die Kollegen unsere Anwesenheit bemerkten und eine zeitlang etwas zur├╝ckhaltender wurden.
W├Ąhrend ich Fred in seinen Unterlagen st├Âbern h├Ârte, lenkte ich den Wagen mit einer Hand. Das war bis jetzt nicht gerade sehr kompliziert gewesen, da es nicht den geringsten Gegenverkehr gab. Aber allm├Ąhlich begann die Stra├če enger zu werden. B├╝sche und ├äste ragten bis an den Rand des Asphalts heran. Au├čerdem hatten sich ├╝ber den Feldern einige Nebelschwaden gebildet.
„Und?“
Dieses „und“ bedeutete nichts anderes als die Aufforderung, ihm alles offen zu legen.
„Es l├Ąsst dich nicht in Ruhe, ja? Gut, ich werde es dir sagen: Ich will der Nakuma etwas bieten! Etwas richtig Spektakul├Ąres, verstehst du? Damit sie gar nicht anders k├Ânnen, als uns den Auftrag zu geben!“
„Wie hast du dir das gedacht? Willst du da was hindrehen? Irgendeine Inszenierung? Du bist v├Âllig verr├╝ckt geworden!“
„Kalt, ganz kalt! Es wird absolut reell sein. Und es wird sie begeistern!“
Nat├╝rlich war es den Auftraggebern recht, wenn die Diebst├Ąhle aufh├Ârten. Das Problem f├╝r uns dabei w├Ąre: Das konnte jede Detektei liefern. Und wir hatten in der letzten Zeit wirtschaftlich viel Pech gehabt. Wir konnten nicht billig sein. Aus ihrer Sicht hatten wir nichts, was sie nicht auch von anderen bekommen k├Ânnten. Das einzige, was Wirkung h├Ątte, war, dass wir ihnen wirklich ein paar Langfinger pr├Ąsentierten. Und das h├Ątte eine m├Ąchtige Wirkung. Denn in jedem Menschen steckte auch ein J├Ąger. So etwas hinterlie├če beim Management der Nakuma AG einen bleibenden Eindruck, auch wenn sie es bewusst gar nicht bemerkten. Es w├╝rde unsere Beziehungen festigen - weil wir das Wild gemeinsam zur Strecke gebracht h├Ątten.
„Und darum musst du also verreisen?“
„Ich werde mich mit jemandem treffen.“
„Mit wem?“
„Mit einem Jungen. Er hei├čt Thido und ist vierzehn Jahre alt.“
„Vierzehn? Genau das richtige Alter f├╝r unseren Job, findest du nicht auch? H├Âr bitte auf, mir Salamischeibchen hinzuwerfen! Was hast du vor?“
„Den Tipp hab ich von Britt. Sie kommt aus dieser Gegend. Aus Steenfelde. Ein ziemliches Nest, du wirst bestimmt noch nichts davon geh├Ârt haben. Ich bin ├╝brigens gleich da.“
„Und da triffst du Thido?“
„Genau! Britt hat hier Verwandte, die von ihm erz├Ąhlt haben.“
„Was erz├Ąhlt?“
„Na, ja. Dass er etwas hat! Oder kann. So eine besondere Gabe halt!“
„Himmel, Herrgott! Wenn man das, was du da redest, zu Papier br├Ąchte, w├╝rde es aussehen wie ein Kreuzwortr├Ątsel!“
„H├Âr zu, Fred! Die Leute hier – die reden normalerweise keinen Unsinn. Die sprechen nur ├╝ber Dinge, die sie selbst gesehen haben. Und Thido hat diese gottverdammte Gabe. Er sieht Dinge. Er wei├č einfach, was Leute gemacht oder gedacht haben! Irgendetwas in dieser Art. Ich wei├č es noch nicht genau. Aber ich werde es rausfinden!“
Ich h├Ârte, wie er nach Luft schnappte und machte mich darauf gefasst, dass er gleich zu br├╝llen anfing. Aber nach einer unerwartet langen Sprechpause kamen seine Worte sehr ruhig und gefasst durch die Leitung.
„Jochen, So etwas wie The Sixth Sense gibt es nicht. Jedenfalls nicht in Wahrheit. Und du bist nicht Bruce Willis! H├Âr auf mit dem Quark! Komm zur├╝ck!“
„Ich komme zur├╝ck. Sp├Ąter.“
Es war das erste Mal, dass Fred einfach ein Gespr├Ąch abbrach. Vor mir tauchte das Ortsschild auf. Britt hatte mir beschrieben, wie ich den Jungen und seine Mutter finden w├╝rde. Aber auch ohne diesen Tipp w├Ąre es nicht so schwer geworden, sie zu finden. Hier wohnten nur 50 Seelen.

*

„Und? Was wird sp├Ąter aus dir? Eher Kampfflieger oder eher Flugzeugingenieur?“
Ich deutete auf das Modell des F4-Phantom-J├Ągers, das den allergr├Â├čten Platz auf dem Nachttisch beanspruchte. L├Ąchelnd wich der Junge meinem Blick aus.
„Am liebsten nat├╝rlich beides! Erst zum Bund und dann Uni. Aber ich wei├č ja noch nicht einmal, ob ich das Abi schaffe. Wahrscheinlich werde ich Gabelstapler fahren bei der Genossenschaft.“
„Gabelstapler? Interessant! Hast du davon auch schon Modelle gebastelt?“
Wir mussten lachen. Der Junge gefiel mir. Ich w├╝rde es ihm g├Ânnen, wenn er sp├Ąter im Leben etwas an Volumen gew├Ânne, aber jetzt mit seinen vierzehn Jahren waren seine E├čst├Ąbchenbeine, sein mageres Gesicht und das blonde fransige Haar vollkommen in Ordnung.
„Sie sind der Mann von Britt?“
„Der aus der Stadt, ja.“
„Wie geht es ihr?“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Und? Wie sind Sie ├╝berhaupt darauf gekommen, mich einzuladen nach Hamburg?“
„Britts Idee. Deine Mutter hat nichts dagegen. Hast du ├╝berhaupt Lust?“
„Nat├╝rlich!“
Er legte den Kopf ein wenig schief und peilte mich mit zusammengekniffenen Augen an.
„Sie sind Detektiv? Was machen Detektive denn so?“
„Was denkst du denn?“
„Na ja, Leute festnehmen. Solche, die krumme Dinge gedreht haben.“
„Festnehmen ist eher Sache der Polizei. Leider ist das Ganze nicht so aufregend, wie sich das die meisten vorstellen! Meistens schleichen wir untreuen Ehem├Ąnnern hinterher oder nehmen Problemkunden die Kreditkarten ab. Oder wir ├╝berwachen die Mitarbeiter irgendwelcher gro├čer reicher Firmen.“
An der Wand war ein Poster angebracht, das eine Szene aus dem „Herren der Ringe“ zeigte: Der Augenblick, in dem Frodo von der sch├Ânen blonden Elbin gek├╝sst wird. Ich vermutete, dass es das M├Ądchen Thido besonders angetan hatte.
Unvermittelt sprang er vom Bett auf, machte einen Satz auf mich zu und griff nach meinem Hoseng├╝rtel, dorthin, wo ich das Handy trug. Er schaute mich mit gro├čen Augen an.
„Sorry, ich dachte, das w├Ąre ...“
„W├Ąre was? Meine Dienstwaffe?“
„Irgendwie schon, ja!“
Mit besch├Ąmtem Gesicht lie├č er sich aufs Bett plumpsen.
„Entt├Ąuscht?“
„Wollen wir das nicht einfach wieder ganz schnell vergessen?“
Da er wieder l├Ącheln konnte, nutzte ich die Chance.
„Wir haben ein G├Ąstezimmer. Mit richtigem Bett. Keine Campingliege oder Luftmatratze!“
„Keine Luftmatratze? H├Ârt sich ja wie Vier-Sterne de Lux an!“

*

Ungef├Ąhr eine Stunde sp├Ąter sa├čen wir schlie├člich im Auto. Thidos Mutter war nicht allzu misstrauisch gewesen. Wahrscheinlich hatte ich das Ganze ziemlich geschickt als Idee von Britt darstellen k├Ânnen, die einfach Lust hatte, f├╝r ein paar Tage jemanden aus ihrem Heimatdorf um sich zu haben. Und wahrscheinlich w├Ąhnte sie Mitgef├╝hl hinter der Aktion – da doch jeder im Dorf wusste, wie schwer sie es momentan hatte und dass es ihr ganz gut t├Ąte, sich f├╝r eine Woche einmal nicht um das Kind k├╝mmern zu m├╝ssen.
Als wir uns durch die Nebenstrecken geschl├Ąngelt und die Bundesstra├če erreicht hatten, fing der Junge an zu sprechen.
„Es sind diese F├Ąhigkeiten, ja?“
„Was meinst du?“
„Es interessiert Sie. Das, was ich kann.“
„Na ja ... ich habe dir von meinem Beruf erz├Ąhlt“, antwortete ich, w├Ąhrend ich den Blick auf die Fahrbahn richtete.
„Sie glauben an mich! Aber damit stehen Sie ziemlich allein da. Sonst glaubt mir n├Ąmlich keiner.“
„Das w├Ąre mir ziemlich neu.“
„Wenn es anders w├Ąre, w├Ąre mein Vater jetzt frei!“
„Dein Vater, sagst du? Ich h├Ârte, dass er Schwierigkeiten hat.“
„Falls man es Schwierigkeiten nennen kann, wenn jemand unschuldig im Gef├Ąngnis sitzt, dann hat er bestimmt welche!“
„Ich habe nur sehr wenig von der Sache geh├Ârt“, erwiderte ich, wobei ich nicht ganz bei der Wahrheit blieb.
„Kann ich mir vorstellen. Wird auch nicht so gern dr├╝ber gesprochen!“
Schweigend lie├č ich ein paar Sekunden verstreichen, damit der Themenwechsel nicht so abrupt wirkte.
„Glaubst du wirklich, dass du etwas Besonderes kannst?“
Er hob die Schultern, w├Ąhrend er die Mundwinkel ├╝bertrieben weit nach unten zog. „Okay! Dann sag mir doch einfach, woran ich jetzt denke!“
W├Ąhrend er mich fixierte, bildeten sich senkrechte Falten auf seiner Stirn. Irgendwie wirkte es wie Show.
„Sie machen sich Sorgen! Nicht um sich selber – um jemand anderen. Um jemanden, den Sie sehr m├Âgen! Jemand, der ...“
Das Thema passte mir nicht, deshalb unterbrach ich ihn.
„Ist schon gut! Hast du das mal richtig testen lassen? Ich meine irgendwie von Leuten, die etwas davon verstehen?“
„Das gerade nicht. Aber ich habe einfach einmal mitgez├Ąhlt. In den letzten Jahren habe ich siebzehnmal getippt bei Sachen, bei denen ich mir sicher war. Wo ich – wie soll ich sagen – wo ich dieses Gef├╝hl hatte.“
„Und wie oft lagst du richtig?“
„F├╝nfzehnmal. Zweimal lie├č es sich nicht so genau sagen.“
„Du kannst als in die Zukunft schauen?“
„Nein.“
„Sondern?“
„Eher in die Vergangenheit. Ich ahne Dinge, die passiert sind – auch wenn ich nicht dabei war.“
„Na gut! Auch so eine Art Hellseherei!“
Der Junge schaute mich mit einem bemerkenswert ernsten und erwachsenen Gesichtsausdruck an.
„Wenn ich Ihnen in Ihrem Job helfe – helfen Sie mir dann mit meinem Vater?“
Sekundenbruchteile, nachdem er das gesagt hatte, war es da. Einer dieser Momente im Leben, in denen ich sp├╝rte, dass ich tiefer und st├Ąrker f├╝hlen konnte. Einer dieser viel zu seltenen Augenblicke, in denen sich meine Gedanken beschleunigten und dabei immer klarsichtiger wurden - wie eine w├Ąsserige L├Âsung, in der die groben Teile nach unten sanken.
Ich sah uns beide von oben durch das unsichtbare Wagendach, wie wir in unseren Sitzen kauerten und im Begriff waren, uns zu verb├╝nden: Ein kaputter Privatdetektiv mit einer depressionskranken Frau, der den letzten Ausweg, um den Konkurs abzuwenden, darin sah, eigenartige Kr├Ąfte zu beschw├Âren. Und ein Junge mit unheimlichen Gaben, dessen Vater im Gef├Ąngnis sa├č. Es machte Spa├č. Verdammt, k├Ânnten wir nicht einfach das absolute Dreamteam werden? Ich sp├╝rte die Euphorie in meinem Hirn wetterleuchten. Und gleichzeitig morste mir mein klarer, wie eine Bogensehne gespannter Verstand, was mit uns geschehen w├╝rde, wenn wir es nicht schafften. Ich musste an Britt denken.

*

„200 Watt Sinus, 240 Watt maximal. 30-Zentimeter-Tieft├Âner. Kannst du dir vorstellen, wie sch├Ân man damit seine Nachbarn beschallen kann? Als Junge habe ich von so etwas immer getr├Ąumt.“
Ich schob den in Folie eingeschwei├čten Karton mit der Hifi-Box ins Regal zur├╝ck und drehte mich zu Thido um.
„Und hier soll es Leute geben, die der Meinung sind, ein Gratisememplar geh├Âre zu den Betriebsvereinbarungen!“
Wir mussten einen Schritt zur Seite machen, um einem Gabelstapler, der sich uns r├╝ckw├Ąrts fahrend n├Ąherte, auszuweichen. Surrend bahnte er sich seinen Weg zwischen den hohen Regalw├Ąnden, bis er kurz vor der Wand zu Halten kam. Vom Fahrer durch energisches Kurbeln am Steuerrad in Position gebracht, hob der Stapler eine beladene Palette an, bis sie in ungef├Ąhr vier Metern H├Âhe ihren zugewiesenen Platz im Regal erreichte.
In einem der Nebeng├Ąnge kam uns jemand in blauer Uniform entgegen. Sein schwarzes Barett trug er f├╝r meinen Geschmack eine Spur zu l├Ąssig und zu schief. Auf dem Aufn├Ąher am Oberarm seines Rollkragenpullovers erkannte ich das Logo mit den zwei gekreuzten Schl├╝sseln. Er war von der SecOp, einem ziemlich umtriebigen Sicherheitsunternehmen hier in der Stadt. Ich fragte mich, warum die Nakuma zweigleisig fuhr und der SecOp nicht auch meinen Job anvertraut hatten. Vielleicht wollten sie aber auch Preis und Leistung vergleichen. Benchmarking war, glaube ich, das neue Zauberwort.
Wir gingen zur├╝ck in den Hauptgang. Neben dem riesigen Rolltor ├Âffnete sich eine graue Metallt├╝r, hinter der sich anscheinend ein kleiner Aufenthaltsraum befand. Heraus kam ein Arbeiter in Jeans und Baumwollhemd, der einen Kaffeebecher in der rechten Hand hielt. Ich konnte einen Blick ins Innere des Raums werfen. Ein vollb├Ąrtiger Mann mit orientalischen Gesichtsz├╝gen erhob sich aus seiner knienden Haltung vom Boden und faltete einen kleinen Teppich zusammen. Dann schloss sich die T├╝r wieder.
„Und ... hab ja keine Ahnung, wie ich das ausdr├╝cken soll ... hast du schon was bemerkt?“ Verlegen schaute ich auf den Boden.
„Nein, hab ich nicht. Ich muss die Leute sehen!“
Ein Mann trat durch das Rolltor in die Halle und ├Âffnete die T├╝r zum Aufenthaltsraum, die er mit einem entt├Ąuschten Gesichtsausdruck wieder schloss. Die Distanz zwischen uns war so gering, dass ich „H. Gruschke“ auf seinem Namensschildchen lesen konnte. Er kramte eine Zigarettenschachtel aus seiner Hemdtasche, z├╝ndete sie an und sp├Ąhte beim Rauchen nerv├Âs in alle Richtungen. Dazwischen schaute er auf seine Armbanduhr. Immer wieder verirrten sich seine Blicke auch in unsere Richtung. Unsere Anwesenheit schien ihm nicht zu gefallen.
Um ihn nicht noch misstrauischer zu machen, drehte ich mich um, deutete auf die riesigen Stellw├Ąnde und tat so, als w├╝rde ich Thido etwas erkl├Ąren. Mit stark ged├Ąmpfter Stimme murmelte ich:
„Und? Hei├če Spur?“
Der Junge sch├╝ttelte den Kopf.
„Nein. Gar nichts.“ Sein Gesicht verriet Unsicherheit. „Eigentlich muss ich die Leute nur ein paar Sekunden ansehen, dann habe ich ein Gef├╝hl. Hier aber nicht ...“
Als ich mich umwandte, war der Mann weg.
„Aus der Ferne funktioniert es jedenfalls ├╝berhaupt nicht.“
Eine Frau in einem hellblauen Kittel ging von hinten an uns vorbei. Ihr lockiges Haar war von einem sehr hellen Blond und lie├č die Ohren frei. Ich w├╝rde sie nicht unbedingt sch├Ân nennen, aber sie hatte etwas sehr Frisches, Jugendliches an sich
F├╝r einen Moment blieb sie vor der T├╝r des Aufenthaltsraums stehen, schaute nach links und rechts und ging wieder.
Erwartungsvoll schaute ich Thido an.
„Nein!“ Ein L├Ącheln huschte ├╝ber sein Gesicht. „Aber sie und der Mann vorhin, der Raucher, die haben was miteinander.“
Das L├Ącheln verschwand.
„Jedenfalls nichts, wobei meine Hilfe gebraucht w├╝rde!“
Ich legte meine Hand auf seine Schulter, um ihn in Richtung Hallenausgang zu dirigieren. Am liebsten h├Ątte ich ihm in den Nacken gegriffen, so wie eine L├Âwenmutter ihren Kleinen in den Nacken bei├čt. Es w├Ąre eine handfeste, beherzte Form der Z├Ąrtlichkeit gewesen. Aber ich habe es gelassen. Ich wei├č nicht warum.

*

Pommes frites. Warum auch nicht, dachte ich, w├Ąhrend ich auf Thidos Tablett starrte. H├Ątte ich besser selber nehmen sollen. Mein Schnitzel und meine gekochten Kartoffeln waren von der Art, wie sie auf hoher See ohne weiteres zu einer Meuterei h├Ątten f├╝hren k├Ânnen. Innen waren die Kartoffeln vollkommen matschig und au├čen so hart und faserig, als w├Ąren sie in Plastikfolie eingeschwei├čt.
Wir hatten uns fast den gesamten Vormittag im Lager und auf dem Parkplatz umgesehen. Aus Gr├╝nden der Tarnung trug ich einen wei├čen Kittel, der Thido immer wieder zu einem L├Ącheln zwang.
Die Kantine der Nakuma AG erschien mir sehr gro├č. Ich vermutete, dass auch andere Unternehmen des Gewerbeparks daran partizipierten.
„Und?“
„Und was? Sie wollen wissen, ob ich etwas gefunden habe?“
„Sag doch einfach du! Wir sind doch so etwas wie Partner, oder? Ich hei├če Jochen!“
„Jochen?“
„Ein bl├Âder Allerweltsname, ich wei├č. Kann ja nicht jeder mit so etwas Gesuchtem wie du getauft sein.“
„So, Jochen! Und du platzt vor Neugier, ob ich etwas bemerkt habe?“
„So in etwa!“
„Sp├Ąter!“
Sp├Ąter? So hinhaltend kannte ich ihn nicht. Ich wurde wirklich neugierig.
„OK, dann sp├Ąter. Und? Was machen wir bis dahin?“
Ich lehnte mich auf dem Plastikstuhl zur├╝ck, verschr├Ąnkte die Arme vor der Brust und beobachtete, wie der Junge mit der Metallgabel mehrere Pommes frites gleichzeitig aufspie├čte. Doch anstatt sie zum Mund zu f├╝hren, legte er die Gabel beiseite, beugte sich ├╝ber den Tisch und fl├╝sterte:
„Vorher w├╝rde ich gern noch ├╝ber meinen Vater sprechen!“
„Ich wei├č von der Sache im Grunde gar nichts! Vielleicht solltest du mich erst einmal ins Bild setzen“, antwortete ich, wobei ich bemerkte, dass ich mich unbewusst ebenfalls ├╝ber den Tisch gebeugt und meine Stimme auf ein leises Raunen herunterreguliert hatte.
„Er ...“
„Sitzt ein!“
„Genau!“
„Warum?“
„Er soll ... es soll so etwas wie eine Vergewaltigung gewesen sein.“
„Ziemlich schwerer Vorwurf. Was kann denn nachtr├Ąglich noch daran gedreht werden? Um ein Verfahren wieder aufzunehmen, sind knallharte neue Beweise notwendig! Hast du sie?“
„Er war es nicht, er war es nicht, er war es nicht!“
„Sondern?“
„Sie hat das alles erfunden! Sie hat ihn reingeritten!“
F├╝r einen kurzen Moment senkte er den Blick und sch├╝ttelte den Kopf.
„Mein Vater hat zu der Zeit als Klempner gearbeitet. Dann hatte er diesen Auftrag bei dieser dummen reichen Gans. Sie wollte ihn! Nicht umgekehrt! So hat er es mir jedenfalls erz├Ąhlt. Und ich habe es ihm geglaubt. Er sagt schlicht und einfach die Wahrheit. Sie war so verr├╝ckt, dass er sie abwehren musste, so richtig k├Ârperlich. Es ist doch die einfachste Logik! Wenn ein genervter Klempner von Einsf├╝nfundachtzig eine v├Âllig durchgedrehte Schnepfe abwehren muss, dann ist doch klar, dass es welche gibt, oder? Ich meine Abdr├╝cke und Bluterg├╝sse an den Handgelenken und all das Die haben ihm schlie├člich das Genick gebrochen!“
Ich schob mein Tablett beiseite und fuhr mir f├╝r ein paar Sekunden wortlos mit der Hand ├╝ber die Wange.
„Kompliziert! Sehr kompliziert! Wie es aussieht, best├╝nde die einzige Chance darin, dass sie ihre Anschuldigungen zur├╝ckzieht. Und? H├Ąltst du das f├╝r sehr wahrscheinlich?“
Er machte noch nicht einmal den Versuch, die Unzufriedenheit in seinem Gesichtsausdruck zu verbergen. Ich wollte noch etwas sagen, um die Situation zu entspannen, doch pl├Âtzlich f├╝hlte ich, wie mir jemand am Kragen des Kittels zupfte.
„Jochen, was ist los mit dir? Ich wusste nicht, dass du hier als Koch arbeitest!“
Lachend schaute ich zum Neuank├Âmmling auf und deutete mit der Hand auf ihn.
„Thido, darf ich vorstellen? Das ist mein Partner Fred!“
Mein Arm schwenkte in Richtung Thido.
„Und das, Fred – ├Ąh ... das ist mein Partner Thido!“
Artig schnellte der Junge von seinem Stuhl hoch und reichte Fred die Hand, obwohl der erst einmal eine Tasse Kaffee und einen Teller Kuchen abstellen musste, um sie sch├╝tteln zu k├Ânnen. ├ächzend lie├č er seine nicht unerhebliche K├Ârpermasse auf dem Plastikstuhl nieder und strich sich mit dem Finger ├╝ber den walrossartigen Oberlippenbart.
„Warst lange nicht mehr im B├╝ro!“
„Naja. Recherchen! Sollte dir eigentlich bekannt sein.“
Mit einem undefinierbaren L├Ącheln lie├č Fred seine listige ├äuglein abwechselnd mich und den Jungen fixieren.
„Und? Resultate?“
Abwehrend hob ich die H├Ąnde und wollte zu einer Erwiderung ansetzen, als Thido mir dazwischen fuhr.
„Nat├╝rlich haben wir Resultate! Schlie├člich sind wir das Kompetenzteam.“
Fred hob die Augenbrauen. Dass er dabei mich und nicht den Jungen ansah, verunsicherte mich.
„Wirklich?“
Seine Stimme klang ironisch, so schei├čironisch, wie es niemand au├čer Fred auf dieser Welt zuwege brachte.
Mit einem breiten Grinsen lehnte sich Thido in seinem Stuhl zur├╝ck und verschr├Ąnkte die H├Ąnde hinter seinem Kopf.
„Er ist sogar hier!“
„Davon hast du mir nichts gesagt!“ brummte ich ihn an.
„Ich war im Begriff!“
Er wartete ein paar Sekunden ab, bevor er nachsetzte.
„Nanu? Niemand neugierig?“
„Und ob ich neugierig bin!“ Freds Stimme war sehr leise geworden, klang aber erstaunlich eindringlich. „Bitte nicht zum Betreffenden hinschauen oder mit dem Finger auf ihn deuten. Erkl├Ąr┬┤s mir einfach mit deinen Worten!“
„Es ist der Typ in der blauen Uniform. Drei Tische weiter rechts von mir aus gesehen!“
Fred wartete einen Augenblick ab, bis er seinen Blick auf die Stelle richtete, die der Junge beschrieben hatte. Meine Augen folgten ihm unwillk├╝rlich. Dass Thido jetzt nicht mehr wiederstehen konnte, war nur nat├╝rlich. Im Endeffekt glotzte unser dreik├Âpfiges Kompetenzteam starr auf einen uniformierten Mann an einem Vierertisch. Gottseidank war er zu sehr mit seinem unhandlichen Croque besch├Ąftigt, um uns zu bemerken.
„Aber das ist der von der SecOp!“ fl├╝sterte ich dem Jungen ins Ohr. „Gestern im Lager ist dir nichts an ihm aufgefallen!“
„Nein!“ zischte Thido. „Das ist ein anderer. Ich habe es erst gerade eben auf dem Parkplatz bemerkt. Er hat eine wirklich eigenartige ... Strahlung!“
In diesem Augenblick griff Fred nach meiner Schulter und gab ihr einen leichten Ruck. Ich sp├╝rte, wie ungeduldig er war.
„Ich gehe jetzt. Wir sollten unbedingt mal reden! Ich rufe dich nachher an.“

*

Im Fernsehen lief irgendein deutscher Familienkitsch. Ob es der mit dem Affen, der Robbe, den Pferden oder dem Arzt war, konnte ich nicht sagen. Dazu war ich viel zu sehr in die Liste der Besch├Ąftigen vertieft, die zum Lager der Nakuma Eintritt hatten.
Thido sa├č neben Britt auf dem Sofa und musste ihr andauernd irgendwelche Geschichten aus dem Dorf erz├Ąhlen. Sie mochten sich. Britt sah besser aus. Ihr Gesicht war zwar noch immer etwas aufgedunsen, eine Folge ihrer starken Medikamente, aber ihre Gesichtsz├╝ge waren viel lebhafter geworden. Das Telefon in meinem Arbeitszimmer klingelte.
„Soll ich leiser stellen?“ fragte Britt, w├Ąhrend ich die Liste auf den Teppich ablegte und mich aus dem Sessel erhob. L├Ąchelnd winkte ich ab. Auf dem Weg durch die ge├Âffnete T├╝r zu meinem Schreibtisch, auf dem das Telefon stand, sagte ich mir, dass sie zu so viel Aufmerksamkeit vor ein paar Tagen noch nicht in der Lage gewesen w├Ąre. Als ich an ihr vorbeiging, lie├č ich meinen Zeigefinger ├╝ber ihren Handr├╝cken streichen.
„Er ist ein durch und durch anst├Ąndiger Junge!“ brummte Fred durch den H├Ârer.
„Wie?“
„Ein durch und durch anst├Ąndiger Junge! Aber was er da macht, kann verdammt gef├Ąhrlich f├╝r uns werden.“
„Warte einen Moment!“
Mit dem Telefon in der Hand machte ich zwei Schritte auf die T├╝r zu und gab ihr mit der Fu├čspitze einen Sto├č, der ausreichte, damit sie zufiel, ohne im Schloss einzurasten.
„Da bin ich wieder!“
„Es ist doch klar: Er hat mitbekommen, dass die SecOp so etwas wie ein Konkurrent von uns ist. Wenn er denen was unterschiebt, dann denkt er, dass er uns damit hilft. Er hat doch noch nicht einmal eine Ahnung, in was f├╝r Schwierigkeiten er uns mit solchen M├Ątzchen bringen kann. Ich glaube, er hat ├╝berhaupt keine Ahnung. Warum bringst du ihn nicht wieder nach haus? Mehr will ich nicht. Ich verlange doch wei├č Gott keine ├Âffentlichen Reuebekundungen von dir!“
„Ich ├╝berleg es mir. Lass uns morgen weitersprechen!“
Mit einem knappen Gru├č verabschiedete er sich aus der Leitung. Ich ├Âffnete meinen Notizblock. Nach der Nummer, die ich brauchte, musste ich nicht lange suchen. Es war ein privater Anschluss. Der Psychiater meiner Frau.
„Breitenbach hier. Guten Abend.“
Daf├╝r, dass er wahrscheinlich einen anstrengenden Arbeitstag hinter sich hatte, klang seine Stimme erstaunlich frisch.
Als ich meinen Namen nannte, konnte er ihn sofort in seiner Ged├Ąchtniskartei einordnen. Das war mir sehr sympathisch. Aber vielleicht war es auch gar nicht so ungew├Âhnlich. Da Britt ihn mir gegen├╝ber seinerzeit von der Schweigepflicht befreien lie├č, hatten wir schon mehrmals miteinander gesprochen.
„Diesmal geht es um etwas Pers├Ânliches, Herr Doktor.“
„Pers├Ânlich? Sie betreffend?“
„Ja, allerdings ist es nichts wirklich Medizinisches!“
„Na gut, schie├čen Sie los!“
„Glauben Sie, dass es Menschen gibt, die spezielle Gaben haben?“
Die Sprechpause, die Breitenbach einlegte, zog sich qu├Ąlend lang hin.
„Hat Ihre Frau Kontakt aufgenommen zu einem ... alternativen Heiler?“
Die Art, wie er alternativ betonte, machte mir klar, dass er damit in keiner Weise alternativ meinte, sondern etwas sehr viel Unangenehmeres.
„Nein, nein! Wie gesagt, es geht nicht um Britt. Es hat mehr mit meiner Arbeit zu tun!“
„Hmm. Ist es wirklich wichtig?“
„F├╝r mich schon. Ja, sehr wichtig!“
„Vielleicht m├Âchten Sie ja doch etwas konkreter werden?“
„Okay. Also: Glauben Sie, dass es Menschen gibt, die die Gedanken eines anderen erraten oder sonst wie erkennen k├Ânnen? Die erkennen, ob jemand l├╝gt oder etwas zu verbergen hat?“
„Das ist – Entschuldigung – eine ziemlich merkw├╝rdige Frage.“
„Aber Sie sind doch Psychologe?“
„Nein. Eher Neurologe und Psychiater. Und vor allem bin ich Praktiker. Viel kann ich zu so einem Thema nicht sagen. Aber ...“
„Ja?“
„Ich habe Freunde in der Forschung. Vielleicht sollte ich bei denen mal nachhaken!“
„Es tut mir leid, Sie damit bel├Ąstigt zu haben, aber es ist tats├Ąchlich ...“
„Keine Angst! Sie haben mich jetzt selber neugierig gemacht. Ich komme auf Sie zur├╝ck! Guten Abend!“
Das Tempo, mit dem er aus dem Gespr├Ąch ausgestiegen war, sprach f├╝r sich. Trotzdem schien er mich f├╝r keinen kompletten Idioten zu halten.

*

„Woher denn? Das Haus ist belastet bis unter die Regenrinne! Wieso sollte mir die Bank noch einen Kredit gew├Ąhren? Ich w├╝├čte doch selber nicht, wie ich den jemals zur├╝ckzahlen kann!“
Meine S├Ątze sollten meine Hilflosigkeit ausdr├╝cken, aber mir war bewusst, dass sie aggressiv klangen.
„Au├čerdem ist das jetzt nicht der passende Zeitpunkt“, bellte ich ins Handy. „Ich bin hier in der Kantine!“
Das stimmte nicht ganz. Ich befand mir vor der gro├čen gl├Ąsernen Eingangst├╝r zur Kantine und hatte mich in eine Ecke des Vorraums zur├╝ckgezogen.
„Wir besprechen das sp├Ąter!“ h├Ârte ich Fred noch knurren, bevor die Verbindung unterbrochen wurde. „Idiot!“ zischte ich, w├Ąhrend ich das Handy in den Halter schob. Zweitausend Euro! Woher um alles in der Welt sollte ich zweitausend Euro hernehmen? Aber Fred hatte nicht gut geklungen. Wenn ich mich recht erinnerte, hatte er sogar das Wort Konkurs gebraucht.
„Ich habe geh├Ârt, Sie erz├Ąhlen Sachen? ├ťber mich?“
Als ich mich zu der Stimme umwandte, erkannte ich einen der M├Ąnner von der Sec-Op. Es war der aus der Kantine. Der, den Thido in Verdacht hatte.
„Helfen Sie mir auf die Spr├╝nge!“
„Auf die Spr├╝nge?“
Ich war gr├Â├čer und schwerer als er, aber er wirkte sehr drahtig. Au├čerdem gefiel mir das nerv├Âse Flackern in seinen Augen nicht. Mit Sicherheit w├Ąre er ein unangenehmer Gegner.
„Sie sind nicht von hier. Warum ziehen Sie sich dann einen Kittel an? Und warum sitzen Sie in der Kantine und erz├Ąhlen Dinge ├╝ber mich?“
„Ich soll Dinge ├╝ber Sie erz├Ąhlen? Wie kommen Sie darauf?“
„Ich wei├č es eben! K├Ânnte meinen Chef interessieren, meinen Sie nicht? Oder seinen Anwalt!“
Er kam einen Schritt n├Ąher.
„Aber von diesem Rechtskram verstehe ich eigentlich nichts. Ich regle meine Angelegenheiten lieber privat!“
Ich versuchte, seinem Blick standzuhalten.
„Ganz privat. Nur Sie und ich! Verstehen Sie?“
Sein Zeigefinger schnellte vor und bohrte sich schmerzhaft in meine Rippen. Noch bevor ich seinen Arm beiseite sto├čen konnte, hatte er ihn zur├╝ckgezogen. Abrupt wandte er sich um und strebte auf den Ausgang zu.
Ich ├Âffnete die T├╝r zur Kantine, in der es aufdringlich nach Kohl roch, und schaute mich um. Thido sa├č an einem Tisch nahe der Fensterfront und saugte an einem Strohhalm, der in einer Coladose steckte. Mit einem Kopfnicken setzte ich mich zu ihm. W├Ąhrend ich mir die schmerzende Stelle auf der Brust rieb, fragte ich mich, ob ich ihm von dem Vorfall erz├Ąhlen sollte. Aber das hielt ich nicht f├╝r klug. Es gab ohnehin eine andere Sache, ├╝ber die mit ihm sprechen wollte.
„Was h├Ąltst du von Brit?“
„Sie fragen sicher nicht nach Ihrer Figur!“
„Komiker! Es geht um... um ihren Kopf. Du hast es ja wohl selber begriffen, was mit ihr los ist. Depressionen k├Ânnen gef├Ąhrlich werden! Wenn ich sie so sehe, wie sie in ihren Tablettenschachteln w├╝hlt ...“
„Sie meinen, ob Sie sich ....“
„Genau das!“
„Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube nein.“
„Aber du wei├čt es nicht?“
„Nein, ich wei├č es nicht!“
F├╝r ein paar Sekunden schien er meinem Blick ausweichen zu wollen, dann antwortete er unvermittelt.
„Ich kann sie ja etwas genauer beobachten, wenn Sie wollen! Aber ich w├╝rde gern eine andere Sache mit Ihnen besprechen. Das mit meinem Vater!“
„L├Ąsst dich nicht los, wie? Kann es sein, dass du dich da in eine Sache verrennst?“
„Wieso verrennen? Ich dachte, Sie glauben an mich!“
Es ├Ąrgerte mich, dass er mich nicht duzen wollte.
„Das ist es ja! Irgendwie glaube ich an dich, nat├╝rlich. Aber du musst auch mich verstehen! Irgendeine Art von Beweis brauche ich nat├╝rlich auch!“
„Beweis? Ach so! So sieht es also aus, wenn Sie an mich glauben?“
Er packte die Coladose mit beiden H├Ąnden und wandte sich von mir ab. Mit dem Strohhalm erzeugte er provozierend laute Blubberger├Ąusche.
Diesmal konnte ich ihm nicht nachgeben, diesem verr├╝ckten Bed├╝rfnis, ihm in den Nacken zu greifen. Ich beugte mich weit ├╝ber den Tisch und streckte den rechten Arm aus. In dem Augenblick, als ich Daumen und ├╝brige Finger spreizte, um ihn in den Nacken zu greifen, stie├č er meinen Arm weg und sprang auf.
Wie er mich so anstarrte, dachte ich, dass er mich wirklich hassen m├╝sste. Aber in diesem Alter konnte man wohl noch nicht so richtig hassen. Man konnte nur ein sehr gekr├Ąnktes, sehr elendes Gesicht machen.
„Sie sind nicht zufrieden mit mir, wie? Dann erschie├čen Sie mich doch. Am besten mit Ihrem Handy!“
Ich schaute ihm nach, wie er aus der Kantine rannte. Mir vielen keine Worte ein, die ich ihm h├Ątte hinterher rufen k├Ânnen.
*

„Hast du Thido gesehen?“
Warum lag sie wieder so da? Nie hatte ich mich an die Art gew├Âhnt, in der Britt auf dem Sofa lag. Ihre Beine waren dabei immer durchgestreckt und geschlossen, nie war etwas l├Ąssiges, wohlig faules, entspanntes an ihrer Haltung. Es machte mir Angst.
Ihre Antwort bestand darin, dass sie mich mit ihren w├Ąsserigen blauen Augen anschaute. Wenn es ihr gut ging, konnten diese Augen unglaublich weich und sch├Ân sein. Das Telefon in meinem B├╝ro klingelte.
„Vielleicht ist er das ja!“ sagte ich - froh, das Wohnzimmer verlassen zu k├Ânnen. Ich schloss die B├╝rot├╝r hinter mir und hielt den H├Ârer ans Ohr. Es war Dr. Breitenbach.
„Ich habe mich umgeh├Ârt. Sie haben da einen wirklich interessanten Punkt ber├╝hrt!“
„Sie sprechen von der Gabe?“
„Genau. Belzer, ein Studienkollege von mir, hat tats├Ąchlich einmal an so einer Studie mitgewirkt. Entschl├╝sselung von Ausdrucksverhalten und K├Ârpersprache. Faszinierendes Gebiet anscheinend!“
„Sprechen Sie bitte weiter!“
„Ich muss etwas ausholen. Waren Sie gut in Mathematik?“
„Nein.“
„Ich auch nicht. Aber ich habe mich so durchgemogelt. Was einige andere nicht geschafft haben. Und dann gab es nat├╝rlich auch die von der anderen Sorte – die, die keine M├╝he damit hatten, die so etwas wie ein Hobby draus gemacht haben: Grenzwerte, Kegelschnitte, Differenzialrechnung, was wei├č ich!“
„Ich sehe den Zusammenhang noch nicht!“
„Sehen Sie, es dreht sich einfach um die Gau├čsche Normalverteilung. Es gibt eine ganze Menge Merkmale, auf die das zutrifft: Intelligenz zum Beispiel. Oder andere spezielle F├Ąhigkeiten - meistens sind sie verteilt wie unter dieser Glockenkurve. Die Masse schiebt sich nahe dem Mittelwert zusammen, aber rechts davon – da finden wir die gro├čen seltenen Ausnahmen. Um bei der Mathematik zu bleiben: Ich geh├Âre zur Masse, aber ganz weit rechts von mir unter der Kurve, ich meine jetzt wirklich ganz rechts – da sind nicht die, die in Integralrechnung eine Eins hatten. Ganz rechts sind die, die die Integralrechnung erfunden haben! Die Genies!“
Breitenbachs Stimme hatte etwas Beschw├Ârendes angenommen.
„Aber wir k├Ânnen die Mathematik jetzt gern beiseite lassen. Um auf Ihren Punkt zu kommen: Die F├Ąhigkeit, L├╝gen zu erkennen! Jeder Mensch kann einen schlechten L├╝gner entlarven. Wir sehen ihre ├╝bertriebenen Gesten, den unnat├╝rlichen Gesichtsausdruck, wir h├Âren ihre falsche, hohle Art zu sprechen und wissen: ‚Der l├╝gt!’ Schlechte L├╝gner sind running jokes in vielen Kom├Âdien.“
„Und das hei├čt?“
„Das hei├čt, es gibt eine spezielle F├Ąhigkeit, L├╝gen zu entlarven. Und warum soll nicht auch sie glockenf├Ârmig verteilt sein? Die einen k├Ânnen es schlechter, die anderen besser? Und warum soll es nicht auch auf diesem Gebiet Genies geben? Einer unter hunderttausend?“
„Aber wie sollte das funktionieren?“
„Da kann ich auch nur raten. Aber es gibt beispielsweise viele kleine Muskeln in unserem Gesicht, die wir nicht willk├╝rlich kontrollieren k├Ânnen. Warum soll es nicht jemanden geben, der weit ├╝ber das normale Ma├č hinaus dieses nat├╝rliche Talent besitzt, Ver├Ąnderungen bei einem anderen wahrzunehmen – auch wenn sie winzig sind? Der in k├Ârperlichen Reaktionen liest wie in einem Buch? Verspannungen, T├Ąuschungsman├Âver, unterdr├╝ckte Motivationen? Kurz gesagt: Das Talent, jemandem anzusehen, was mit ihm wirklich los ist!“
„Und Sie meinen, Thido ist einer von ihnen? Einer unter hunderttausend?“
„Thido? Ich wei├č zwar nicht, von wem Sie sprechen, aber so viel kann ich sagen: Belzer musste die Studie abbrechen - weil er nie einen gefunden hat. Aber er ist sich bis heute sicher, dass es sie gibt.“
Durch den T├╝rspalt konnte ich ins Wohnzimmer schauen. Britt hatte sich aufgesetzt und starrte auf die Tischplatte. Was beobachtete sie dort? Ihre Tablettenschachteln?
„Vielen Dank f├╝r alles, Herr Doktor. Ich werde Sie auf dem Laufenden halten!“
*

Seit meiner Kindheit hatte sich nichts daran ge├Ąndert. Mir gefielen die Farben, wie sie durch ein Fernglas wiedergegeben wurden. Irgendwie wirkten sie verd├╝nnt, verfeinert. Wie das Licht aus einer anderen Welt. Es war recht hei├č, und ich glaubte, den Asphalt riechen zu k├Ânnen.
Er hatte alle T├╝ren seines Kombis ge├Âffnet, wahrscheinlich um das Innere zu l├╝ften und etwas auszuk├╝hlen. Es sah nicht so aus, als ob er gleich wegfahren w├╝rde. In geb├╝ckter Haltung machte er sich unter der hochgeklappten Heckt├╝r im Wageninneren zu schaffen.
Heute war Sonnabend, der Parkplatz war fast leer. Die wei├čen Streifen auf dem Belag hatten etwas von Spielfeldmarkierungen. Ich gab mir keine M├╝he, die Ger├Ąusche meiner Schritte zu d├Ąmpfen. Uns trennten ungef├Ąhr noch f├╝nfzig Meter. Ich konnte ihn schnaufen h├Âren. Und ich erkannte, dass er auch heute seine SecOp-Uniform trug.
Obwohl sich die Distanz schnell verringerte, bemerkte er mich noch immer nicht. Er schien sich sehr sicher zu sein.
Als ich mit dem Kn├Âcheln gegen das hintere Seitenfenster klopfte, richtete er sich mit einer ├╝berraschend hektischen Bewegung auf, sein Gesichtsausdruck wirkte vor allem verwirrt, auf jeden Fall nicht besonders bedrohlich. Ich sp├╝rte meinen psychologischen Vorteil.
„Sogar am Wochenende im Dienst? Vorbildlich! Darf ich?“
W├Ąhrend ich mich an ihm vorbeischob, registrierte ich, wie er einen kleinen Schritt zur├╝ckwich. Ich schlug die Wolldecke zur├╝ck, die die Ladung im Gep├Ąckraum verdeckte.
Ich konnte es nicht verhindern, dass sich meine Lippen zu einem triumphierenden Grinsen verzogen, w├Ąhrend ich ihm ins Gesicht schaute und mit steif ausgestrecktem Arm auf den Laderaum deutete.
„200 Watt Sinus, 240 Watt maximal. 30-Zentimeter-Tieft├Âner. Wissen Sie eigentlich, dass ich als Junge von so etwas immer getr├Ąumt habe?“
Er stemmte seine H├Ąnde in die H├╝ften und starrte in die Ferne. Nein, in diesem Augenblick sah nicht im geringsten gef├Ąhrlich aus. Eher so, als ob er gleich zu heulen anfinge. Das w├Ąre das letzte, dachte ich.
In mehreren Dutzend Metern Entfernung von uns summte ein Gabelstapler durch das Rolltor der Lagerhalle ins Freie. Es gelang mir, mit Hilfe meiner Finger einen ziemlich lauten, penetranten Pfiff zu erzeugen. Als sich der Fahrer zu uns umwandte, winkte ich ihm. Ich w├╝rde einen Zeugen brauchen.

*

Als ich die Klinik erreichte, war es dunkel. Der ├äskulapstab aus Neon wies mir den Weg zum Eingang. In der Aura seiner Strahlung wurde die Haut meiner H├Ąnde blass und fahl. Ich begann, dieses Licht zu hassen.
Fred stand an der Rezeption. Er bemerkte mich sofort. Wahrscheinlich hatte er den Eingang nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen. Mit ausgebreiteten Armen kam er auf mich zu und legte mir seine gro├čen H├Ąnde auf die Schultern.
„Geht┬┤s dir gut? Geht┬┤s dir wirklich gut?“
Behutsam zog er mich mit sich.
„Dahinten. Da k├Ânnen wir sitzen!“
„Du hast sie gefunden?“ fragte ich, nachdem ich mich auf den orangefarbenen Plastiksitz an der Wand hatte fallen lassen.
„Ja, da war sie aber nicht mehr ansprechbar. Wo warst du?“
„Ich habe sogar versucht, sie anzurufen! Wie geht es ihr wirklich?“
Z├Âgernd hob er die Schultern.
„Ich war mit im Krankenwagen. Da sagten sie noch, sie sei stabil. Atmung, Kreislauf und so. Der Arzt kommt bestimmt gleich! Wo hast du die ganze Zeit gesteckt?“
Als sich die gro├če Fl├╝gelt├╝r ├Âffnete, die ins innere des Geb├Ąudes f├╝hrte, sah ich, wie ein Bett und ein Infusionsstativ ├╝ber den langen Gang gerollt wurden. Ich lie├č meinen Blick auf meine H├Ąnde sinken, die sich zu F├Ąusten verkrampften.
„Ich hab ihn an den Haken bekommen! Den von der SecOp. Verdammt noch einmal, Thido hatte Recht! Ich war bei der Polizei, hab meine Anzeige aufgegeben. Dann wollte ich dich anrufen. Zum Feiern!“
Ich ├Âffnete meine H├Ąnde, bedeckte mit ihnen mein Gesicht und massierte mit den Fingerspitzen Stirn und Augen.
„Thido sagte, sie sei nicht ...“
„Das ist der Ehemann!“ h├Ârte ich Fred sagen. Als ich aufschaute, sah ich einen schlaksigen Mann mit Stirnglatze vor mir stehen. Er trug einen wei├čen Kittel, in dessen rechter Brusttasche ein Stethoskop steckte. Er streckte seine Hand nach mir aus.
„Kann ich sie sehen?“ fragte ich, w├Ąhrend ich aufstand und fahrig seine Hand sch├╝ttelte.
„Nicht sofort, aber sicherlich in den n├Ąchsten Stunden. Auf jeden Fall ist sie nicht in Lebensgefahr, da kann ich Sie komplett beruhigen!“
„Ich lass dich jetzt allein. Ruf mich an, okay?“ h├Ârte ich Fred sagen, w├Ąhrend ich noch dem Arzt in die Augen schaute. Als ich mich zu ihm umdrehte sah ich ihn nur noch von hinten, wie er seinen massigen K├Ârper im Seemannsgang in Richtung Dreht├╝r man├Âvrierte.
Ich wandte mich zum Arzt um.
„Und? War es ein ...“
„Ein Selbstmordversuch? Offengestanden sieht es f├╝r mich im Moment nicht so aus!“
„Nicht?“
„Ihr Bekannter sagte, dass er eine Herdplatte habe ausstellen m├╝ssen. Einen Abschiedsbrief hat er nirgendwo gesehen. Au├čerdem haben die Rettungssanit├Ąter alle Medikamente Ihrer Frau mitgenommen. Die gef├Ąhrlichsten scheint sie gar nicht anger├╝hrt zu haben.“
„Was war es dann?“
„Ich wei├č es nicht. Wahrscheinlich m├╝ssen wir warten, bis Ihre Frau es uns selber sagt. Aber ich glaube, es war ein Unfall. Eine Unachtsamkeit. Sie sollten jetzt aber versuchen, etwas ruhiger zu werden. M├Âchten Sie hier warten? Ich kann in einer halben Stunde wieder bei Ihnen sein!“
Wortlos nickte ich mit dem Kopf und zog das Zigarettenp├Ąckchen aus der Hemdtasche.
„Das bitte vor dem Eingang! Bis sp├Ąter also.“
Nachdem der Arzt gegangen war, z├╝ndete ich mir vor der Eingangst├╝r eine Zigarette an. Als mich das Licht der Neonr├Âhren wieder zu st├Âren begannt, ging ich ein paar Dutzend Schritte, um ihm zu entgehen.
„Wie geht es ihr?“
Thido stand schr├Ąg hinter mir. Ich hatte ihn nicht n├Ąher kommen h├Âren. Wahrscheinlich hatte er hier schon eine ganze Weile gewartet.
„Woher wei├čt du davon?“
„Ich wei├č eben vieles. Zum Beispiel auch, dass ich Recht hatte mit dem Kerl von der SecOp. Ich war dabei, wie Sie ihn hochgenommen haben!“
Ich zog die Augenbrauen hoch, w├Ąhrend ich den Rauch durch die Nasenl├Âcher quellen lie├č. Mehr fiel mir im Moment nicht ein.
„Das Problem ist, dass Sie immer nur anderen Leuten in den Kofferraum schauen! Ich habe Sie seit gestern quasi nicht aus den Augen gelassen.“
Er wartete ein paar Sekunden ab, bevor er sagte:
„Ich glaube immer noch nicht, dass sie Schluss machen wollte!“
„Das meint der Arzt auch. Aber was ist dann sonst los mit ihr?“
Der Junge hob die Schultern.
„Ich hatte das Gef├╝hl, dass es mit ihr bergauf ging. Irgendwas muss da ziemlich pl├Âtzlich dazwischen gekommen sein. Sie sagte mir, Fred h├Ątte k├╝rzlich angerufen und dabei erw├Ąhnt, wie schlecht es dem Gesch├Ąft ging. Vielleicht hat sie das ja aus der Bahn geworfen ...“
W├Ąhrend ich die Zigarette unter der Schuhsohle zerdr├╝ckte, fragte ich:
„Aber wenn es kein Selbstmordversuch war?“
„Ich wei├č es nicht. Aber sie hat mir auch verraten, dass sie wegen Ihrer Krankheit Schuldgef├╝hle hatte. Ihnen gegen├╝ber!“
„Schuldgef├╝hle?“
„Ich stelle es mir so vor, dass sie sp├╝rte, wie sich ihr Zustand wieder verschlimmerte. Und dann hat sie die Tabletten geschluckt. Irgend so eine Kurzschlusshandlung, glaube ich. Vielleicht dachte sie ja, sie f├╝llt sich mit der ganzen Packung ab und dann ist sie wieder gesund.“
„Wahrscheinlich hast du Recht!“ Ich legte den Kopf in den Nacken und schaute in den Nachthimmel. „Wahrscheinlich hast du immer Recht. Ich habe dich untersch├Ątzt. Ich glaube, ich muss mich entschuldigen!“
Als ich meinen Blick wieder auf ihn richtete, sah ich, wie verlegen er dreinschaute. Dann begann er zu grinsen.
„Ich mag Sie. Eigentlich sind Sie ganz in Ordnung. Aber als Schn├╝ffler absolut erb├Ąrmlich!“
„Vielleicht untersch├Ątzt du mich jetzt. Wenn du willst, k├Ânnen wir es gern noch einmal probieren! Wie w├Ąr’s zum Beispiel mit deinem Vater?“
Er sch├╝ttelte den Kopf.
„Sie werden in der n├Ąchsten Zeit so einiges geradezubiegen haben. Und mein Problem ... nun ja, es l├Ąuft mir ja sozusagen nicht weg!“
Er n├Ąherte sich einen Schritt, griff in die Brusttasche seiner Jeansjacke und reichte mir einen zusammengefalteten Zettel.
„Bitte erst anschauen, wenn ich weg bin!“
„Du gehst?“
Der Junge reagierte nicht. Ich h├Ątte mir gew├╝nscht, souver├Ąner zu sein, aber ich registrierte, wie meine Muskeln erschlafften und sich mein Kopf senkte. Mein Blick ruhte nur noch auf dem Asphalt des Parkplatzes.
Dann sp├╝rte ich, wie mir Thido in den Nacken griff. In dem Moment, in dem ich zu ihm aufschaute, h├Ârte ich sein Lachen. Dann fing er an zu rennen. Er h├Ârte nicht auf damit, bis er in der Dunkelheit verschwand. Es verging eine Weile, bis ich mich in Bewegung setzte und auf den Klinikeingang zu schritt.

*

Mein Blut schimmerte r├Âtlich durch den Daumennagel hindurch, als ich den Leuchtknopf f├╝r den Fahrstuhl dr├╝ckte. Die Kabine wirkte winzig auf mich.
Fred stand in seiner Wohnungst├╝r und erwartete mich. Er trug einen Morgenmantel.
Wortlos dirigierte er mich ins Wohnzimmer, wo wir uns auf seine schweren Polsterm├Âbel setzten und uns ├╝ber den Tisch hinweg anschauten.
„Sie ist noch immer bewusstlos. Ein Schlauch steckt in ihrem Nasenloch. Als ich sie k├╝sste, habe ich gesehen, dass es etwas blutete.“
Er schaute zur Seite. Nur an der Kinnspitze konnte ich das feine Kopfnicken erkennen.
„Vorhin, als ich aus dem Krankenhaus kam, habe ich noch einen Abstecher ins B├╝ro gemacht und mir die B├╝cher noch einmal angeschaut. Du wei├čt, wie wenig Ahnung ich von diesen Dingen habe.“
Ich z├╝ndete mir eine Zigarette an.
„Jedenfalls war ich ganz sch├Ân baff, wie viele Eink├╝nfte wir in der letzten Zeit doch hatten. Aber es waren insgesamt verdammt viele Buchungen. Wie gesagt: Ich habe keine Ahnung davon. Aber wenn man sich konzentriert, wenn man sich einfach nur durchbei├čt, dann versteht sogar ein Holzkopf wie ich das Muster. Diese endlosen Hin- und Herbuchungen, die irgendwie am Ende alle auf deinem Konto enden!“
Er wandte mit sein Gesicht zu. Alles k├Ąme jetzt auf seinem Gesichtsausdruck an. W├Ąre er nur eine Spur beleidigt, w├╝tend oder unwillig, w├Ąre er verloren.
„Es war die Scheidung, ja?“
Nein, er war nicht unwillig. Er war nur unglaublich m├╝de. Und alt. Nie vorher war mir aufgefallen, wie alt er war.
„Wie bist du darauf gekommen?“
Ich hielt ihm den Zettel vor die Augen. Fred stand in ungelenken Blockbuchstaben drauf. Sonst nichts.
„Das ist Thidos Handschrift.“
„Thido!“
„Wie ich sagte: Er ist besser als wir alle zusammen!“
Er lie├č das Kinn auf die Brust sinken.
„Ist dir lieber, wenn ich weiter spreche, ja?“ fragte ich, wobei ich kleine Rauchwolken ausstie├č. „Und? Wie sieht es in Wahrheit aus mit uns? So schlecht waren wir gar nicht, oder?“
„Stimmt. Eigentlich haben wir sehr wirtschaftlich gearbeitet“, antwortete er mit zitternder Stimme, w├Ąhrend er den Kopf hob und mich mit seinen alten Augen anschaute.
„Mit einer Anzeige w├Ąre ich erledigt. Ist dir klar, oder? Wir k├Ânnten es doch anders versuchen, meinst du nicht? Ich verpflichte mich. Einem Notar gegen├╝ber! Du wirst alles zur├╝ckbekommen!“
„Notar? Du willst jetzt mit irgendwelchem Rechtskram kommen? Du h├Ąttest beinahe meine Frau umgebracht! Und jetzt soll dir irgend so ein geschniegelter, frisch geb├╝gelter Rechtsverdreher aus der Schei├če helfen!“
Er lie├č den Kopf wieder sinken. Ich erhob mich aus meinem Sitz und schritt um seinen Sessel herum. Dabei schaute ich auf seinen fleischigen Nacken.
„Aber du hast Recht! Was w├╝rdest du mir als toter Mann noch n├╝tzen? Ich habe heute schon einen verdammt noch mal wirklich guten Freund verloren! Aber du wirst rackern m├╝ssen! Und wenn es nicht reicht, wirst du in der Einkaufspassage betteln gehen!“
Ich packte seinen Hals mit beiden H├Ąnden. Irgend ein Teil meines Gehirns h├Ątte es genossen, wenn ich noch fester zugegriffen h├Ątte. Aber es reichte mir, ihn kurz aufst├Âhnen zu h├Âren. Ich mochte es, wie wir uns gegenseitig das Leben leichter machten.

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GabiSils
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Hallo Volker,

ist das nicht eigentlich eher ein Krimi? Das Psi-Element empfine ich gar nicht als so wesentlich, zumal der Psychiater es ja ganz einleuchtend erkl├Ąrt.
Ein wenig habe ich Probleme mit dem Text; er gef├Ąllt mir insgesamt gut, aber ich hatte teilweise M├╝he, der Handlung zu folgen, k├Ânnte jedoch nicht sagen, wo und warum genau. Vor allem, was nun wirklich mit Britt geschehen ist und wieso Fred sie beinahe umgebracht hat (nur durch seinen Anruf?), kommt nicht so ganz klar heraus. Vielleicht kannst du das noch "aufkl├Ąren"?


Gru├č, Gabi

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Volker Hagelstein
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Hallo, Gabi!
Die Einordnung ins richtige Forum ist in der Tat etwas problematisch. Von der ├Ąu├čeren Handlung her ist es nat├╝rlich ein Krimi. Da gleichzeitig ein ungew├Âhnliches Ph├Ąnomen letztlich naturwissenschaftlich erkl├Ąrt wird, w├Ąre auch die Rubrik Science-Fiction in Frage gekommen. F├╝r Texte dieser L├Ąnger ist aber - so habe ich das jedenfalls verstanden – vor allem das Forum Erz├Ąhlungen vorgesehen. Mein Zusatz „ein Hauch von Psi“ geh├Ârt nicht zum Titel, sondern war eher als Service f├╝r den Leselupen-Surfer gemeint, damit er erkennt, auf welche Art von Story er sich einl├Ąsst.
Dass die Sache mit Britt etwas unklar ist, wurde mir ├╝brigens auch von meiner Erstleserin angekreidet. Hier besteht anscheinend wirklich ├ťberarbeitungsbedarf.
Gedacht war es so, dass Fred auch gegen├╝ber Britt Panik verbreitet in der Hoffnung, dass der Detektiv noch mehr Geld in die Firma steckt, um sie vor dem Konkurs zu bewahren. Ich stelle mir Fred so vor, dass er diese Dinge nicht gern tut, sondern Schuldgef├╝hle dabei entwickelt. Dass sich dadurch ihre akute Krise verschlimmert, hat er keinesfalls beabsichtigt, aber andererseits ist er schon so weit in seine Machenschaffen verstrickt, dass er nur noch diesen Weg gehen konnte. Ob es sich um einen ernst gemeinten Selbstmordversuch, um eine Art Hilfeschrei oder um einen schlichten Medikamentenunfall handelte, wollte ich gar nicht so genau festlegen.

Gru├č Volker

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Michael Schmidt
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Hallo Volker,

ein lausiger Ermittler ist Jochen, da gebe ich dem Jungen Recht. Das macht ihn sympathisch, aber ein wenig kompetenter h├Ątte ihn realistischer gemacht. Gerade bei dem Punkt, wo er nach dem Vater und dessen Verbrechen fragt.

Ja, eigentlich ist es eine Geschichte, die ins Krimiforum geh├Ârt, obwohl es kein richtiger Krimi ist, aber da w├Ąre meiner Meinung nach der richtige Platz. Wenn du wills, schiebe ich sie dort hin, aber es ist deine Entscheidung.

Fred, da stimme ich Gabi zu, ist ein Schwachpunkt der Geschichte, er l├Ąuft so nebenbei, aber seine Handlungen sind nur bedingt nachvollziehbar. Daher kommt auch die Sache mit der Frau zu kurz, so mag es im Wirklichen leben sein, aber f├╝r den Leser ist es ein wenig unbefriedigend. Wegen Fred. Er erkl├Ąrt sich weder richtg, noch wird er zum Leben erweckt. Gerade am Ende verschenkst du diese Figur, indem lapidar erw├Ąhnt wird, dass er seinen Freund und Kolelgen betr├╝gt. Da k├Ânntest du ein wenig mehr draus machen.

Insgesamt wirkt die Geschichte ein wenig fragmentatrisch, du reisst so viele Themen an ( PSI oder ├ťbersinnliches, Krimi, Beziehungskrise, etc. ), aber nichts davon wirkt bis zum Ende durchdacht bzw. wird vor dem Ende abgebrochen.

SO, jetzt h├Ârt es sich an, als ob mir die Geschichte nicht gefallen hat, aber das stimmt nicht. Ich hatte ein gro├čes Vergn├╝gen, diese Geschichte zu lesen und w├╝rde mir als Leser w├╝nschen, die von mir beanstanteten Punkte verbessert zu haben.

Warum stirbt die Frau fast? Warum ist Jochen so ein Looser? Wer ist Fred? Was hat es mit des Jungen Gabe auf sich ( mir wurde im Text nicht klar, ob die wissenschaftliche Erkl├Ąrung auf den Jungen zutrifft oder nicht, du hast dir da eine Hintert├╝r offen gelassen)?

Bis bald,
Michael

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Volker Hagelstein
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Hallo, Michael!
Ich sehe den Detektiv nicht als St├╝mper. Wenn Thido so etwas sagt, ist das eher als Frotzelei zu verstehen (wer ist im Vergleich zu Thido kein St├╝mper?). Fred gibt zu, dass die Detektei sogar gut laufen w├╝rde, g├Ąbe es da nicht diese mysteri├Âsen Kapitalabfl├╝sse. Wenn der Detektiv nicht an die Unschuld von Thidos Vater glaubt, hat das nicht unbedingt mit Inkompetenz zu tun, sondern eher im Gegenteil mit Betriebsblindheit. Als jemand vom Fach wei├č er, dass es eher zu den Ausnahmen geh├Ârt, wenn jemand unschuldig verurteilt wird und dass Angeh├Ârige kaum zu den Unvoreingenommensten geh├Âren. Aus seiner subjektiven Warte hat er eher die Bef├╝rchtung, dass sich der Junge zu sehr an diese Wunschvorstellung klammert. In dem Moment, in dem sich Beweise f├╝r Thidos Talent ergeben, reagiert der Detektiv schnell. Au├čerdem war er es ja, der die ziemlich unkonventionelle Idee hatte, auf die F├Ąhigkeiten eines „Medialen“ zu setzen. Ahnungslosigkeit und Hilflosigkeit des Detektivs ber├╝hren eher den privaten Bereich. Aber ahnungslos ist er nicht, weil er dumm ist, sondern weil die Dinge kompliziert sind und ihr ├Ąu├čerer Anschein tr├╝gen kann. Ich selber fand die Figur eines ahnungslosen Schn├╝fflers eben reizvoll.
Ich habe nichts dagegen, wenn die Geschichte ins Krimi-Forum gestellt wird. Was mir aber unter den N├Ągeln brennt: Thidos Alter ist mit zw├Âlf zu niedrig angesetzt, vierzehn w├Ąre viel passender. Gibt es M├Âglichkeiten, dass noch zu korrigieren?

Gru├č Volker

PS: Ich denke, die wissenschaftliche Erkl├Ąrung f├╝r Thidos F├Ąhigkeiten reicht v├Âllig aus, Hintert├╝rchen sind eigentlich gar nicht notwendig. Aber nat├╝rlich ist das reine Spekulation von mir. Ob es solche Gaben wirklich gibt, ist mir v├Âllig schleierhaft (noch ein Ahnungsloser!)

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Michael Schmidt
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Hallo Volker,

am Ende deines Beitrags gibt es die Funktion edit/delete, mit der kannst du deinen Text ├Ąndern.

Zum Ermittler : Jochen fragt gar nicht gro├č nach bez├╝glich der Vergewaltigungssache. So etwas w├╝rde ein richtiger Detektiv eher nicht machen. Der w├╝rde den Jungen nach Detaisl bohren, um eine M├Âglichkeit festzustellen, ob es doch einen Ansatzpunkt g├Ąbe, die Unschuld zu beweisen.

Eine wissenschaftliche Anerkennnung Thidos F├Ąhigkeiten w├Ąre ein Beweis f├╝r die Unschuld, kaum zu erreichen, aber ein Gedanke, der dem Ermittler kommen k├Ânnte.

Die Erkl├Ąrung, Thido k├Ânne einfach nur erkennen, ob jemand die Wahrheit sagt oder l├╝gt, erkl├Ąrt aber nur bedingt seine bewiesenen F├Ąhigkeiten. Denk mal dr├╝ber nach.

Bis bald,
Michael

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