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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Gasse - Eine deutsche Alltagsgeschichte
Eingestellt am 11. 04. 2011 19:33


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Verboholiker
Schriftsteller-Lehrling
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Die Gasse - Eine deutsche Alltagsgeschichte


Im alten Herzen unserer Stadt stand vor ein paar Jahren noch ein von der ├Âffentlichen Zerstreuung gefl├╝chtetes Haus inmitten der Sanguisgasse. Es reihte sich mit seinen kleinen, von st├Ądtischem Atem fast g├Ąnzlich erblindeten Fenstern und seiner schmutzig-grauen Fassade in die links und rechts gelegenen Nachbarh├Ąuser ein, die nach dem Krieg jedoch wesentlich frischer gestrichen und mit kunstvollen Ornamenten versch├Ânert worden waren. Das Haus, so h├Ątte ein Passant damals denken k├Ânnen, geh├Âre nicht in die Reihe der Sch├Âneren, jedoch, und so h├Ątte das endg├╝ltige Urteil nach einer kurzen Zeit des Nachdenkens dieses vorbeieilenden Menschen wohl gelautet haben k├Ânnen, sei es gleichsam unsch├Ân, aber auch so unscheinbar, dass es nicht weiter auffiele und somit f├╝r wenig Aufsehen sorgte. Es wirkte wie eine kleine Fuge in einer Mauer, die niemand vermisst hatte, durch deren Fehlen kein Zusammenbruch des Gef├╝ges h├Ątte passieren k├Ânnen, und auch das Haus selbst schien mit seiner Unauff├Ąlligkeit einem Vermissen entgegenzuwirken. Die das kleine Haus beherbergende Gasse verband zwar unfreiwillig zwei verkehrsreiche Hauptstra├čen miteinander, jedoch ben├Âtigte die Stadt den althergebrachten Verkehrsweg nicht mehr, sie hatte Umgehungskreisl├Ąufe wachsen und den alten Weg somit in den Hintergrund geraten lassen. Das Kopfsteinpflaster war es wohl, das den Verkehr l├Ąngs der alten Hausfronten schm├Ąlerte, feiertags oder sonntags nahezu g├Ąnzlich zum Erliegen brachte. Nur in der Ferne vermochte man tags├╝ber das unentwegte Rauschen des st├Ądtischen Verkehres wahrzunehmen. Auch ohne Kalender konnte man in der Gasse das Wochenende allein durch Lauschen und Schauen kommen und gehen h├Âren. Nachts herrschte eine Totenstille, nur ab und zu war ein fernes Hupen oder das Bellen eines K├Âters zu h├Âren. Das sonst so kr├Ąftige Rauschen wurde, wenn die Sonne sich senkte, zu einem Fl├╝stern, und wenn sich ihre Strahlen g├Ąnzlich in der Nacht verloren hatten, zu einem Schweigen.
Manchmal, wenn der Frost gegen die Fenster des Hauses mit der Nummer 45 inmitten der Gasse schlug, und wenn man von der gegen├╝berliegenden Seite auf dem Gehsteig stehend sehr scharf das kleine, sich im obersten Geschoss des Hauses einbettende Fenster beobachtete, konnte man sogar im Winter bl├╝hende Blumen bemerken. Ein knochiger Finger kratzte dann ├╝ber das Fenster, bewegte sich beh├Ąnde und mit fast k├╝nstlerischem Mut, zeichnete die Eisblumen des Frostes mit dicken Strichen nach, zuckte jedoch zur├╝ck in den Schatten, sobald ein Blick versuchte, die Gestalt hinter den Eisblumen zu ersp├Ąhen.
Der alte Mann betrachtete die Einsamkeit in der Nummer 45 als Geschenk, brachte sie doch Ruhe und eine gewisse Apartheit mit sich. Unz├Ąhlige Baustellen umgaben die kleine Gasse. Es wurde geh├Ąmmert, bearbeitet und erneuert. Die unz├Ąhligen Kr├Ąne in der n├Ąchsten und in der ├╝bern├Ąchsten Stra├če kamen ihm wie gigantische Galgen vor, wenn er manchmal einen weiteren Blick in die Stadt wagte. Die neue Stadt wuchs zu schnell. Irgendwann, dachte er, w├╝rde er mit seinem Haus verzehrt werden. Wenn er ├╝ber seine Gasse hinaussah und daran dachte, zog er sich in die hintere rechte Ecke der K├╝che zur├╝ck, setzte sich auf seinen Stuhl. An seinem K├╝chentisch schrieb er seit dem Krieg in unregelm├Ą├čigen Abst├Ąnden an seinem Tagebuch. Bleistift und Papier waren gute und vor allem verl├Ąssliche Genossen.
Das Haus in der Birnbaumgasse, so hie├č sie vor vielen Jahren, hatte er um 1950 mit seiner Frau bezogen. Zun├Ąchst geh├Ârten alle drei Stockwerke zu seinem Besitz, seit 1961 bewohnte er die obere Etage allein, die unteren Stockwerke standen leer. Der alte Mann hatte sich seit dem Tod seiner Frau nicht mehr dorthin begeben. Das N├Ąhzimmer und die K├╝che seiner Frau Eva waren seitdem unber├╝hrt. Der liebste Raum des alten Mannes war seine eigene K├╝che in der obersten Etage. Das kleine Fenster lie├č schummriges Licht hinein, und hier konnte er die Welt in einem schmalen, f├╝r ihn jedoch ausreichenden Horizont beobachten und belauschen.
Der Winter verbot ein ├ľffnen des Fensters, weil der alte Mann sehr stark abgenommen hatte und ihm jeder Windzug wie eine eisige, nach seinem Hals greifende Schlinge vorkam. Die ├Ąu├čere K├Ąlte forderte ihn oftmals so sehr, dass er den Rest des Tages vor der in der K├╝che stehenden Elektroheizung verbrachte. Trotzdem geh├Ârte der Winter nicht zu seinen Feinden. Die Stadt war f├╝r ihn sogar eine frostige Freundin, die Eisblumen mit gro├čer musischer Geduld an sein Fenster malte. Oftmals betrachtete er die gezeichneten Werke stundenlang, konnte jedoch nur grobe Umrisse erkennen. Selbst von innen konnte er sie zum Schmelzen bringen, indem er mit seinem Finger Linien und Kreise zeichnete. Wenn drau├čen alles gefror, legte er seinen Finger auf das kalte Glass. Trotz seiner inneren K├Ąlte konnte der alte Mann scheinbar seine gesamte restliche K├Ârperw├Ąrme auf die Kuppe seines rechten Zeigefingers konzentrieren. Wenn er nun seinen Finger ├╝ber die Scheibe zog, hinterlie├č er eine schmale Spur des Tauens. Er war selbst ├╝berrascht von der Gabe, eine derartige Wirkung zu vollbringen, dass ihn deren Abklang bis in die Mittagsstunde besch├Ąftigte. Alles fiel letztlich zur Mittagsstunde tauend ab, wenn die Sonne kr├Ąftig kam, um der Natur und seines alten Fingers Werk abschmelzen zu lassen. Au├čerdem kamen seine 15 Minuten um diese Zeit
In irgendeiner Nacht malte er mit einigen kr├Ąftigen Strichen einen Zug und ein sich ├╝ber die gesamte Breite des Fensters erstreckendes Gleis auf das Fenster. Es war ein eine alte Dampflok mit einigen Anh├Ąngern. Die Fenster waren aufgrund der sommerlichen Hitze fast alle halb heruntergezogen. Der Zug stoppte im Bahnhof von Hannover, den er planm├Ą├čig aber nicht h├Ątte anfahren sollte. Mit einem kr├Ąftigen Ruck, der die Insassen in Friedrichs Abteil ├╝berraschte und kurz wanken lies, kam er zum Stehen. Er blickte aufgeregt nach seiner Mutter, die ebenso ├╝berrascht zu sein schien. Mit unruhig wirkenden Augen sah sie von ihrer Zeitung auf, suchte den Blick seines Vaters. In den Kriegsjahren war jeder unplanm├Ą├čige Halt ein schlechtes Zeichen. Sein Vater wirkte hingegen fast routiniert, er merkte mit beruhigender Stimme an, dass es sich wahrscheinlich nur um ein technisches Problem handeln k├Ânne, denn die Wehrmacht sei schlie├člich momentan ganz weit im Osten, fern von Hannover. Die T├╝ren des Abteils wurden aufgerissen, ein Bahnbeamter schoss herein und gleichsam vorbei, verk├╝ndete, dass sich der Zug aufgrund technischer Probleme um eine Viertelstunde verz├Âgern werde. Friedrich war zu dieser Zeit 24 Jahre alt und nach einer Verletzung seines Armes in einem Verwaltungsb├╝ro der Bahn in der Stadt M. t├Ątig. Er z├Âgerte nicht lange, entschuldigte sich hastig bei seinen Eltern, verlie├č mit fliegenden Schuhen das Abteil, um auf den Bahnsteig zu gelangen. Sein Vater nickte ihm wissend nach, er hatte das Laster seines Sohnes nie verurteilt. Seine Mutter sa├č angespannt und verschwitzt auf der Bank des Abteiles, versuchte, sich durch das F├Ąchern mit ihrer Zeitung K├╝hlung zu verschaffen.
Drau├čen brannte der Hochsommer mit flimmernder Hitze auf Friedrichs Scheitel. Er kramte hastig in seiner Innentasche, fingerte ein silbernes Feuerzeug heraus, kramte mit der anderen, freien Hand in seiner Hosentasche, um einen zerknitterte Zigarette zu geb├Ąren. Mit flinkem Finger schnippte er ein Feuerchen, Benzingeruch stieg ihm in die Nase. Erleichtert zog er an seiner gerade entz├╝ndeten Zigarette, sog den blauen Rauch tief in sich hinein, atmete ihn langsam aus. Heute war er, obgleich uniformiert, mit seinen Eltern in privaten Angelegenheiten unterwegs, und die langwierige Bahnfahrt geriet im Hochsommer zur Tortur. Eine seltsame Erregung ├╝berkam ihn, als er den Zug mit seinen halb ge├Âffneten Fenstern sah. Soweit Friedrich sehen konnte, hingen H├Ąnde, Arme und K├Âpfe aus dem Zug. Viele T├╝ren blieben verschlossen, er war einer der Wenigen, der w├Ąhrend der kurzen Pause den Zug verlassen hatte. In M. beschr├Ąnkte sich seine T├Ątigkeit auf das Erstellen von Fahrpl├Ąnen aller Art, und Friedrich selbst, der f├╝r den Wehrdienst untauglich geworden war, kam selten selbst zum Zugfahren. Er bevorzugte die stille Arbeit, bei der er ungest├Ârt seinen Gedanken nachgehen konnte. Er zeichnete, rechnete, optimierte, das war sein Berufsleben. Der Arbeit hatte er aber niemals eine h├Âhere Priorit├Ąt einger├Ąumt, daf├╝r war er zu sehr ein Lebemann, der oftmals in den Tag hineinlebte. Er trat, nachdem er sich etwas beruhigt hatte, einige Schritte beiseite, setzte sich auf eine Bank, rauchte, lie├č die Asche auf den Bahnsteig fallen, ein fast gl├╝hender Windhauch trieb sie weiter ├╝ber den Bahnsteig, sie verlor sich in viele kleine Fl├Âckchen. Hannover hatte er sich anders vorgestellt. F├╝r ihn schien es wie ein Ort in der tiefsten, in der weltfremdesten Provinz Deutschlands. 15 Minuten Pause von der Fahrt von K├Âln nach M. reichten ihm aus, dachte er. Genau zwei Zigarettenl├Ąngen.
Von rechts huschte eine junge blonde Dame mit grauer Uniform wie ein hell-lockiger Irrwisch an seiner rauchenden Nase vorbei, zog einen Besen mit breiter Kehrfl├Ąche hinter sich her, strich mit demselben auffallend provokativ ├╝ber Friedrichs schwarz gl├Ąnzende Stiefel. Er schaute verkl├Ąrt auf, lie├č seine Zigarette fast aus dem Mundwinkel fallen, als er den blonden Putzteufel sah. Eva malte er als kleines Strichm├Ąnnchen vor den Zug, in ihrer Hand eine naive Andeutung eines Besens. Sich selbst stellte er daneben. Nur Evas Haar versuchte er mit krausen Strichen anzudeuten, sonst glichen sich die Strichm├Ąnnchen v├Âllig. Sein k├╝nstlerischer Ausdruck, dachte er fast zynisch, sei an dieser verdammten Scheibe doch recht eingeschr├Ąnkt. Am Mittag taute die Sonne seine kleine Zeichnung weg, das Fenster wurde mit jedem Sonnenstrahl klarer und gab letztlich einen tr├╝ben Blick auf die tot vor des alten Mannes Haus liegende Sanguisgasse frei. Der alte Mann vergrub sein Gesicht mit entglittener Miene in seine knochigen H├Ąnde. Eva erschoss sich an einem Samstag auf dem Sofa ihres N├Ąhzimmers im Untergeschoss.
Um 12 Uhr klingelte es, und fast gleichzeitig drehte sich ein Schl├╝ssel, der an einem Schl├╝sselbund mit dutzenden anderen Schl├╝sseln zu h├Ąngen schien, hastig im Schloss der Eingangst├╝r. Das Schloss schnappte nach einiger Zeit des leeren Drehens widerwillig auf. Der alte Mann ├Âffnete die Augen, h├Ârte die sich ├Âffnende T├╝r auf den T├╝rstopper prallen. 15 Minuten F├╝rsorge hatte ihm die Stadt pro Tag gew├Ąhrt. Die widerliche Frau, die ihn t├Ąglich heimsuchte und deren Namen er nicht kannte, kam seit vielen Jahren t├Ąglich um 12 Uhr und st├Ârte seine Ruhe. In der Nacht, nachdem er sich an die Begegnung mit Eva erinnert hatte, war er irgendwann auf den Boden der K├╝che gefallen, hatte sich dabei den Stei├č schmerzhaft geprellt. Er konnte die Frau den Flur entlang stampfen h├Âren, und eine gro├če Scham ├╝berkam ihn. Er tastete an sich herab, f├╝hlte eine N├Ąsse um seine Lenden. Sie kam polternd und unwillkommen in die K├╝che, ihre Augen blitzten vor Belustigung, als sie den alten Mann auf dem Boden liegen sah. Mit muskul├Âsen Armen hob sie ihn m├╝helos vom K├╝chenboden auf, trug ihn ins Bad, entkleidete ihn g├Ąnzlich und setzte ihn auf den wasserfesten Stuhl in der Dusche. Der alte Mann fror entsetzlich, seine Rippenb├Âgen ragten mehrere Zentimeter ├╝ber seinen Bauch hinaus, seine Beckenk├Ąmme glichen zwei mit Pergament ├╝berzogenen Schaufeln. Die Frau schloss die Kammer der Dusche und verlie├č zun├Ąchst das Bad. Mit gesenktem Kopf wartete der alte Mann einige Minuten, h├Ârte unverst├Ąndliches Fluchen aus dem Nebenzimmer. Irgendwann, nachdem sie in der K├╝che wohl die Misere aufgewischt hatte, st├╝rzte die Frau wieder ins Bad, duschte ihn halbherzig mit lauwarmem Wasser ab, zerrte ihn wieder hinaus, trocknete seine Knochen ab, zog ihn an, trug ihn in die K├╝che. Sie verlie├č kurz den Raum, kam mit einer Mahlzeit in einer Alu-Schale wieder, die sie auf den K├╝chentisch stellte. Danach verlie├č sie die Wohnung, den Schl├╝ssel drehte sie einmal, zweimal, bis das Schloss einrastete.
Am n├Ąchsten Morgen sa├č der alte Mann wieder in der K├╝che. Sein Mittagessen, das die 15-Minuten-Frau ihm am Vortag gestellt hatte, stand noch auf den K├╝chentisch. Die zerkochten Kartoffeln waren mittlerweile dunkel angelaufen und einige kleine Fliegen kreisten um das f├╝r seine Dritten zu z├Ąhe Kotelett. Die Frau hatte ihm nie essenswerte Kost geboten. Oft gab es Reis, den er verabscheute, Gefl├╝gel lie├č er stets stehen, und das Fleisch war stets ungenie├čbar. Er hatte nunmehr seit Monaten kaum mehr als eine oder zwei Mahlzeiten pro Woche essen k├Ânnen. Mit jedem Bissen ├╝berkam ihn ein merkw├╝rdiges Gef├╝hl. Es war eine seltsame Erregung, wenn er die Mahlzeiten vor sich auf dem Tisch stehen sah. Er litt sicher nicht unter krankhaften Essst├Ârungen, nein, jedoch sch├Ąmte er sich beim Essen, manchmal flammte gar eine fl├╝chtige R├Âte ├╝ber sein Gesicht, und er verschloss das Beh├Ąltnis wieder, ohne ├╝berhaupt probiert zu haben. Dann setzte er sich in seinen Stuhl, tastete nach seinen Rippen, z├Ąhlte sie. Die schlecht verheilte Fraktur einer Rippe auf der rechten Seite seines Brustkorbes konnte er immer deutlicher sp├╝ren. Eine Leiter mit einer gebrochenen Sprosse, die entweder hinauf oder hinunter f├╝hren w├╝rde, dachte er mit Galgenhumor, lie├č diesen Gedanken jedoch sofort wieder verfliegen. Er schloss die Augen, schlief ein.
Es war Abend geworden. Das K├╝chenfenster war hell erleuchtet, von drau├čen drangen Stimmen von gro├čen Menschenmengen an sein Ohr. Mutig st├╝tzte der alte Mann seine H├Ąnde auf die Lehnen des Stuhles, dr├╝ckte mit M├╝he seine Knie durch, erhob sich. Er tastete sich am K├╝chentisch entlang bis zum Fenster. Er ergriff mit schwacher Hand den Hebel, aber das Fenster lie├č sich nicht ├Âffnen, so sehr er sich auch bem├╝hte, also lehnte er seine Ellbogen auf die Fensterbank und kam mit seinem Gesicht dem Fenster so nahe, dass sein Atem die Scheibe beschlug. Er sah durch das mit Eisblumen geschm├╝ckte Fenster hinaus. Durch die Sanguisgasse zog sich ein nicht abrei├čender Strom von Menschen. Viele von ihnen flackerten mit Fackeln im Strom, andere schwenkten Fahnen ├╝ber ihren K├Âpfen. Er konnte ihre Stimmen auch bei angestrengtem Zuh├Âren nicht verstehen, viele riefen ungeordnet umher, andere Gruppen sangen im Chor. Die Schilder, die einige mit sich trugen, waren f├╝r ihn von seiner Sicht aus dem Fenster unleserlich, auch konnte er keine Einzelnen ausmachen, aber die Menge hatte in ihrer Gesamtheit ein entschlossen ernstes Gesicht, das ihn an die M├Ąrsche seiner Jugendzeit erinnerte. Er sah die Stra├čen hinter seiner Gasse, sie waren ebenfalls voller Menschen. Lange lehnte er auf der Fensterbank, versuchte den Sinn der Versammlung zu ergr├╝nden, bis seine Rippen zu schmerzen begannen und er sich zur├╝ck auf den Stuhl setzen musste. Er fand an diesem Abend weder den Weg zur Toilette noch in sein Schlafzimmer. Irgendwann wurde es drau├čen ruhiger.
Am n├Ąchsten Tag um 12h drehte sich der bekannte Schl├╝ssel in der Eingangst├╝r. Die Frau stand in der K├╝chent├╝r, ihre F├Ąuste hatte sie in ihre breiten H├╝ften gestemmt. Der alte Mann war im Stuhl eingeschlafen und schreckte nun hoch, als die Frau zu ihm hin├╝ber stampfte. Das 15-min├╝tige Prozedere forderte an diesem Tag viel Kraft, der alte Mann f├╝hlte sich schw├Ącher als jemals zuvor. Am Ende sa├č er v├Âllig kraftlos und mit wirren Sinnen im K├╝chenstuhl. Er sah nun Eisblumen, die nicht da waren, h├Ârte Ch├Âre, die nicht sangen. Auf dem Tisch stand eine gro├če Schale mit widerlichem Reis, aber der alte Mann verbrachte den Tag mit wirren Tr├Ąumen. Eva ma├čregelte ihn b├Âsartig, er habe den Fahrplan nicht korrekt erstellt. Mit einem dicken Rohrstock schlug sie, indem sie weit ausholte und gellend schrie, auf ihn ein, zerbrach des alten Mannes Beine, der ebendiese merkw├╝rdigerweise schmerzlos splittern h├Âren konnte. Sein unendlicher Durst machte jeden Schmerz bedeutungslos. Eva steckte einen mit Wasser getr├Ąnkten Schwamm auf den Rohrstock, stellt ihn vor sich wie einen umgekehrten Besen auf, vergrub ihre Lippen in dem Schwamm und sog das Wasser gierig in sich hinein. Der alte Mann drehte seinen Kopf nach rechts, er sah zwei riesige Kreuze, an denen jeweils zwei weitere Menschen zu hingen schienen. Und Dunkelheit schob sich wie ein gewaltiger Vorhang vor seine Augen.
Abends erwachte er, brauchte einige Zeit, um sich zu orientieren. Er konnte wieder die Massen in seiner Gasse h├Âren. Er begab sich wieder zum Fenster. Der Mond, den der alte Mann durch das milchige Glas ├╝ber der Spitze des Kirchturms sehen konnte, leuchtete rostbraun, fast wie eine zaghaft aufgehende Sonne in der Nacht. Die Zeiger der Turmuhr standen auf Dreiundzwanziguhrf├╝nfundvierzig. Minutenlang blickte er auf Uhr und Mond. Er nahm Stift und Papier. Zwei Zeugen, die verl├Ąsslich waren. Er schrieb in das Tagebuch.
ÔÇ×Mein Bruder, selbst wenn Du Dich hinter dem Kirchturm versteckst, kann ich Dein Gesicht immer sehen, denn ich kenne es genau. Unser beider Schaffen ist von gro├čer Gleichheit. Du ziehst umher auf Deiner Bahn, Du musst es; ich bin ein Mensch, ich muss es sein. In Deiner R├Âte zeigt die Erde auf Dich, genauso f├╝hle ich mich auch. Deine eine Seite kennen alle. Manchmal l├Ąchelt sie, manchmal ist sie voller Trauer. Ich habe viel geweint in den Jahren. W├Ąhrend Du stets die gewohnten Meere, Seen und Berge zeigtest, k├Ânnte ich dies nicht tun. So dreh Dich doch, so Dreh Dich doch, dass alle es sehen!ÔÇť

Der alte Mann legte Stift und Buch beiseite. Er schaute aus dem Fenster. Die Uhr bewegte sich nicht mehr, sie war stehengeblieben. Und drau├čen die Masse. Die Menschenstimmen hatten jedoch ihre Qualit├Ąt ver├Ąndert, sie schienen nun nach dem alten Mann zu rufen. Er setzte sich zur├╝ck in seinen Stuhl und wartete. Den n├Ąchtlichen Frost f├╝hlte er kommen, seine Scheibe wurde allm├Ąhlich mit Eisblumen ├╝berzogen. K├Ąlte kroch langsam durch alle Ritzen des Hauses, durch das Fenster, unter der T├╝r hindurch. Wie ein Ring aus Eis hatten sie die Nummer 45 eingekreist, sie lauerten mit frostiger sch├Ąrfe und t├Âdlichen Eisschwertern griffbereit in ihren Scheiden.
Gegen Morgen hatte sich der alte Mann wieder an das Fenster gewagt. Er zeichnete Strichm├Ąnnchen auf die Scheibe. Eine davon hatte lockige Haare, ihre Arme waren erhoben, die andere Figur stand mit gesenkten Armen dort. Er malte einen kleinen Zug mit geschlossenen Fenstern auf die Scheibe. Auf jedes Fenster des Zuges zeichnete er ein kr├Ąftiges Kreuz. Den Rauch der ziehenden Dampflok betonte er mit sich ├╝ber die gesamte obere H├Ąlfte des Fensters ziehenden, kreisf├Ârmigen Rauchwolken. In den Vordergrund zeichnete er Blumen. Bald war die gesamte untere Fl├Ąche des Fensters mit wei├čen Bl├╝ten ├╝berzogen. Und er sah rote Farben an den Bl├╝ten, die wie Tr├Ąnen hie und da sachte zu rinnen schienen. Die Bl├╝ten weinten. Als er dies sah, glitten seine Finger ├╝ber die Fenster des Zuges. Er bem├╝hte sich, jedes mit Tr├Ąnen aus seinen Fingerkuppen auszumalen. Nach einiger Zeit sah er, dass die Zeichnung vollendet war. Seine Chrysanthemen wurden blutrot, sie schienen durch die Kraft seines Blutes j├Ąh lebendig zu werden. Sie wuchsen auf dem Fenster wie wilder Efeu. Kaum mehr waren Zug, Mond oder gar die Stadt zu erkennen. Und er hoffte, dass die Sonne des Mittags alles wieder zum Schmelzen bringen w├╝rde. Seine Finger Schmerzten, aber es war ein guter Schmerz, so, als h├Ątte er gerade ein Kind durch seine alten H├Ąnde geboren. Es zappelte, es schrie, es atmete in seinen blutigen H├Ąnden. Zufrieden wartete er im Stuhl sitzend auf die 15-Minuten-Frau. Er nickte kurz ein, bis ein Rumoren im Treppenhaus und ein sich widerwillig ├Âffnendes Schloss ihn erweckten. Zum Ersten Mal seit einer langen Zeit war er v├Âllig wach und seine Gedanken scharf wie Rasierklingen.
12 Uhr, die Frau kam hinein. Seine Viertelstunde hatte begonnen. Sie stand in der T├╝r der K├╝che, ihr blondes Haar lag w├╝st und str├Ąhnig ├╝ber ihrem schwei├čnassen Gesicht, dessen Augen sie wie scharfe Pfeile auf das wei├če Fleisch des Mannes schoss. Dieser hingegen sah sie mit klaren Augen voller Erwartung an. Heute hat sich mein guter Bruder, mein Mond, gedreht, dachte er und erhob beide Arme. Es schien, als versuche er, die die Frau aus der Ferne zu umarmen. Diese stampfte mit schweren Schritten quer durch die K├╝che auf den alten Mann zu, zog dabei ihren schweren wei├čen Kittel hinter sich her, fasste den alten Mann unter den Achseln. Der alte Mann fasste die muskul├Âsen Schultern der Frau, diese hob ihn fast ohne M├╝he hoch. Sie z├Âgerte nicht lange, polterte mit der alten Last zum K├╝chenfenster hin├╝ber, befreite eine Hand ringend aus den klammernden Fingern des alten Mannes, nutzte diese, um das Fenster zu ├Âffnen. Sie setzte ihn auf die Fensterbank, lie├č seine knochigen F├╝├če aus dem Fenster baumeln. Der alte Mann sah die Menschen, die sich unter seinem Fenster Versammelt hatten. Er f├╝hlte die Massen wie mit einem riesigen Finger in seine Richtung zeigen, blickte auf, sah die roten Stra├čen hinter seiner Gasse, sp├╝rte die Stadt mit ihren wartenden Galgen. Er f├╝hlte die schallenden Geschosse der Schreier auf ihn einschlagen wie Salven eines Maschinengewehres. Der Himmel zeigte eine rote Wintersonne, die mit strahlend-spitzen Krallen nach seinem K├Ârper zu schreien schien. Wie ein durch seine 15-Minuten-Frau aufgekn├╝pftes Skelett zappelte er nun ├╝ber der Sanguisgasse, seine wachen Augen, tief in seinem spitzen Gesicht liegend, sahen wissend und ruhig in die Menge. Die Frau lie├č ihn wie eine Marionette an unsichtbaren F├Ąden tanzen, indem sie ihn wie einen Apfelbaum, an dem nur noch verfaulte, vergiftete Fr├╝chte zu hingen schienen, sch├╝ttelte. Er sah seine Glieder nach ihrem diktatorischen Takt hin und her zappeln, wie St├Âcke, die klappernd und klingend zu einer ihm unbekannten Melodie einen grotesken Tanz veranstalteten. Unten sah er Schemen von erhobenen F├Ąusten, die wie scharfe Waffen auf ihn gerichtet waren, H├Ąnde, die manisch nach ihm griffen wie S├╝chtige nach Opiaten. Viele hatten Plakate und Fahnen in ihren H├Ąnden, die er erkannte, die er schon immer gekannt hatte. Und er schloss die Augen. Er sah den Zug an seiner Scheibe, alle Fenster waren verschlossen. Eva stand mit blondem Haar und aschgrauer Haut vor einer der T├╝ren. Sie l├Ąchelte, zeigte mit der Linken auf einen h├Âlzernen Verschlag vor einer der T├╝ren. Das Holz lebte und schwitzte hellrotes Blut in feinen Perlen. Eva hielt eine gesunde, schneewei├če Chrysantheme in der Hand, holte weit nach hinten aus, warf sie in die Richtung des alten Mannes. In einem Bogen flatterte die Blume durch die Luft, drehte sich einmal, zweimal, dreimal, bis Friedrich sie m├╝hevoll mit beiden H├Ąnden fangen konnte. Er senkte langsam seinen Blick auf die eben Gefangene; ihr St├Ąngel war vertrocknet, ihre verwelkten Bl├╝tenbl├Ątter hielten ein paar Sekunden, bis sich das erste Blatt l├Âste und langsam fortgeweht wurde. Nach und nach l├Âsten sich alle Bl├╝tenbl├Ątter, segelten auf den Boden. Eva erhob eine Hand, zeigte auf Friedrich, machte eine kreisende Bewegung mit dem Zeigefinger, die Friedrich auffordern sollte, sich umzudrehen. Er drehte sich. Aus der Hand mit dem Zeigefinger Evas ballte sich eine Faust. Friedrich blickte ├╝ber eine Schulter in Evas Augen und ÔÇô
Ein gewaltiger Schlag gegen seinen R├╝cken bef├Ârderte den alten Mann hinaus, er h├Ârte mit nun weit aufgerissenen Augen sein R├╝ckgrat zersplittern. Er sah im freien Fall Schneeflocken an seiner Seite fliegen wie die wei├čen Bl├╝tenbl├Ątter einer schmelzenden Chrysantheme. Die Menge ├Âffnete sich, schaffte eine Mulde f├╝r den alten Mann.
Noch einmal drehte er sich im freien Fall um die eigene Achse, und er starb, bevor er in die Menschenmenge einschlug.

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