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Leselupe.de > Erotische Geschichten
Die Geheimnisse von Pfullendorf
Eingestellt am 26. 04. 2011 11:41


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Arno Abendschön
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Es war ein kühler Septembertag, windig und regnerisch. Um fünf Uhr nachmittags sagte sich Augustin, Pfullendorf werde hoffentlich bald am Horizont auftauchen. Er war durchnässt und durchfroren. Er befühlte seine Halswirbel: Die Wirbelsäule schmerzte unter der Last des Rucksacks. Eine öde Hochebene war das! Und anödend diese Straße neben dem Zaun, an dem er seit zwanzig Minuten entlangging. Pfullendorf schien eine ziemlich große Garnison zu sein. Ein paar junge Soldaten vertrieben sich die Zeit damit, einen Lastwagen auf Touren zu bringen und durchs Depot zu jagen. Dann stellten sie ihn in der Garage ab. Mit viel Krach schloss sich das Tor. Die jungen Männer verschwanden in einer Kaserne. Jetzt lag das weite Gelände wieder ganz still da, wie tot.

Die Stadt lag dann unten in einem Loch, ein schwäbisches Nest mit viel altem Fachwerk. Die alten, tiefen Klötze standen mit dem Giebel zur Straße und ließen seitlich einen kleinen Raum zwischen den Häusern frei, einen finsteren Spalt, in den die Sonne nie hineinschien und in dem die ewige, kalte Feuchtigkeit nie austrocknete. Die Fassaden unter den steilen Dächern und hohen Giebeln wirkten stumpf. Vorsicht, Dachlawinen! erschreckten einen auch im Sommer gewisse fürsorgliche Blechtafeln. In jedem zweiten oder dritten Haus war eine Kneipe oder ein Gasthof. Die Stadt lebte zur Hauptsache von der Garnison, aber die Soldaten zeigten wenig Lust, die Kneipen und die Stadt am Leben zu halten: es war überall ziemlich leer.

Augustin überquerte die stillgelegte Eisenbahnstrecke und ging auf gut Glück in einen Gasthof hinein. Im Schankraum war es leer – bis auf den mageren jungen Hering hinter dem Tresen: Das war der Wirt. Nein, er vermiete keine Zimmer, aber im ersten Stock sei eine Pension, da solle er fragen. Die Treppe führte gleich vom Gastraum hinauf. Oben öffnete eine tiefsinnig lächelnde Fünfzigerin die Etagentür und zeigte ihm lächelnd ein Zimmer am Ende des langen, dunklen Flures. Dabei sagte sie ihm, sie und ihr Mann seien eigentlich die Wirtsleute hier im Hause, aber sie hätten sich teilweise zur Ruhe gesetzt und den Gastbetrieb unten verpachtet. Er nahm das Zimmer sofort, schon um nicht länger angelächelt zu werden. Das Zimmer entsprach seinen Erwartungen: Es war ebenso dunkel wie der Flur, mit vierzig Jahre alten Möbeln vollgestellt und durch den ganz nahen Dachrücken des Nachbarhauses zusätzlich verdüstert. Wie die Biberschwänze dort draußen vor Feuchtigkeit glänzten … Augustin wurde es klamm zumute, er zog die Vorhänge zu und knipste die spärliche Deckenbirne an. Eine freistehende Duschkabine rundete das Bild provinzieller Behaglichkeit ab. Er beschloss, sofort heiß zu duschen und auf diese Weise der inneren Verkühlung zu begegnen. Dann legte er sich eine halbe Stunde ins Bett. Es dauerte fünfzehn Minuten, bis er seine Kuhle am Rande des großen Doppelbetts erwärmt hatte. (Überhaupt war es kühl im Zimmer und roch muffig.) Die folgende Viertelstunde genoss er wirklich.

Um sieben ging er zum Essen hinunter. Er war nicht hungrig. Er aß bloß vorsorglich und weil er es auf Reisen immer um diese Zeit tat. Der Appetit würde sonst vielleicht in der Nacht kommen und ihn nicht weiterschlafen lassen. Der Wirt saß jetzt mit Gästen an einem Tisch zusammen, einem freudlosen Paar in den Vierzigern, dürftig gekleidete Leute, hager und faltig. Sie hatten sich zu ihrer Zerstreuung auf ein Würfelspiel mit dem Wirt eingelassen. Offenbar waren sie dabei zu verlieren. Dem jungen Wirt stand die Spielfreude ins Gesicht geschrieben. Kurz und heftig schüttelte er den Becher, energisch ließ er die Würfel über die Tischplatte rollen. Sein Geschäft belebte sich, es ging vorwärts mit dem Umsatz, er hatte alles unter Kontrolle. Mann und Frau wechselten sich beim Würfeln ab, sie spielten gemeinsam gegen den Wirt, lustlos, wie es schien. Sie rauchten ununterbrochen. Das Nikotin half ihnen, dem drohenden Spielverlust ins Auge zu sehen, so wie das Spiel das triste Lokal erträglicher machte. Und hierher gekommen waren sie vermutlich nur, um den Verdruss auf den Ämtern zu vergessen, spekulierte Augustin weiter. Ihn zu bedienen, unterbrach der Wirt das Spiel, und als er das Bier gezapft hatte und für den Wurstsalat in die Küche gegangen war, schlug die Frau dem Mann vor, aufzuhören und ins Dorf heimzufahren. Für die Taxe werde das Wechselgeld hoffentlich noch reichen. Während er aß, erfolgte die Abrechnung. So und so viele Biere und Schnäpse, eine Schachtel Zigaretten, die verlorenen Spielrunden abzüglich der gewonnenen … Der Wirt nahm den Schein, um ihn zu wechseln. Freude wallte sichtlich in ihm auf. Um sie zu verbergen, gab er sich diensteifrig, schmeichlerisch. Aber es war nur wie die Haut auf überkochender Milch. Die Frau lachte, als das Wechselgeld auf dem Tisch lag. Der Mann räusperte sich trocken, wie es starke Raucher tun. Dem Wirt war es sogar ein Vergnügen, die Taxe herbeizutelefonieren. Der Fahrer rief zur Tür herein, der Wagen sei da. Sie gingen hinaus, der Mann humpelte. Der Wurstsalat war nicht schlecht gewesen, aber in dieser Umgebung hatte er Augustin nicht geschmeckt. Er spülte den Rest Bier hinunter und ließ den Wirt wieder allein in der Gaststube.

Sein Zimmer war durch eine vergilbte, früher weiß lackierte Doppeltür mit dem folgenden verbunden. Er nahm ohne weiteres an, dass die Tür verschlossen sei. Wie mochte es dahinter aussehen? Er bückte sich, um durchs Schlüsselloch zu schauen. Aber es war bereits zu dunkel, um mehr als nur einige graue, unscharfe Konturen gleich hinter der Tür wahrzunehmen. Er fror schon wieder und beschloss, obwohl es noch nicht acht Uhr war, zu Bett zu gehen. Der Roman lag auf dem Nachttisch bereit. Wie an jedem Abend auf seinen Reisen verirrte er sich in den unendlichen Perioden, berauschte sich an der Fülle raffinierter Gleichnisse, die wie ein feines Netz über die unfassbare Wirklichkeit ausgesponnen waren, und ließ den Band nach zwei Seiten auf die Bettdecke sinken, ermüdet und zugleich euphorisiert wie nach dem Genuss eines schweren Südweines. Er behielt ihn noch in der Hand, sein Blick verlor sich, wie vorher sein Geist in den überlangen Schachtelsätzen, in der Gestaltung des Einbandes, einer gleichsam das ganze Buch umhüllenden dichten Hecke aus stilisiertem rotblühendem Weißdorn, vegetabilisch wuchernd wie das wirkliche Leben, das faszinierende und monotone Leben draußen. In zwei, drei Minuten würde er den Band weglegen und einschlafen.





Wirkliche Stimmen drangen vom Flur herein, zwei männliche fragende und eine weibliche, die er schon kannte. Die Pensionswirtin führte zwei neue Gäste aufs Zimmer. Er hörte, wie der anstoßende Raum aufgeschlossen wurde, Schritte in ihm auf und ab gingen. Die Inhaberin entfernte sich über den Flur. Drüben wurde noch nicht gesprochen. Wieder nur deutlich hörbare Schritte – und dann sah Augustin, wie die Klinke der Verbindungstür versuchsweise von der anderen Seite betätigt wurde. Die Tür ließ sich nicht öffnen, die Klinke schnappte zurück. Nach einigen nur gemurmelten Sätzen hörte er deutlich eine tiefe, vermutlich noch junge Stimme sagen, heute Morgen habe er den Kaffee nicht vertragen, sein Magen reagiere jetzt wieder sehr empfindlich. – „Oh, wenn ich gewusst hätte, dass du magenkrank bist, hätte ich dir Kaffee aus Holland mitgebracht.“ Der Sprecher schien von der Güte seines Kaffees überzeugt. Er sprach nachdrücklich, mit dem harten und optimistischen Tonfall der Niederländer. Er war, dem Klang der Stimme nach zu urteilen, nicht mehr ganz so jung wie sein Reisebegleiter, und seine Stimmlage war etwas höher.

Sie gingen dann bald fort. Jetzt werden sie essen gegangen sein, dachte Augustin. Das kann dauern, wenn sie zurückkommen, schlafe ich sicher schon. Und was geht es mich an, ob der eine magenkrank ist und der andere einen guten Kaffee kennt. Er legte das Buch auf den Nachttisch zurück und löschte das Licht.

Er war schläfrig und wusste, dass er in wenigen Minuten in tiefem Schlaf liegen würde. Wie gewöhnlich genoss er den Akt des Einschlafens und versuchte, ihn zu verlängern, dieses angenehme Entgleiten aus der Wirklichkeit des Tages. Wie eine Schlittenfahrt, dachte er, die man als Kind gemacht hat. Wenn man beinahe unten angekommen ist, bedauert man es und bremst ein wenig. Ich war noch so klein, Tante Cilly ist mit mir den Hügel zum Fluss hinuntergerodelt. Wie lange ist sie schon tot? Ungefähr dreißig Jahre … Im Roman hatte er vorhin gelesen, die Toten existierten allein noch in den Köpfen der Überlebenden – und dort leben sie dann hartnäckig viele Jahre weiter, bei besserer Gesundheit als vor ihrem Tod. Eigentlich komisch … Er wurde sich bewusst, wieder in seinem alten Bett zu liegen, dem Eichenbett, das sie in dem Jahr gekauft hatten, als er auf die Oberschule wechselte. Es stand jetzt bei den Eltern im Dachgeschoss, genau unter dem schrägen Fenster. Er sah die Sterne vom Bett aus und mitten unter ihnen Tante Cillys Kopf, wie der Vollmond in einer Mainacht. Das Gesicht der Tante sah ganz wie zu Lebzeiten aus, dennoch fürchtete er sich. Der Totenkopf – denn es war doch wohl einer – sagte: Ich war die erste, die dir weggestorben ist, die erste in einer langen Reihe. Sie haben dich nicht zur Beerdigung mitgenommen, weil du angeblich noch zu klein dafür warst. Schau, wie viele wir geworden sind, wir werden immer mehr. Damit geht es wie damals beim Schlittenfahren, es fängt langsam an, und dann geht es schneller und immer schneller … Die Sterne verwandelten sich jetzt in die Köpfe Verstorbener, lauter Menschen, die er einmal gekannt hatte. Ganz unten sein Volksschullehrer, der alte Nazi, sein Gesicht zuckte wie früher. Weiter oben die Kollegin, die sich vor zwei Jahren umgebracht hatte: mild, stumm, leidend. Dazwischen alte Leute aus der Nachbarschaft, dann ein Junge, der ihn ausgelacht hatte, weil er das Wort Peugeot nicht richtig aussprechen konnte. Er war dann in Spanien beim Baden ertrunken … Träumend empfand er wachsende Beklemmung. Die Toten schienen sich am Himmel nur aus einem Grund versammelt zu haben: um dort auf ihn zu warten. Und lebte er nur deshalb noch, um sich ihnen eines Tages anzuschließen? Die Toten waren seine Feinde. Er spürte den Sog, der von ihnen ausging. Der alte Lehrer sagte: Zähle uns, zähle deine Toten. Wie viele sind wir, sind wir in der Überzahl oder sind es deine noch lebenden Bekannten, die Freunde, die Feinde und auch die, die dir gleichgültig sind? Ich stelle dir jetzt diese Aufgabe, zähle gut … Dem Träumenden wurde bewusst, dass dieses Zahlenverhältnis sich mit jedem weiteren Jahr zuungunsten der Lebenden verschieben musste. Er begann zu zählen, Zahlen in seinem träumenden Bewusstsein zu formulieren: Sechsundzwanzig, dreizehn, siebenundzwanzig, zweiunddreißig, elf, siebenunddreißig … Und siebenunddreißig Jahre war er ja selbst, eine Tatsache, die panische Angst in ihm auslöste.

„ … Fünfundvierzig. Fünfzig.“

„Danke. Stimmt genau.“

Augustin war wach. Stimmen im Nachbarzimmer hatten ihn aus seinem Traum geholt. Es war eben zwölf Uhr vorbei. Langsam erholte er sich von dem Schrecken, der sich wie ein unterirdischer See in ihm ausgebreitet hatte. Sie sprachen jetzt drüben nicht mehr.

Aber es war nicht wirklich still. War einer von ihnen gestolpert? Vielleicht mit dem Fuß gegen ein Möbelstück gestoßen? Warum keuchte man so? Jetzt lachten beide drüben, ohne dass vorher ein Wort gefallen war. Sollte er etwa Ohrenzeuge einer Paarung sein? Kaum glaublich, die Abgesandten Sodoms waren schon bis Pfullendorf vorgedrungen. Wenn das Mayer-Vorfelder wüsste …

Er kannte die Geräusche. Der dazu gehörende Film war oft genug vor ihm abgespult worden. Bei Bildausfall konnte er sich das Fehlende anhand der Geräusche in seiner Vorstellung ergänzen. Jedoch nahm sein Vergnügen, entstanden aus der überraschenden Situation, unterhalten von seiner Neugier am Besonderen, immer mehr ab, je länger der Akt dauerte. Ihm schien allmählich, sie lachten drüben auch über ihn. Tucholskys Verse von den Hotelgästen in ihren monogamen Betten kamen ihm in den Sinn. Er versuchte, mit Hilfe der Literatur Abstand zu gewinnen, seine unbeteiligte Überlegenheit zurückzugewinnen. Erotische Zitate schossen ihm durchs Hirn. Von wem war noch, ganz schön keck, „des Hinterfleisches kühle Doppelblust“? Ja, doch, von Thomas Mann.

Ich kann doch nicht einfach zu ihnen hinübergehen … Außerdem haben sie sicher alles verriegelt. Er knipste das Licht an, verließ das Bett und durchquerte leise das kalte, muffige Zimmer. Zum zweiten Mal hier versuchte er, durchs Schlüsselloch zu spähen. Niemand sieht ja, wie ich mich bücke und damit erniedrige … Natürlich hatten sie das Schlüsselloch verhängt: Das Weiße vor ihm wird ein Handtuch sein.

Er schlüpfte wieder unter die eigene warme Decke und tröstete sich damit, dass der Akt an sich nicht in jedem Fall ästhetisch wirke. Es war schon viele Jahre her, da hatte er an einem Sonntagnachmittag auf einer Lichtung zwei Männer beobachtet und zum ersten Mal gesehen, wie ein Mann in einen anderen eindrang. Er hatte es komisch gefunden und nicht das Bedürfnis verspürt, anstelle eines von beiden zu sein. Aber half ihm diese Erinnerung jetzt, wieder einzuschlafen? Nein, um seinen Frieden zu finden, bedurfte er harmonischer Bilder. Pfullendorf hatte sie ihm bisher weiß Gott nicht geboten …

Vorige Woche in Ochsenhausen war selbst das Wetter besser gewesen. Unter einem rein blauen Himmel schlenderte er durch die Höfe des barocken Klosters. Kein Mensch begegnete ihm auf den weißen Kieswegen. Die Mönche waren lange fort, und aus der Mädchenschule drang kein Laut. Dann war er in der Kirche. Er saß im Mittelschiff und konnte sich nicht satt sehen an den vielen barock ummantelten und umspielten romanischen Pfeilern. Es war wie ein ganzer Wald blühender Obstbäume, ein lautlose Fröhlichkeit. Nachher saß er in den Wiesen unterhalb vom Kloster, heiter, seinen Roman in der Hand, ab und zu einen Satz lesend. Er hätte später nicht sagen können, worum es im Text ging. Der Inhalt sank sofort in die tieferen Schichten seines Bewusstseins und verband sich dort mit anderen Eindrücken: der weißgelb prunkenden Klosterfassade, dem farbigen Dämmerlicht in der Kirche und dem Geruch von frisch gemähtem Gras …

Er wohnte im Adler. Beim Frühstück grüßte ihn dort ein kurz Geschorener mit den Augen – kein Mönch, er war einer aus seiner Zunft, der Reiseführer einer Gruppe gut situierter Damen. Das Zimmer ging auf die viel befahrene Bundesstraße hinaus. Abends stand er lange am Fenster, solange es noch hell war, und beobachtete den Verkehr, zumal die vielen Motorradfahrer. Für sie war die Strecke vom Allgäu bis auf die Alb sozusagen nur eine einzige lang gezogene Kurve, in die sie sich mit Genuss hineinlegten. Seine Augen folgten den lang gestreckten, abgewinkelten Gestalten, wie sie dahinflogen, diese modernen Zentauren. Die roten Tanks und Verkleidungen ihrer Maschinen kontrastierten mit dem düster glänzenden Schwarz ihrer Monturen und betonten es noch. Augustin liebte das Drohende ihrer Erscheinung, die formalisierte Aggression, wie er es bei sich nannte. Das gewaltsame Potential war ganz in Ästhetik verwandelt. Es war nur noch ein Bild, das die allgemeinen auf Selbstzerstörung gerichteten Sehnsüchte auf sich zog wie ein Brennpunkt und dann in sich aufhob. Die Zentauren bedrohten in Wirklichkeit niemand, es sei denn sich selbst. In der Dämmerung wurden sie seltener, mit der einbrechenden Nacht verschwanden sie ganz. Augustin ging dann beruhigt schlafen.

Er schlief endlich auch in Pfullendorf wieder ein. Am anderen Morgen erwachte er zur gewohnten Zeit. Nebenan war es still. Er frühstückte allein und fragte sich, ob er die Akteure des nächtlichen Hörspiels noch sehen würde. Absichtlich zog er die Mahlzeit in die Länge, blätterte in der bereitliegenden Lokalzeitung und schwatzte beim Zahlen noch ein wenig mit der Wirtin. Kein anderer Gast zeigte sich. Er war schon beinahe mit Packen fertig, als er erste dumpfe Geräusche wie ein verschlafenes Gähnen oder das Stöhnen der Matratze beim Aufsitzen des Schläfers von nebenan vernahm. Die Zimmertür wurde leise geöffnet und wieder geschlossen. Schritte auf dem Flur. Einer von ihnen wird zur Toilette gegangen sein. Augustin warf den Rucksack über, und als er die Spülung rauschen hörte, machte er sich zum Abmarsch bereit. Sie begegneten einander da, wo der Flur sich verbreiterte. Es muss der Magenkranke sein, war Augustins erster Gedanke. Und der zweite: noch jung und schon verbraucht. Er beeilte sich, den Schlüssel abzugeben und fortzukommen. Auf der Straße stellte er fest, dass es heute kühl und trocken war. Seine nächtliche Erregung wich einer missgelaunten Nüchternheit. Dafür zwei Stunden Schlaf versäumt zu haben!

Er verließ die Stadt auf dem kürzesten Weg und schlug die Richtung nach Meßkirch ein. Auf einem langen, geraden Waldweg sah er schon von weitem ein parkendes Auto. Es nahm fast den gesamten Querschnitt ein. Ich werde darum herumgehen müssen, schimpfte Augustin still vor sich hin. Hätte er es nicht weniger störend abstellen können, der Waldarbeiter, dem es gehören wird. Näher gekommen erkannte er jedoch auf dem Beifahrersitz einen männlichen Rückenakt, sichtbar durch die Windschutzscheibe von den Schulterblättern bis zu den behaarten Backen hinab. Vor ihm, undeutlich da unten auf der zurückgeklappten Lehne: die Partnerin in diesem Stummfilm – oder der Partner. Eine bocksfüßige Gegend. Augustin spürte die Versuchung, ins Innere des Wagens hineinzusehen, und widerstand ihr.

Im nächsten Dorf verfolgten ihn zwei spielende junge Hunde, und als er nicht mitspielen wollte, versuchten sie, ihn anzufallen. Er hielt sie sich mit Drohgebärden vom Leib und flüchtete schließlich in die nahe Kirche. Augustin lachte, er lachte am heiligen Ort.




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