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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Die Generalprobe
Eingestellt am 05. 12. 2014 15:40


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Maribu
???
Registriert: Jun 2012

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Die Generalprobe

Als er sich vor vier Wochen bei der Agentur angemeldet hatte, konnte er nicht ahnen, dass damit eine schicksalhafte Entscheidung getroffen worden war.
Der Vermittler hatte gesagt: "Sie haben starke Konkurrenz. ├ťber f├╝nfzig Personen haben sich bereits angemeldet. - Aber keine Angst, ich ersehe aus Ihren Unterlagen, dass Sie letztes Jahr schon in vier Familien ein erfolgreicher Weihnachtsmann waren.
Sie bekommen deshalb einen vorderen Platz auf der Liste, so dass Sie auf jeden Fall eingesetzt werden." Gleichzeitig hatte er ihm ein Blatt in die Hand gedr├╝ckt und hinzugef├╝gt: "Da sollten Sie auch mitmachen. Sie scheinen ja in guter Verfassung zu sein. - Ihr Einverst├Ąndnis voraussetzend, notiere ich Sie auch f├╝r diese Aktion und leite die Anmeldung weiter."
Dankbar hatte er zugestimmt und erst beim Lesen gemerkt, worum es sich handelte.

'WELTREKORDVERSUCH UNTER DEM MOTTO "LAUF, SANTA, LAUF"

Die Boulevard-Zeitung startet diese Aktion zu Gunsten von
'BROT F├ťR DIE WELT'
Die Startgeb├╝hr betr├Ągt 18 Euro, davon gehen 10 Euro als Spende an die Organisation. Versammeln sich vor dem Start mehr als 13.000 M├Ąnner, Frauen und Kinder im Weihnachtsmannkost├╝m, winkt Hamburg der Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde. Am 13. Dezember um 12.30 Uhr f├Ąllt der Startschuss f├╝r den Lauf um die Binnenalster, um 11.20 Uhr beginnen die 100-Meter-Vorl├Ąufe f├╝r den Titel "SCHNELLSTER WEIHNACHTSMANN DER WELT"
Der zweit-und drittschnellste wird eine Reise nach D├Ąnemark oder Schweden gewinnen. Der Sieger bekommt als Preis den Hauptgewinn, eine Kreuzfahrt mit der 'Queen Mary'.

Er besa├č noch einen gut erhaltenen Trainingsanzug und Jogging-Schuhe. Aber seit ungef├Ąhr 15 Jahren hatte er sportlich nichts mehr unternommen. Da es f├╝r einen guten Zweck war und er bei dieser Gelegenheit seinen inneren Schweinehund ├╝berwinden konnte, wieder etwas f├╝r die Gesundheit zu tun, bedauerte er sein Einverst├Ąndnis nicht.
Montags, Mittwochs und Freitags lief er nach B├╝roschluss um die Au├čenalster. Zus├Ątzlich am Sonntag Vormittag im Alstertal.
Hier hatte er sich mithilfe seines Fahrradtachometers eine zehn Kilometer lange Strecke abgesteckt.
Er war vern├╝nftig und vorsichtig genug, und hatte es langsam angehen lassen. Lief anfangs ungef├Ąhr einen Kilometer, ging dann 500 Meter, fing erneut zu laufen an und so weiter im Wechsel. Dieses Intervalltraining baute ihn sehr gut auf und bereits nach zwei Wochen war er in der Lage, die zehn Kilometer durchzulaufen. Seine Anfangszeit: 76 Minuten. Nach drei Wochen hatte er die Strecke zwischen 55 und 60 Minuten geschafft. Zwischendurch startete er auch f├╝r die 100 Meter, die f├╝r ihn den Vorrang hatten. Wenn er am Ziel war, hatte er alles gegeben und lobte sich selbstironisch: 'Schneller kann nur ein Windhund sein!'
Er hatte nicht nur sechs Kilo abgenommen, sondern auch das Gef├╝hl, im Kopf frischer zu sein. Er konnte besser denken, sich besser konzentrieren. Er wirkte gelassener und selbstbewusster. Seinen Haarschnitt hatte er auch ver├Ąndert. Seine langen Locken waren beim Friseur geblieben, und der modische Kurzschnitt war nicht nur pflegeleichter, sondern veranlasste unmittelbare Kolleginnen und Kollegen hinter seinem R├╝cken zum L├Ąstern. "Der hat eine neue Freundin!"
"Man ist der d├╝nn geworden!" - "Ja, ein guter Hahn wird selten fett!" Er konnte nur dar├╝ber l├Ącheln und hat gedacht:
'Ihr solltet diese Strecke mal laufen!'

Frau Berner, eine Kollegin aus einer anderen Abteilung, war die Ver├Ąnderung auch aufgefallen. Sie kam ein oder zweimal in der Woche zu ihm an die Kasse, um sich die Spesen f├╝r die Bewirtung von Gesch├Ąftsfreunden erstatten zu lassen.
Er fand sie sehr nett und sympathisch. Aber sie ging sofort nach Erhalt des Geldes aus seinem Zimmer, als st├╝nde sie unter Zeitdruck. So hatte er sich nie getraut, ein Gespr├Ąch anzufangen.
Nachdem er sein dreiw├Âchiges Training eisern durchgehalten hatte, hatte sie eines Tages gesagt: "Sie sehen so ver├Ąndert aus, Herr Dose. Ihre neue Frisur habe ich schon l├Ąnger bemerkt. Aber Sie haben abgenommen, dass macht Sie j├╝nger! Sie betreiben jetzt bestimmt viel Sport.", Und dann lachend: "Nach einer 'M├Ąnnerdi├Ąt' kann man nicht so dynamisch aussehen!"
Er hatte gesp├╝rt, wie ihm die R├Âte ins Gesicht gestiegen war und ihr das zu erstattende Geld ├╝bereifrig vorgez├Ąhlt.
Seitdem waren sie ins Gespr├Ąch gekommen. Von Kollegen hatte er erfahren, dass sie Alleinerziehend ist. Ihre Zwillinge, M├Ądchen, waren letztes Jahr eingeschult worden. Sicherlich wusste sie auch ├╝ber ihn Bescheid: Ein Mann von 42 Jahren, Junggeselle oder Single, wie man jetzt sagt, der, wie alle anderen stolz behauptet, allein, aber nicht einsam zu sein. Er h├Ątte sie gerne mal zum Essen eingeladen, aber ihm fehlte der Mut.

Am zweiten Adventssonntag fand seine Generalprobe statt. Er musste jetzt unter realen Bedingungen laufen. Die rote Kutte zog er ├╝ber die Trainingsjacke, band sich den Bart um und setzte die Zipfelm├╝tze auf.
Die ersten zwei, drei Kilometer waren kein Problem. Dann und wann kamen ihm l├Ąchelnd Spazierg├Ąnger entgegen. Einige riefen: "Hallo, Weihnachtsmann!" Oder: "Nicht so schnell, der 24. Dezember ist doch erst in siebzehn Tagen!"
Er winkte ihnen l├Ąchelnd zu. Noch war er ganz locker!
Was er in diesem Jahr wohl f├╝r Auftr├Ąge bekommen w├╝rde? Letztes Jahr hatte er zwei Ehepaare mit Kindern besucht. Der dritte Kunde, Gro├čeltern mit einem zehnj├Ąhrigen Enkel, der noch "an ihn" glaubte. Es hatte ihm Freude bereitet, die Kinder, wenn auch mit fremden Geschenken, zu begl├╝cken und zu begeistern. Allein schon die unterschiedlichsten Reaktionen wahrzunehmen! Einige waren ├Ąngstlich und bekamen kein Wort heraus. Andere wollten gleich zwei Gedichte hintereinander aufsagen, wohl in dem Glauben, dass es dann mehr Geschenke g├Ąbe. Ein M├Ądchen von vier Jahren wollte unbedingt auf seinem Scho├č sitzen. Obwohl die Eltern das erlaubt h├Ątten, hatte er das aber abgelehnt.
Der vierte Auftraggeber wohnte in Poppenb├╝ttel, in der N├Ąhe seiner Wohnung. Deshalb hatte er ihn als letzten besucht. Ein Mann im Rentenalter hatte ihm die T├╝r ge├Âffnet und ein kleines P├Ąckchen in seinen Sack geworfen. "Wo sind denn die Geschenke f├╝r die Enkelkinder?" hatte er ihn gefragt.
"Die sind zu weit weg", hatte er geantwortet. "Kommen Sie bitte mit ins Speisezimmer und ├╝berreichen Sie meiner Frau das Geschenk." Seine Frau hatte vor dem gedeckten Tisch gesessen und w├Ąre vor ├ťberraschung fast vom Stuhl gefallen.
"Ist das aber eine ausgefallene Idee von dir!", hatte sie freudestrahlend zu ihrem Mann gerufen. "Wie lange haben wir den Weihnachtsmann nicht mehr im Haus gehabt!"
Danach hatte sie ihn gefragt, ob er Karpfen m├Âge und zum Essen eingeladen.
Im Laufe des Abends hatte er erfahren, dass seine Kinder mit den Enkeln in Australien lebten. Das in einer roten T├╝te mit der Aufschrift 'Juwelier Christ' versteckte Schmuckk├Ąstchen hatte seine Frau scheinbar uninteressiert beiseite gelegt und w├Ąhrend seiner Anwesenheit nicht ge├Âffnet. Immer wieder hatte sie zu ihrem Mann gesagt: "Albert, war das aber eine sch├Âne ├ťberraschung mit dem Weihnachtsmann!"

Er lag gut in der Zeit, hatte ungef├Ąhr die H├Ąlfte hinter sich. Aber die M├╝tze und der Bart waren l├Ąstig und st├Ârten ihn. Er hatte das Gef├╝hl st├Ąrker zu schwitzen als an anderen Tagen ohne dieses Kost├╝m. Er musste an Frau Berner mit ihren Zwillingen denken. Er h├Ątte auch bei ihr den Weihnachtsmann spielen k├Ânnen! Warum hatte er sie nicht danach gefragt?
Nat├╝rlich nur aus Spa├č und ohne Gage. Au├čer den Geschenken f├╝r die M├Ądchen h├Ątte er einen Gutschein f├╝r zwei Personen f├╝r sie aus dem Sack gezaubert: Ein 5-G├Ąnge-Men├╝ in den 'Fliegenden Bauten'! Bei der zweiten Person hatte er nat├╝rlich an sich gedacht in der Hoffnung, dass sie das auch so verstehen w├╝rde.
Er blickte erneut auf die Uhr. Wenn er die Strecke unter 70 Minuten liefe, w├╝rde er Frau Berner morgen gleich fragen; es war ja noch Zeit genug! Wer das schafft, trotz Zipfelm├╝tze, Bart und Kutte, der bekommt keinen Korb!
Die Spr├╝che der Spazierg├Ąnger und anderen Jogger nahm er nicht mehr wahr, konzentrierte sich nur auf die Strecke.
Endorphine wurden jetzt unter dieser Anstrengung vermehrt freigesetzt. Sie wirkten wie Morphin und versetzten ihn in Euphorie. "Lauf, Santa lauf!", feuerte er sich selbst an.
Aber warum in m├Ą├čigen 70 Minuten? Frau Berner w├╝rde ihm bestimmt keine Abfuhr geben, sondern ihn bewundern, wenn er die zehn Kilometer als Weihnachtsmann unter einer Stunde
bew├Ąltigte. Und nicht nur das, er w├╝rde auch die Kondition bekommen, den Hundert-Meter-Lauf zu gewinnen und somit die Fahrt auf der 'Queen Mary'!
Er malte sich aus, mit ihr und den Zwillingen auf dem Sonnendeck zu liegen, ein Erfrischungsgetr├Ąnk in der Hand, in den blauen Himmel und die Wellen zu blicken, auf der Kreuzfahrt in bisher unbekannte L├Ąnder.
Jetzt hatte er die Neun-Kilometer-Marke hinter sich. Wenn er unter 60 Minuten bleiben wollte, m├╝sste der letzte Kilometer in drei Minuten gespurtet werden. Er b├╝ndelte alle Energie, zog das Tempo noch einmal kr├Ąftig an.
Pl├Âtzlich ein stechender Schmerz hinter dem Brustbein, der in den linken Arm ausstrahlte. Engegef├╝hl in der Brust, akute Atemnot. Er riss Bart und M├╝tze herunter, lie├č sie auf den Weg fallen.
Noch zweihundert Meter. Die Uhr zeigte 59 Minuten an.
Jetzt schlug die Euphorie in Todesangst um. Trotzdem dr├Âhnte es in ihm: "Vorw├Ąrts! Vorw├Ąrts!" Noch drei├čig Meter. Es war jetzt mehr ein Taumeln. "Du schaffst es, du schaffst ..."
Da war kein Reflex mehr, sich mit den H├Ąnden abzust├╝tzen.
Er fiel vorn├╝ber auf das Gesicht.

Ein Vater, der mit seinem Kind spazieren ging, hatte die Zipfelm├╝tze und den Bart aufgehoben. Nach ein paar Metern erblickte er hinter einer Biegung zwei Jogger, und zwischen ihnen lag ein Mensch mit einer Weihnachtsmannjacke bekleidet. Der eine h├╝pfte auf der Stelle, um nicht kalt zu werden. Der andere hatte ein Handy in der Hand und sagte: "Ich habe eben 112 angerufen, die sind gleich hier. Gehen Sie bitte mit dem Kind weiter! Der Junge muss das nicht mitbekommen!"
"Das hatte ich sowieso vor!" antwortete der Mann und reichte
ihm Bart und M├╝tze. Er nahm sein Kind auf den Arm und entfernte sich langsam. Der Dreij├Ąhrige blickte ├╝ber die Schulter seines Vaters hinunter zu dem reglos auf dem Bauch liegenden Herrn Dose und sagte traurig: "Weihnachtsmann eingeschlafen."

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valcanale
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Hallo Maribu,
den Idee mit dem Wettbewerb der Weihnachtsm├Ąnner find ich genial! (Und so passend als Metapher f├╝r unsere heutige Zeit!). Meinem Empfinden nach schade, dass es durch die vielen Nebengeschichten wieder etwas verw├Ąssert und dadurch auch im Tempo langatmiger wird. Ich k├Ânnte mir vorstellen, dass die Geschichte noch mehr Wirkung h├Ątte, wenn du dich nur auf das Hauptthema konzentrieren w├╝rdest! Den Rest, wenn er dir sehr wichtig ist, eventuell nur kurz am Rande erw├Ąhnst, sonst nimmt er m├Âglicherweise dem Plot die Spannung.
Liebe Gr├╝├če
Valcanale

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Maribu
???
Registriert: Jun 2012

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Die Generalprobe

Danke, valcanale f├╝r deine Meinung!
Normalerweise muss man seine Geschichte nicht erkl├Ąren; entweder sie wird verstanden oder nicht.
Trotzdem m├Âchte ich dir dazu sagen: Gerade, das was du als Randthema bezeichnest, ist mir wichtig: Die Reflexion auf das Vorjahr als Weihnachtsmann und die Erwartung der neuen Familien.
Au├čerdem ist der Single in seine Arbeitskollegin verliebt und verbindet als sch├╝chterner Mensch seinen Lauferfolg mit Erfolg bei dieser Frau.
Ich wollte keine "Happy-End"! Es kann sich jeder Leser ausmalen wie er m├Âchte: Tod durch Herzinfarkt oder Reanimation durch den Notarzt und ...

Liebe Gr├╝├če, frohe Weihnachten
und viel Schaffenskraft f├╝r 2015!
Maribu

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valcanale
One-Hit-Wonder-Autor
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Hallo Maribu,

ich habe mir die Geschichte - jetzt mit dem neuen Hintergrundwissen - noch einmal durchgelesen.
Die Verkn├╝pfung mit der beginnenden Liebesgeschichte und dem dadurch entstehenden Ehrgeiz des Weihnachtsmannes, die ihn antreibt zu gewinnen, ist sehr plausibel und da hast du recht, auch sehr wichtig! Wahrscheinlich war ich sp├Ąter durch die Beschreibung der Vorjahrserlebnisse abgelenkt, daher kam das f├╝r mich als Leser nicht so richtig raus, das meinte ich mit verw├Ąssert. Auch jetzt ist mir noch nicht ganz klar, was diese Ereignisse (ausser dass er gern wieder als Weihnachtsmann t├Ątig ist) mit dem Geschwindigkeitswettbewerb zu tun haben. Vielleicht sind sie aber als Beschreibung des Protagonisten f├╝r dich wichtig.
Dir auch ein weiterhin erfolgreiches Schreiben im kommenden Jahr und herzliche Weihnachtsgr├╝├če
Valcanale

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