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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Die Geschichte einer langsamen Heilung einer Männerseele
Eingestellt am 29. 08. 2011 11:41


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Winfried Stanzick
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Rezension von:

Werner Köhler, Drei Tage im Paradies, Kiepenheuer & Witsch 2011, ISBN 978-3-462-04301-3

Er heißt Faber, Trinidad Faber, doch sein Autor lässt ihn jede Ähnlichkeit mit Max Frischs berühmter Romanfigur sofort dementieren. Sein Name stamme daher, dass er als Kind immer einen weichen Faber-Castell Stift hinter dem Ohr trug, eine Gewohnheit, die er fast unverändert bis in seine vierziger Jahre beibehält. Er hat immer einen Faberstift bei sich.

An die fünfzig ist Trinidad Faber, als er in Santigao de Chile einen Brief seines Vaters erhält. Dort ist er hingereist, um seine sterbende Schwester zum letzen Mal zu sehen. Der Vater ist ein Grieche, den Faber seit vierzig Jahren für tot hält. So hat es ihm seine Mutter jedenfalls immer erzählt. Doch seine Schwester hat ihm auf ihrem Sterbebett die Augen geöffnet. Sie berichtet von jahrelangem sexuellem Missbrauch durch den Vater und ist sich absolut sicher, dass auch Trinidad sein Opfer war. Der träumt immer wieder vom „Mondmann“, der nachts an sein Bett tritt. Ob es der vermutete Missbrauch durch den Vater war, oder die Tatsache, dass der Vater über Nacht verschwand, als sich die Schwester der Mutter offenbarte – Trinidads Seele ist von da an schwer gestört. In einer Kamera, die ihm als Jugendlicher geschenkt wird, findet er Trost und sie bleibt ihm bis in die Jetztzeit des Romans ein unverzichtbares Gerät, mit dem er zwischen einer als unerträglich empfundenen Realität und sich selbst eine lebensrettende Barriere schiebt.

Trinidad Faber wird als Fotograf immer erfolgreicher, und er selbst übernimmt immer mehr riskante Aufträge, die ihn an die Kriegsfronten dieser Welt führen. Er erlebt Schreckliches, fotografiert es und verdient mit diesen Bildern Unmengen an Geld. Mit fortschreitender Handlung gelingt es Werner Köhler meisterhaft, im Leser langsam aber stetig einen Zusammenhang herzustellen zwischen der Vergangenheit Fabers und seinen Kriegsfotografien, die er fast manisch macht. Doch ein auch für ihn traumatisches Erlebnis zwingt ihn zur Aufgabe dieses Jobs, und er verdingt sich als Werbefotograf. Auch in diesem Metier bleibt er gefragt, und man zahlt ihm jede gewünschte Summe. Die Kamera bleibt sein Schutzschild, die ihm eine Wirklichkeit zurückhält, für die er nicht kräftig genug ist. Eine Psychotherapeutin, bei der Faber in New York über viele Monate in Behandlung ist, kann ihm etwas weiterhelfen. Seiner Assistentin Sandra erzählt er davon nichts: Sie vermutet eine Affäre, was ihr insofern nicht egal ist, da sie, die von Deutschland aus Fabers Aufträge, Reisen und seine Buchhaltung managt, diesen Faber liebt und auf eine dauerhafte Beziehung mit ihm hofft, nachdem er einmal mit wenig innerer Beteiligung mit ihr geschlafen hat.

Sandra weiß von dem Brief des Vaters und sie wird voller Liebe am Ende des Buches da sein, wenn Faber nach dem schwersten Kampf seines Lebens endlich bereit ist für das Leben und eine echte Liebe.
Zuvor aber sucht er auf einer abenteuerlichen Reise nach Feuerland, Abschied zu nehmen von seiner Schwester. Dort in der Einöde reift auch die Entscheidung, nach Griechenland zu fliegen, um auf einer kleinen, der Insel Hydra vorgelagerten Felseninsel seinem Vater zu begegnen. Bis nach Ostern sei er dort anzutreffen, hatte der in dem Brief geschrieben. Die New Yorker Therapeutin, mit der Faber immer wieder in telefonischem Therapiekontakt steht, rät ihm dringend zu dieser Reise. Wenn er bereit sei, dort alle Gefühle dem Vater gegenüber zuzulassen, werde es sein Leben retten. Drei Tage bleibt Faber im Paradies, wie der Vater auf einem Schild seine selbst errichteten Gebäude auf der kleine Insel nennt. Drei Tage, die für ihn zur Hölle werden.

Natürlich läuft alles auf diesen dramatischen Schlussteil, zu, doch auch die ersten 150 Seiten sind spannend zu lesen, Es ist die bewegende Geschichte eines Mannes, dessen selbst erlittenes Leid ihn von dem Leid anderer nicht loskommen lässt, allerdings immer unter dem Schutz seiner Kamera: „Wenn ihn etwas ängstigte, nahm er die Kamera hoch und betätigte den Auslöser, brachte einfach das Stück Metall zwischen sich und die anderen.“ Und die Geschichte einer missbräuchlichen Vater-Sohn–Beziehung, die der Sohn so bewältigen kann, dass zum ersten Mal in seinem Leben so etwas wie Heilung, Ruhe und auch Liebe einkehrt.




Version vom 29. 08. 2011 11:41

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jon
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Gut als Lesetipp – griffig und verständlich. Für eine Rezension fehlt allerdings eine "Verarbeitung", "Wertung" und/oder Einordnung oder so. Was ist daran "große Literatur"?


Dieser Satz irritiert:

quote:
Ob es der vermutete Missbrauch durch den Vater war, oder die Tatsache, dass der Vater über Nacht verschwand, als sich die Schwester der Mutter offenbarte – Trinidads kindliche und auch jugendliche Seele ist schwer gestört.

Einerseits ist der Rückblick (richtigerweise) im Präteritum geschrieben, dann steht die "kindliche Seele" aber mit dem Präsens im Roman-Jetzt (als der Held doch um die 50 ist). Die Ankopplung "in der Kamera findet" müsste man dann natürlich auch anpassen.



quote:
und er selbst übernimmt immer mehr riskante AufträgeKOMMA die ihn an die Kriegsfronten dieser Welt führen.

quote:
Reise nach FeuerlandKOMMA Abschied zu nehmen


quote:
Dort in der Einöde reift auch die EntscheidungKOMMA nach Griechenland zu fliegen


quote:
Vater- Sohn –Beziehung
Vater-Sohn-Beziehung
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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