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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Geschichte hat keinen Titel...
Eingestellt am 03. 08. 1999 00:00


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ziner
Festzeitungsschreiber
Registriert: Mar 2003

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Er sagte einfach nur “Ich will!“. Der Regen drang durch seinen Mantel. Und wieder sagte er, “Ich will.“. Der Wind pfiff, trieb ihm den Regen ins Gesicht. Glühende Nadeln auf der Haut. “Ich will!“ hatte er auch zu ihr gesagt und sie hatte gelacht. Damals schien die Sonne und sie lagen im Gras. Die Schwalben flogen tief, und sie lachte. Über ihn. Die Vögel sangen, oder lachten sie auch. Sie lagen im Gras, die Sonne schien, ein Grashüpfer saß auf seiner Hand und die ganze Welt lachte. Nun stand er hier. Duchnäßt im grauen Licht, dachte er daran, wie es war als er sie traf. Er saß mit aufgerollten Hosenbeinen am Ufer, ließ die Füße ins Wasser hängen und dachte daran, eine Zigarette zu rauchen. Seine Füße machten Kreise auf der glatten Oberfläche des warmen Wassers, das leise an die Uferbefestigung gluckste. Als sie hinter ihm stand – sie sah bezaubernd aus in ihrem kurzen Baumwollkleid – zitterte ihr Spiegelbild im Wasser. Er sah auf und sah ihre Augen. Rehe haben solche Augen, wenn sie auf der Straße stehen, geblendet von dem Auto, das sie überfahren wird. Sie sagte “Hallo“, sagte es einfach und setzte sich neben ihn. Die Sonne brannte heiß auf seinem Rücken. Er dachte, daß er doch besser das weiße Hemd angezogen hätte. Als ihre Füße sich berührten, dachte er, was seine Mutter jetzt wohl sagen würde, weil er doch das blaue Hemd angezogen hatte. Ob sie ihn jetzt wohl sähe. Ob sie seine Gedanken spürte. Als ihre Hände sich berührten, sagte er: “Ich heiße Jaques.“ Er sah dabei zum anderen Ufer, wo dicke, schwitzende Männer in eine Lastwagen stiegen und Rinderhälften ausluden. Ihre schweren schwarzen Gummistiefel hinterließen blutige Spuren auf dem Pflaster. Als sie seine Hand nahm und ihn in ein Café führte, dachte er wie kurz doch so ein Sommer sei und wie schnell die Blumen stürben. Als sie ihr Eis aßen sagte sie: “Ich heiße Evelyn.“ Er sah sie an. Lächelte und dachte daran wie seine Mutter gestorben war. Alleine und unendlich leise hatte sie sich davon gemacht. Das Tablettenröhrchen fand er erst sehr viel später. Und er dachte daran, wie er als Junge im blauen Matrosenanzug mit seinem Vater gespielt hatte. “Vermißt“ hatte es geißen, das schont die Hinterbliebenen und die Gefallenenquoten. Als sie nebenienander im Gras lagen und sie sich auszog, dachte er an Gott und ob der auch einen Vornamen hatte; und ein Bett zum sterben. Er würde es herausfinden wenn die Zeit gekommen war. Als sie miteinander schliefen, dachte er daran wie er eingeschult wurde. Dachte an die obligatorische wunderschöne, leere Schultüte, an das Heimweh im grauen Klassenzimmer. Dachte an die grauen Lehrertanten mit dem Dutt im grauen Haar, in einer grauen Stadt, an deren Namen er sich nicht mehr erinnern konnte. Als sie nebeneinander im Gras lagen sagte er “Ich will!“. Sie lachte. Die Schwalben flogen tief und sie lachte. Über ihn. Die Vögel sangen, oder lachten sie auch? Sie lagen im Gras, die Sonne schien, ein Grashüpfer saß auf seiner Hand und die ganze Welt lachte. Als er ihren warmen, weichen Hals in Händen hielt, sah er ihre Augen. Rehe haben solche Augen wenn sie auf der Straße stehen, geblendet von dem Auto, das sie überfahren wird. Hier stand er auf der Brücke. Der Regen löste ihn auf. Und er dachte daran, wie es war in jenem Sommer. Als er begann zu fallen, fing er an zu weinen.

(Übernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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