Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5439
Themen:   92269
Momentan online:
298 Gäste und 13 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Die Geschichte meines Lebens
Eingestellt am 03. 10. 2005 10:46


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Literaturhaus Eningen
Hobbydichter
Registriert: Sep 2005

Werke: 2
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Literaturhaus Eningen eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Ich kann mich nicht mehr an meine Kindergartenzeit erinnern.
Nicht einmal mehr an den Namen meiner Erzieherin, die mich diese drei Jahre lang bis zu meiner Einschulung begleitet hat.
War sie eine Frau von gro├čer und schlanker Statur?
Oder wie meine Mutter, klein und dicklich?
Band sie ihr langes, seidiges Haar jeden Morgen nur schnell zu einem Pferdeschwanz zusammen oder flocht sie es liebevoll zu einem Zopf?
Dass sie es offen trug, kann ich mir nicht vorstellen.
Langes offen getragenes Haar zieht kleine wilde Kinderh├Ąnde magisch an.
Eine schmerzhafte Erfahrung, die man dann doch nicht jeden Tag aufs Neue machen m├Âchte.
Vielleicht aber trug sie ihr Haar auch ganz kurz, so eine Art Bubikopf?
Einen Wuschelkopf, der nie Lockenwickler gesehen hat?
Die Haarfarbe?
Ich kann mich an nichts mehr erinnern!

Wie mag mein Kindergartengeb├Ąude wohl ausgesehen haben?
Wenn ich heute an einem Kindergarten vorbeikomme, dann wei├č ich sofort, hier h├Ątte ich mich als Kind wohl gef├╝llt.
Gro├če Fenster von Kinderhand voll gemalt mit bunten Blumen, lachenden Menschen, einem endlosen blauen Himmel und einer Sonne, deren Lachen sofort jeden Kummer vergessen l├Ąsst.

Wie Blumen in einem gro├čen Garten, so sollen sich Kinder frei entwickeln, war sie f├╝r mich die gro├če Wiese und ich ihre einzigartige Wiesenblume? Ich habe nie eine Antwort darauf gefunden.
Gab es in meinem Kindergarten einen gro├čen Au├čenbereich mit einem riesigen Sandkasten, wo ich mir an hei├čen Sommertagen, unter Schatten spendenden Laubb├Ąumen meine eigene heile Welt auf Zeit erschuf?
Vielleicht war es ja f├╝r mich auch das Sch├Ânste und Gr├Â├čte an solchen br├╝tend hei├čen Tagen, denn einen richtigen Sommer, das wei├č ich noch wie heute hatten wir jedes Jahr, stundenlang an der Wasserpumpe zu verweilen und mit dem nassem Sand
Wasserstra├čen zu bauen, die dann von meinen Papierschiffen befahren wurden.
Oder bin ich bis zur totalen Ersch├Âpfung unerm├╝dlich die Rutsche rauf und runter, solange bis die Hose durchgewetzt war?
Haben meine F├╝├če beim Schaukeln die Wolken ber├╝hrt?
So furchtlos und wild war ich, und meiner Kinderg├Ąrtnerin kam aus dem Schwitzen gar nicht mehr heraus, nicht nur der Hitze wegen.
Ich wei├č es beim besten Willen nicht mehr!

Das, an was ich mich bis heute nur all zu gut erinnere, seid ihr, meine eigenen Eltern.
Eigentlich auch selbstverst├Ąndlich sollte man meinen, allerdings, habe ich mir bis heute noch jeden Tag gew├╝nscht ihr w├╝rdet zu meiner Kindergartenzeit und umgekehrt - leider vergeblich.
ÔÇ×RosaschwarzÔÇť habe ich euch solange ich zur├╝ckdenken kann genannt.
ÔÇ×RosaschwarzÔÇť bestimmt schon viel zu lange mein Leben.
Zartrosa ist meine Babyhaut, bis ÔÇ×RosaschwarzÔÇť sie mit blauen Flecken und dunklen, geschwollenen Striemen verziert hat.
In einer rosafarbenen Badewanne wollte ich z├Ąrtlich ber├╝hrt gebadet werden.
Mein rosafarbenes Gl├╝cksschwein aus Marzipan hat ÔÇ×RosaschwarzÔÇť einfach aufgefressen.
Eure ma├člose und mit Worten nicht mehr zubeschreibende Gewaltt├Ątigkeit gegen mich, die mich noch heute Tag und Nacht verfolgt.
Die Narben ├╝berall an meinem K├Ârper sind nicht einmal das Schlimmste daran.
Es ist dieser langsame und nicht aufzuhaltende seelische Tod, dem man aber auch gar nichts entgegenzusetzen wei├č, und den man selbst irgendwie nie wahrhaben wollte und weiterhin nicht wahrhaben will.
Bis zum heutigen Tag habe ich die Botschaft dessen, was mich ausmacht, nicht verstanden.
Dass dieser Verlust von Erinnerungen nur zu meinem Besten ist, so eine Art Selbstschutz vor noch mehr Pein.
Das, was mich ausmacht, hat meine Vergangenheit ohne meine Zustimmung zur Verschlusssache mit h├Âchster Priorit├Ąt erkl├Ąrt.
Nur sehr selten gelingt es mir, diese ohne mein Wissen und Zutun von mir selbst entwickelten und ineinander greifenden Schutzmechanismen, auszuhebeln, und jetzt m├╝sste ich mir eigentlich nur nehmen, was sowieso mir allein geh├Ârt, wenn ich da nicht wieder diese Kleinigkeit ├╝bersehen h├Ątte:Angst!
Die simple Angst vor dem, was dann wohl zwangsl├Ąufig folgen w├╝rde, denn die Wenigsten ertragen erwiesenerma├čen die Wahrheit,
ich schon gar nicht!
Als kleiner Junge wollte ich immer Tierforscher werden und die Welt bereisen.
Und so machte ich mich, selbst wenn es Hunde und Katzen regnete, auf den langen Fu├čmarsch zum etwa 3 km weit entfernten Wald wo gut verborgen ein sehr kleiner Weiher alles ist, was nach der Verlandung des Sees ├╝brig blieb.
Hier konnte ich in einer nie gekannten Stille und ganz in meine Forschungsarbeiten versunken, alles Nicht ÔÇô Entdeckte und bereits Entdeckte, auf meine ganz eigene Weise neu entdecken.
Schon der Gedanke daran Menschen in aller Welt durch das Fernsehen oder das Lesen meiner Fachb├╝cher und viel beachteten Artikel in Fachzeitschriften unsere faszinierende und sch├╝tzenswerte Natur in all seiner Komplexit├Ąt und manchmal auch geradezu naiven Einfachheit nahe zubringen, hielt mich so in Bann, dass ich ÔÇ×RosaschwarzÔÇť oft f├╝r Stunden verga├č.
├ťberall kreuchte und fleuchte es.
Libellen, deren atemberaubende Flugk├╝nste eine besonders gro├če Anforderung an meinen Gleichgewichtssinn stellten, wenn ich ihren rasendschnellen Zickzack ÔÇô Fl├╝gen wieder einmal auf den ├ťberresten des verrottenden Baumes, dessen Wurzeln wahrscheinlich dem letzten gro├čen Unwetter vor einigen Jahren nicht standhielten und der jetzt weit ins Wasser hineinragt, zu folgen versuchte.
Im sp├Ąten Fr├╝hjahr war ich auf der Suche nach den Gelegen des Gemeinen Laubfrosches, dessen Bestand bei uns leider r├╝ckl├Ąufig ist.
Mein Forscherdrang und die daraus resultierende akribische Suche wurde dann auch meistens belohnt, im Fall des Gemeinen Laubfrosches mit einem frischen Gelege bestehend aus ca. 100 Eiern, aus denen in wenigen Tagen die Kaulquappen schl├╝pfen.
Der Schwur, den ich feierlich auf dem verrottenden Baum, der weit in den Weiher hineinragt, abgelegt hatte, verbat es mir dem Gelege auch nur ein einziges Ei, nicht einmal f├╝r Forschungszwecke und Nachzucht, zu entnehmen.
Vielleicht etwas weniger sch├Ân anzusehen, aber mindestens genauso wert von mir beobachtet und erforscht zu werden, war die Erdkr├Âte.
Die F├Ąrbung ihrer mit Warzen ├╝bers├Ąten Oberseite reichte von Graut├Ânen ├╝ber Gelbt├Âne bis hin zu Braunt├Ânen.
Die Inaugenscheinnahme ihrer Unterseite verschob ich anfangs immer wieder, war mir aber bewusst, dass, wer ein richtiger Tierforscher sein wollte, allen Tieren den gleichen Stellenwert beimessen musste.
Kurzum.
Ihre Unterseite war viel weniger spektakul├Ąr, als ihre Oberseite:
Ein ich w├╝rde mal sagen verschmutztes Wei├č und eine dann von mir sehr oft beobachtete dunkelfarbene Marmorierung.

Ein Tier aber habe ich selbst nach vielen Jahren intensivster Suche nie zu Gesicht bekommen: Die ungiftige Ringelnatter.
Es gab jedoch f├╝r ein waches Auge und eine empfindsame Wahrnehmung, so viel unglaublich aufregende Dinge an diesem Stillgew├Ąsser zu sehen, dass ich nicht lange Zeit hatte, der Ringelnatter, die ja vielleicht hier gar nicht vorkam, nachzutrauern.
Wie gesagt, Tierforscher wollte ich einmal werden.
W├Ąre da nicht eure Gleichg├╝ltigkeit gewesen, die jedem nur halbwegs f├╝hlenden und wahrnehmenden Menschen die Zornesr├Âte ins Gesicht treiben musste und die meinen Kindheitstraum wie eine Seifenblase zerplatzen lie├č.
Und zu all meinem Leidwesen ist es dann auch bei der kurz andauernden Gesichtsverf├Ąrbung geblieben ÔÇŽ sich nicht einmischen ist auch viel bequemer und so schlimm wird das alles ja schon nicht sein, wir haben das schlie├člich auch ├╝berlebt.
Noch nachtr├Ąglich meinen Dank an euch Nachbarn und zuf├Ąllig vorbeigekommenen Mitmenschen.


W├Ąre es bei den verlorenen Erinnerungen an meine Kindergartenzeit geblieben, ich h├Ątte alledem mit Sicherheit keine allzu gro├če Bedeutung beigemessen.
Ist nun mal schon sehr, sehr lange her.
Und sollte ich irgendwann eigene Kinder haben, bin ich mit Sicherheit nicht der einzigste Vater, der seinen Kindern abends beim Schlafengehen so gar nichts von diesen drei bedeutungsvollen Jahren zu erz├Ąhlen wei├č.
Aber ich habe fast alles verloren!
Nur ÔÇ×RosaschwarzÔÇť werde ich nicht mehr los. Wie es aussieht, mein ganzes restliches beschissenes Leben lang.
Ich wei├č selbst, dass es f├╝r meine Biografie viel zu fr├╝h ist.
Mit zwanzig Jahren liegt noch so viel Lebenszeit vor mir.
Ich bin weder aufgrund einer schweren Krankheit dem Tode geweiht, noch habe ich vor Hand an mich selbst zu legen.
Es gibt also ├╝berhaupt keinen Grund f├╝r mich, das bis dahin gelebte Leben noch einmal Revue passieren zu lassen, um es dann f├╝r wen auch immer niederzuschreiben.
Nicht f├╝r irgendjemanden. F├╝r mich ganz allein. F├╝r meinen Frieden mit Gott und der Welt. F├╝r meinen Seelenfrieden.
Eine kaum vorstellbare und zu ertragende Trag├Âdie, w├╝rde ich das Geschehene ohne hinterfragen einfach als einmal geschehen hinnehmen.
Die Bl├Ątter der sommergr├╝nen B├Ąume werden schon sehr bald in wundersch├Ânen Herbstfarben leuchten.
Die Tagesl├Ąngen werden dann gegen├╝ber den Nachtl├Ąngen wieder abnehmen und die meisten von uns nicht z├Âgern ihr allj├Ąhrlich wiederkehrendes Klagelied anzustimmen, um sich am Ende wieder jeder auf seine Weise ├╝ber die sonnenarme Zeit hinwegzutr├Âsten.
Ich dagegen werde mich wie jedes Jahr wieder auf einen monatelang andauernden Kampf, nicht gegen die kommenden Naturgewalten, sondern gegen mich selbst, vorbereiten.
Der immer wiederkehrende von Angst erf├╝llte Gedanke nimmt Gestalt an: Das nat├╝rliche Licht durch K├╝nstliches ersetzen, zu m├╝ssen.
Die von der Sonne tags├╝ber abgestrahlte Energie wird nicht mehr ausreichen das Mauerwerk meiner kleinen Dachgeschosswohnung mit W├Ąrme zu speisen, und ich werde mich, ob ich will oder nicht damit abfinden m├╝ssen, dass ich, sollte ich abends beim Fernsehen nicht frieren wollen, um die w├Ąrmende Decke, die nur noch meinen Kopf freigibt, nicht umher komme oder besser gleich die Heizung einschalten.
Die Weinbauern aus meiner Nachbarschaft w├╝rden meine Gedankenflut sicherlich nur mit einem unmissverst├Ąndlichen Vogelzeigen und Kopfsch├╝tteln quittieren, Grund und Zeit jetzt in Lethargie zu verfallen haben sie einfach nicht und somit auch kein Verst├Ąndnis f├╝r jemanden wie mich.
Sie blieben immer Optimisten, selbst, wenn wieder einmal alles gegen einen guten Jahrgang sprach, und so sind sie wie k├Ânnte es anders sein, auch in diesem Jahr felsenfest davon ├╝berzeugt, dass es vor der anstrengenden Weinlese in den steil abfallenden Weinbergen noch die eine oder andere sonnige Woche geben wird, um den Zuckergehalt der Weintrauben noch einmal entscheidend ansteigen zu lassen.


Beide Handfl├Ąchen aufeinander gelegt, nur die Fingerkuppen beider H├Ąnde klopfen fordernd vor meinem Gesicht gegeneinander, versuche ich im abgedunkelten Raum tief in mich hineinzuhorchen.
Komm schon. Nur ein einziger kleiner Hinweis, der dann den Stein ins Rollen bringt.
Vielleicht haben ja die vielen Schl├Ąge in mein Gesicht und gegen meinen Kopf, bei einem der unz├Ąhligen Stra├čenk├Ąmpfe, die ich seit meiner Kindheit immer wieder mit den anderen Stra├čenkids aus der untersten sozialen Schicht austrug, mein Gehirn nachhaltig gesch├Ądigt?
An die Schl├Ągereien kann ich mich, warum auch immer noch sehr gut erinnern.
Wahrscheinlich deshalb, weil ich immer als Sieger aus diesen brutal gef├╝hrten Fights hervorging, was ganz sicher vor allem meinem K├Ąmpferherz zu verdanken war und der F├Ąhigkeit selbst st├Ąrkste Schmerzen, die mir von meinen Gegnern meistens auf hinterh├Ąltige und unfaire Weise zugef├╝gt worden waren, ohne eine Tr├Ąne zu vergie├čen wegzustecken.
Der Schmerz hatte f├╝r nichts mehr, vor dem ich mich f├╝rchtete.
Ganz im Gegenteil: Ich f├╝hlte mich den anderen Stra├čenkids gegen├╝ber ├╝berlegen, die schon beim kleinsten Wehwehchen zu wimmern und jammern begannen, obwohl auch ihr Tagesablauf von lauter Gewalt gegen sie bestimmt wurde.
Vielleicht lag ja mein Vorteil darin, dass ich die F├Ąhigkeit besa├č, den Schmerz, den ich mir selbst zuf├╝gte, zum Beispiel mit tiefen Schnitten in die Arme mit einer messerscharfen Rasierklinge aus dem Nassrasierer meines mir verhassten Vaters, so zu unterdr├╝cken, dass ich nur ganz kurz beim ersten Eindringen dieses silberfarbenen Selbstbestrafungswerkzeugs in meinen K├Ârper, ein leichtes Unbehagen versp├╝rte.
Dann aber ├╝berwog das Gl├╝cksgef├╝hl das der rote Lebenssaft auf meiner mit blauen Flecken und dunklen langen Striemen ├╝bers├Ąten Haut, die vom nur f├╝r Z├╝chtigungszwecke verwandten Lederg├╝rtel mit der gro├čen Metallschnalle herr├╝hrten, hervorrief.
Es gab aber auch Tage oder N├Ąchte, da waren die tiefen Schnittwunden in meinen Armen nicht Selbststrafe genug und meine Selbstvorw├╝rfe forderten einen noch h├Âheren Blutzoll von mir, noch mehr Schmerzen, die meinen Sinnen und Gef├╝hlen alles abverlangten sollten.
Beim ersten Mal habe ich die blutverschmierte Rasierklinge noch vor dem Badspiegel zum Kopf gef├╝hrt.
Die Hand hat gezittert.
Angesetzt.
Dann weggelegt.
Wieder angesetzt.
Dieses Teufelswerkzeug einfach in der Toilette entsorgen, nein, dieser andere gangbare Weg kam f├╝r mich letztendlich nie in Betracht.
Zu stark ist der Drang, der in einem solchen Augenblick tief im Innersten geboren wird.
Ich bin ja auch ein schlechtes Kind.
Gott sieht das genauso, sonst w├╝rde er mir diese k├Ârperliche und seelische Selbstverst├╝mmelung doch ersparen.
Alledem ein Ende setzen, indem er meine Eltern endlich zur H├Âlle fahren l├Ąsst, oder noch besser beim n├Ąchsten Schnitt in meinen Kopf daf├╝r Sorge tr├Ągt, dass ich diesen so ungl├╝cklich gegen mich selbst f├╝hre, dass mein unseliges irdisches Dasein nicht zur lebenslangen Trag├Âdie ausufert.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur├╝ck zu:  Tagebuch - Diary Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!